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Panorama

15. November 2013

Wo Wein gedeiht, da trödelt der Sommer am längsten: die Sonne fängt sich an den Hängen und taut den Rauhreif der Nacht zu Perlen auf den letzten Blüten, während hoch oben Kranichketten ziehen. Fernhin nach des Südens Wärme.

Herbstlichte Eichenwälder lassen die Sonnenstrahlen durch; Hemd und keine Jacke ist genug. Buntes Laub und Nebel und der Rhein unten im Tal — ich schaue und schaue.

So viel zu sehen: Pfützen auf dem Weg, auf deren Grund Blätter modern wie unter klarem Glas; blaue Käfer, unverdrossen Bein vor Bein setzend wie schimmernde Automaten; extravagant frisierte Pilze; Gedenkkreuze für Eheleuth, die schon dreihundert Jahre unter der Erde sind. Und das Ganze, das Große: der Fluß in weitem Bogen, Wolkengebirge, die sich in stürzenden Felshängen fortsetzen, und die Sonne, die im Untergehen Farbe über alles gießt.

Ich weiß nicht, soll ich lachen, soll ich weinen — immerzu beschwere ich mich, daß sich das Ergangene nicht abbilden läßt, und nun kann ich keine Bilder machen. Meine Kamera geht wieder anderer Wege als ich.

So muß ich — darf ich, was ich sehe, hinter den Augen speichern, mich anfüllen mit Bildern. Sattsehen: geht das?

Vermutlich ähnlich wenig wie: sattgehen.

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24 Kommentare leave one →
  1. Tía Paulina permalink
    15. November 2013 19:48

    Man sieht es vor sich, auch ohne Bilder. Ich kenne solche Landschaften.

    • 15. November 2013 20:44

      Ja, das ist die Chance der tausend Worte: da kann sich jeder selbst ein Bild zu machen. Das tröstet.

  2. 15. November 2013 22:06

    Aber Du hast doch Bilder in unseren Köpfen entstehen lassen – Du hast mit Worten gemalt. Und das weißt Du auch! :-)

    • 16. November 2013 9:33

      Danke. .) Leider sind meine Speicherkapazitäten, hm, andere als die meiner Kamera; ich kann keine acht Gigabyte Bilder verlustfrei mit nach Hause nehmen. Als Geschichten geht’s dann wieder.

  3. 16. November 2013 9:10

    Dazu noch ein Gläschen (Wein ), Wasser aus der Gegend, perfekt!

    • 16. November 2013 9:35

      Ha! Beschlossen habe ich meinen Tag in einem gutbürgerlichen Gasthaus mit einem Teller zart gebratener Leber; nur beim Wein mußte ich passen, ich wollte das Lokal ja schließlich wach verlassen …

  4. 16. November 2013 15:21

    Die besten Bilder sind immer im Kopf … besonders, wenn sie so gut mit Worten beschrieben werden.

    • 16. November 2013 22:18

      Das sagen die richtigen. .))
      Wobei sogar aus guten Bildern im Kopf noch mal ganz andere Bilder werden …

  5. 18. November 2013 18:56

    SATTGEHEN: Wasser im Schuh. Absatz im Schlamm. Wichse am Po. Sohle im Gesicht.

    • 18. November 2013 19:28

      Jaha, im Stadtverkehr.
      Draußen gibt’s keine schlechten Wege, nur die falschen Schuhe.

  6. 18. November 2013 22:21

    Je nach Persönlichkeit: sattsehen kaum, übersehen häufig um nicht zu sagen oft.
    Bei mir ist das Sehen eine Passion, kein Wunder auch dies.
    Mit Deinen Rheinblicken regt Du mein Heimweh an…. (nur vier Wochen noch)
    Schöne Grüsse vom Schwarzen Berg

    • 18. November 2013 22:49

      Oh, das ist, naja, schön — es bestätigt mich in der Annahme, daß es hierzulande doch auch ganz hübsch ist. (Der Schwarze Berg hat natürlich noch das Meer. Und die interessanteren Verkehrsverhältnisse …)

      (Kommentar entwirrt. .))

  7. 18. November 2013 22:40

    Ich hebe das Glas und morgen die Leber. Kalbsleber und koscher.

  8. 20. November 2013 11:38

    ich finde es wunderbar, wenn das Gesehene sich in Worte fasst und dadurch die Landschaften im Inneren erblühen- dies ist dir hier wunderbar gelungen und ehrlich … ich vermisse kein Bild!

    ein Meister dieses spazierensehens und -schreibens ist für mich die diesjährige Entdeckung: Hanns Josef Ortheil …

    sattsehen … nein, das habe ich auch noch nie geschafft
    herzlichst Ulli

    • 20. November 2013 11:58

      Nicht zu vergessen die Abschaffel-Trilogie von Wilhelm Genazino !

    • 23. November 2013 11:24

      Ich fange allerdings langsam an, meine Kamera zu vermissen. Es gibt dann doch noch so einiges, was ich gerne als Bild hätte.
      Abschaffel — da schleiche ich auch geraume Weile drum herum. Ist schon auf der Liste.

  9. 23. November 2013 11:04

    Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich es verlernt habe, diese kleinen, aber eigentlich perfekten Momente für mich zu speichern. Oft habe ich eine Knipse dabei, auf der ich ein Bild speichere. Dafür bleibt der wunderbare Eindruck des Momentes nur als Pixelansammlung bestehen, nicht aber im Gedächtnis, welches als „tragbare Festplatte“ immer dabei ist.

    • 23. November 2013 11:30

      Zweischneidig. Wenn ich etwas bildlich eingefangen habe, gehe ich vielleicht auch leichter weiter? Meinem Gedächtnis traue ich nicht besonders; da war so ein Bildermacher schon eine gute Sache. (Außerdem mag ich Bilder.)
      Andererseits hast Du recht — im Gedächtnis werden die Bilder sogar schöner und eindrucksvoller.

    • 24. November 2013 13:38

      Sehe ich genauso. Fotos unterliegen einem chemischen Alterungsprozess, das Gedächtnis wird organisch löchrig. Hat zwar was, macht es aber auch unzuverlässiger.
      Schöne Grüsse vom Schwarzen Berg

    • 24. November 2013 13:50

      Das Bild ist eine gute Hilfe, dem Gedächtnis später auf die Sprünge zu helfen, insofern finde ich, dass beide sich gut ergänzen.

    • 24. November 2013 14:53

      Das hängt jedoch vom Alter des Fotos ab…

    • 24. November 2013 15:04

      Naja. Und vom Alter des Gedächtnisses …

    • 24. November 2013 17:02

      Klar, Foto und Gedächtnis ergänzen sich, ich beobachte aber mit der „Knips mit dem EiDings“-Mentalität, dass man auf diese Weise sein Gedächtnis „outsorced“ und sich viel schwerer an die Momente erinnert, die eben nicht im Gehirn ordentlich abgelegt sind. Stimmt natürlich, dass sowohl Foto und auch Gehirn dem Alterungsprozess unterliegen.

  10. 2. Dezember 2013 1:08

    Sehr schön geschrieben. Das Laub, das am Boden der Pfütze fault, der blaue Käfer. Wirklich sehr, sehr schön!

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