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Selbstbildnis als Landei

3. November 2013

Ich bin ein Landkind. Ob es mir geschadet hat, weiß ich nicht.

Für den Winter ist gesorgt.

Für den Winter ist gesorgt.

Ich habe mitten auf der Straße gespielt, mich mehr oder minder erlaubt in Ställen und Scheunen herumgetrieben, und beim Krippenspiel war ich der Weihnachtsengel. Das stärkste Mädchen aus dem Dorf erpreßte mich damit, daß ich was geklaut hätte, dabei stimmte das gar nicht. Ich grüßte jeden, den ich auf der Straße traf; andernfalls gab’s Schimpfe von daheim. Einmal die Woche trug ich Blättchen aus. Auf dem Friedhof las ich lauter bekannte Namen von den Grabsteinen. Ich wußte, wie eine Ziege von innen aussieht. Die Nachmittage am Bach endeten mit dem Abendläuten.

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Heute lebe ich im Innersten der Stadt, und gern, aber das Dorf lebt meinem Innersten. Und wenn ich eines sehe oder rieche, weiß ich gleich, woran ich bin.

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17 Kommentare leave one →
  1. 3. November 2013 21:05

    Ja, ich auch. Möchte auf Dauer nur noch in der Stadt leben, aber mein Bullerbü – wo sich seit Jahrzehnten nichts verändert hat – vergesse ich nie.

    Leider ist es etwas abgelegen, so dass man es weder „en passant ganz leicht und notfalls auch zu Fuß erreicht“, was mich als Nichtmotorisierte auf Abstand hält: http://anglogermantranslations.wordpress.com/2011/01/19/mein-bullerbu-1/

    Was die echten Landeier betrifft, so gibt es sie wirklich nur da. Über das, was man auf dem Wochenmarkt oder im Laden als Bioei angedreht bekommt, lachen ja die Hühner!

    Und so eine Schildkrötpuppe hatte ich natürlich auch.

    Mein persönliches Fazit: Wer als Kind kein Landei war, hat etwas Großartiges verpasst!

    • 3. November 2013 21:15

      Das sehe ich auch so. Waren das Abenteuer! Wobei natürlich bei einigem gilt: das kann man heute nicht mehr machen. Mit dem Schlitten die Straße runterrodeln, zum Beispiel.

  2. 3. November 2013 22:33

    ich mag beide: stadt und land. als auch-landkind haben mich aber ziegen von innen weniger interessiert als von außen.
    ich habe als erwachsene hauptsächlich ein stadtleben geführt, doch jetzt, im dorf, freut es mich, wenn mich spielende kinder auf der straße grüßen. :-)
    dabei ertappe ich mich beim (städtischen) gedanken, dass die kinder vor zu viel „offenheit“ gewarnt werden müssten.
    was für eine welt!

    schöne bilder und gedanken, liebe lakritze.

    das landleben hat uns gut getan – glaube ich!

    • 3. November 2013 22:52

      Es sind zwei verschiedene Welten, doch. Trotz Internet, trotz Mobilität. Und welche besser ist — die Diskussion wäre müßig. Aber für Kinder, denke ich, ist Land spannender. Ab der Pubertät ist es dann … na. Reden wir nicht davon. .)

  3. 3. November 2013 22:44

    Das Innere von Ziegen habe ich (wie Vorschreiberin Sofasophie) auch lieber anderen überlassen und den Nachmittagen am Bach kam auch oft ein Buch in die Quere, aber trotzdem, wie vertraut es klingt.

    • 3. November 2013 22:53

      Haha, sogar am Bach gehen Bücher –! (Die gehört auch zu den Erinnerungen: die katholische Pfarrbücherei. Einzige Möglichkeit, den Lesehunger zu stillen …)

    • 4. November 2013 0:51

      Stimmt. (Und keine Schulbücherei?)

    • 4. November 2013 8:24

      Erstaunlicherweise nein! Das ist heute anders, aber die ganze Schule ist auch nicht mehr wiederzuerkennen.

    • 4. November 2013 13:45

      Das ist natürlich hart. – Wie meine Grundschule („Volksschule“ hieß die) heute aussieht, weiß ich nicht, sie liegt bei Heimatbesuchen nicht so recht auf dem Weg, auf keinem der Wege. Die Vorstellung, heute dort hinzugehen, ist mir fast etwas unheimlich.

    • 4. November 2013 17:01

      Hingehen? Niemals. Der Webauftritt war genug …

  4. 4. November 2013 9:48

    du sagst es, für Kinder ist das Landleben spannender und ab der Pubertät muss dann anderes her … ich bin ganz am Rand einer Stadt aufgewachsen, der Wald und die Felder waren schwuppsdiwupps erreichbar, dort tummelten wir uns am liebsten, egal, wenn Mutter mal wieder meckerte, dass ich nicht sichtbar war und so lebe ich, bis heute, in einem inneren Spagat zwischen Stadt und Land, lebe aber tatsächlich sehr, sehr ländlich und das behagt mir nun nicht mehr … ZU ruhig!

    deine Puppe sieht aus, wie meine Roswitha, frage mich bitte nicht, wieso sie so hieß – lach

    herzliche Grüße
    Ulli

    • 4. November 2013 11:43

      Haha, ich hatte eine sehr ähnliche Puppe namens Irene. Es gab dann einen tragischen Unfall mit dem Ölofendeckel; danach hatte ich nur noch Stofftiere. Lange her …

  5. wassily permalink
    4. November 2013 13:53

    Landleben – wie fein, was für eine schöne Erinnerung, trotz der wirklich kargen Zeiten. Großgezogen mit Ziegenmilch, zweimal im Jahr Hausschlachtung,wahre Festtage – und das Filet wurde, wie es sich gehört, an den Pfarrer und den Bürgermeister abgetreten. Dorfschule, vier Klassen mit einem Lehrer in einem Zimmer. Plumpsklo daheim, katholische Ordensschwestern als Erzieherinnen im Kindergarten (eine wollte mich immer mit nach Brasilien nehmen…Eukarba hieß die Dame), Streuobstwiesen, Buchenwälder und mittendrin der magische jüdische Friedhof. Ach, Jugend !

    • 4. November 2013 17:07

      Mit Schwester Eukarba nach Brasilien … Das wäre auch eine, hm, schöne Überschrift für eine Kindheit gewesen.
      (Jedenfalls waren die Filet-für-Honoratioren-Tage in unserm Dorf schon vorbei.)

  6. 5. November 2013 14:32

    Viele treffliche Kommentare, die ich sofort unterschreibe.
    (M)ein Glück auf dem Kaff aufgewachsen zu sein, erwachsen geworden später in der grossen Stadt. So erlebten es auch die eigenen Kinder und ich wünsche jedem Menschen diese Erfahrung, die ein ganzes Leben nachwirkt.
    Schöne Grüsse vom Schwarzen Berg

    • Philipp Elph permalink
      5. November 2013 16:09

      Zustimmung!

    • 5. November 2013 22:57

      Herr Ärmel, das klingt nach der besten Kombination aus den beiden Welten. (Die Bilder vom Schwarzen Berg zeigen allerdings beides, Stadt wie Land sehr ungewohnt.)
      P11: und dann noch beim Schlachten dabeisein! ,) (Das durfte ich dann doch nie.)

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