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Schneisenwandern

24. August 2013

Wenn man den Mittelrhein rauf und runter kennt, dann ist der Oberrhein dran: Wandern in Rheinhessen, warum nicht? Rheinhessen ist Wein. Anderes offenbart erst der zweite Blick: entzückende Städtchen. Kulturen. Der Rhein natürlich; neuerdings: Windkraft.

Alla!, wie der Rheinhesse sagt, von Oppenheim rheinabwärts! Die Frühe ist schon herbstkühl, aber der August ist gut in Form und hat zum Mittag das Tal so weit aufgeheizt, daß man ihm die guten Weinlagen abnimmt, ungetrunken.

Das Rheintal bei Nierstein.

Das Rheintal bei Nierstein.

Der Weg — betonierte Treckerschneise — erstreckt sich meilenweit geradeaus. Links und rechts begleitet mich das rheinhessische Gleichmaß: Reben und Reben und Reben, Monokultur in Reih und Glied; grün–leer–grün–leer–grün–leer — hypnotisch.

Und atemberaubend leblos. Wenn hier ein Paar Schmetterlinge tanzt, ist das ein Hingucker. Drei Kaninchen auf einmal — Kinners, müßt ihr mich so erschrecken! Gelegentlich überholen mich Radfahrer, während ich versuche, den wirtschaftswegfarbenen Heuschrecken auszuweichen, deren Unterflügel türkisblau leuchten auf der Flucht. Schatten ist Mangelware; Wein und Wein und Wein —

Sicher, der Himmel ist blau, grün die Wingerte, und der Rhein glitzert — aber ganz ehrlich, schön ist es anderswo. Schön gefällt auch jedem. Wenn man eine Landschaft trotzdem von Herzen mag, dann ist das wohl Heimat.

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Rechterhand verschwindet der Rhein, Industrieanlagen kommen in Sicht. Das Heulen von LKW-Motoren unten auf der Bundesstraße macht jeden Aussichtspunkt zur Autobahnraststätte, und während ich Frankfurt in der Ferne ausmachen kann und den Taubenschlag für Donnervögel, merke ich, daß ich auf der ganzen Strecke nicht eine Sekunde Stille hatte. Irgendwas dröhnt hier immer. Wandern in der Einflugschneise.

Als ich am Ende in den Zug steige, habe ich schon beschlossen, wiederzukommen. Noch mal so ein Weg in Konzentration auf das Wesentliche. Nächstes Mal vielleicht weg vom Flughafen. Ich sagte doch, daß ich es hier mag?

26 Kommentare leave one →
  1. 24. August 2013 16:31

    Gar so heimelig, wie es die Tourismusbranche uns weismachen möchte, ist es am Weinhang eben nicht immer… erinnere mich an das Bordelais, wo direkt hinter den teuersten Lagen die vier Kühltürme eines AKW grüßen…

    • 24. August 2013 16:37

      Und wahrscheinlich mag sogar die, wer drunter aufgewachsen ist.
      (Wobei ich Rheinhessen fürs Wandern ausdrücklich empfehle! Ist nett da. Man muß nur ein bißchen weg von den Hauptverkehrswegen.)

  2. vlhusky permalink
    24. August 2013 19:05

    Rheinhessen? Gefällt mir!
    Und deine Gedanken: Passt!
    Ziemlich gut sogar :)

  3. anglogermantranslations permalink
    24. August 2013 19:37

    Und? Was meint der Rheinhesse, wenn er „Alla!“ sagt? In einem Unterhaltungsroman, der unter deutschen Touristen auf Mallorca spielte (Titel und Autor vergessen), kam das in jeder Dialogzeile vor. Konnte mir überhaupt keinen Reim darauf machen und hielt es für einen misslungenen Versuch, spanisches Lokalkolorit zu verströmen.

    • 24. August 2013 20:02

      Da streiten selbst Rheinhessen drüber. Ein verballhorntes allons! soll es sein; gesagt wird es, wenn man Auf! oder Alsdann –! meint. Man sagt’s bis runter ins Saarland: Alla fott!
      (Und welcher Romanschriftsteller vesucht denn ausgerechnet so, äh, Authentizität zu erzielen? Halt, ich will’s gar nicht wissen …)

    • anglogermantranslations permalink
      24. August 2013 20:06

      Fott bedeutet aber Hintern – vgl. auch Hundsfott und Fottfinger. :-) Oder ist das hier kurz für „Aufs Schafott!“? Wie gesagt, Autor und Titel des äußerst mittelmäßigen Machwerks habe ich zum Glück vergessen. Nur das mysteriöse alla ist haften geblieben. Da Du es dankenswerterweise erklärt hast, kann ich das nun getrost auch vergessen.

    • 24. August 2013 20:09

      Oh, im Saarland und überhaupt auf Westpfälzisch ist das die Aussprache von fort! So unhöflich sind die Leute im Südwesten auch nicht. .))

    • anglogermantranslations permalink
      24. August 2013 20:21

      Konrad, sprach die Frau Mama,
      Ich geh fott …?

    • 24. August 2013 20:25

      Isch geh(n) fott, un du bleibsch do.

      Das mit den Reimen muß man sich dann noch mal überlegen.

  4. karu02 permalink
    24. August 2013 20:41

    Auf den Fotos sieht man den Lärm gar nicht.

    • 24. August 2013 20:49

      Oh, der ist da. Von der B9 unten im Tal schallt’s herauf wie durch ein Hörrohr. Und die Flugzeuge: unentwegt. Mir wird erst bei diesen Touren klar, daß die Geräuschkulisse zur Landschaft gehört.

    • karu02 permalink
      27. August 2013 11:28

      Ich bin immer froh, dass Fotos so schön leise sind. Ich will mich jetzt auch nicht mehr über die paar Lärmflieger beschweren, die in Weeze starten und landen.

  5. 24. August 2013 21:50

    „Wenn man eine Landschaft trotzdem von Herzen mag, dann ist das wohl Heimat.“
    vielleicht ist das „trotzdem“ die liebe? nicht weil, sondern trotz …
    ein genial geschriebener wanderbericht, wie ich ihn total gerne mag. trotz und genau deshalb. und auch die bilder: gut hingeguckt … alla, auf ein nächstes mal!

    • 24. August 2013 22:12

      Danke, Soso! Ich neige zu den Trotzdems; nicht nur bei den Landschaften. Die greifen am tiefsten ins Herz. .)

  6. 25. August 2013 8:50

    Alla sagt man noch (mindestens) bis hinunter nach Heidelberg. Meine persönliche Vermutung ist ja, daß es etymologisch ganz einfach und prosaisch mit also zu tun hat. (Der Universalquantor als, äh, emphatisches Element oder so. So wie in allhier.)

    Schön ist auch das her!, aber das sagt man, glaube ich, nur im Rhein-Neckar-Raum.

    • 25. August 2013 9:00

      Oh, her kenne ich gar nicht. Wozu ist das gut? Oder ist es das ker aus Westfalen? Ker ker, da machste was mit!

  7. 25. August 2013 9:07

    Klingt zumindest dem Gebrauch nach verwandt; in Mannheim sagt man beispielsweise, wenn man nicht weiterweiß, Ja, und jetz, her?.

  8. 26. August 2013 10:51

    Die Landschaft wäre nicht die meine, ich stehe da eher auf lieblichen Kitsch wie Bodensee oder Allgäu. Der Bericht jedoch ist sowas von meins – ich freue mich über eine jede Deiner vertexteten Wanderungen.

  9. 27. August 2013 21:15

    „Jeder wie er muss“ könnte man in so einem Fall bei Horváth lesen

  10. 1. September 2013 20:21

    Oberrhein, Oppenheim – Ruhe? Samstags morgens bei Ostwind: ruhige B9 und keine Einfliegeschneise // und überhaupt: kennst du die Unterwelten von Oppenheim? Beim nächstenmal besuchen
    schöne Grüße aus der Bembeltown

    • 1. September 2013 20:34

      Unten war ich schon! Und Ostwind, den werde ich das nächste Mal zum Wandern bestellen. Ist wirklich kein Zustand mit den Fluggeräten.

  11. 4. September 2013 13:01

    Oha, da fühle ich mich als gebürtiger Rheinhesse gleich wohl!
    Ein paar Jahre lang bin ich an jedem Schultag diese Strecke zweimal gefahren. Am frühen Morgen auf der Fahrt von Worms nach Mainz und nach der Schule zurück von Mainz nach Worms.
    Das ist nun aber einige Jahrzehnt her.

    • 4. September 2013 13:16

      Oh, ein richtig echter! Ich bin da teilzeitaufgewachsen. Den Dialekt spreche ich nicht, aber für eine anders nicht erklärliche Schwäche für Reblandschaften hat es gereicht.

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