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Der Asylzivi

23. August 2013

Mit dem Abi in der Tasche hielt es H. nicht mehr daheim: zum Zivildienst zog er weg. In einer kleinen Stadt fernab aller Grenzen arbeitete er für eine Organisation, die sich um Flüchtlinge kümmerte. In diesem Zehntausend-Einwohner-Städtchen lebten ein paar hundert Menschen aus den Krisengebieten der Erde, hierherverteilt durch Amtsentscheidungen; alle mit ungewisser Zukunft.

Ich war nun die Freundin vom Asylzivi. Wann immer mein Studium mich ließ, wohnte ich bei ihm unterm Dach eines Verwaltungsbaus. Manchmal ging ich mit ihm zur Arbeit.

H. hatte viel zu tun. Montags und mittwochs Deutschkurse (für Männer und Frauen getrennt). Dienstags Hausaufgabenhilfe. Café Asyl am Donnerstag. Vormittags Behördengänge in schwierigen Fällen (sie waren alle schwierig). Umzüge aus dem Übergangswohnheim in kleine Wohnungen im Stadtgebiet. War sonst mal nichts, Haushaltsauflösungen; er lud dann brauchbare Möbel, Hausrat und Kleidungsstücke in einen alten VW-Bus und brachte sie zur Verteilerstelle. Und einige Male Fahrten zum Flughafen, manchmal mitten in der Nacht. Von diesen Einsätzen kehrte er finster zurück; er redete nie darüber.

So neu wie für mich war das Ganze auch für die Kleinstädter. Immer wieder erklärte H. geduldig, daß es nicht Asylanten hieß, sondern Asylbewerber und daß es diesen Menschen nicht um Wohlstand ging, sondern ums nackte Überleben. Manchmal kam er mit geballten Fäusten heim, weil er nicht ankam gegen die Vorbehalte.

Allmählich bekamen die Gesichter für mich Namen. Und Geschichten. Ich trank hier mit Menschen Tee, die Folter überlebt hatten und Vergewaltigung. Menschen, deren Familie umgebracht worden war oder werweißwohin verschleppt. Traumatisierte, die nachts nicht schliefen und sich manchmal am hellen Tag unter einem Bett oder Tisch verkrochen. Einsame, traurige Menschen, die sich beim Einkaufen unter unfreundlichen Blicken duckten. Auf dem Papier: Geduldete. Wenn’s schlimm kam: Abzuschiebende.

Sie lernten guten Tag und auf Wiedersehen sagen, aber wie es ihnen ums Herz war, dafür kannten sie die Worte nicht. Ihre Familienangehörigen waren oft in anderen Städten untergebracht; sie warteten stumm auf den wöchentlichen Telefontermin. Und auf den Asylzivi. Der war freundlich, der hörte zu, und er half, Probleme des Alltags zu lösen. H.  brachte oft fremdländische Speisen mit nach Hause, die er von seinen Schützlingen zugesteckt bekam.

All die Geschichten! H. schrieb sie auf, anrührende Texte, die im Monatsblatt der Organisation veröffentlicht wurden. Und all die Menschen, die sich kümmerten, halfen, sich einsetzten, um den verängstigten Heimatlosen wieder so etwas wie ein würdiges Leben zu ermöglichen: die Ärztin B., die Hausfrau H. und viele andere, auch Ehrenamtliche. Eine Handvoll unter zehntausend.

Nach seinem Zivildienst zog H. weit weg, und er machte etwas völlig anderes. Was diese Zeit gebracht habe, stellte er nie in Frage. Er hatte gesehen: jedes Lächeln zählt, jede ausgestreckte Hand.

Menschlichkeit ist es, die uns zu Menschen macht.

 

 

 

 

 

 

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23 Kommentare leave one →
  1. 23. August 2013 10:29

    dein text rührt mich an.
    vor einiger zeit arbeitete ich auch in einem zentrum für asylbewerberInnen. darum kann ich alles sehr gut nachempfinden. wie viele schlaflose nächte ich damals hatte, nachdem ich tagüber geschichten erzählt bekommen habe!
    viele berührungsängste habe ich damals loslassen können, zum glück.
    sie und die vorurteile blockieren den fluss der mitmenschlichkeit.
    danke für deinen artikel.

    • 23. August 2013 10:40

      Danke, Soso.
      Nicht nur mir bereiten die aktuellen Entwicklungen in Deutschland Bauchschmerzen.
      Wo Menschen denken, sie seien besser, mehr wert, hätten mehr Rechte als andere, da haben wir ganz offensichtlich nichts aus der Vergangenheit gelernt.

    • 23. August 2013 10:42

      ich lese grad einen schwedischen thriller über waffenhandel im sudan. einer der anfänge des flüchtlingsstroms. mir graut …
      den link guck ich mir später am rechner an.

    • 24. August 2013 14:14

      Taugt der was? Verrätst Du den Titel?

    • Philipp Elph permalink
      24. August 2013 14:21

      Ich tippe auf Liza Marklund: Weißer Tod

    • 24. August 2013 14:35

      nein, den weißen tod meinte ich nicht (den film hab ich schon gesehen, das buch steht mir noch bevor und ich mag marklund und ihre figuren sehrsehr!).
      „mein“ thriller war vom lars kepler-duo und hieß „paganinis fluch“. faszinierende geschichte, zwar langatmig und literarisch mittelmäßig – dennoch lesenswert.

  2. 23. August 2013 17:18

    Ich wünsche mir viele H.s nach Hellersdorf

    • 23. August 2013 17:39

      Das ist bitter, ja. Wie müssen sich Menschen vorkommen, die gerade alles verloren haben und nun mit Haßparolen begrüßt werden?

    • 23. August 2013 17:54

      Hellersdorf ist leider überall, wenn ich mich recht erinnere, gab es auch im schönen Charlottenburg deutliche Proteste von Anwohnern, als ein Heim für Asylbewerber in ihrer Nähe eingerichtet werden sollte. Die Beweggründe –Ängste und Vorurteile – sind die gleichen gewesen wie bei den Hellersdorfern. Nur der braune Mob hat sich seinerzeit nicht so überpräsent gezeigt.

    • 23. August 2013 18:08

      Das ist einer der Schrecken: daß es wirklich die berühmte Mitte der Gesellschaft ist, wo’s wieder losgeht. Da, wo man bereinigte Kinderbücher kauft …

    • 26. August 2013 21:57

      Ich wünsche mir das ja auch nur aktuell für Hellersdorf und überall dorthin, wo es gebraucht wird. Die Mitte der gesellschaft kauft übrigens keine bereinigten Kinderbücher, sie wettert sehr dagegen, dass ihr das Recht darauf genommen werden soll, die Dinge – und andere Menschen – so zu benennen, wie es ihr passt. Sie möchte auf keinen Fall an ihrer scheinheilen Lindgrenwelt gerüttelt haben und auch vor allem nicht an deren Schöpferin und ihrer nicht allein emanzipatorischen sondern eben auch kolonialistischen Gedankenwelt. Wenn es Menschen verletzt mit einem bestimmten Wort bedacht zu werden, warum fällt es uns dann so schwer, das weiter nicht zu tun? Warum müssen wir das scheinheil nennen? Ich glaube nicht, dass die Verfechter der Kinderbuchbereinigungen oder der Umbenennung von Süßigkeiten oder des Sarottimaskottchens bei der Sprache stehen bleiben, denn in den meisten Fällen sind es Leute, die dem tagtäglichen Rassismus in unserem Land ausgesetzt sind.

  3. Philipp Elph permalink
    24. August 2013 14:12

    In der scheinheilen Welt der Schokoküsse gibt es das alles nicht. In/An der Realität hat sich fast überall nichts geändert – und die H.s dieser Welt werden vielfach belächelt oder beschimpft. Traurig –

    • 24. August 2013 14:17

      Scheinheil ist eine treffende Wortschöpfung!

  4. 25. August 2013 23:30

    Schoener und wichtiger Beitrag! Ich fuerchte, das liegt in der Natur der Menschen. Hier in England steht Anti-Immigrations-Politik momentan leider auch ganz hoch im Kurs. Ist wohl ein Zeichen der Krise. Als ich vor zehn Jahren hierher kam, war das noch nicht so. Obwohl sich diese Diskussion hier nicht gegen Westeuropaeer richtet, hat man als Immigrant schon einen etwas anderen Blick auf die Debatte. Viele Gruesse aus London, Peggy

  5. 1. September 2013 20:39

    Kein Wort zu viel und keins zu wenig. Genauso ist es. Du hast es hervorragend beschrieben. Ich lebe seit zwei Jahrzehnten in der sogenannten 3. Welt (wos doch eine 2. garnicht mehr gibt offiziell) und wenn ich dann in Deutschland die normalverteilten, verbissenen Gesichter sehe… Manchmal denke ich dann, dass diesen Menschen schon ein Lächeln lästige Arbeit ist oder gar Schmerzen bereitet.
    Schöne Grüße (noch) aus der Bembeltown

    • 1. September 2013 21:31

      Äh … dritte Welt? Ich dachte, Hessen –?
      Jedenfalls: Fremd sein ist schwer bei uns; wir sind nicht sehr gastfreundlich.

    • 1. September 2013 21:39

      Einmal Hessen – (wahrscheinlich) immer Hessen ;-)
      Der Schornstein raucht allerdings woanders. Davon in den nächsten Tagen sicherlich wieder mehr.

  6. 4. September 2013 9:18

    Habt ihr das hier gelesen? Erfindungsreich, spontan und klar gezeigt: wir wollen keine Nazis. Solche Ideen wünsche ich auch an andere Ecken der Republik.

    • 18. September 2013 12:30

      Genial kreativ!
      Interessant, dass das ausgerechnet ein CSU-Bürgermeister angeordnet hat.
      Danke für diesen inspirierenden Link.

    • 18. September 2013 13:02

      Den hier mochte ich auch sehr. Es ist so schön, wenn selbst bei ernsten Sachen nicht ohne Witz gehandelt wird.

  7. 19. Dezember 2014 3:23

    Ich bin zu müde, um viel zu schreiben – aber deine Geschichte hat mich berührt.

    • 19. Dezember 2014 18:39

      Danke, Clara. Auch für Deinen Kommentar drüben bei meinem unsortierten Nicht-Pegida-Artikel. Immer, wenn man sich in Sicherheit wiegt: es ist ja weit weg, sollte man an Leute denken, die man kennt — bei Dir gleich in der Familie. Organisierter Haß kann niemals weit genug weg sein.

Trackbacks

  1. Ich habe kein Verständnis. | normalverteilt

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