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Ein Schlüssel

1. Juli 2013

Nach Ankunft in JFK, Paßkontrolle (Non-Residents — next, please!) und Zoll (nothing to declare) in den Bus zur New York City Metro.

An Howard Beach das Meer nicht sehen; mit dem A Train Queens verlassen, Brooklyn durchqueren und dann aus der Linie F an der Delancey Street aussteigen. Mit etwas Glück die Treppe am richtigen Ende der Station erwischen, ans Tageslicht steigen und die laute, laute Straße hinuntergehen. Brooklyn Bridge kann man von hier aus sehen.

In den Ladenzeilen der Backsteinhäuser werden Blumen und Bagel verkauft, Haare geschnitten, Geflügelteile verpackt und in eisgefüllten Kisten ausgeliefert. Riesige Trucks donnern über die mehrspurige Straße. Es gibt ein Deli, einen Liquor Store, Fastfood; es ist nicht die allerbeste Gegend, aber es ist Manhattan.

Hier habe ich einen Schlüssel zu einer schmalen, metallenen Tür, die in ein braun gestrichenes Treppenhaus führt. Innen hängt über dem Eingang ein altes Poster mit einer Luftaufnahme der Freiheitsstatue.

Durchs Fenster im Erdgeschoß fällt kein Licht; die Bewohner des Hauses müssen jahrzehntelang ihren Müll in den Lichtschacht geworfen haben. Im zweiten Stock ist das Fenster zur Hälfte frei. Weiter hinauf in den vierten Stock — bei uns wäre es der dritte –, vier gleichförmige Wohnungstüren, und hier ist es: die Nummer 3c.

Ich könnte den messingfarbenen Wohnungsschlüssel ins Schloß stecken; drei Zimmer, winzige Küche und Bad ohne Tageslicht. Hohe Räume, große Fenster zur Straße hin. Das Parkett schadhaft schön.

Ich weiß nicht, wen ich antreffen würde hinter dieser Tür. Den, der mich dort empfing, kann ich nicht mehr besuchen, nicht in dieser Wohnung und in keiner anderen.

ny-schluessel

Das alles ist so lange her, daß das Haus selbst ihn längst vergessen hat — hier lebten ja so viele –, aber trotzdem nehme ich Jahr für Jahr den Schlüssel in die Hand.

 

 

 

 

 

 

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15 Kommentare leave one →
  1. 1. Juli 2013 15:21

    In dieser Gegend „lower eastside“ habe ich auch schon einmal gewohnt. Mir gefällt es da ganz gut.

    • 1. Juli 2013 16:58

      Ich weiß nicht, wie die Gegend heute ist. Ende der Neunziger war es da eher heruntergekommen, laut und freundlich; ich mochte es. Ich fürchte nur, inzwischen ist es schick.

  2. 1. Juli 2013 19:47

    Hach, hach. Ich werde N.Y. im Herbst zum ersten Mal in meinem Leben sehen.
    Und ich freu mich schon so unglaublich drauf… Ein lang gehegter Wunsch wird wahr.
    (Wenn ich irgendwo hinlaufen und ein Foto für Dich machen soll, dann lass es mich per Mail wissen.)

    • 1. Juli 2013 20:11

      Oh! Das ist ja toll. Beides — das Fotoangebot. (Danke!! Komme ich vielleicht noch drauf zurück.) Und die Reise, die wird es bestimmt!

    • 1. Juli 2013 20:40

      Gerne. Wir sind 7 Tage in der Stadt. Da sollte es sich einrichten lassen…

  3. 1. Juli 2013 20:21

    ein schlüssel zu einer vergangenen, für immer zugefallenen türe. er wird nicht mehr passen. vielleicht gibt es die tür nicht mehr.
    und jetzt bist du da. hier. mit neuen schlüsseln, andern.

    danke für deine erinnerungeschichte, fürs teilen. ein sehr schöner text!

    • 3. Juli 2013 13:53

      Du hast völlig recht — ich habe so viele neue Schlüssel. (Eigentlich seltsam, daß ich diesen alten immer noch aufbewahre.) Danke Dir für den Gedankenpfad!

  4. 2. Juli 2013 6:55

    Eine berührende Geschichte voller Erinnerungen, auch wenn sie hier nicht zu lesen sind.

    • 3. Juli 2013 13:54

      Oh, wenn ich damit anfinge –! Ich merke aber auch, wie Geschichten in der Erinnerung immer kleiner und kompakter werden. Gelegentliches Notieren hilft.

  5. 4. Juli 2013 8:26

    Das wünsche ich mir: mal so von jemandem erinnert zu werden. Anrührend zu lesen, mal wieder: Danke für solchen Lesestoff.

    • 5. Juli 2013 13:26

      Das wiederum freut mich, sehr. Danke, Frau Eichhorn!

Trackbacks

  1. Misc | missboulette

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