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Mach dir ein Bild

4. Mai 2013

Dieser Mai ist wie geschaffen für innere Konflikte: Als Betrachterin taumele ich in der frischen, grün und weiß explodierten Welt von einem »Ist das schön!« zum nächsten; der Anspruch an die Technik ist groß: oh, mach doch mal ein Foto davon, und dann, nach allerlei vertrackten Winkeln, Belichtungszeiten, ja, Ausschnitten und Tonwertspreizung, sagt die Erinnerung: So war das aber nicht.

Dies ist ein Ersatzbild.

Dies ist ein Ersatzbild.

Das Bild, das es nicht gibt, zeigt wiesenschaumkrautgekrönte Graswogen, die zehntausend Sonnengesichtchen des Löwenzahns, den Duft der frischen Walnußtriebe und den breiteren, nachdrücklicheren vom Raps; das zeigt den Einzug der Mauersegler ins Flußtal: wie sie, erst ein paar Pioniere, dann ein ganzer Schwung, die Hügelkante überspülen und sich auf die Dörfer in der Höhe stürzen, ihr Schrillen vermischt mit Schwalbengeschwätz; das zeigt Hochsitze, umkränzt von Kirschenblüten und im Verborgenen besungen von der Nachtigall, die sich gar nicht beruhigen kann; das zeigt Sonnenglitzern auf Burgmauerschiefer und auf Blättergrün, keine Stunde alt.

Ach, sagt die Erinnerung, vergiß die Fotos, ich hebe dir deine Bilder auf — nur leider habe ich den Verdacht, daß ihr da nicht zu trauen ist.

Vielleicht hilft Aufschreiben?

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11 Kommentare leave one →
  1. Philipp Elph permalink
    4. Mai 2013 13:48

    Fotos sind Hifsmittel, die die Bilder, die wir im Kopf haben, wieder in Erinnerung bringen. Wenn wir Fotos betrachten, erscheint die Geschichte dazu. Schreiben wir die Geschichte auf, erinnern wir uns beim Lesen an die Bilder.

    • 4. Mai 2013 13:57

      Das Frustrierende ist, wenn die Fotos einfach nicht das zeigen, was man sieht. Ich gehe dem Problem zumindest teilweise aus dem Weg, indem ich meist nur Details aufnehme.

  2. karu02 permalink
    4. Mai 2013 14:18

    Die Kameralinse kann das nicht. So viel steht fest. Was ich gelernt habe im Laufe der Zeit, nicht einmal ein anderer Mensch an der selben Stelle und zu gleicher Zeit sieht das, was ich sehe. Darüber staune ich noch viel mehr, als über die Uneinsichtigkeit meiner Kamera.

  3. karu02 permalink
    4. Mai 2013 14:19

    Dein Geschriebenes, wollte ich noch sagen, erzeugt immerhin vermutlich ähnliche Bilder in meinem Kopf.

    • 5. Mai 2013 16:41

      Oh, danke! Das freut mich. Ich hätte manchmal gern ein Lesegerät für die Bilder in anderer Leuts Köpfen; aber es ist aus den unterschiedlichsten Gründen gut, daß das noch keiner erfunden hat.

  4. 5. Mai 2013 1:25

    wem traue ich mehr, dem abbild oder der erinnerung?
    heute bei schischkin im briefsteller gelesen: „Nach eigenem Bild und Ebenbild, das ist keine Kunst. Jede Katze kann das, jede Wolke. Man darf den Wald nicht so malen, wie die Bäume ihn sehen.“
    das bild (und auch ein text) ist immer ein abbild, ein scheinbild, eine interpretation, eine impression, eine expression … hm …

    • 5. Mai 2013 1:26

      ah, was ich unbedingt noch sagen will: ich mag das bild total gerne. die blumen leuchten geradezu und reden von sonne und licht.

    • 5. Mai 2013 17:06

      Das ist natürlich ein berechtigter Einwand: bloßes Abbild ist vielleicht ebensowenig erstrebenswert, wie es möglich ist. Jede Wahrnehmung macht ihr eigenes Bild, und die Erinnerung gestaltet es dann noch mal um. Aber wenn es doch gar nicht um Kunst geht, darf’s dann nicht ein wenig genauer sein? (So quengelt mein Gedächtnis, dem das nicht gelingen will.)

    • 5. Mai 2013 18:42

      hihi, darf es. natürlich.
      das wäre dann wohl die wissenschaft? *zwinker*

  5. 6. Mai 2013 17:29

    Doch, die Erinnerung bewahrt alles was wichtig ist. Vielleicht erscheint so ein Blümchen nicht all zu wichtig, weil man diese Anblicke ja im nächsten Jahr wieder haben wird. Aber ich habe noch viele Bilder in meiner Erinnerung, die sich sehr eingegraben haben weil sie einfach einmalig waren.

  6. 7. Mai 2013 10:22

    Stimmt, die Linse sieht nicht, was wir wahrnehmen, man kann sie nicht überlisten. Der Erinnerung aber würde ich schon trauen, schließlich kommt es hier doch auf die individuelle Wahrnehmung an.

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