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Dorfplatzkind

2. April 2013

Als Pappelbacher Dorfplatzkind (Ortsteil Hauchlobenthal) kenne ich alle dörflichen Feste: Fronleichnam, Kerb, Fassenacht und natürlich die Weinfeste.

Fronleichnam war spannend; da war der Platz mit Blumen geschmückt, die Kirchenglocken läuteten, und dann kam die Prozession vorbei. Weihrauch, Baldachin für den Pastor, Musikverein und Großergottwirlobendich – hätte man mich gelassen, ich wäre sofort katholisch geworden. Die anderen Feste sahen sich recht ähnlich: Immer war da das Karussell, das Weinzelt, die Schießbude, in den ersten Jahren auch ein Orchestrion, der Musikverein blies Schlager, und man konnte gebrannte Mandeln und steinhartes Zuckerzeug kaufen.

Einmal, ich muß sieben oder acht Jahre alt gewesen sein, ging mitten beim Weinfest die Sirene los – Feueralarm. Praktischerweise waren alle Feuerwehrmänner der Freiwilligen Feuerwehr Pappelbach, Ortsteil Hauchlobenthal, an einem Ort versammelt, wenn auch unpraktischerweise alle mehr oder minder betrunken.

Die Männer sahen sich an, die Gesichter gerötet. Feuer? Fehlalarm? Doch Feuer? Einer rannte los, der (eigentlich) Telefonbereitschaft hatte. Nach einer halben Ewigkeit war er wieder da, außer Atem und mit aufgerissenen Augen: Wirklich Feuer, im Weinberg! Im Lobenthäler Sommerhang brennts!

Der späte Nachmittag wurde allmählich Abend; die Sonne färbte die Weinlagen rötlich. Und in der Tat, von der Hügelkrone stieg Rauch auf. Also entschloß man sich, auszurücken; der mit den wenigsten Promille kriegte einen Kaffee und mußte fahren. Das Tatütata wäre eigentlich nicht nötig gewesen, aber uns Kinder freute es.

Ich stand unter den Schaulustigen auf dem Dorfplatz, zwischen Karussell und Weinzelt. Einige Zeit später dann sahen wir, wie der asthmatische rote Bulli der Freiwilligen Feuerwehr Pappelbach, Ortsteil Hauchlobenthal, am Fuße des Weinbergs erschien. In Zeitlupe arbeitete er sich die Serpentinen hoch.

Immer wenn der Bulli eine Kehre geschafft hatte, jubelten wir. Dann dauerte es wieder. Die Leute begannen zu murmeln, einige holten sich Gläser. Einer rief: Einsaaatz! Ein anderer: Sollemer aaschiebe?; allgemeines Gelächter. Hin und wieder her kroch der Bulli hinauf in Richtung Sommerhang, von dem es schwarz qualmte. Schließlich blieb er rot an der Umfassungsmauer des Weinbergs stehen. Die Feuerwehrleute sprangen aus dem Wagen. Langsam senkte sich die Dämmerung übers Dorf, und die Straßenlaternen gingen an.

Das Ende ließ an Dramatik zu wünschen übrig: Der Weinberg brannte zwar, aber da konnte man sowieso nichts machen; also stand der Bulli ein Weilchen herum, während es dunkler und dunkler wurde. Und dann mußte ich heim und ins Bett.

Den alten roten Feuerwehr-Bulli tauschte man wenig später gegen ein stärkeres Modell aus, der Lobenthäler Sommerhang wurde neu bepflanzt, und die ganze Geschichte war bald vergessen, im großen und ganzen.

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19 Kommentare leave one →
  1. 2. April 2013 19:02

    oh weh, wie kann man zum brennenden weinberg „gefällt mir“ klicken. shameonme. aber wie du es erzählt, ist eben klasse. und das gefällt mir gut. sehr gut sogar. die stimmung, die du erzeugst. das dorffestgefühl, das ich als kind so liebte und heute wann immer möglich vermeide, riecht durch deine zeilen. und erst der brand!
    was ich nicht ganz begriffen habe: konnte der bulli nichts machen, weil er kaputt war oder die mannschaft zu betrunken, oder einfach, weil es nichts genützt hätte? ich vermute das letzte, oderrr?
    wie schnell werden dramen von neuen abgelöst. doch irgendwann fallen sie uns wieder ein.
    und werden erzählt. danke!

    • 2. April 2013 19:16

      Danke, Soso. (Hast recht — war nix zu machen, das haben sie später erzählt. Ich hab’s hoffich etwas klarer formuliert.)
      Und Du bist also auch dorffestgeschädigt? ,)

    • 2. April 2013 19:27

      oooch, geschädigt? hm, eher so, dass du es irgendwann gesehen hast? „einmal da wirst du siebzig sein, dann bin ich noch bei dir … schubidu“ … geschädigt insofern, als dass ich für den rest meines lebens gänsehaut bekomme, sobald ich irgendwo schlagerrhytmen höre …

      ja, danke, jetzt ist die sequenz mit dem unlöschbaren brand unmissverständlich … :-)

    • 2. April 2013 19:37

      Urgs — die Schlagergänsehaut, die kenne ich auch. Und geschädigt bin ich insofern, als ich bei Heino als erstaunlich textsicher gelte …

    • 2. April 2013 19:38

      da müsstest du dich mal mit irgendlink messen … :-)

    • 3. April 2013 10:40

      yesss! ;-)

    • 2. April 2013 19:43

      Naiiiiiin!!

  2. karu02 permalink
    2. April 2013 19:16

    Sehr stimmungsvolle Geschichte. Manchmal ist es auch besser, er brennt komplett ab, wenn er neu bepflanzt werden soll. ;-) Auf dem Land versteht man halt solche Dinge.

    • 2. April 2013 19:41

      Und als Kind sieht man nur: Ui! Feuerwehr! ,)) (Wobei ich die Sache damals auch irgendwie lustig fand …)

  3. 3. April 2013 9:10

    Und halt doch nicht im Ganzen vergessen. Ich war nicht dabei, deshalb macht es das für mich nochmal so spannend.

  4. 3. April 2013 10:45

    Schön anschaulich erzählt, dein Erlebnis! Natürlich erinnert mich dein Text auch an früher, an die unsäglichen Dorffeste, an Feuer im Ort und vor allem daran, dass mein Vater bei der freiwilligen Feuerwehr war. Auf Feuerwehrfesten wurde immer besonders viel gelöscht… Es brannte oft, weil es viele Fachwerkhäuser und Bauernhöfe mit viel Stroh auf den Heuboden gab. Und meistens brannte es nachts. Wenn die Sirene ging, bekam ich immer Gänsehaut (so wie heute noch bei schlimmer Schlagermusik). Ich hörte meinen Vater im Nebenzimmer aus dem Bett springen, er sprach immer die gleichen Worte: „M., mein Koppel!“ und hatte ein ganz bestimmtes Ritual, seine Siebensachen zusammenzusuchen, bevor er auf dem knatternden Moped zum Spritzenhaus fuhr. Ich konnte immer erst wieder einschlafen, wenn er heile zurück war.

    • 3. April 2013 12:38

      Ui, das ist natürlich eine völlig andere Feuerwehrgeschichte. Sehr eindrucksvoll — Du warst persönlich betroffen, das ist ganz etwas anderes. Ich genoß als Kind bloß das Getriebe und den leisen Grusel, wenn wieder mal was los war.

    • 3. April 2013 13:18

      Ja, ein leichter Grusel war sicher für alle Kinder damit verbunden, auch wenn der Vater kein Feuerwehrmann war. Am schlimmsten ist meine Erinnerung an einen Großbrand auf einem Bauernhof nur eine Straße weiter. Dabei sind viele Tiere umgekommen und ich denke mit Schauder an ein paar überlebende, leicht geschwärzte Schweine. Der Rauchgeruch lag eine Woche über der Gegend und man bekam ihn nicht aus dem Haus. Da stand mein Vater an der Spritze und musste zum Glück nicht so nah ans Haus.

  5. 3. April 2013 23:14

    Ich tausche Dein Dorffest gegen meins: bei uns gab es das „Hahneköpperfest“. Ein böses Fest …
    Lebe inzwischen doch gerne ganz festfrei in der Großstadt. ;-)

    Feiner Text von Dir, Lakritze.

    mb

  6. 5. April 2013 15:36

    Seither gibt es im Dorf den echten „Brandwein“.

    • 5. April 2013 15:42

      .))))))))) Nach dem Weinbrand keine Frage –!

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