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Zeitverschiebung

26. Februar 2013

Wenn sie aufstand, hatte er noch ein paar Stunden Nacht vor sich. Wollte sie ihn nach der Arbeit anrufen, dehnte sich ihr Abend; oft mußte sie dann die lange Nummer mit den langen Billiger-Telefonieren-Vorwahlen drei-, viermal wählen vor lauter Müdigkeit.

Der erste Tag eines jeden Besuchs war für die Katz; schlimmer als Wachbleiben nur, sich kurz hinzulegen. (Eiserne Jetlag-Regel: Mindestens bis zehn Uhr durchhalten, am nächsten Morgen mit der Sonne raus.) Er ließ sie trotzdem schlafen, natürlich, und lag dann still neben ihr; das machte auch den folgenden Tag noch unbrauchbar.

Die Wochen und Monate zwischen den Besuchen, wenn sie in ihrer Zeit lebte und er in der seinen, die vergingen doppelt. Dann wählte sie wieder lange Nummern, schrieb Briefe und lauschte dem Ticken und Quieken und Rauschen des Modems. Sie wußte, beim nächsten Treffen würde er ein bißchen anders riechen und neue Kleider tragen.

Als die Jahrtausendwende nahte, gab es etwas Neues: In seinem Labor war jetzt eine Kamera installiert, und man konnte über das Internet die Arbeitsplätze der Mitarbeiter sehen. Per E-Mail hatten sie sich verabredet, sie am Rechner zuhause, er im Lab; es dauerte, bis sich ein Bild aufgebaut hatte, und dann sah sie tatsächlich, zwischen zwei unbekannten Gestalten, den Rücken seines Pullovers.

Ich sehe dich, schrieb sie in eine Mail. Lange Sekunden später ruckte das Bild; er hatte ihr zugewinkt. Ich winke zurück, tippte sie. Mit Mühe entzifferte sie, wiederum später, sein Lächeln auf dem Bildschirm, das ihr gelten mußte (oder gegolten hatte? Sie wußte nicht, wie viele Sekunden vergangen waren, seit er gelächelt hatte). Ach, du, flüsterte sie und schrieb sie ihm, und dann, nach einiger Zeit, beobachtete sie, wie er zwischen den fremden Rücken gestikulierte, sah in verschmierten Pixeln seine übertriebenen Gebärden und sein Lächeln, auf Verdacht an sie gerichtet und sichtbar für alle Welt —

Tolle Technik, tippte sie. Du, ich muß jetzt los.

Sie schrieb ihm nicht: Nie warst du so weit weg, und verschwieg ihm auch die scharfen Kanten, zu denen diese Sekunden zwischen den Kontinenten gefroren. Daß sie sein verpixeltes Bild wieder ganz weich sah durch ihre Tränen.

 

 

 

 

 

 

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8 Kommentare leave one →
  1. 26. Februar 2013 21:12

    sie und er – wie gut ich die beiden verstehe. zwar ohne jetlag und doch ganz ähnlich ist es ja bei uns. verpixelte skypebilder kenn ich auch, darum skype ich lieber nur mit stimme. sonst ist es zu schwer. sich sehen und nicht berühren zu können: eine neue qual, die zur entbehrung dazu kommt.

    ach … wie berührend du erzählst.

    danke!

    • 26. Februar 2013 22:14

      Danke, soso. Daß die Illusion von Nähe manchmal schlimmer sein kann als gar keine –! Und: wie weit Liebe tragen kann; das tröstet mich dann wiederum.

  2. 27. Februar 2013 10:07

    Eine spannende Erzählung. Verschwommene Bilder vom Partner entsprechen vielleicht der Wirklichkeit….

    • 27. Februar 2013 11:15

      Die Wirklichkeit ist doch immer unklar, oder? (Und ein bißchen verschwommenen Blick sollte man wohl jedem Partner gönnen. Bloß lieber in Echtzeit.)

  3. 3. März 2013 16:36

    Die Scheinbarkeit der Nähe, selten so auf den Punkt gebracht… Wie ging die Geschichte aus? Fast habe ich Angst vor einer Antwort…

    • 3. März 2013 17:46

      Hätte gut gehen können, die Geschichte. Daß sie’s nicht tat, ist eine andere Geschichte.

  4. 7. März 2013 11:41

    Wie gut ich das nachvollziehen kann: Die neue Art von Nähe kann schmerzlicher sein, als den anderen nur in Gedanken zu haben. Gut erzählt, Lakritze.

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