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Im Vorübergehen

15. Februar 2013

Der Weg macht es mir leicht: ein rascher Anstieg bis zum Wald, dann auf Forstwegen über den Höhenrücken hin. Tief liegt der Schnee und knirscht bei jedem Tritt. In Siedlungsnähe ist er festgewalzt und spiegelglatt; ich gehe sicherer, wo ich noch eine frische Spur ziehen kann. Dann verlieren sich alle Fußspuren; bald sehe ich nur noch die von Traktorreifen, deren Profile der Schnee nicht ganz zudecken konnte, und ich bin froh um meine Wanderstiefel.

Sanft hat mich die Strecke auf eine Anhöhe getragen. Der Waldsaum weicht zurück, und von den Feldern überschaue ich weithin das Flußtal, wo sich grau in weiß Dörfer knäueln. Selbst den bewaldeten Hügeln sieht man bis auf die weiße Haut. Schneeflächen überstrahlen den Himmel. Es beginnt in winzigen Kristallen zu schneien; Wind dringt in meine Jacke, und ich mache mich wieder auf den Weg, der sich in einer Kurve am Hang entlangzieht.

Es dauert eine Weile, bis ich die beiden Gestalten wahrnehme, die mir entgegenkommen; sie tragen dunkle Kleidung hinter Schleiern aus Schneefall. Ich kann sie lange beobachten, wie sie sich nähern: Zwei junge Leute, ein Mann und eine Frau, folgen je einer der parallelen Radspuren. Sie gehen still und bewegen sich im Gleichmaß; einmal bleibt sie stehen und zeigt auf etwas am Wegesrand, da lacht er ein helles Lachen und faßt sie kurz bei der Hand.

Schon weit vor der Begegnung machen sie Platz für mich; die Frau wechselt in einem Hüpfer die Spur, und ich sehe, wie sie seinen Arm streift. Keiner von beiden trägt Handschuhe. So jung sind sie doch nicht; zwanzig, wenn nicht dreißig Jahre älter, als ich auf die Entfernung angenommen hatte. Das Haar, das die Frau sich aus der Stirn streicht, ist beinahe weiß.

Im Vorübergehen lächeln wir uns zu, und beider Lächeln scheint mindestens so sehr einander zu gelten wie mir.

Ich höre das Knirschen ihrer Schritte leiser werden; er sagt etwas, sie lachen, und dann schaue ich ihnen doch hinterher. Die beiden entfernen sich, wieder nebeneinander, ruhig und rasch; wechseln hier einen Blick und da ein Wort, ein Mann und eine Frau, zwei junge Leute gemeinsam auf dem Weg, der vielleicht gar nicht der tief verschneite ist, den ich sehe.

Vor der nächsten Ortschaft wird der Wald dichter. Links und rechts tragen die Laubbäume Weiß, jeder Ast und jeder Zweig sein eigenes Nachbild vor dem weißen Himmel. Tannenzweige sehen aus, als hätten sie dicke Handschuhe an. Still sollte es sein in so einem Wald, aber während ich Schneeladungen aus den Bäumen ausweiche, zwitschern die Vögel wie im hellen Frühling. Ich nehme an, sie wissen mehr als ich.

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9 Kommentare leave one →
  1. 15. Februar 2013 12:31

    was für eine sinnliche kleine erzählung samt liebesgeschichte. eine der ganz feinen, stillen. hier, auf dem einsamen gehöft, hats über nacht auch wieder geschneit.

    falls du und dein liebster spontan zeit und lust für einen sonntagsausflug haben: gerne! :-)

    herzlich, soso und irgend

    • 15. Februar 2013 13:05

      Ach, danke euch von Herzen! Ich werde aber voraussichtlich die Füße still halten — habe mir beim letzten Ausflug eine mittelböse Erkältung zugelegt, die muß ich dringend wieder loswerden.
      Und: manchmal begegnet man so Leuten — ein Blick, und man kriegt sie nicht mehr aus dem Kopf. Es gibt eine kleine Geschichte namens »Ein gehender Herr«, die handelt von einem Herrn im Anzug, ohne Gepäck und einfach so an der Landstraße — auch so etwas.

    • 15. Februar 2013 15:07

      die geschichte klingt auch schön. danke für den tipp!
      :-)
      dir gute besserung, musse zum lesen, ruhige füsse, liebe grüße, soso again

    • 15. Februar 2013 22:02

      Danke für Besserung; kann sie gerade brauchen. Auf Ansprache reagiere ich nurmehr mit einem uneleganten: Hä??

      Der Tip mit der Geschichte war leider ziemlich nutzlos — im ganzen wilden weiten Web ist die Geschichte nicht zu finden. Sie ist von einem gewissen Gerd Forster (einem Pfälzer), handelt von einem Autofahrer, der an der Landstraße einen Fußgänger sieht, und die letzten Sätze mochte ich: »Ein Herr. Ein Herr, der einfach ging! Er ging mir die weitere Fahrt damals und geht mir noch heute im Kopf herum.«

    • 15. Februar 2013 22:14

      danke und gleich nochmals gute besserung!

      herzlich, soso

  2. 15. Februar 2013 23:36

    Gute Besserung, liebe Lakritze und habe Dank für die schöne Gute-Nacht-Geschichte.

  3. 16. Februar 2013 0:39

    Wie schön das sein kann, für ein paar Momente nur, diese kleinen Begegnungen ..
    Danke für Deine feine Geschichte,
    dm und mb

  4. 17. Februar 2013 19:23

    Eine schöne stille Begegnung im Schnee! Auch von mir gute Besserung, lakritze!

  5. 17. Februar 2013 20:05

    Dank euch. Die Besserung habe ich gleich zu einem Schlenker vor die Tür genutzt …

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