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Es singt und lacht

4. Februar 2013
Verschwommene Vorstellung: schicke Uniformen!

Schicke Uniformen in verschwommener Vorstellung.

Daß es am Rhein fünf Jahreszeiten gibt, weiß man, auch wenn man sich aus sowas normalerweise raushält. Und dann ist da eine Karte übrig, und die sind hochbegehrt!, und willst du nicht mit, einmal muß man das gesehen haben, und schwups: Fastnachtssitzung.

Ich mittendrin.

Unter geschätzt tausend Matrosen, Rockstars, Obst (in verschiedenen Farben und Reifegraden), Cowboys, Römern, Zofen, Vampiren, mit bestem Blick zur Bühne. Zur Einstimmung gibt es Fastnachtsschlager, so flach, daß man sich die Knie aufschürft, aber alle kennen sie, und plötzlich bin ich links und rechts am Ellenbogen gepackt und werde mitgeschunkelt. Nicht schunkeln ist keine Option, maximal eben: schunkeln lassen. Schnell, ein Glas Riesling!

Bißchen Gottesdienst ist es schon: Aufstehen, hinsetzen, im Sprechchor antworten, mitsingen (mit mehr oder weniger la-la-la), der Predigt lauschen, Brezeln und Wein teilen, und am Ende hat man richtig was geschafft, wie nach einer orthodoxen Messe: fünf Stunden. Kein Witz. Wollemerenroilosse auf wollemerseroilosse — fünf Stunden perfekte Show.

Die Tanzmädchen mit dem angetackerten Lächeln. Die singenden Männer in den Clownskostümen; mit Riesling gehen auch die. Die liebevoll gepflegte Feindschaft mit der benachbarten Hauptstadt. (Alte Witze und Zoten quittiert das Publikum mit einem gesungenen Eieiei-auauau.) Überhaupt. Guter Riesling, muß ich sagen. Er gibt Gelassenheit; ich lehne mich zurück. Roilosse und roilosse losse.

mz-garde mz-predigt mz-publikum mz-verkleidung

Versehentlich komme ich ganz vorn zu stehen, als die Garde einzieht — in Reichweite marschieren sie an mir vorbei, das Reiter- und das Offiziers-Corps, die Grenadier- und die Schellebaum-Kompanie. Wie sie da stehen, weiß, rot und blau, behängt mit Abzeichen und Orden, in schneeigen Perücken und schwarzglänzenden Stiefeln, da zeigen sich ihre Wurzeln: Soldaten im Manöver, mit Fanfaren, Trommeln und all der Pracht, die das Töten so romantisch verbrämte. Manche Uniform sieht alt aus, mit Tressen und goldenen Knöpfen; manches Gesicht unter Perücke und Dreispitz ist so zeitlos, daß es in einem Gemälde aus dem 18. Jahrhundert nicht auffiele.

Dann ein Tusch, und es schnalzt die Zeit zurück in die Plastik-Ära. Glitzernder Konfettiregen, Diskokugeln und ein dreifach donnerndes: Helau! Hände fliegen in die Luft: Helau! Helau!

Und noch einen Riesling, bitte, gegen die Musik.

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32 Kommentare leave one →
  1. 4. Februar 2013 20:21

    autsch und auweia. oder wohl besser helau? (ich versteh nicht viel mehr als bahnhof von den dialektausdrücken) bewundernswert deine gelassenheit. rieslingseidank!

    • 4. Februar 2013 20:25

      Jagenau. Ohne Riesling wär das nicht passiert. .)
      Aber ich muß sagen: eine friedliche, fröhliche Veranstaltung; kein schlechtes Benehmen, keine häßlichen Szenen, lauter freundliche Leute, die sich prächtig amüsiert haben. Also halb so wild — Fußball stelle ich mir schlimmer vor.

    • 4. Februar 2013 21:59

      Kleine Übersetzungshilfe: Wolle mer en / se roilosse? — Wollen wir ihn / sie reinlassen? Die Antwort im Chor habe ich dann aber auch nicht verstanden.

    • 4. Februar 2013 22:27

      daaanke :-)

  2. 4. Februar 2013 21:17

    Und das alternative Trinkliedgut („Bier her, Bier her, oder ich fall um!“) steht auf dem Index?

  3. 4. Februar 2013 21:57

    Bier?? Kommt da im Liedgut nicht vor. Rhein reimt sich eben auf Wein.

  4. 4. Februar 2013 21:58

    Ich bewundere Deinen heldenhaften Mut, Deine Trinkfestigkeit und Deine Fabulierlust nach diesem Schunkelmarathon.

  5. 4. Februar 2013 22:02

    Also, in erster Linie war es Sport. Links-rechts schunkeln, Kniebeugen, Arme hoch … Man geht mit Schunkeltrauma und dröhnenden Ohren und hat am nächsten Tag Kopf und Muskelkater.

  6. 4. Februar 2013 22:36

    Irgendwann fängt jeder Riesling an, gut zu schmecken … Wir senden ein dreifachdonnerndes Ahoi, Ahoi, Ahoi … und nicht untergehen im Fastnachtssumpf.

    • 4. Februar 2013 23:41

      Oh, in diesem Falle kann ich schwimmen. .)

  7. 4. Februar 2013 22:48

    Also gut für den Kreislauf war’s sicher! hahaha habe mich sehr amüsiert, aber sag mal, dürfte es auch ein Roter sein, der Wein? ;)

    • 4. Februar 2013 23:42

      Oh, der landestypische Spätburgunder … den muß man mögen, aber dann, doch, ja. .)

  8. Philipp Elph permalink
    4. Februar 2013 23:41

    “ Die liebevoll gepflegte Feindschaft mit der benachbarten Hauptstadt.“ – DA KANN ICH GAR NICHT DRÜBER LACHE! WENN IHR DA MACHTET SOLCHE SACHE!
    Tätä-tätä-tätä-bumbum!

    • 4. Februar 2013 23:44

      Ich empfehle den Sketch von dem Wiesbadener, der durch Hypnose zum Määnzer wird. Und durch nochemol Hypnose zum — tätää — Määnzer Fassenachter. Ganz großes, äh, Kino. .))

    • Philipp Elph permalink
      9. Februar 2013 12:21

      Jo, der is gudd! Hab ihn inzwischen auch gesehen, dazu aber keinen Lance Amstrong genossen.

    • Philipp Elph permalink
      9. Februar 2013 12:44

      Hier zu sehen: Fastnachtshypnose:http://www.youtube.com/watch?v=JwJfMOcbnt4

    • 10. Februar 2013 11:18

      Au-ha, danke für den Link! Hier also live zu sehen: die Behandlung des Wiesbadener-Syndroms.

    • Zyriacus permalink
      19. Februar 2013 16:07

      Diese Animosität(lichkeit)en kann man auch ein paar Kilometer rheinabwärts – allerdings linksrheinisch – erleben. Und das nicht nur im Karneval.

    • 19. Februar 2013 18:16

      Wie die Saarlänner und die Pälzer. Und die Berliner und die Schwaben. Undsoweiter. Das scheint dazuzugehören zum guten Leben: klare Feindbilder. .)

  9. 5. Februar 2013 0:19

    Das ging ja wohl ganz locker und ohne Stress, gratuliere! Mit Riesling ist’s natürlich schon gut zu ertragen, mit Alt („bei uns“ am Niederrhein) geht’s auch gut, mit Spätburgunder stelle ich es mir auch weniger erträglich vor.

    • 5. Februar 2013 11:41

      Interessant natürlich, ob Karneval / Fassenacht ein Vorwand ist, Alkohol zu trinken, oder umgekehrt. (Nee, Spätburgunder ist schwierig, finde ich.)

  10. 5. Februar 2013 14:38

    Beeindruckend…

    • 5. Februar 2013 14:46

      … vermutlich auf ähnliche Weise wie Jagdhornblasen –! ,)

    • 5. Februar 2013 15:03

      was man nicht alles tut, nur für einen Bericht im Blog :-)

  11. 6. Februar 2013 11:24

    Oha…, ich bewundere dich, dass du das so gut durchgehalten hast! ;-) Mir wird schon beim Lesen und Bildergucken schwindelig und wenn ich etwas hasse, ist es Schunkeln oder Geschunkeltwerden – ja, das geht wirklich nur weinselig!

  12. 7. Februar 2013 11:50

    Abgründe tun sich hier auf. Das Foto passt wahrscheinlich am Besten zum Gefühl!

  13. 7. Februar 2013 13:02

    Rotewelt, aber immerhin kann ich nun fundiert sagen: och, das ist nix für mich. .))
    Kormoran, ha, das sind Abgründe, in denen Jahr für Jahr eine ganze Region versackt!

    • 7. Februar 2013 13:08

      Lakritze, stimmt, ich gehe ja nur von Vermutungen aus, was den Karneval betrifft, ganz unverifiziert, während du wenigstens an einem Experiment teilgenommen hast. ;-)
      kormoranflug und Lakritze: Das unscharfe Bild finde ich auch am besten! :-)

  14. 12. Februar 2013 14:21

    Ich finde Deinen Entdeckungsdrang bewundernswert. Das Gefühl, das erleben zu wollen, kann ich nachvollziehen, bin aber froh, dank Deiner beeindruckenden Beschreibung nun darauf verzichten zu können. Ähnlich geht es mir übrigens mit einer orthodoxen Messe…gibt es da auch bereits einen Lakritzsche Erfahrungsschatz, an dem ich teilhaben könnte, ohne es mir je antun zu müssen? Spätburgunder gibt es auch gute, so wie Rioja, Chianti, Merlot und Montepulciano ja auch. Ob vom Rhein, weiß ich allerdings nicht.

    • 13. Februar 2013 16:26

      Orthodoxe Messe steht noch auf meiner Liste. Davon wurde mir eindrucksvoll berichtet (Weihrauch, Stehplätze, Ohnmächtige), so daß ich nicht sicher bin, ob ich die Gelegenheit auch so entschlossen beim Schopfe packen würde.

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