Skip to content

Finstere Geschichten

31. Januar 2013

Der Wanderweg führt an einem dörflichen Totenacker vorbei: Bodendecker um Granitsteine mit einer Handvoll Namen, gut lesbar über die hüfthohe Hecke hinweg.

Außerhalb der Umfriedung, in dem schmalen, abschüssigen Streifen Gras, der eingezwängt ist zwischen Hecke und Weg, liegt eine schwarze Grabplatte. Die Namen zweier Eheleute stehen darauf, der des Mannes schon verblichen, sein Todesjahr 1952; die Frau starb 1986.

Die Vorstellung: wie sie mehr als dreißig Jahre dieses Grab hinter der Hecke besucht haben muß.

*

Im Haus der Großmutter tickten Uhren uns Kinder in den Schlaf. Jedes Jahr kamen wir zu Besuch, und jedes Jahr gaben dieselben Zahnräder und Läutwerke den Hintergrund für unsere Träume. Uhren über Uhren, seit Jahrzehnten in diesen Zimmern — wir fragten die Großmutter danach.

   Euer Großvater, sagte sie, hatte hier seine Uhrmacherwerkstatt. Die Leute haben ihre Uhren hergebracht, damit er sie in Ordnung bringt.
   Und dann?
   Dann haben sie sie heile wieder abgeholt.
   Sind die Uhren hier denn nicht heile?
   Nu, die sind alle repariert!
   Dann will die einfach keiner mehr haben?

Viel später erst begriff ich, daß die Uhren, die seit dem Krieg in der großelterlichen Wohnung immerzu abliefen und wieder aufgezogen wurden, Verschollenen gehört hatten. Gefallenen. Deportierten.

*

Als der Liebste schon eine lange Weile krank war, ließ er sich ein Buch schicken, das war gepriesen worden: ein »wichtiges«, ein »starkes Werk«, ein »Buch für diese Zeit«.

Dann lag es gelesen neben seinem Bett, und er sagte still und mit zwei steilen Falten auf der Stirn: Zeitverschwendung, das sei es gewesen.
Da hatte er noch vier Monate zu leben.

Ach, daß ich ihn nicht bewahren konnte vor diesem Buch.

Advertisements
13 Kommentare leave one →
  1. 31. Januar 2013 10:52

    die zeit, die zeit von martin suter fällt mir dazu ein. eine art philosophischer roman über den tod geliebter menschen mit krimielementen: ganz bestimmt keine zeitverschwendung. ich glaube, der liebste hätte es gemocht. und du vielleicht auch?

    • 31. Januar 2013 11:35

      Dank Dir, soso. Der Suter ist ein interessanter Tip — keine Zeitverschwendung, das klingt gut. Das Leben ist zu kurz für schlechte Bücher, schlechte Butter, schlechten Wein! Und viel zu kurz für schlechte Manieren.

  2. 31. Januar 2013 11:49

    Passende Worte für eine merkwürdige Zeit.

    • 31. Januar 2013 13:09

      Wie Zeit bitter werden kann, wenn man nicht aufpaßt. Manchmal braucht man Samthandschuhe …

  3. 31. Januar 2013 16:41

    Ausserhalb der Umfriedung: Ausschluss aus der christlichen Dorf-Gemeinde!

  4. 1. Februar 2013 12:49

    Traurig-nachdenkliche Wort über die Zeit…

    • 1. Februar 2013 13:00

      Es hilft nur eines: Carpe diem! Und gib auch anderen ab davon.

    • 1. Februar 2013 13:19

      Genau, es gibt diese Momente, die uns bewusstmachen, dass wir das tun sollten.

  5. 2. Februar 2013 3:36

    Das geht unter die Haut! Aber ab und zu muss das wohl sein.
    GLG

  6. 4. Februar 2013 16:27

    Sie machen mich nachdenklich in dieser grauen Zeit… Dass wir die Zeit, die wir mit denen, die wir lieben, gut nutzen müssen.

  7. 4. Februar 2013 18:50

    Vallartina, ja. Muß manchmal sein.
    Rich, und mit der Liebe nicht hinterm Berg halten.

Trackbacks

  1. Novembergedanken | normalverteilt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: