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Wenns dem Esel zu wohl wird

2. Dezember 2012

Ein Anlaß findet sich immer, zum Beispiel der, daß wir altern. Gefeiert wird! Sekt in Strömen! Herren in feinem Zwirn, Damen im kleinen Schwarzen, bittesehr!

Irgendwo unter dieser Adresse werden wir doch eine Dame finden. Viel braucht es eigentlich nicht, bißchen Glitzer, bißchen blickdicht, bißchen Absatz in Lack, und da wäre sie auch schon. Mit im Spiel: die Federboa Marke »halber Schwan«, die Perlenkette über den halben Rücken und Handschuhe bis zum Ellenbogen.

Nach Einbruch der Dunkelheit begrüßen sich lauter Fremde; aus den schönen Mädchen sind schöne Frauen geworden, und die Jungs von damals füllen ihre Jacketts. Die Jahreszahlen bei der Vorstellung deuten auf Vor- und Frühgeschichte, und wo hast du bloß dieses sagenhafte Kleid her? Aber Gelächter ist schnell zur Hand, die Musik dreht auf, warum also nicht gleich: Hals über Kopf?

Gruppen hüpfender und wippender Menschen mit Hosenträgern und Hüten oder mit fremden Federn geschmückt, und die Perlen auf den Kleidern korrespondieren schön mit Silber im Haar. Vorsichtige Blicke über die Tanzfläche: Na, wie wär’s, noch einmal, wie damals? Was für eine Frage – let’s swing!

Dann rauscht das Fest auf, die Stunden verschwimmen; erhobene Arme, gelüpfte Hüte und eine Serviette mit einer unlesbaren Botschaft, die der Saaldienst abräumt. Der halbe Schwan zeigt Talent zur Boa constrictor; bis zu drei Personen passen in eine Laokoon-Gruppe, aber am Ende fliegt dann doch das Gefieder, und alles geht noch mal gut.

Im Spiegel Fremde unter Fremden, doch alle zusammen sind wir Freunde, einmal wieder, für die Nacht. Jetzt werden Blicke überm Rotweinglas aufgefangen, Lächeln geblitzt und Schultern gezuckt. Alte Geschichten füllen den Raum bis zum Rand.

handschuh kronleuchter taille

Am nächsten Tag ist der Schnee zu hell, und die schmerzenden Köpfe und Knochen lassen keinen Zweifel: vorbei die Zeiten der zertanzten Schuh. Wir hätten es ja wissen können. Aber das nächste Fest, das wißt ihr auch, das feiern wir wieder, wie damals.

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18 Kommentare leave one →
  1. Philipp Elph permalink
    2. Dezember 2012 19:52

    Ja!?

    • 2. Dezember 2012 21:30

      Naja. Im Zweifel macht man immer wieder die gleichen Dummheiten. Oder??

    • 3. Februar 2016 15:23

      Ich habe mir erlaubt, die Dummheit unter F wie Federboa im Kleider-machen-Leute-Projekt zu verlinken. Nicht dass es da eine hässliche Lücke zwischen dem E und dem G gibt! (Natürlich hätte man auch die Handschuhe, Hosenträger oder Hüte als Aufhänger hätte wählen können. Schon allein wegen der mannigfaltigen Kleidungsauswahl muss der Text ins Projekt. Auch wenn die Begleitumstände mit Köpfen und Knochen suboptimal waren.)

  2. 2. Dezember 2012 23:06

    Tolles Fest, glaube ich.

  3. 2. Dezember 2012 23:17

    Liest sich sogar wie ein rauschendes Fest!

    • 3. Dezember 2012 9:21

      Feste verändern sich über die Jahrzehnte; zumindest der Rahmen wird anders. Aber dann ist oft irgendwann der Punkt erreicht (eher spät), wenn der Harte Kern übrig ist, wo dann doch wieder alles ist wie, naja, immer. Ich bin gespannt, wie lange sich dieser Effekt hält.

  4. 3. Dezember 2012 10:11

    lakritzes blog lesen = guter start in die woche. da wäre man gerne dabei gewesen.

    • 3. Dezember 2012 10:23

      Haha, die müden Knochen passen auch prächtig zum Montag –!

  5. 3. Dezember 2012 13:05

    es gäbe doch so viele neue dummheiten zu entdecken. wieso nehmen wir denn bloß immer die alten? :-)

    einfach schön, wie du schreibst. wie du andeutest. wie du stimmungen erzeugst.

    ich hoffe, der schnee sei nicht mehr ganz sooo hell :-)

  6. 4. Dezember 2012 13:31

    Interessant auch immer wieder zu hören, was das individuelle Erinnerungsvermögen (oder -unvermögen) aus den Geschichten von damals gemacht hat. Vielleicht ist es nicht einmal die Erinnerung die die Geschichten verändert, sondern ein Blick auf die Beteiligten. Sonderbar, wie manche Menschen im Herzen die alten bleiben, während andere sich zu solchen entwickeln, über die man früher gemeinsam gelästert hat. Über dieses Thema hab ich ja selbst vor nicht allzu langer Zeit was geschrieben.
    Dein Wiedersehen klingt jedenfalls sehr gelungen. Der Schnee ist ja auch schon geschmolzen, zumindest hier. Das Asphaltgrau bekommt den müden Augen der müden Partykrieger um einiges besser :)

  7. 6. Dezember 2012 9:15

    Soso, die alten sind doch schön — da weiß man, was man hat! (Und Schnee haben wir gerade wieder. Auch schön!)
    George, das finde ich auch interessant. Jeder macht sich aus dem Vergangenen die Geschichten, die zu ihm passen — Wahrheit ist absolut untergeordnet.

  8. 6. Dezember 2012 20:44

    Herren im feinen Zwirn und die Damen blickdicht gekleidet – welch seltener Anblick heutzutage!
    GLG

    • 7. Dezember 2012 15:25

      Tjaja. Darum macht es auch so einen Spaß. (Ein Herr im feinen Zwirn ist m.E. viel spektakulärer als eine Frau in Robe — die sieht im Zweifel einfach verkleidet aus.)

    • 8. Dezember 2012 1:00

      im Zweifelsfalle ja.
      Schönes Wochenende!

  9. 8. Dezember 2012 21:11

    Das Angedeutete mag ich auch sehr!

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