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Living with C.

19. Oktober 2012

Die Mitbewohnerin hatte ihn im Waschsalon aufgegriffen, wo er seine Wäsche mit in anderer Leute Maschinen zu stecken versuchte. Nun saß er am Küchentisch und sprach kein Wort Deutsch, ein seltsam blasser, drahtiger Mensch mit wachsamem Blick und starken Eckzähnen. Die sah man, wenn er lächelte; seine Augen sahen wir nicht lächeln, nicht an diesem Abend.

Auf Englisch und in Pantomime erzählte er starke Stücke: daß er seit zehn Jahren unterwegs sei, aufgebrochen irgendwo im Westen Amerikas, und über Asien nun nach Europa gekommen. Daß er gar kein Geld habe. Daß alles, was er besaß, in diesen Rucksack passe. Rule #1: Be organized.

So kamen wir zu einem Amerikaner in unserer Küche. C. stand in der Frühe als erster auf und rollte seinen Schlafsack zusammen; bis wir Kaffee machten, hatte er seine Kontaktlinsen eingesetzt und Zeit gefunden für die obsessive Zahnhygiene, von der ich später erfuhr, daß sie zutiefst amerikanisch ist.

Wenn wir von der Uni heimkamen, brutzelte eine Suppe auf dem Herd (wir fanden nie heraus, wo er die Zutaten herbekam). Mal brachte C. uns von seinen täglichen Streifzügen Klopapier mit oder stellte einen Wein auf den Tisch; er selbst trank meistens Tee. Rule #2: Be prepared.

C. besaß die Fähigkeit, mit vollkommen unbewegter Miene die absurdesten Dinge zu behaupten, todernste Dinge hingegen wie einen Witz zu behandeln. Er zitierte ständig amerikanische Fernsehserien, Werbesprüche und Talkshows der Siebziger und Achtziger. Wovon wir kein Wort verstanden; aber das war nicht schlimm, C. erklärte es uns ausführlich.

Dieser Sommer mit C. war überhaupt lehrreich. Wir lernten, wie man schwarzfährt, sich auf Veranstaltungen mogelt und wie man kostenlos und mit vertretbarem Aufsehen an eine Mahlzeit kommt. Was uns auch zustieß, C. wußte sich zu helfen. Rule #3: Be resourceful. Zu ergänzen mit: Sei dreist.

Bald stellten wir fest, daß sein Nachname auf Schwedisch – er hatte skandinavische Vorfahren – das gleiche bedeutet wie meiner auf Deutsch. Von da an nannte er mich »Li’l Sis’«. Als mein Englisch flüssiger wurde, korrigierte er mich: »Don’t say ain’t, girl, that’s just not, you know, nice …« Er begann, seine Reiseerinnerungen in mein aufgegebenes Tagebuch zu schreiben.

Abends telefonierte er mit seiner deutschen Freundin down in Munich. Einmal fragte er mich, was das Wort »Nichtsnutz« bedeute. Danach war er gereizt und schweigsam.

Als seine Zeit bei uns um war, versuchten wir es noch ein Weilchen zu ignorieren; aber eines Morgens war C. fort. Er hinterließ uns eine Zehn-Kilo-Trommel Waschpulver, einen Stapel Konserven nahe dem Verfallsdatum und einen nachgestellten Fotoreport über seinen Aufenthalt bei uns in Teddybear Town, einschließlich Bildern von uns (schlafend in unseren Betten) mit drumherum arrangiertem Leergut. Ich fand in meinem Bücherregal einen originalen Mr. Potatohead, mit einem Gruß vom großen Bruder im Hinterteil.

Wir bekamen noch zwei, drei kryptische Postkarten; auch in unseren Erzählungen war C. gelegentlich anwesend. Aber mit der Zeit schien uns selbst die ganze Sache immer unwahrscheinlicher, und das Leben ging weiter. Rule #4: Be gone.

Jedenfalls kann ich seitdem Englisch sprechen.

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20 Kommentare leave one →
  1. 19. Oktober 2012 15:04

    Es kann sich nur um den Asphalt-Cowboy handeln. Hats ihm in Florida auf Dauer doch nicht gefallen? Die Szene im Waschsalon habe ich noch am besten in Erinnerung.

    • 19. Oktober 2012 15:14

      Asphalt-Cowboy. Das hätte ihm gefallen!

  2. 19. Oktober 2012 16:47

    Was hat denn das Lächeln mit seinen Augen gemacht?

    • 19. Oktober 2012 18:15

      Er hat tatsächlich gelächelt; er war extrem reserviert. Hat gedauert. (Danke fürs Lektorat! .))

  3. 20. Oktober 2012 8:55

    Was für eine herrliche Art, eine Sprache sprechen zu lernen. Eine Begegnung für die Lebensgeschichten.

    • 20. Oktober 2012 9:17

      Ich komme immer etwas in Verlegenheit, wenn ich gefragt werde, ob das mein Schulenglisch sei. Wenn ich ernsthaft antworte, klingt es doch unglaubhaft.

    • 20. Oktober 2012 15:31

      Unglaubhaft ist doch gar keine Kategorie wenn man dafür so eine schöne Geschichte erzählt bekommt. Was ist schon Wahrheit?

    • 20. Oktober 2012 15:38

      Bekanntlich ist „truth stranger than fiction“, da beißt die Maus keinen Faden ab. Die Realität erscheint doch meist als zu dick aufgetragen.

    • 20. Oktober 2012 16:21

      .) Manchmal würde ich mir meine Kommentarspalte gern auf Kalenderblätter drucken.

  4. 20. Oktober 2012 16:38

    genial erzählte erinnerungsfetzen. du hast wirklich einen wunderbaren erzählstil. aber ich mag auch die figuren. ich mag die einfachheit, mit der c. sich in euere wg geschmuggelt hat. und das, was ihr in eurer gastfreundschaft und offenheit von ihm lernen durftet.

    danke fürs teilen!

    herzlich, soso

  5. 20. Oktober 2012 17:18

    Das gefällt mir jedes Mal, wenn Du Texte schreibst, die „stories“ sind!
    Sehr!

    mb

  6. 20. Oktober 2012 19:03

    Soso, mb, danke euch. Ich hatte den Text ehrlichgesagt als hoffnungslos aufgegeben — der Mann ist nicht einzufangen. Aber das ist ja auch schon wieder eine Erkenntnis.

    • 21. Oktober 2012 13:57

      Danke.
      Es ist ja sowieso eine interessante Frage, was zwischen Sender und Empfänger eines geschriebenen Gedanken verlorengeht oder neu entsteht. Wer hat das noch gesagt: Es lesen niemals zwei Menschen denselben Text?

    • 2. November 2012 18:44

      War das nicht Szondi? Oder doch Wolfgang Iser?

  7. 23. Oktober 2012 22:03

    Manchmal kann selbst die Realität Fiktion übertreffen. Umgekehrt wär’s Hollywood. Schöne Story, der Typ ist mir glaub ich, auch schon mal über den Weg gelaufen…
    LG

    • 24. Oktober 2012 9:08

      Haha, möglich wär’s! Den kann man übrigens bedenkenlos auf dem Küchenboden wohnen lassen, der ist ein Ehrenmann.

  8. 25. Oktober 2012 10:21

    Was für eine wunderbare Geschichte, Lakritze, und schön erzählt.

  9. 27. Oktober 2012 15:18

    Eine wunderschoene Geschichte, somewhat ‚haunting‘; (sorry, weiss dies nicht auf deutsch!).

  10. 2. November 2012 12:17

    Zauberhaft.

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