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Rheinsteig

11. September 2012

Auf der Strecke das Aufatmen, das In-Tritt-Kommen. Der Weg ist gut; seine Beschilderung läßt nichts zu wünschen übrig, und doch muß man ihm Aufmerksamkeit schenken. Die Gedanken fliegen nicht mehr so und bleiben in Sichtweite.

Septemberlicht. Brombeeren und Haselnüsse. Trauben sind noch nicht reif. Und mehr Eichhörnchen, als ich zählen kann. Ich habe es nicht geschafft, keinen Fotoapparat mitzunehmen, aber ich habe ihn kaum benutzt. Wege lassen sich nicht festhalten. Wie ich weiß, eigentlich.

Ich gehe allein. Das habe ich lange nicht gemacht, und ich genieße es, weder Rücksicht nehmen noch mich getrieben fühlen zu müssen. Außerdem bin es so nicht ich, die man kilometerweit durch den Wald hört: »… dabei war dat reiner Zufall, dat ich dem begechnet bin, und dann sacht der doch tatsächlich zu mir, is denn dat die Möchlichkeit, sacht der …«

Begegnungen sind allerdings selten; einige Goretex-Gruppen, wenige Paare und nur eine Einzelne ohne Rad oder Hund. Sie steht an einem Aussichtspunkt, reglos, die Hände auf den Hüften, und schaut still in die Ferne. Wir nicken uns kurz zu. Wie schön, denke ich und meine dabei ihre Versenkung und nur ein bißchen die Aussicht.

Ein paar Kilometer lang drehe ich Käfer wieder auf die Beine. (Weil ich erwachsen bin, nur die, die noch zappeln.)

Zwei-, dreimal der Punkt, an dem ich nach nicht enden wollendem Aufstieg erwäge, mich auf dem Weg fallen und vom nächsten Radler überfahren zu lassen. Gut, daß es so viele Radfahrer hier nicht gibt; das Brennen in den Lungen läßt bald nach, und weiter geht’s.

Wenn vor mir in der Senke ein Kirchturm auftaucht und ich durch Wiesen und Felder allmählich den Ort erreiche, muß sich das anfühlen wie zu Seumes Zeiten.

Auch das wie bei Seume, Eichendorff & Co.: die frischen Gesichter, das Lächeln der Kellnerinnen in Cafés und auf Terrassen, wohlgestalt und freundlich allesamt, und jedes stille Wasser eine Offenbarung. Man kann sich die Welt schöngehen.

Doch ach!

Einen Tag nur und einen halben Weg, dann muß ich dem Regen mit dem Zug davonfahren. In der Bahn schon packt mich das Wanderweh. Die Stubenluft fühlt sich verkehrt an. Ich bin noch lange, längst nicht sattgelaufen.

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25 Kommentare leave one →
  1. 11. September 2012 21:00

    Das muss einfach wunderbar sein, einen Teil dieser Strecke, noch dazu ganz alleine, für sich, zu gehen. Wie häufig ich mir das vorgenommen und dann doch wieder nicht gemacht habe.
    Versenkung – Aussicht – und dann sacht der doch – Käfer – schöngehen und Stubenluft: ein wunderbarer Text!
    Danke Lakrize,
    mb

    • 11. September 2012 21:08

      Danke, mb! Oh, geh. Es gibt nichts Schöneres. Ich könnte eine gute Karte verleihen und vor einer Herberge warnen.

  2. 12. September 2012 5:24

    du hast jetzt nicht geschrieben, wo du gelaufen bist, aber wenn auch nicht zeitlich, so haben sich dort doch unsere wege gekreuzt… ich wohne in der nähe des steiges am mittelrhein/loreley und kann dir nur zustimmen und danken für diesen bericht…

    • 12. September 2012 16:24

      Ein guter Platz! Nein, so weit südlich war ich nicht mehr. Die Loreley wäre ein guter Abschluß gewesen, aber ich hatte falsche Kleidung. Ein andermal …

  3. 12. September 2012 7:11

    Sich sattlaufen – ein schöner Begriff für den ungestörten Bewegungsdrang im Freien.

    • 12. September 2012 16:26

      Ich bin sicher, es geht auch mit anderen Übungen; Rudern zum Beispiel. Oder Olivenbäume schneiden (oder was immer man mit Olivenbäumen tut).

  4. 12. September 2012 8:18

    Dichterin, Du! Willkommen im Club der Goretex-Geschädigten! Parole: „Funktionskleidung nie!“.

    • 12. September 2012 16:28

      Ha! Wo kann ich unterschreiben? Ich sehe zwar immer etwas abgerissen aus, aber wenigstens wird meine Kleidung mich nicht um vierhundert Jahre überdauern.

  5. 12. September 2012 11:30

    „…und doch muß man ihm Aufmerksamkeit schenken.“ Und plötzlich offenbart er sich der Rheinsteig. Danke für den schönen Einblick.

  6. 12. September 2012 14:07

    Sie drehen also auch die Zappelkäfer wieder richtig rum? Ich dachte, ich bin der einzige Erwachsene, der an den hilflosen Arthropoden nicht einfach so vorbeigehen kann.
    Und daß Sie den Seume kennen …!

    • 12. September 2012 16:34

      Ach? Ach! Wie schön. Den einzigen Erwachsenen gibt es wohl schlicht und einfach nicht.
      Den Seume kenne ich, ja; leider auch nur vom Lesen. Was gäb ich drum, mit ihm mal ein Stück zu gehen.

  7. 12. September 2012 15:03

    Danke fürs Mitnehmen. Ich habe mich hingegen noch längst nicht sattgelesen an Deinen Texten.

    • 12. September 2012 16:35

      Ach, Frau Eichhorn! Irgendwann in der Mark …!
      (Und es waren wirklich auffallend viele Eichhörnchen unterwegs, rote und schwarze. Ich hab ihnen jedes Mal Grüße aufgetragen, aber ich fürchte, sie sind vergeßlich.)

  8. 12. September 2012 16:47

    Ja, den Spaziergang nach Syracus habe ich auch gerne gelesen, ich weiß gar nicht, ob Seume auch über seine Wanderungen in Schweden und Finnland schrieb. Und noch etwas, den Rheinsteig bin ich ebenfalls gewandert, aber im Gegensatz zu Utecht halte ich von Funktionskleidung viel – und da weiß ich, was ich sage, da ich häufig in der Hoch-Arktis gewandert bin. Man schwitzt nicht, sie ist leicht, sie stellt sich auf Wärme & Kälte ein und ist schnell gewaschen und trocknet im Handumdrehen. Es war ein Faktor in der polaren Expeditionsgeschichte, dass die englischen Explorer auf Wollsachen und Leinen setzten, was für die vielen Erfrierungen und das Gewicht der Schlitten verantwortlich war. Ich wandere immer in Funktionskleidung und lobe wie Seume meinen Schumacher ;-)
    Liebe Grüße von der heute stürmischen Küste Norfolks
    Klausbernd und seine munteren Buchfeen Siri und Selma :-) :-)

    • 12. September 2012 16:58

      Ich habe nur den »Spaziergang« gelesen; »Mein Leben« will ich noch. Da erwähnt er die Reisen sicher.
      Für den Polarkreis würde ich mir das mit der Funktionskleidung auch noch mal überlegen. Aber hier? In unseren Breiten? Die Sportartikelindustrie suggeriert uns, wir könnten ohne Goretex und Neopren nicht mal die Straße überqueren — da mache ich schon aus Prinzip nicht mit. Und die entgeisterten Blicke der Papageienfarbenen, die mich in hochgekrempelten Jeans offenbar für eine Halluzination hielten … Nee. Also echt.
      Grüße (aus reiner Baumwolle) zurück!

  9. 12. September 2012 17:16

    So ein schönes mit-sich-selber-unterwegs-sein! Das müsste ich mir selber auch einmal wieder gönnen, du hast mir einmal wieder Lust darauf gemacht.
    Vor vielen Jahren habe ich in so einer Situation das erste Mal den „perfekten Moment“ erlebt: tiefe Zufriedenheit, in sich selbst ruhend, nichts von außen focht mich an, der Blick über die Weinberge am Steigerwaldrand war auf unendlich gestellt. Nur selten erlebe ich solche Momente, immer unerwartet, immer zu kurz…

    • 12. September 2012 17:42

      Geh doch einfach los. Deine Erinnerung spricht dafür.

  10. joulupukki permalink
    12. September 2012 22:37

    Ach ja, allein auf den Berg rauf und oben dann auf der weichen Zauberalm im Gras liegen und mit den Fliegen einen Kanon summen…. ach, ging sich heuer garnicht aus :-(

    • 12. September 2012 22:43

      Nächstes Jahr wieder. Oder im Winter (dann ohne Wiesenbett und Fliegenchor)?

  11. karu02 permalink
    16. September 2012 15:59

    Ich bin beim Wandern schon lange niemand mehr begegnet, den man nicht kilometerweit hört. Das stille Gehen ist mir von den Tugenden die liebste, so wie Deine Texte über das Gehen mir die liebsten sind.

  12. 21. September 2012 10:36

    Ich bin gern mitgegangen, im Geiste. Ein wunderbarer Text. Allein sieht man anders.

    • 21. September 2012 21:48

      Das ist wahr; nur mir gelingt es nicht, im Gegensatz zu Dir, das auch zu bebildern. Auf den Fotos ist nachher nie das drauf, was ich gesehen habe.

Trackbacks

  1. Gerettet « VOCES INTIMAE
  2. Dort oben wunderbar | normalverteilt

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