Skip to content

Age of Aquarius (Dawning of)

15. August 2012

Es war der Sommer, bevor wir volljährig wurden. Diese Ferien, beschlossen wir, gönnen wir uns, als ob’s kein Morgen gäbe, und ich begann, Kaffee zu trinken, weil ich keine Nacht genügend schlief. Als dann Hellmis Eltern verreisten (das erste Mal ohne »die Kinder«), mußte etwas geschehen. Ein Einfamilienhaus in ruhiger Lage am Dorfrand, mit Partykeller, Gartengrundstück und Teich, sturmfrei – da wären wir doch blöd, wenn nicht.

Hellmi wußte nicht so recht; aber Ralle und Kris hatten große Pläne mit Disco und Matratzenlager. Sie hatten bloß nicht mit Hellmis Schwester gerechnet, der Pharmaziestudentin; wegen ihr wurde es dann doch nur ein Videoabend, »aber auf keinen Fall unter der Woche, ich muß lernen.«

Als wir hinkamen, zwei Mädchen, drei Jungs, war es kurz nach Zehn, ein schwüler Samstagabend. Hellmi, Ralle und Kris hatten geschafft wie die Irren und das komplette Wohnzimmer von Hellmis Eltern im Garten aufgebaut: Ledergarnitur, Glastisch, Medienschrank und mannshohe Lautsprecher, alles auf dem Rasen. Die Bar war fest im Bücherregal installiert, deshalb hatten sie mit Bierkisten und einer Tischdecke improvisiert. Wir waren beeindruckt.

Hellmi schien nicht ganz bei der Sache; er guckte nervös abwechselnd zum Himmel und zur Gartentreppe. Irgendwann kam seine Schwester runter; sie pfiff durch die Zähne und ließ sich auf den Zweisitzer fallen. Zehn Minuten später wußten wir, wieso sie so zahm war: Ein dicker Ford hielt am Zaun, ihr Typ stieg aus und stolzierte in den Garten mit einer Flasche Rotwein unterm Arm. Zweisitzer besetzt.

Aufs Sofa paßten nur vier, allerhöchstens fünf, also schnappten Caro, ich, Timo und Markus Kissen und Decken und machten es uns am Boden bequem. Ralle drückte jedem ein Bier in die Hand, auch denen, die keins wollten, Hellmis Schwester schaute streng, ihr Typ verlangte ein Rotweinglas; dann gingen Chips und Salzstangen rum, und Caro fragte: »Was gucken wir eigentlich?«

Den neuen Schwarzenegger hatte Timo nicht gekriegt (»schon seit Tagen ausgeliehen!«). Star Wars kannten außer mir alle, Horror schied per Mehrheitsbeschluß aus; kurz, wir wurden uns nicht einig. Die Diskussion zog sich in die Länge. Schließlich griff Hellmi ein Video aus dem Medienschrank: Hair. Milos Forman.
»Kennt das jemand?« Alle schüttelten den Kopf.
»Uralt. So Hippie-Kram.«
»Paßt doch bestens,« grinste Ingmar und klopfte auf seine Jackentasche.
»Irgendwer dagegen?« Ehe jemand den Mund aufbekam, hatte Hellmi den Film eingelegt, und los ging’s.

Stockdunkel war es inzwischen, und um den Fernseher schwärmten Nachtfalter. Caro quengelte – Mücken; Ingmar und Ralle rauchten dann netterweise in ihre Richtung. Hellmis Schwester und ihr Typ waren mit dem Zweisitzer verschmolzen. Ich lag bäuchlings, in eine Decke gewickelt, direkt vor der rechten Box.

Das ist jetzt wahrscheinlich ein blöder Zeitpunkt, es zuzugeben, aber eigentlich kann ich diese Geschichte überhaupt nicht erzählen. Es war dunkel, es war warm, der letzte Kaffee schon ein paar Stunden her; die Erde zog mich an sich.
»Gar nicht übel, die Musik«, hörte ich Kris noch, dann drehte er die Anlage voll auf (… across the Atlantic seeeeeeea …), und dann bin ich eingeschlafen.

Den Rest habe ich hinterher von den anderen gehört. Wie sie Ingmars Joint geraucht haben, sogar Hellmis Schwester. Wie ihr Typ den Rotwein über die Ledergarnitur geschüttet hat und alle das saulustig fanden. Wie Kris zwei offene Bierflaschen im Teich kühlen wollte, die dann umkippten, und wie Hellmi ein Riesentheater gemacht hat wegen der Goldfische und immer um den Teich rumgerannt ist. Und wie der Wolkenbruch kam.

Hair war da wohl schon vorbei gewesen; zum Glück hat einer geschaltet und den Medienschrank auf die Terrasse unter das Vordach gezerrt. Irgendwann rafften es auch die anderen und schleppten Möbel, Anlage und mich ins Trockene, und alles in allem war eigentlich gar nichts Schlimmes passiert. Sogar den Fischen ging es gut, wie sich am nächsten Tag zeigte. Bloß der Zweisitzer hatte einen Fleck (»bei Rotwein immer Salz drauf«, hatte Ralle empfohlen, aber genutzt hat es nichts). Und Caro war dann ein paar Jahre mit Timo zusammen.

Als ich aufwachte, hockten jedenfalls alle unter dem Vordach, schauten sich den Regen an und redeten leise miteinander.
»Mann, du kannst vielleicht pennen! Echt, wie ausgeknipst … direkt an der Box, bei voller Lautstärke, und bei dem Gewitter – du wirst bestimmt mal Beamtin!«
Und der Film, der sei eigentlich gut gewesen, ganz schön traurig aber.

Wochenlang litt ich unter dem diffusen Gefühl, etwas verpaßt zu haben, und unter unerklärlichen Ohrwürmern. Hair habe ich später doch noch gesehen, ausgeschlafen, an einem sonst ereignislosen Sonntagnachmittag.

Advertisements
42 Kommentare leave one →
  1. 15. August 2012 11:18

    Vielen Dank! Falls Du die Ohrwürmer auffrischen möchtest – ich habe noch die LP mit dem Soundtrack…

    • 15. August 2012 11:53

      Echt, die LP! Und ich dachte, ich sei altmodisch — das Video habe ich letztes Jahr entsorgt.

    • 15. August 2012 12:17

      Ja, ich habe just gestern meine LPs durchgeguckt mit dem Gedanken, sie zu verkaufen und mir die relevanten auf CD anzuschaffen. Denn eigentlich bin ich jemand, der einfach die Lieder greifbar haben möchte, ich muss das nicht auf Vinyl hören können. Aber an einigen scheine ich doch mehr zu hängen als mir bewusst war. Ein Ablösungsprozess ist immerhin in Gang gesetzt worden. Und für manche könnte ich tatsächlich ein wenig Geld bekommen…

    • 15. August 2012 12:35

      Da ich keinen Plattenspieler besitze, werde ich Dir keine abnehmen. Aber vielleicht solltest Du sie auf dem Blog annoncieren? Das hätte Geschichten-Potential. .)

    • joulupukki permalink
      16. August 2012 7:01

      *meld*
      vinyl bitte zu miiir!

    • 16. August 2012 15:31

      @lakritze: ich denke darüber nach. Vielleicht annonciere ich sie nicht direkt auf dem Blog – es soll ja zumindest so viel dabei rüberkommen, dass ich mir die entsprechenden CDs kaufen kann – aber Geschichten gäbe es einige, das stimmt.
      @joulupukki: Du hörst Platten? Lieber als CDs?

    • joulupukki permalink
      16. August 2012 20:50

      Auf jeden!

    • 17. August 2012 10:46

      Interessant. Was macht da für Dich den Unterschied?

    • 17. August 2012 11:01

      wollte ich auch gerade fragen

    • joulupukki permalink
      19. August 2012 14:06

      S’wär jetzt glatt gelogen, wenn ich sonderlich geschulte Ohren vortäuschen würde. Es ist ein rein haptisches Vergnügen, aber das lass ich mir nicht nehmen!

    • 19. August 2012 14:37

      Du meinst dieses kleine Pusten, wenn die Platte auf ihrem Teller landet? Die großen Hüllen haben mir natürlich auch gefallen; die lassen sich m.E. viel schöner gestalten als die winzigen CD-Dinger.

  2. 15. August 2012 11:47

    Tja, der Wassermann hatte damals so einiges zu verantworten …

    • 15. August 2012 12:36

      Ich staunte auch gerade über die »Wassermann-Reaktion« (mehr hier).

    • 15. August 2012 12:42

      Und dann hätten wir noch den zu Unrecht fast vergessenen Jakob:
      http://gutenberg.spiegel.de/autor/623

    • 15. August 2012 16:30

      Sooo vergessen ist er nicht! Die Melusine habe ich mal gelesen (natürlich: sein erstes Buch …) im Rahmen eines Korrekturleseauftrages. Das kennen Leute!

    • 15. August 2012 20:22

      Und ich bin durch die Verfilmung von „Der Fall Maurizius“ zum ersten Mal auf ihn aufmerksam geworden.

    • 15. August 2012 21:37

      Oh, und den kannte ich nun nicht. Welche denn genau? Werde mich mal auf die Suche machen! Danke!

    • 15. August 2012 21:51

      Kann es sein, dass (oder daß) dieser Kommentar eigentlich woanders hingehört? Ich kapier ihn nämlich nicht.

    • 15. August 2012 21:56

      Nein, schon richtig. Ich hatte nur gesehen, daß es drei Verfilmungen gab; allerdings nur eine deutsche, von 1981 — die gibt’s als DVD.

    • 15. August 2012 22:03

      Ich kenne nur die deutsche. Aus dem Fernsehen. 1981 war das also? Ich dachte früher.

  3. 15. August 2012 14:09

    tja, irgendwann muss man einfach mit der Wahrheit heraus…

    • 15. August 2012 16:28

      … und zugeben, daß die wilde Jugend so wild dann doch nicht war. ,)

  4. 15. August 2012 21:27

    Danke für Deine Geschichte. Die wir ähnlich durchmachten, fast jedenfalls. Ok, es fehlte der Teich und Ralle hieß Rolf. Aber sonst …

    • 15. August 2012 21:43

      Ihr wart auch dabei? Das kann natürlich sein, aber mir könnt ihr viel erzählen, ich habe ja geschlafen …

  5. joulupukki permalink
    16. August 2012 7:06

    Jö, Kindheitserinnerungen. Danke, sowas lese ich gerne! Und die Idee das Wohnzimmer im Garten aufzubauen gefällt mir ungemein. Ich wollte immer mal mein Bett in den Wald bringen und dort übernachten, oder gleich auf die Alm. Zum Zelten bin ich – scheints – zu bequem :-S

    • 16. August 2012 9:33

      Ohne was im Wald kenne ich, aber Bett im Wald – das hört sich phantastisch an! Wunderbare Idee!

  6. meme permalink
    16. August 2012 11:27

    Ich such jetzt gleich die CD – alle LP sind auf dem Dachboden verstaut – und genieße die Fahrt ins Büro. Schön, dass Du mich erinnert hast.
    Hair – ich liebe es. Das einzige Musical, das ich mir je angeschaut habe, anschauen werde – zuletzt als wundervolles Laientheater hier in der „Pampa“.

    Vinyl ist übrigens nicht tot – ganz im Gegenteil.

    • 16. August 2012 11:57

      Ha, meme, das freut mich. Und erinnert mich an diese Schulaufführung von »Hair«. Sie hatten den einzigen Dunkelhäutigen an der Schule überzeugt, mitzuspielen, allerdings konnte er nicht singen und mußte daher Playback machen. Und weil er keine Haare hatte, trug er eine riesige Perücke, die er sich dann beim (donnernden) Schlußapplaus runterriß … Das waren Zeiten.

  7. 16. August 2012 16:29

    Ich habe erst letztlich alle meine Batikhemden verkauft und den Erlös in Vinyl investiert. Aber eigentlich kommentiere ich gerade, um Dich zu beschimpfen. Fiese Ohrwürmer hast Du mir da eingepflanzt…

    • 16. August 2012 16:48

      Ja, ich erwäge auch schon einen Antidot-Artikel, vielleicht was mit ABBA …?
      (Aaaargh!)

  8. 6kraska6 permalink
    16. August 2012 18:56

    Die Goldfische erzählen heute noch davon…

    • 16. August 2012 19:28

      Und da sage noch mal einer, die hätten so eine kurze Gedächtnisspanne!

  9. 17. August 2012 19:18

    Tolle Idee, das elterliche Wohnzimmer in den Garten umzusiedeln… Und man kan viele tolle Dinge tun, wenn die Bude sturmfrei ist. Meine Schwester hat beschlossen, zu heiraten, als mein Vater mit seiner LAG im Urlaub war. Gefeiert wurde auch im sommerlichen Garten, die einzige Hochzeitsfeier, die mir uneingeschränkt gefallen hat! Und ich war noch auf inzwischen 12 anderen…
    /me summt ein kleines „Hair“Medley…..

    • 17. August 2012 20:35

      Ah, Heiraten im Garten — das fehlt mir noch in der Sammlung. (Heiraten bei Sturmfrei gab’s schon.) Kann man vielleicht mit Gummistiefeln bestreiten.
      Und bittebitte keine Hair-Medleys …
      Oweh. Zu spät.

    • 18. August 2012 13:50

      Es wurde nur im Garten gefeiert, gegrillt, eine improvisierte Hochzeitstorte mit geräubertem Beerenobst vom Vater und das Beste war, dass unsere Nachbarin Oma Radtke glücklich und mit einem Bier mitten zwischen uns jungen Dingern saß und sich köstlich amüsierte.

    • 18. August 2012 14:55

      .D Klingt rundum herrlich.

  10. 23. November 2013 20:15

    besser spät als nie lese ich diesen text … köstlich. deinen schlaf möchte ich auch mal haben. :-)

    • 24. November 2013 10:33

      Haha! Ja, schlafen kann ich immer. Man sagt, das höre irgendwann auf; ich glaube es noch nicht …

  11. 5. April 2014 7:24

    Toll. Jetzt habe ich einen Ohrwurm. *träller* This is the dawning of the age…“ Ich hatte übrigens nie die Platte, weil komme aus dem Osten und da hatten wir nicht so viel Zeit nach der Wende, uns Platten zu kaufen – kurze Zeit später kamen ja die CD’s. Aber DIE hab ick! :-)

    • 5. April 2014 19:26

      Ich hatte die CD nie, und die Platte auch nicht. Nur den Ohrwurm; gut, daß es dafür keine Gemagebühr gibt …

  12. Philipp Elph permalink
    6. Mai 2014 11:22

    Ach, war das eine schöne Zeit!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: