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Die Wette

1. August 2012

Die Konferenz in London sei ihre erste größere gewesen, mit Flug, vom Institut bezahlt. Nach einem ausgefüllten Tag seien sie und der Arbeitsgruppenkollege noch ins Pub gegangen; ungewohnt dünnes Bier bis zur Sperrstunde, die unerwartet plötzlich kam, und danach weiter in einige Bars. Am Ende des Abends hätten sie, beide immer noch konferenzschick, in der Circle Line darum gewettet, wer freihändig über mehr nutzloses Wissen verfüge.

Die erste Runde habe sie mit dem Schwimmtempo des Grönland- oder Eishais eröffnet; der Kollege habe mühelos dagegengehalten und die olympische Muse der epischen Dichtung mit Namen genannt. Daraufhin habe sie die sechs Edelgase mit Symbol und Ordnungszahl aufgezählt, was der Kollege mit π bis zur 31. Stelle kontern konnte. Bei den zweiten Vornamen bekannter Komponisten ging das Licht aus und die Notbeleuchtung an (was die Londoner im Wagen ebensowenig zur Kenntnis nahmen wie die beiden konzentriert aufeinander eindozierenden Deutschen). Der Geruchssinn der Stubenfliege, die Spationierung im Bleisatz und wie Pinguine schmecken – die gegenseitige Hochachtung stieg mit jedem unentschiedenen Schlagabtausch.

Gewonnen habe dann aber doch sie. Als sie aus dem Stand beschrieb, wo sich auf der tschechischen Tastatur das Ogonek befindet, habe der Kollege die Waffen gestreckt. Das, habe er verkündet, sei mit Abstand das Nutzloseste, was man nächtens in einer Londoner U-Bahn wissen könne, und habe ihr mit einer feierlichen Verbeugung den Titel »Königin des unnützen Wissens« zuerkannt. Bis heute nenne er sie so, alle zwei, drei Jahre beim Kaffee.

Nun müsse sie aber wirklich los, morgen früher Termin; allen noch einen schönen Abend! — Nachdem sie gegangen war, die Frau mit dem anerkannt größtmöglichen unnützen Wissen, unterhielten wir anderen uns darüber, wie so eine Wette heute wohl aussähe, im Zeitalter des Smartphones, und einer am Tisch hatte auch schon eines aus der Tasche gezogen und tippte darauf herum.

Moment mal, sagte er plötzlich, und alle schauten, und dann kam es: Auf der tschechischen Tastatur gibt es gar kein Ogonek!

Sie hat das natürlich gewußt, sagte einer am Tisch, und eine andere: Ja, aber der Kollege nicht. Das, bemerkte ein weiterer, wäre ja auch kein nutzloses Wissen gewesen, in diesem speziellen Fall. Und während die Diskussion aufflammte, wem denn nun und warum der Titel zugestanden hätte oder nicht, legte ich innerlich einen Wiki-Eintrag an:

Ein tschechisches Ogonek ist die plausible, mit beiläufiger Überzeugung vorgetragene, aber nicht überprüfbare Behauptung, die einem unlösbar scheinenden Konflikt zur rechten Zeit ein Ende setzt und/oder dem Behauptenden Renommee verschafft; der Wirkmechanismus gleicht dem des salomonischen Urteils. Idiomatische Verwendung: »um eines tschechischen Ogoneks Breite«, »jmd. ein tschechisches Ogonek aufbinden«. (Siehe auch: Bluff.)

 

 

 

Diese Geschichte legt trotz ihres hohen Alters einen Sprint ein und mischt sich unter die Texte zu Gratwanderung, Wort 1 im Projekt *.txt von Dominik Leitner.
–> alle meine *.txte

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10 Kommentare leave one →
  1. 1. August 2012 18:17

    Ich liebe unnützes Wissen!

  2. 1. August 2012 18:34

    Wow! Das unnütze Wissen ist sowieso das am meisten unterschätzte ;-))

  3. Philipp Elph permalink
    1. August 2012 21:52

    Dann scheint das CZ-Ogonek eher ein Bär zu sein, so man es jemandem aufbinden kann – aber das zu wissen ………….

  4. 1. August 2012 23:24

    das muss ich mir merken, das Ogonek, das tschechische! :lol

  5. 2. August 2012 10:51

    Vilmos, das Netz ist da bestens ausgestattet. Ich glaube, es gibt inzwischen mehr Seiten über unnützes Wissen als unnützes Wissen …
    Rich, die Nutzlosigkeit an sich ist noch weitgehend unerforscht. Da könnte man doch vielleicht mal — (Es gibt ein Kapitel in Bill Brysons »At Home«, das sich mit dem anglikanischen Klerus des 18. Jahrhunderts befaßt. Ein Lob der Nutzlosigkeit!)
    P11, jetzt wo Du’s sagst: Künftige niedliche Zooattraktionen sollten unbedingt die Namen von Diakritika erhalten. Ogonek, Hatschek, Tilde, Kroužek, Makron, Cédille, Trema — alles prächtige Bärennamen!
    Vallartina, es wäre mir eine Ehre, wenn der Ausdruck in Umlauf geriete! Im Augenblick findet Google ihn nur hier, bei mir. ,)))

  6. joulupukki permalink
    11. August 2012 0:54

    Wieder ein Wort gelernt! Danke!

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