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»1636«

3. Mai 2012

In den Morgenstunden des 4. Oktober 1636 begann bei Wittstock nördlich von Berlin eine der entscheidenden Schlachten des Dreißigjährigen Krieges. Die Schweden kämpften gegen das überlegene kaiserlich-sächsische Heer, und sie siegten. Davon weiß man, weil es zahlreiche zeitgenössische Berichte gibt, Briefe von Heerführern, Musterrollen, Kupferstiche. Und 2007 wurde das Grab von 125 Gefallenen entdeckt — Menschen aus der Gegend sowie Söldner aus Skandinavien und Schottland, dicht an dicht auf dem Schlachtfeld beerdigt.

Ich weiß davon, weil ich Richensas Blog lese. Und auch wenn ich Schlachtenaufstellungen zu Schulzeiten immer möglichst schnell wieder vergessen habe, wollte ich diese Ausstellung sehen.

Im Kreuzgang des Pauliklosters.

Untergebracht ist sie im Archäologischen Landesmuseum von Brandenburg an der Havel, einem wunderbaren Backstein-Klosterbau am Rande der Altstadt, Fußweg vom Bahnhof etwa zehn Minuten.

Die Sonderausstellung »1636« ist zwei Räume groß und zeigt natürlich Knochen: allerhand, was man alten Skeletten für Informationen entlocken kann; nicht nur über die Todesumstände der Menschen, sondern auch über Herkunft, Werdegang, Krankheiten, Ernährung und Zeiten des Mangels.

Drumherum: sorgfältig zusammengestellte Exponate, die das Leben in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges illustrieren. »Kriegshandwerk«, »medizinische« Versorgung, Religion, Zerstreuung … Sachlich und unsentimental ist dieser Blick fast vierhundert Jahre zurück. Der Effekt ist erstaunlich: aus den dürren Zahlen, die ich im Geschichtsunterricht gelernt habe, wird hier eine Epoche, in der nicht leben zu müssen ich froh bin. Und der immer wieder neue Schrecken darüber, wie dünn der Mantel der Zivilisiertheit immer schon gewesen ist.

Kriegersilhouetten im Garten.

Das Glanzstück der Ausstellung ist sicher ein schottischer Krieger, nach allen Regeln der Anthropologie lebensnah rekonstruiert. Ihm steht man unvermittelt gegenüber, wenn man dem Schlachtenlärm bis in den letzten Raum folgt. Aber auch schon ohne die konkrete Wiederauferstehung gelingt es den Ausstellungsmachern, ein lebendiges Bild der Zeit zu schaffen.

Unter der Woche ist nicht viel los im Paulikloster; in den beiden Sälen war ich meist allein mit der Endlosschleife der Audioinstallation. (Die ich mir deshalb weggewünscht hätte.) Ich will übrigens noch einmal hin: Von vier versprochenen Löwen in den Vitrinen habe ich erst die Hälfte gefunden …!

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9 Kommentare leave one →
  1. richensa permalink
    3. Mai 2012 15:35

    Welche Hälfte hast du denn gefunden?

    • 3. Mai 2012 18:12

      Gleich im ersten Raum, bei den Ausrüstungsgegenständen: einen Beschlag in Löwenkopfform (sah aus wie ein Knopf) und einen Ring mit zwei tatzelnden Löwen.

  2. kormoranflug permalink
    3. Mai 2012 17:28

    Sieht irgendwie gefährlich aus, der Hof mit den Blechkameraden.

    • richensa permalink
      3. Mai 2012 18:10

      Es sind hölzerne Kameraden, die in ihrer Anzahl die Menge der Toten aus dem Wittstocker Massengrab zeigen sollen…

    • 3. Mai 2012 18:15

      Hier steht etwas mehr dazu; ich tendiere zum Verstecken von Bildunterschriften …

  3. Philipp Elph permalink
    3. Mai 2012 20:54

    Lakritze, ich beneide Dich! Du hast sie gesehen, die Ausstellung. Ich werde wohl nicht dort hinkommen. Was ich gelesen habe über die Ausgrabungen und die Ergebnisse, hat mich fasziniert. Das waren richtig kriminalistische Ermittlung, was die Erforschung von Todesumständen der Menschen, aber auch Herkunft, Werdegang, Krankheiten, Ernährung der Söldner betrifft. Und Krimis liebe ich.

    • 3. Mai 2012 21:19

      Oh, Du kämest voll auf Deine Kosten! Außerdem sah das, was ich da an den Zugfenstern habe vorbeiziehen sehen, recht attraktiv aus — und von Berlin ist es nur eine Stunde. Wenn das nicht alles sehr dafür spricht?!

  4. 9. November 2013 23:47

    Die Ausstellung habe ich ihn München gesehen und fand sie großartig. Spannend dieses Spiel „wer wäre ich damals gewesen“. Erschreckendes Ergebnis jedenfalls – Zahnfäule, Syphilis, Pest.

    • 10. November 2013 11:08

      Ich wäre natürlich schon seit Jahren tot gewesen, vom siebten Kindbett nicht mehr aufgestanden.
      Die Ausstellung war klasse (und ist jetzt in Schweden?); ich habe den zweiten Besuch leider nicht mehr geschafft.

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