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Gesucht, gefunden

3. April 2012

Eine ganze Wand mit tausend Nägeln, und daran tausend Schlüssel, für Autos, Wohnungen, Fahrräder, Garten- und Garagentore. Dazwischen baumeln Ledermäppchen, Golfbälle, Plüschtiere mit langen Hälsen. Ringsum Schränke, auf und in denen sich Rucksäcke stapeln, Skateboards, Handtaschen und Koffer, Schirme, Mäntel, Hundeleinen.

Alles, was nicht niet- und nagelfest ist und nicht angewachsen, was man stehen, liegen und hängen lassen kann auf Parkbänken, in Geschäften, in Gedanken, findet hier Trost und Zuflucht: Komm nur her, armes Ding, hier bist du gut aufgehoben. Hier haben die unklaren Verhältnisse ein Ende; hier ist der Limbus, aus dem du errettet werden wirst von deinem dich liebenden Besitzer. Und sollte doch alles anders kommen, naja, wirst du halt versteigert. Findest einen Neuen.

Inmitten der Vermißten und Verschmähten sitzt der Mann vom Fundbüro. Er versieht jedes Fundstück mit einem Schild, das er an Paketzwirn festknotet, ein paar Ziffern auf Papier; ihr Doppel registriert er in seiner Kartei. Dann kann das Warten beginnen. Für Wertvolles und Elektronisches kommt das Happy-End oft schnell; Schal, Mütze, Handschuhe und andere ersetzliche Dinge lagern länger und dünsten den Geruch ihrer Besitzer, die sie wohl nicht wiedersehen werden, in den Raum.

Das Erstaunliche, ja, geradezu Wunderbare ist: zu jedem einzelnen Ding hier gehört ein ehrlicher Finder; auch der ist in der Kartei vermerkt. Könnte man in diese Kartei hineinschauen, sähe man lauter freundliche, gewissenhafte Leute, die Umwege machen, um einem Unbekannten etwas Gutes zu tun.

Und wenn sie glückt, die Wiedervereinigung des Dings mit dem Besitzer, dann wird ein Schwung Segen herabgewünscht auf das Haupt des Finders, auf diese fabelhafte Einrichtung der Stadt und natürlich auf den Mann vom Fundbüro, dessen Buchführung kleine Wunder möglich macht.

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12 Kommentare leave one →
  1. walterlenz permalink
    3. April 2012 10:30

    Köstlicher, ja beinahe rührender Artikel.

    • 3. April 2012 11:24

      Danke, Lenz. (Ist ja auch was Rührendes: institutionalisierte Freundlichkeit.)

  2. 3. April 2012 16:12

    Deine freundliche, fast fürsorgliche Art der Aufmerksamkeit an diese „verlorenen“ Dinge erinnert mich daran, wieder etwas bewusster mit den alltäglichen kleinen Dingen und so selbstverständlich gewordenen Gegenständen umzugehen!
    Beste Grüsse und danke!

    • 3. April 2012 16:43

      Danke, Vallartina (und willkommen!). Ich glaube, ich habe gerade den Beruf der Fundbüroverwalterin als Traumberuf entdeckt. .)

  3. 4. April 2012 9:17

    Eine sehr liebevolle Beschreibung, Lakritze. Vielleicht solltest du wirklich Fundbüroverwalterin werden! ;-)

  4. 4. April 2012 9:52

    Glücklichmachend: ehrliche Finder, Fundbüros und Lakritzes Blogbeiträge.

  5. karu02 permalink
    4. April 2012 10:01

    Das gefällt mir sehr. Erstaunlicherweise kommen Menschen, die etwas verloren haben, nicht gleich darauf, beim Fundbüro nachzuforschen. Aus diesem Grund bleiben wahrscheinlich so viele Dinge dort liegen und hängen. In jedem einzelnen Teil steckt sicher eine Geschichte.

  6. 4. April 2012 14:44

    Rotewelt, das wäre so ein Beruf für Philosophen. Oder für Philanthropen. Ich bin nicht so sicher, ob das was für mich wäre, aber man weiß ja nie.
    Frau Eichhorn: Danke! Doch, ich glaube, aus dem Fundbüro gehen viele Menschen mit einem strahlenden Lächeln wieder hinaus.
    Karu, ins Fundbüro gehen heißt, ans Gute im Menschen glauben … Das war auch mein Empfinden: diese ganze Einrichtung vibriert geradezu vor Geschichten. Und wahrscheinlich wird sie keiner je erfahren.

  7. 4. April 2012 20:13

    Schön, wie der ehrliche Finder bei Dir Erwähnung findet.
    Interessant ist auch das Phänomen der Ersteigerung von Gepäck bei der Bahn oder einer Fluggesellschaft. Ich kenne ein Paar, das regelmäßig an diesen Versteigerungen teilnimmt und alle paar Wochen ein ungeöffnetes Gepäckstück mit nach Hause schleppt … eine Art Überraschungsei für Erwachsene vermutlich.

    • 5. April 2012 8:16

      Oh, ich kann den Reiz verstehen, wollte so was aber nicht im Hause haben! Ich habe auf so einer Versteigerung mal ein wunderschönes hundertjähriges Fahrrad ergattert, das mir prompt ein paar Monate später am Bahnhof geklaut wurde; Gemeinheit.

  8. 4. April 2012 22:42

    Wahrscheinlich heißt er Anton und kommt aus Padua, der freundliche Hüter des Verlorenen.

    • 5. April 2012 0:05

      Ist da ein Heiligenschein zu sehen –? Dann weiß ich ja jetzt, an wen ich meine Stoßgebete zu richten habe.
      (Das gefällt mir an den Katholiken. Sie haben so einen pragmatisch eingerichteten Heiligenhimmel.)

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