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Kalte Schulter

1. April 2012

Bahnhöfe sind Einfallstore und machen selten Lust zu bleiben. Ein Bahnhof ist kein gutes Aushängeschild, darum will ich ihr den ihren nicht verübeln, dieser Stadt; lieber schnell hinaus auf den Vorplatz und weiter in die Straßen und Gassen.

Am Wegrand hat sie bis dahin bereits tausendfach versichert, wie gern sie einen habe; eine Nette sei sie ja. Und beliebt. Und erfolgreich. Und auch kulturell ganz vorne mit dabei. Und wie er ihr glücke, der Spagat zwischen volkstümlich und gediegen … Ach, sei doch ruhig, fahre ich ihr in die Parade. Gut gegackert, aber nun die Eier, bitteschön. Mein Mißtrauen jedenfalls hat sie geweckt.

Vorm Bahnhof dann: da war mal ein Rotlichtviertel. Die meisten Puffs haben sich gemausert zu besseren Hotels für Messegäste. Souvenirs gibt’s reichlich, Stadtdevotionalien im Überfluß. Auslagen und Fassaden sind so vorteilhaft beleuchtet, daß selbst vereinzelter Schmuddel wie geleckt erscheint. Und über der Inszenierung wachen scharenweise Kameras.

Nie saß ich in so properen U-Bahnen, selten bekam ich so unfreundlich Auskunft. Die Speisekarten waren erwartbar oder abgehoben, die Portionen groß und lieblos, die Kellnerinnen schnippisch (oder nicht von hier), der Kaffee überteuert. Diese Stadt und ich, wir haben nicht zueinander gefunden; am Ende war ich froh, wieder am Bahnhof zu sein. Ich habe güldene Eier auf den Dächern gesehen, denkmaltauglich angestrahlt, aber kein Nest. Zumindest nicht für mich.

Mit anderen Worten: Ich war in München, und ich habe kein einziges Bild gemacht. (Passende Fotos gibt es hier.)

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29 Kommentare leave one →
  1. 1. April 2012 22:09

    Hm. Ich hatte ja zuerst eine andere Stadt in Verdacht … ;-)

    • 1. April 2012 22:15

      Oh, welche denn? Wahrscheinlich gilt die Beschreibung für jede Stadt, wenn man sie nur von Herzen haßt.

  2. ottogang permalink
    1. April 2012 23:31

    Das ist schade, eine Stadt auf die Umgebung des Bahnhofs zu reduzieren.
    Da gibt es sicher viele, die gleich zu beschreiben wären.
    Wir hatten heute einen schönen Tag in München, es war zwar kalt, aber strahlender Sonnenschein.
    Und die U-Bahn bietet natürlich nicht sehr viel vom Anblick einer Stadt.
    Versuchs noch einmal und sag mir vorher Bescheid.

  3. 2. April 2012 0:03

    „Wenn man sie nur von Herzen hasst“ ist gut ;-). So lange man/frau nicht gezwungen ist, in einer ungeliebten Stadt seine/ihre Zelte aufzuschlagen, kann man sie ja meiden und braucht keinen Gedanken an sie zu verschwenden. Nach München habe ich mich in meinem Leben erst dreimal (3x) verirrt. Da kann ich gar nicht mitreden. Aber ich verrate nicht, an welche Stadt ich dachte – die hat mir ja nichts getan, auch wenn ich sie nicht mag.

  4. 2. April 2012 0:08

    Auch nicht meine, noch nie nicht, nein.

  5. 2. April 2012 5:14

    „Denkmale“ laden doch ein zum Verlieben, was ist passiert mit unseren Städten? München kenne ich zu wenig, war dort nur einmal zum Seminar. Aber fast überall sind die Bahnhöfe abstoßend und die Denkmale, die uns nach Hause holen sollen, verlieren mehr und mehr ihre Gesichter. Das Alter und die Narben werden wegretuschiert und die kalte Schulter wird durch überzogene Sanierungen herausgearbeitet. Es sind nicht die Bahnhöfe und Denkmale, die uns abstoßen, es sind die Menschen, die alles nur vermarkten, pompös anpreisen, mit Events prahlen und nur die Geldbörsen aussaugen.

    • 2. April 2012 11:17

      Einen klugen Menschen habe ich sage hören, daß der Wert von Städten immer nur pekuniär beziffert wird — es geht in der Planung nie um Lebens-, es geht um Einkaufsqualität. Wohnhäuser werden für Einkaufszentren geopfert; Plätze und Gassen werden »erschlossen« und »überbaut«. Bäume, Brunnen und Spielplätze sind nicht so wichtig wie A-Lagen und Kundenströme, die, irgendwo reingelotst, nicht wieder entkommen sollen. Unwirtlich.

    • 4. April 2012 23:42

      Wieso war das ein kluger Mensch?

    • 5. April 2012 0:17

      Weil er das nicht nur bemerkt, sondern auch gesagt hat auf einem Treffen von Leuten, die die Tatsache, daß Städte ihren Bewohnern gehören, zu gerne unter den Tisch gekehrt hätten.

  6. 2. April 2012 8:15

    Ottogang, KiS, nicht daß hier ein falscher Eindruck entsteht: Ich war nicht nur am Bahnhof. Ich war auch im Deutschen Museum, auch im Zoo, auch im Englischen Garten. Undsoweiter. Nur nicht auf dem Oktoberfest.
    (Otto, wobei ortskundige Führung sicher alles besser macht! Komme ich drauf zurück, wenn ich wieder runter muß. Danke.)

  7. richensa permalink
    2. April 2012 9:10

    lakritze, wunderbar eingefangen, deine Impressionen! Genauso ging es mir bislang immer bei meinen vier Visiten,die jedesmal unter vollkommen unterschiedlichen Vorzeichen standen..

  8. meme permalink
    2. April 2012 10:48

    Ich habe in einer dieser „properen“ (?) U-Bahnen eine dermaßen unfreundlich arrogante alte Dame erlebt, dass ich geneigt bin, Dir zuzustimmen.

    Auch sonst war ich einigermaßen enttäuscht, was ich aber auf mangelnde Vorbereitung zurückführe – Wiederholung der „Visite“ also keineswegs ausgeschlossen. Richtig wohlgefühlt habe ich mich im CADU (Cafe an der Uni) – dort war quirliges Leben, dort war nix pompös oder abgehoben – dort war gut sitzen und schauen und ………

    • 2. April 2012 11:19

      Es muß sie ja irgendwo geben, die netten Ecken von München.

  9. Philipp Elph permalink
    2. April 2012 15:46

    Hab fünf Jahre – gern – in München gelebt und gearbeitet. Kann Ottogang verstehen, dass er sich dort wohlfühlt.

  10. 2. April 2012 15:57

    So ganz begreife ich’s auch nicht. Bei einer Fahrt quer durch Berlin begegne ich (als Touristin) mindestens so vielen freundlichen Menschen wie solchen, die schlecht gelaunt wirken. In München wurde ich überdurchschnittlich oft angeraunzt; die Leute schienen ungeduldig, grundgenervt, besserwisserisch. Wie kann das sein, wenn sie sich wohlfühlen in ihrer Stadt?

  11. 2. April 2012 19:31

    Karl Valentin und Liesl Karlstadt lassen wohl grüßen? Vielleicht hört man einfach Missklänge aus einem gewöhnungsbedürftigen Idiom (Dialekt) heraus, die gar nicht drin sind? Kollegen aus der ehemaligen DDR erzählten mir, dass sie – zum ersten Mal mit Ruhrpottslang konfrontiert – dachten, die Leute seien ja völlig debil. Und von Rheinländern dachten sie aufgrund des Tonfalls, sie seien furchtbar aggressiv. Beides kann ich nicht nachvollziehen, weil ich die ja von klein auf kenne. Dafür empfinde ich die Berliner Schnauze als brutalst frech. (Bei Wolfgang Grunert gefiel sie mir aber …) Andererseits stößt bekanntlich der norddeutsche Sound in südlichen Gefilden so übel auf, dass lauter unvorteilhafte Charaktereigenschaften hineininterpretiert werden. Dabei reden die doch auch nur, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist.

    • 2. April 2012 19:36

      Nee, da kann ich abstrahieren. (Wiewohl Valentin & Karlstadt — das bringt mich wieder auf erfreuliche Abwege …) Die Umland-Bayern, dreißig Kilometer raus aus der Hauptstadt, fand ich immer sehr umgänglich.

  12. 2. April 2012 19:44

    Seit zwanzig Jahren verbringe ich in unregelmäßigen Abständen ein paar Tage in München. Nicht, weil mir die Stadt besonders behagt, sondern weil ich dort meine Schwester besuche. Aussteigen muss ich dann am Ostbahnhof, der sich gänzlich vom Erscheinungsbild des Hauptbahnhofs unterscheidet; die Straße, in der meine Schwester wohnt, ist der Straßenstrich, gleich am Ostbahnhof. Im Osten Münchens liegt Haidhausen. Schöne Altbauwohnungen mit überteuerten Mieten, nette Kneipen, Designer- und Secondhandläden. Ich bin nie warm geworden mit den „Münchnern“, was daran liegen mag, dass ich die Sprache nicht so gut aushalte, aber auch, weil mir dort die Verkäufer, Wirte, Kellner, Taxifahrer und Apotheker noch unfreundlicher erscheinen als die in Bonn. Von München aus ist man schnell in Italien, wenn man in der Stadt lebt, ist das immerhin ein Vorteil. ;-)
    P.S.: Meine Schwester schätzt es, in München zu wohnen, und ich sehe ihr jedes Mal an, dass sie mich ein wenig bedauert. Wegen Darmstadt. Sie findet schon allein den Namen … naja. :mrgreen:
    mb

    • 2. April 2012 20:01

      Haha! Schlimmer ist nur, einem Angelsachsen zu erzählen, man wohne in Worms. :))
      Das war auch so was in München, mit den Mietpreisen. Städte, in denen nur reiche Leute wohnen können, sind mir suspekt.
      Ach, ich denke einfach, jeder hat so sein Wiesbaden. ,)

  13. 2. April 2012 19:56

    Der Münchner im Himmel fiel auch nicht durch gute Laune auf.

  14. 2. April 2012 22:52

    Vielleicht schaffen wir es irgendwann gemeinsam dorthin. Ich brauchte mehr als dreißig Jahre um mich mit der Stadt ein klein wenig anzufreunden. Heute mag ich sie.

  15. 3. April 2012 10:07

    Ich wäre einmal beinahe nach München gezogen, vor vielen Jahren, um dort eine einjährige Fortbildung zu machen. Aber ich sollte oder wollte keine Wohnung finden, die Mieten empfand ich als horrend. Stattdessen landete ich in Wiesbaden… ;-)
    Später dann war ich beruflich ein paarmal für ein, zwei Tage in München. Die Menschen auf der Straße empfand ich als angenehm, vor allem, dass ich überall gleich ins Gespräch kam, in der U-Bahn, an der Bushaltestelle, ich erinnere mich an eine nette alte Frau, die mich ansprach und für mich war das ungewöhnlich, denn damals lebte ich noch in Osnabrück und empfand die Münchner als offen und kommunikativ. Aber im Bayrischen (auch wenn München ja angeblich gar nicht bayrisch ist) würde ich mich sicher noch unwohler fühlen als im Badischen.

  16. 3. April 2012 12:26

    Oachkatz, das fände ich spannend. Mancher Charme erschließt sich besser, wenn man mit der Nase draufgestoßen wird — ich bin sicher, bei Saarbrücken ist das nicht anders. .)
    Rotewelt, es muß nette Leute da geben. Mir sind sie nur bislang nicht begegnet. Wie hat Dir denn Wiesbaden gefallen?

  17. 3. April 2012 12:43

    Lakritze, Wiesbaden hat mir gut gefallen. Obwohl es ja heißt, es sei eine Schickimicki- und Beamtenstadt…, aber mit den Einheimischen hatte ich auch nicht soviel Kontakt, weil die Fortbildung sehr zeitintensiv war und ich jedes zweite Wochenende in Osnabrück verbrachte – die Stadt empfand ich seitdem als winzig, hässlich und spießig (heute würde ich das vielleicht anders sehen). Seltsames Erlebnis: Eine Vermieterin in Wi erfragte zuerst mein Sternzeichen, um zu sehen, ob wir zusammenpassen…
    Dass ich an meine Zeit dort gern zurückdenke, hat sicher vor allem zwei Gründe: Ich habe dort im Rahmen der Fortbildung sehr nette Menschen aus ganz Deutschland kennengelernt, darunter eine Mainzerin, die mir die Umgebung gezeigt hat, und wir haben viel gemeinsam unternommen, es war nie langweilig. Dazu kommt, dass mir die Region damals fast paradiesisch-südlich erschien, der Rhein, der schöne Rheingau… und ich habe dort das Weintrinken kennen- und lieben gelernt (früher vertrug ich kaum ein halbes Glas und kannte mich auch nicht aus).

  18. ottogang permalink
    3. April 2012 13:07

    Eine wirklich nette Kommentarspalte hier. Jetzt muß ich auch noch mal etwas loswerden. Ich mußte 2003 nach Frankfurt, beruflich, wollte München aber nicht total verlassen. So wurde ich zum Pendler und hatte einen sehr guten Vergleich, F und M.
    Zwei total gegensätzliche Städte und dennoch hat jede Stadt etwas zum wohlfühlen. Ich denke mal, es kommt auch sehr darauf an, wie man einer Stadt begegnet.
    Es gibt auch für mich, der ich jetzt bereits seit über 40 Jahren hier in München wohne, Tage an denen ich flüchten möchte, da geht mir einfach alles auf den Keks, vor allem da ich ein gebürtiger „Fischkopp“ bin und immer noch kein bayrisch rede.
    Aber dann gibt es sonnige Tage, im Biergarten, mit netten Leuten und die Welt ist in Ordnung.
    Aber auch, wie vorher erwähnt, Rheingau und Weine sind auch ein sehr lebenswerter und liebenswerter Platz und Zustand.
    Man sollte nicht aus einmal hinschauen sich ein lebenslanges Urteil bilden, einfach noch einmal versuchen, oft lohnt es sich wirklich.

    • Philipp Elph permalink
      3. April 2012 13:10

      Applaus!

  19. 3. April 2012 14:59

    Ich bin gerade auch ganz begeistert von meiner Kommentarspalte. :)
    Rotewelt, Deinen Eindruck vom Rheingau teile ich — schön ist es da wirklich. Und die Leute sind im allgemeinen sehr umgänglich. Was Osnabrück angeht: das kenne ich nicht, aber ich habe ein Herz für Kleinstädte, spätestens seit ich beobachtet habe, daß man sich auch in Megastädten immer auf ein Umfeld einpendelt, das etwas Kleinstadtgröße hat.
    Ottogang, Dein München möchte ich nun wirklich gerne kennenlernen. Frankfurt ist einfacher, das ist nicht so weit weg. :)

  20. 28. Mai 2012 19:14

    In München sollte man schon etwas die Landessprache sprechen: bayrisch.
    Mein (und ich kann bayrisch) Spruch für München heisst: wenn der Bettler eine saubere Armani-Jeans trägt, dann bist Du in München.

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