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Natural Born Korrekturleserin III

23. März 2012

Seit Tagen hält das herrliche Wetter an, doch die Pflicht ruft. Einen letzten Blick werfe ich nach draußen, verabschiede mich still von Luft und Sonnenschein und setze mich an meinen Schreibtisch.

Ich beuge mich über den ersten Text, da legt sich eine bleischwere Hand wie aus Gußeisen mit Nachdruck auf meine Schulter. Ich streiche bleischwer und den Nachdruck, während ich mich umdrehe. Hinter mir steht eine groteske Gestalt in einem schäbigen, abgenutzten Mantel. »Ist Ihnen nicht warm?«, frage ich; »lassen Sie mich Ihnen wenigstens das abgenutzt abnehmen.« Halb warte ich auf eine Konkretisierung von grotesk, aber sie kommt nicht.

Stattdessen blinkt kaltes Stahl (aus dem ich noch schnell ein Maskulinum mache), und ich finde mich, die Arme auf den Rücken gedreht, auf dem Parkplatz wieder. »Los, in den Wagen.« Ich sehe kein Gesicht, aber an der raspelnden Stimme erkenne ich die schlechte Übersetzung aus dem Englischen. Ich werde auf den Rücksitz geschoben wie ein Paket. »So was hasse ich ja wie die Post …«, versuche ich einen Scherz. Zur Antwort hält mir mein Entführer ein absurdes Adjektiv an die Kehle.

Wir sind zu viert im Auto. »Was wollen Sie von mir? Wer sind Sie?«, frage ich die geisterhaften grauen Gestalten mit ihren gammeligen Gewändern und ahne schon die Antwort: »Schwache Klischees, mit Alliterationen gepanzert?« Der bedeutungsschwere Blick des Beifahrers bestätigt die Befürchtungen.

Während der Wagen der Entführer Fahrt aufnimmt, versuche ich ihr Arsenal abzuschätzen, das sich unter einer dünnen Decke von Euphemismen im Laderaum abzeichnet. Schier unerschöpfliche Vorräte endlos ermüdender irrelevanter Adjektive (– da reicht Streichen). Wiederkehrende Wiederholungen der immer wieder gleichen Wortstämme (minimal raffinierter; durch ein paar Ersetzungen beherrschbar). Redensarten der »Da geht mir die Hutschnur hoch«-Baureihe. Und eine schwere Kiste voller Metaphern und Similes, eiskalte Tränen, gefährlich glitzernd wie die letzten Strahlen tausend sterbender Sonnen, als tödliche Reptilzähne ineinander verkrallt und finster aufeinander getürmt. (Ogottogottogott –)

Ich klammere mich wie eine Ertrinkende an den Boden der Tatsachen, aber auch die scheinen nicht mehr, was sie mal waren. »Aufhören! Sofort aufhören! Dieses Gleichnis funktioniert hinten und vorne nicht, diese komplette Geschichte ist doch zum Scheitern verurteilt!«

Schweißgebadet komme ich zu mir; ein Textmarker drückt empfindlich in meine linke Wange. Auf dem Schreibtisch liegt der Text. Die Zeichen verschwimmen; Schwarz und Weiß formieren sich zu einer Anweisung, zwei einfachen, klaren Worten, dahinter ein Ausrufezeichen.

Ich leiste keinen Widerstand, verlasse meinen Arbeitsplatz und gehe raus. An die Sonne.

Hier sind Teil I und Teil II der Serie.
Was alles schiefgehen kann, unter anderem.
Hat tip (and my apologies) to Ms. Thursday Next, the one and only!

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11 Kommentare leave one →
  1. 23. März 2012 14:13

    Du Arme.

  2. walterlenz permalink
    23. März 2012 14:18

    Großartig geschrieben.

    • 23. März 2012 14:25

      Danke, Lenz. Es ist mir leider nicht mehr gelungen, »von Kindesbeinen an gelähmt« unterzubringen, was eine der schöneren Stilblüten der letzten Zeit war. Aber naja.

  3. 23. März 2012 21:19

    „Zur Antwort hält mir mein Entführer ein absurdes Adjektiv an die Kehle.“
    Wir leiden mit Dir, liebe Lakritze!

    • 23. März 2012 21:54

      Ihr ahnt vielleicht, wie solche Adjektive pieken: schrecklich, unbarmherzig, unvergeßlich. ,)

  4. 24. März 2012 0:11

    Absurd, oder, um mit dem fränkischen Adel zu sprechen, abstrus.

    • 24. März 2012 16:15

      Im Sinne von »an den Haaren herbeigezogen«, »ungerechtfertigt«? Egal, einen Doktor gibt’s eh nicht dafür …

  5. kormoranflug permalink
    24. März 2012 18:29

    Ja, so eine Korrekturleserin brauche ich ständig. Schön, dass es Menschen wie Dich gibt.

    • 25. März 2012 21:34

      Danke, schwarzer Vogel. Schön, das mal geschrieben zu bekommen; normalerweise überwiegt die Genervtheit der Korrigierten. .)

  6. 24. Oktober 2014 22:37

    wunderwunderwunderbar! sorry, die vielen adjektive. aber das muss heute so. bei diesem text! :-)

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