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Mehr so der Wintertyp

24. Januar 2012

Am Anfang gibt es Sekt im Kreis. Die Damen, acht an der Zahl, klimpern mit Schmuck und blinzeln sich beim Anstoßen zu. Ich, Nummer neun, bleibe sitzen (Verband links) und falle auch sonst aus dem Rahmen, so ohne was zum Klimpern. Dann Auftritt Farbberaterin, Zebraprint-Zweiteiler, zwei randvolle Koffer mit Material. Sie mache auch Typberatung und Feng Shui, sagt sie und setzt ein Häufchen Visitenkarten auf den Tisch. Anschließend erzählen alle in der Runde etwas über sich und ihren persönlichen Stil. Wortkarg kann ich, muß dann aber nicht, weil sie mir das Wort sowieso gleich entreißt und über Fakten aus der Kosmetikwelt plaudert. Dann geht es zur Sache.

»Sooooo, wer möchte denn als erste?« (Mich überspringt der suchende Blick.) Der Sekt summt in den Köpfen, man ziert sich kaum. Schon sitzt eine da und wird grau camoufliert: mit dem Umhang alle Farben weg. Witze über das Häubchen, aber Haar- und sogar Augenfarbe seien ja, »machen wir uns nichts vor«, veränderbar. Dann die alles entscheidende Frage: warm oder kalt? Ein gräulichgoldenes, ein silbergräuliches Tuch werden der Verhüllten ans Gesicht gehalten. Die Damen im Kreis diskutieren; man entscheidet sich für kalt.

Welche Farbe hätten Sie denn gern?

Nun geht es um Jahreszeiten. Sommer oder Winter? Frühling oder Herbst? Jahreszeiten sind Farben, Farben sind Tücher; Tücher über Tücher in Farben über Farben — der Damenkreis nickt oder schüttelt kollektiv den Kopf. Es ist ein bißchen wie beim Optiker: Schärfer? oder kleiner und schwärzer? Es fallen Worte wie »Porzellanteint« und »Schneewittchenhaut«, die Dame nach Dame geschmeichelt entgegennimmt; da »unterstreichen« und »korrespondieren« Farben, oft ist es »harmonisch«, auch mal »energetisch«. Man fühlt sich wohl. Als der Sekt nachläßt, wird Kaffee aufgegossen; Tassenfelsen stehen in der Tücherbrandung auf den Tischchen, ein Wunder, daß nichts umkippt.

»Wer war denn noch nicht?« Plötzlich bin ich Mittelpunkt. Mein leidender Blick (Verband lihinks!) trifft den ihren, umlidschatteten; jetzt kommen wir beide nicht mehr drumherum. »Bittesehr!«, winkt sie und referiert über die »wissenschaftliche Wirksamkeit der Farbtemperaturen«, während ich übertrieben zum Beratungsstuhl hinke. Er ist noch warm, ebenso wie der neutral-graue Umhang und die Haube. — Gold oder Silber? Die Damenrunde blättert in »Einkaufshilfen« und ist nicht mehr ganz bei der Sache. Silber! Tuch um Tuch, Farbe um Farbe wird abgenickt oder ausgebuht; kurzer Prozeß. Das Urteil: »Sie sind mehr der Wintertyp.« Aha. »Schwarz steht Ihnen hammer! Und sonst mehr so die klaren, kühlen Farben.« Soso. »Sie können Ihre Farbpalette für neunenvierzich bei mir …« Ähdanke. »Und bleiben Sie ruhig bei Ihrer Wollmode.« Doch noch eine kleine Spitze? Mhmdanketschüß.

Ich hinke zurück, ausberaten, einsortiert und um eine Erfahrung reicher. Nächstes Mal vielleicht Feng Shui?

Schweigen ist Gold.

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37 Kommentare leave one →
  1. 24. Januar 2012 18:21

    Tolle Wörter gibt es doch: Zebra-Prinz-Eiteiler. :-)

    • 24. Januar 2012 18:30

      Das ist aber ein Zebra-Prinz-Weit-Eiler. Der ist schneller und macht mehr Strecke. :))
      Aber ich seh’s ein, er bekommt einen Bindestrich spendiert.

    • 24. Januar 2012 21:23

      Da ich mich für Mode nicht interessiere, geschweige denn nach Farbe darbe, habe ich das W glatt überlesen. Mir schoss aber sofort ein neues Märchen durch den Kopf, vom Zebraprinzen, der aus Liebe bereit war, sein Ei mit der Prinzessin auf der Erbse zu teilen (die als Erbsenzählerin einen leichten Stand hätte). Wenn er aber gar nicht teilen, sondern nur weit eilen soll, braucht er Siebenmeilenstiefel. Winters wie sommers. Farbe egal.

    • 24. Januar 2012 21:51

      Das Märchen möchte ich dann gerne komplett lesen! (Was macht eigentlich eine Erbsenzählerin, wenn sie nur eine Erbse hat –? Zählt sie die eine Erbse und dann, wie oft sie sie schon gezählt hat –?)
      Schön wäre ja auch ein ein Zeitweiler gewesen, aber der ist es nun nicht geworden …

  2. 24. Januar 2012 19:30

    Liebe Lakritze,
    ein sonnengoldenes Lob für den feinen Text!
    Wir diskutieren noch, was uns am besten gefällt, das Wort „ausberaten“ (dm) oder der Satz „Schwarz steht Ihnen hammer!“ (mb).
    Köstlich!

    • 24. Januar 2012 19:33

      Doppeldank! Nur ist der hammer-Satz leider nicht von mir, den hab ich original so von der Farbberatung mitgebracht.

  3. 24. Januar 2012 20:09

    : ) Das war wohl ein ganz reizender Abend. Bin allerdings nicht sicher, ob ich der Beratung einer Zebraprint-Zweiteilerin trauen würde … Andererseits: Schwarz geht ja immer, Hammer hin oder her ; )

    • 24. Januar 2012 20:29

      Ja, wo man halt so reingerät in seiner Abenteuerlust. Und eine Farbpalette für Schwarz wollte ich denn auch gar nicht haben.

  4. Philipp Elph permalink
    24. Januar 2012 20:38

    Hallo Wintertyp – auch nett der Name -, erst mal beste Wünsche auf dem sicherlich mühseligen Weg zum Nichthinken. Und dann: Neunenvierzich ist bestimmt ein Schnäppchen, aber hast Du ja gar nicht nötig!

    • 24. Januar 2012 23:04

      Danke, P11, bin schon wieder stark verbessert! Am liebsten hätte ich Kleidung, die man ungefähr so oft neu braucht wie Wohnungen. Dann würde ich mich auch ganz doll um die Farbe kümmern …

  5. richensa permalink
    24. Januar 2012 23:25

    G-O-L-D-I-G… und der Satz mit „Schwarz“ ist wirklich einer Zebra-Frau angemessen *lach*

    Irgendwie erinnert diese Sitzung an Kerzen- und Tupper- und Dessousparties, in die frau so in den letzten beiden Jahrzehnten… äh… Jahren hineingeriet. Im Nachhinein kann frau auch nur darüber lachen und weiß, dass sie von Anfang an recht hatte, diesen „Vergnügungen“ aus tiefster Seele zu misstrauen…

    Gilt auch für die meisten Hochzeitsfeiern…

    • 24. Januar 2012 23:54

      Dessousparties?? Das funktioniert dann tatsächlich wie eine Tupperparty, wo man sich bei einer »Schwester« trifft und sich die Dinger gegenseitig … vorführt?? Ich sitze hinterm Mond und staune.

  6. 25. Januar 2012 5:50

    Da gibts aber noch ganz andere Nur-für-Damen-Partys, die mit D…. anfangen (mit 5 Buchstaben).

    • 25. Januar 2012 7:34

      Wundervoller Text, selten so gelacht.

      Ich hab mich mal bei Mutters Tupperparty unterm Sofa versteckt, wollte das letzte Geheimnis der Frauen ergründen. Erst wurde ich für den Hund gehalten, dann enttarnt. Dieses traumatische Erlebnis verfolgt mich bis heute. Mir kommt kein Tupper ins Haus.

    • 25. Januar 2012 9:59

      Hahaha! Das nenne ich Forscherdrang! Das Trauma ahne ich nur; Du weißt von Tupper mehr als ich. Ich habe nur mal eins geschenkt bekommen.

    • 25. Januar 2012 10:02

      AGT, ogottogott. Grusel! Nein, so was wünsche ich niemandem. Und jetzt denke ich an Hundewelpen und kleine Kätzchen …

  7. joulupukki permalink
    25. Januar 2012 8:53

    hahahaaa! Wie um alles in der Welt bist du denn DA hineingeraten?
    Der letzte Satz hat mich an den Helge Schneider Bericht erinnert, der gestern auf FM4 lief:

    Haben Sie Wollust?
    Eigentlich nur im Winter.

    • 25. Januar 2012 9:53

      Es war des Knaben unstillbare Neugier auf das andere Geschlecht, sag ich mal so.

    • 25. Januar 2012 10:05

      Klar, und das Geheimnis liegt in der Tupperdose. In wie vielen Fällen das stimmen mag!

    • 25. Januar 2012 12:52

      Und Jou, das führt zu einer berechtigten Frage: Was macht der Wollmoden-Wintertyp eigentlich im Sommer?

    • joulupukki permalink
      25. Januar 2012 14:13

      hm … hm hm … dann hat er je nach sozialen Status wahrscheinlich Polyesterlust oder Seidenlust, aber davon steht nix in der Bibel, die scheinen also harmlos zu sein.

  8. 25. Januar 2012 10:08

    So könnte man das auch nennen.

  9. 25. Januar 2012 11:21

    Gute Besserung und am besten, Du schaust Dir mal so eine Dessousparty an, dann haben wir wieder so einen wunderbaren Text dazu ;-)

    • 25. Januar 2012 11:54

      Neiiiin! (Verband links!)

      (Glatt gelogen, der ist schon wieder runter. Besserungswünsche haben gewirkt, danke! Aber zur Dessousparty — bei aller Liebe zu Geschichten, ein bißchen schön müssen sie schon sein.)

  10. karu02 permalink
    25. Januar 2012 12:58

    Jetzt komme ich fast in Versuchung, die Einladung zur Tupper-Party, die heute im Briefkasten lag, doch anzunehmen.
    Zu schwarz hätte ich ein paar Vorschläge: Kirschkernschwarz, Elfenbeinschwarz, Pirsichkernschwarz, Rebschwarz, Holzkohlenschwarz, Spinellschwarz, Flammruss, Traubenkernschwarz. So kommt Abwechslung in die Garderobe.

    • 25. Januar 2012 13:27

      Auja, auja! Tupperparty! Dann hätten wir einen Bericht von auf dem Sofa!
      Und die, äh, Schwarze — riechen die unterschiedlich? Das fände ich interessant.

    • joulupukki permalink
      25. Januar 2012 14:14

      Das ist jetzt hoffentlich nichts rassistisches hier, oder!?

    • 25. Januar 2012 15:04

      Oh. Wie heißt denn der Plural von Schwarz? Schwärzen ginge auch. Schwarzs?

    • 25. Januar 2012 15:45

      Jaaa, Schwarz ist nicht gleich Schwarz. Das merkt man vor allem, wenn man viele schwarze Klamotten hat, die nach mehrfachem Waschen verschiedene „Schwarztöne“ annehmen, Richtung Grau, Richtung Blau, Richtung Grün … Das will alles benamst sein für die hammer-schwarze Farbpalette ; )

  11. kormoranflug permalink
    25. Januar 2012 17:24

    Toller Bericht! Als Kormoran steht mir Schwarz auch hammer.
    Der Wolle-Wintertyp wird im Sommer zum Bauernleinen-Sommertyp.
    Vielleicht sollte ich mal eine Schamanen-Party machen mit Gong, Glöckchen und Flügelschlagen….?

    • 25. Januar 2012 22:21

      Unschwarze Taucheranzüge habe ich auch noch nie gesehen. — Glöckchenparty? Schall und Rauch!

  12. 27. Januar 2012 11:14

    was für eine tolle Veranstaltung. Zumindest wenn man den richtigen Blick hat.
    Sehr, sehr gerne gelesen.

    • 27. Januar 2012 13:14

      Danke. Parallelwelt für einen Abend, das hat schon was.

  13. 27. Januar 2012 14:57

    Schön, dass du deiner Neugier gefolgt bist, so kommen wir in den Genuss dieses Berichts, lach! Klingt wirklich nach Tupperparty, doch hier werden Frauen einsortiert und eingetuppert, jede bekommt ihr Farbkästchen, in dem sie am frischesten bleibt, ähm, wirkt. Trotzdem, es ist was dran an dieser „Farbenlehre“. Viele Grüße und gute Besserung von einem anderen Wintertyp (mit Olive und Beige oder Apricot sehe ich tot aus).

    • 27. Januar 2012 15:05

      Hm. Ja, das kann durchaus sein. Aber wenn so eine Lehre im Verband mit »Feng Shui« und »Farben können ja die Kommunikation steuern, zum Beispiel mit Ungeborenen« daherkommt, dann muß sie sich bei mir schon doll anstrengen, um jemals wieder ernst genommen zu werden.

  14. 28. Januar 2012 9:19

    Schön, dass du deinen sicher eher aschenputteligen Verband wieder los bist.

    • 30. Januar 2012 12:42

      Aschenputtelig ist das einzig angemessene Adjektiv für Verbände, wenn sie älter werden!

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