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Harte Zeiten

14. Dezember 2011

Saarbrücken ist keine schöne Stadt, Saarbrücken ist eine Lieblingsstadt. Sie erfreut mein Herz, schafft es, mich immer wieder zu überraschen und immer wieder schrecklich aufzuregen. Und was ich bloß an ihr finde — das kann ich wirklich nicht in einem Satz beantworten.

Ihre überkandidelten Bauprojekte, ihre Großstadtambitionen auf der einen Seite werden auf der anderen aufgewogen durch wilde Kulturblüten, durch Ideenreichtum und ein gekonntes Kokettieren mit dem Verfall. Dem Klein-Klein, dem Filz und der gewinnorientierten Engstirnigkeit stehen gewachsene (teils recht anarchische) Strukturen und Inseln guter Traditionen gegenüber und, naturellement, die potentielle Weite, die so ein Grenzland immer verspricht.

Ich hätte jedem gesagt: Weine nicht, wenn du in Saarbrücken leben mußt — am Anfang ist es häßlich, vergammelt und verbaut, aber es wird dir ans Herz wachsen. Es ist überschaubar, ein bißchen schräg, es hat Herz, es ist tatsächlich schon französisch, und einzelne Menschen und ihre Projekte machen hier einen Unterschied. In Saarbrücken bist du nicht unsichtbar.

Aber in letzter Zeit mache ich mir Sorgen. Die Stadt ist nicht reich, hier fallen sogar die Mieten; in der frisch zubetonierten Innenstadt sieht man Ladenleerstände (verstärkt seit Eröffnung der ECE-Europa-Galerie). Und nun erfaßt es merklich die Seitengassen: viele interessante Geschäftchen und ein paar prägende Große mußten schließen, die kleinen Läden, etwa im Nauwieser Viertel, haben zu kämpfen — keine Luxusumschlagplätze, sondern Geschäfte mit Lebensmitteln und Alltagsgegenständen.

Ich weiß nicht, was da passiert. Brot und Käse, Obst und ein warmes Mittagessen braucht doch jeder? Wo kaufen die Menschen denn ein, wenn nicht in den kleinen Läden in ihrer Nachbarschaft? Als Innenstadtbewohnerin kann ich mir nicht vorstellen, rauszufahren, um womöglich billiger einzukaufen — wo wäre da die Ersparnis? –, aber anscheinend wird es getan. Welches Einkaufszentrum ist einem inhabergeführten Laden überlegen, der auch mal außer der Reihe was bestellt und wo man notfalls anschreiben lassen kann?

Die ersten Lücken in einer ziemlich einzigartigen Viertellandschaft sind da. Vielleicht werden sie von Schuhgeschäften und Friseuren gefüllt oder von Internetcafés; das wird aber kein Wandel zum Guten. Eine Stadt verliert an Lebensqualität, und keiner tut was.

Nachtrag Februar 2012: Im Online-Spiegel hat der Autor Manuel Andrack einen Artikel über seine Wahlheimat veröffentlicht; Schwerpunkt ist das Nauwieser Viertel, das als wohl einziges in Saarbrücken »Kult«- und Gentrifizierungspotential hat.

Mit seinem Merian-Artikel schickt er Touristen in das kleine Viertel; das ist löblich und scheint schon ein wenig von dem Lokalstolz zu zeugen, den viele, auch zugezogene, Saarländer entwickeln. Aber selbst Touristen, die Geld im Viertel lassen, werden es nicht retten. Nicht, wenn die Bewohner nicht mehr im Gemüseladen einkaufen, andere Bioläden aufsuchen, Bücher lieber woanders bestellen.

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7 Kommentare leave one →
  1. Philipp Elph permalink
    14. Dezember 2011 16:05

    Auch in Saarbrücken scheint die Welt nicht stehen zu bleiben – und die Aldis, Lidls, Schleckers sorgen halt dafür, aber auch speziell andere Billig-Ketten-Ungeheuer sowie Ketten-Ungeheuer im Allgemeinen.

    • 14. Dezember 2011 21:22

      Die Ketten bedienen eine Nachfrage — letztlich sind es die Viertelbewohner, die ihre Laden- und Cafékultur eingehen lassen.
      Aber es ist einfach insgesamt der Wurm drin, scheint’s. Ich hoffe, meine kleinen Alltagsläden halten durch.

  2. 15. Dezember 2011 7:50

    ECE scheint insgesamt eine ziemlich raffgierige und unsympathische Krake zu sein. Es ist wie mit der BILD-Zeitung. Wo man hinhört, klagen Menschen über den schleichenden Tod des restlichen Einzelhandels. Aber: irgendjemand geht dort auch zum Einkaufen hin. Wir dürfen uns auf ein 50 000 Quadratmeter Shopping-Paradies à la ECE hinterm Hauptbahnhof freuen…

  3. meme permalink
    15. Dezember 2011 11:48

    Gefüllt werden die Lücken von Telekommunikationsläden – Lücken die gerade die kleinen aus dem Konsumeinerlei herausragenden Lädchen hinterlassen. Hier ist es zumindest so. Vielleicht haben sich die Prioritäten verschoben – Kommunikation, immer und überall am Puls der Zeit sein vor Konsum und ehrlichem Genuß. Lieber in sein mit dem neuesten Handy als glücklich mit Qualität im Bauch und am Körper ?!

  4. 15. Dezember 2011 12:43

    Wassily, Deinen Kommentar habe ich aus dem Spam gefischt. Ob die Nennung großer Zahlen für Spamverdacht ausreicht? —
    Ja, die Bahnhofsecken. In Saarbrücken stellt sich gerade (erstaunlich, erstaunlich!) heraus, daß das neue Center gar keine neuen Kunden für die Stadt generiert hat … Ob das in Stuttgart anders wird? Vielleicht die neuen Fahrgäste der Bahn, die auf dem Weg nach Ulm einen Zwischenstopp einlegen —-?
    Meme, genau: Handyläden, Internetcafés und gerne auch Versicherungen ziehen da ein, wo vorher Fachgeschäfte waren. Vielleicht können dann die älteren Viertelbewohner ihren täglichen Bedarf künftig im Internet bestellen, wenn sie’s nicht mehr bis in die Center und Malls schaffen …

  5. 18. Dezember 2011 21:47

    Ja, früher waren es Spielhallen, dann Sonnen- und Nagelstudios, nun High-Tech-/Telekommunikationsläden… Ich habe mich schon immer über den offiziellen „Warenkorb“ amüsiert, dessen Preis uns weismachen will, seit der Euroeinführung seien die Lebenshaltungskosten nicht gestiegen – aber darin spielen Lebensmittel ja kaum eine Rolle, Videorekorder sind anscheinend wichtiger…
    Wie dem auch sei, schade, diese Entwicklung! Ich habe vor vier Jahren doch tatsächlich mit dem Gedanken gespielt, nach Saarbrücken zu ziehen (weil auch frankreichnah, noch dazu sind die Mieten dort wesentlich niedriger als im maßlos überteuerten Freiburg). Aber ich hatte Angst, Saarbrücken als trist zu empfinden. Hm… man weiß es nicht… Freiburg ist auch kein Paradies.

    • 19. Dezember 2011 14:07

      Echt, Du wärest fast Saarbriggerin geworden?! Hätte Dir vielleicht gefallen, das Städtchen. Häßlich, aber herzlich. Und die Mieten sind wirklich klein.
      Friseure sind eine Plage des Nauwieser Viertels — alle vier Meter eröffnet einer; die Viertler haben keinerlei Entschuldigung für Strubbeligkeit. Ich weiß nicht, wie die sich alle halten; ein Lieblingsladen (kennst Du vielleicht?) hingegen mußte schließen, den ich wesentlich nützlicher fand …
      Schade. Vielleicht tut sich ja noch was — bevor alles Schöne platt ist.

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