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Ganz große Oper. Und: Spielen mit der Post

28. Oktober 2011

A rough English translation can be found in the comments section.

In den letzten Wochen und Monaten habe ich eine Menge Bücher gelesen, die ich mochte. Entzückt haben mich zwei, eines nur auf Deutsch, das andere ausschließlich auf Englisch erhältlich, beide mit Witz geschrieben und viel Herz für ihren Gegenstand.

Bei Anke Gröner im Blog wurde mir Walküre in Detmold von Ralph Bollmann ans Herz gelegt. Und da ist es geblieben, dieses hübsche Buch, das die Opernlandschaft der deutschen Provinz beleuchtet und dabei ein ungewöhnliches Porträt unseres Landes liefert.

Der Autor besucht seit 1997 die Opernhäuser der Provinz; 2010 hatte er in jedem Zuschauerraum (mindestens) einmal gesessen. Opernkritik findet sich in seinem Buch, wenn überhaupt, nur am Rande; hier geht es um die Atmosphäre an den Häusern und beim Publikum, um den Umgang der Städte mit ihren Musentempeln und den Stellenwert der Kultur. Dazu erhellt der Journalist Bollmann die historischen und politischen Umstände, die dazu geführt haben, daß Deutschland 81 Opernhäuser betreibt — das sind, der unbedarfte Leser staunt, etwa so viele wie im gesamten Rest der Welt zusammengenommen.

Und wenn ich von Bollmanns schönen und weniger schönen Erlebnissen fernab der Metropolen lese, seinen nüchternen Analysen und seinen farbigen Schilderungen folge, fügen sich all die Eindrücke zu einem funkelnden Ganzen. Die »Walküre in Detmold« macht Lust auf Oper, und zwar auf die in der Provinz.

Eine ganz andere Art der Faszination weckt mein zweiter Bücher-Schatz (hach! Danke!): »The Englishman who posted himself and other curious objects« von John Tingey, seines Zeichens passionierter Briefmarkensammler. In diesem reich illustrierten Band beschreibt er Leben und Wirken von W. Reginald Bray (1879–1939), einem englischen Verwaltungsangestellten, dessen Hobby es war, möglichst absonderliche Gegenstände per Post zu versenden.

Die Postboten hatten Glück, wenn es sich nur um ausgeschnittene Figuren handelte oder um Karten mit gereimten oder gezeichneten Adressen. Es konnten auch gestickte oder mit Siegelwachs geschriebene Botschaften, Zwiebeln, Seetang, Bratpfannen sein. Außer einem Hasenschädel und dem »tapferen« Hund der Familie verschickte Bray sich selbst — und wurde so 1903 zum ersten Menschen, der seinen Eltern gegen Quittung von einem Postbeamten zugestellt wurde. Besonders gut gefallen hat mir die Postkarte mit dem Motiv eines meerumtosten Leuchtturms, adressiert »to the Keeper«.

Die Geschichte, wie der Autor John Tingey an sein Thema geriet, ist kaum weniger kurios: Als Briefmarkensammler erwarb er einen Stapel Umschläge, die eigenartig adressiert waren, etwa: »To any Resident of London« (ging zurück mit dem Vermerk, die Adresse sei nicht vollständig). Tingey fing an, sich mit den Objekten zu beschäftigen, und kam aus dem Staunen nicht heraus. Den »postalischen Aktivitäten« W. Reginald Brays widmete er zunächst eine Webseite, um seine Sammlung von Brays Werken zu erweitern; aus dieser und Kontakten zu Brays Nachkommen, die Bilder aus dem Familienalbum beisteuerten, entwickelte sich dann das vorliegende Buch.

Für Post-Fans, die des Englischen nicht mächtig sind, gibt es leider (noch?) keine Übersetzung; als kleiner Trost mag das Werk von Heinrich August Raabe (1759–1841) dienen: Die Postgeheimnisse
oder die hauptsächlichsten Regeln welche man beim Reisen und bei Versendungen mit der Post beobachten muß um Verdruß und Verlust zu vermeiden
.

Auch schön!

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8 Kommentare leave one →
  1. philipp1112 permalink
    28. Oktober 2011 22:39

    Nicht nur die Walküre in Detmold, auch Wallenstein in Meiningen – und das schon 1909.
    Ich konnte es kaum glauben, dass dort (in Meiningen) eine Perle deutscher Theaterbauten steht. Hab es selbst gesehen! Und ihr könnt mal da schauen: http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Meininger_Theater
    Auf jeden Fall: Ralf Bollmann hat sicher viel zu erzählen. Ich werd’s mal lesen.

  2. 29. Oktober 2011 11:23

    Selbst in meinem Heimatort steht inzwischen ein Opernhaus – als ich noch Schüler war, hieß es noch Stadttheater (beides übrigens in der Rheydter Stadthalle, einem Bau der neuen Sachlichkeit der späten 1920er Jahre, an dem auch Hans Poelzig mitarbeitete).

  3. 29. Oktober 2011 12:12

    P1112, Meiningen kommt bei Bollmann auch vor; ich hatte es schon auf die (länger und länger werdende) Reiseliste gesetzt …
    Vilmos, ich hatte davon gelesen; die Details sind mir aber wieder entfallen, und das Buch habe ich bereits weiterverliehen. (Vermutlich hat sich das Essener Theater in den Vordergrund gedrängt, wo B. eine Walküre sah; anschließend traf er dieselbe nebst Wotan im türkischen Restaurant wieder.)

  4. John Tingey permalink
    29. Oktober 2011 22:04

    I am very pleased that you like my book – thank you for your kind comments.

    • 29. Oktober 2011 22:58

      Thank you for stopping by! I very much hope that your book will be translated into German one day.

      Meanwhile, I’ll provide a rough English translation for anyone who doesn’t read German (with apologies for strange vocabulary and bad grammar):

      My second book treasure brings quite a different kind of joy: »The Englishman who posted himself and other curious objects« by John Tingey, who is a passionate stamp collector. In this lavishly illustrated book he describes life and work of W. Reginald Bray (1879–1939), an English accountant, who pursued the pastime to post unusual objects.

      The mail men were lucky if they had to handle just cut-out figures or postcards addressed in rhymes or in pictures by Bray. Sometimes they had to deal with knitted letters, letters written in seal-wax, onions, seaweed or a frying pan. Bray posted a hare’s skull as well as the »brave« family dog, and he even posted himself at least twice; thus in 1903 he became the first human to be delivered to his parents with a receipt. My personal favourite is a postcard with a lighthouse on the verge of a roaring sea, addressed »to the Keeper«.

      The story of how the author John Tingey came by his subject fits rather well: As a stamp collector he bought a convolute of envelopes with stange addresses, e.g.: »To any Resident of London« (returned to sender as »insufficiently addressed«). When Tingey started to look closer at the objects he was surprised. Then he started a website about the »postal activities« of W. Reginald Bray to enlarge his collection of Bray’s work. From this collection and ensuing contacts to Bray’s family–who donated some family photos–sprang this wonderful book.

  5. 29. Oktober 2011 23:29

    Ach ja, kann mal jemand ausprobieren, ob der Link zu den »Postgeheimnissen« funktioniert? Man müßte beim gutenberg.org-Download ankommen.

    • richensa permalink
      31. Oktober 2011 21:15

      Frau kommt beim gutenberg an….

      Liebe lakritze, tolle Bücher!
      Meine ersten Opernerfahrungen habe ich in Kassel gemacht, wie es sich gehört mit „Hänsel und Gretel“ von E. Humperdinck, dann ein bissi Mozart, die leichteren. Aus Detmold kamen traditionell die Musiklehrer nach Höxter, die für die Schule und die, um mehr oder weniger lernwillige Kinder in die Kunst des Instrumentenspiels einzuführen…
      Macht Lust, in die Bücher hineinzuschmökern…

  6. 31. Oktober 2011 21:46

    Ha, Rich, danke fürs Nachgucken. Ich kriegte nämlich Fehlermeldungen.
    In Kassel war ich auch mal: Walküre. Die Walküren wurden auf schweren Motorrädern auf die Bühne gezogen und waren etwas unbeweglich, weil aus Lautstärkegründen die Motoren aus blieben. Aber eine schöne Aufführung, doch. — Detmold hingegen klingt sehr exotisch; ob ich es da jemals hinschaffe –?

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