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Walnüsse

13. Oktober 2011

Mein Kindergartenweg war überwölbt von einem riesengroßen Walnußbaum. In meiner Erinnerung herrscht beständiger Herbst, der mich zwang, im Laub nach Nüssen zu suchen, sie auf einen Stein zu legen und draufzuspringen, um dann mit Sorgfalt die Nuß- von den Schalentrümmern zu trennen. (Und mich in jede Richtung des Weges hoffnungslos zu verspäten, zu der »Tante«, die nun wirklich nicht meine war, wie zum Essen daheim.)

Ich lernte, die Wucht meines Absatzes zu dosieren, so daß sich bald das ganze Walnußkerngebilde unversehrt aus nur mehr angeknackster Schale lösen ließ. Später dann öffnete ich Walnüsse noch schonender mit den Backenzähnen oder zwischen den Handballen.

Lag die Schale am Boden, begann der eigentliche Spaß: das Abziehen der Lederhaut, die leicht bitter riecht und unter der der weiße, kühle Kern nur noch in einem seidenpapiernen Häutchen steckt. Mit Übung kann man eine ganze Walnußhälfte in einem Rutsch von beiden Häuten befreien, und zur Belohnung zerscherbt das nackte Innere süß zwischen den Zähnen. Auch wenn es mir schon damals bitter besser schmeckte.

Die Ergebnisse meiner Forschung waren stattlich. Ich konnte die tauben Nüsse nach ihrem Klang auf den Steinen aussortieren; ich lernte all die Arten kennen, auf die Walnüsse komisch schmecken können, und die grauen und pelzigen ganz zu meiden; ich lernte, daß das Äußere der Walnußschale wenig über ihre innere Beschaffenheit aussagt, und daß es Ärger gibt, wenn man die eigene Haut mit den fleischigen Walnußfrüchten bräunt.

Dann war die Zeit vorbei, in der ich jeden Baum als meinen eigenen betrachtete. Die käuflichen Nüsse aus Frankreich oder Kalifornien, getrocknet und goldfarben in Plastiktüten, mochte ich noch nie; sie kommen in nichts an die unansehnlichen, kompliziert zu schälenden Nüsse unterm Baum heran.

Umso entzückter war ich über das Postpaket vom Niederrhein, das so schwer nur sein kann, wenn die Nüsse darin noch feucht und frisch sind. Ich habe sie weder mit dem Schuhabsatz noch mit den Zähnen geöffnet, aber die Freude an dem unverwechselbaren Biß, die ist genau wie damals auf dem Weg zum Kindergarten.

Walnüsse

... der Rest vom Fest. Danke! Sie waren herrlich!

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10 Kommentare leave one →
  1. philipp1112 permalink
    13. Oktober 2011 18:25

    Fast vertilgt, die Mäusehirne.
    Wir haben unsere in der Nähe des Rheins bei Geisenheim gesammelt. Ein „Betreten verboten! Eltern haften für ihre Kinder!“ hat uns von – noch – größerer Ausbeute abgehalten. Letztes Jahr war das Schild noch nicht da. Ehrlich!

  2. 13. Oktober 2011 18:31

    Danke für diese schöne Zeitreise.

  3. karu02 permalink
    13. Oktober 2011 18:36

    Erstaunlich ist, dass die frischen Nüsse ganz anders schmecken als die getrockneten, wenn die feine Haut auf dem Nussfleisch klebt und nicht mehr zu entfernen ist. Das Häutchen in einem Rutsch abzuziehen, ist mir allerdings noch nie gelungen.

  4. litterart permalink
    13. Oktober 2011 20:55

    Die größten je gesehenen, geklaubten & gegessenen Walnüsse fallen so manchem der zahlreichen MuseumsbesucherInnen gerade von einem Nussbaum im Areal des Stiftes Admont auf die Köpfe – – – und dort gibt’s u. a. auch noch 252.000 Insekten, darunter 52.000 Fliegen, im neuen „alten“ Großmuseum zu sehen.

    A PAIR OF NUTS LIGHT AND SHADOW PORTRAIT

    Gruß aus der Steiermark

    Michael . LitterART

  5. 13. Oktober 2011 23:24

    und ich bleib schon am ersten Satz hängen: Mein Kindergartenweg. Wer kann das heute noch sagen. Ich erinnere mich auch an den Kindergartenweg, was es da alles zu sehen und zu entdecken gab. So lang der Weg, heute könnte man ihn in 2 Minuten laufen.

    Und meine Großtante hatte einen Nussbaum. IHr Heiligtum. Jedes Jahr zu Weihnachten bekamen wir Nüsse von ihr – vom Vorjahr…

  6. 14. Oktober 2011 10:40

    P1112, Wassily, Walnüsse sind offenbar gute Zeitkapseln.
    Karu, das überrascht mich auch. Fast wie der Unterschied zwischen Trauben und Rosinen.
    Michael, danke für den Besuch und die Österreich-Ansichten. Admont, wo Karu uns schon mit hingenommen hat, ist sicher auf einigen Reiseziellisten gelandet.
    Tine, wie recht Du hast — heute dürften Dreijährige sicher nicht mehr allein durchs halbe Dorf. (Ich habe nachgeschaut: 600 Meter waren’s. Und wo der Nußbaum stand, steht jetzt ein Einfamilienhaus.)

  7. 15. Oktober 2011 17:47

    Auf meinem Kindergartenweg war auch ein Walnussbaum. Und die alte Dame, die in dem Häuschen wohnte, das zu dem Baum gehörte, war gar nicht erfreut, wenn wir Kinder eine Nuss aufhoben, was die Sache umso interessanter machte, denn eigentlich mag ich keine Walnüsse. Vielen Dank für die Walnuss-Zeitkapsel.

  8. kormoranflug permalink
    17. Oktober 2011 18:18

    Mit drei bin ich vom Kindergarten abgehauen…. da musste ich dann auch nicht mehr hin.

  9. 17. Oktober 2011 20:50

    Erynnie, das ist gut — die Nuß als Stein des Anstoßes. (Außerdem — solange die Kinder unterm Baum sind und nicht drauf …)
    Kormoran, das hätte mir auch passieren können. Das Abhauen, meine ich. Allerdings mehr so aus Versehen, auf Abwege gelockt von irgendwelchen interessanten Dingen.

Trackbacks

  1. Schöne Sachen XXVIII « normalverteilt

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