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Trulli

29. August 2011

Wo Rheinhessen am schönsten ist, heißt es »rheinhessische Schweiz«. Auch hier sind die Hügel alles andere als alpin; der Toskana-Vergleich leuchtet schon eher ein.

In der Gemarkung von Flonheim-Uffhofen können Wanderer am Wegesrand lernen, wie die Weinsorten schmecken. Beschriftete Reben tragen Trauben aller Farben. Will man wirklich alle kosten, braucht das etwa so viel Zeit wie das Zusammenbrauen eines Wetters.

Wenn nun ringsum kein Fetzchen Blau mehr zu sehen ist und Regenschleier schon den Taunus verhüllen, leuchtet weiß die Rettung auf der Hügelkrone: ein runder Bau mit wenig mehr Öffnungen als dem Eingang und, darauf kommt es jetzt an, mit kegelförmigem Dach. Drinnen gibt es nichts als eine Rundbank, Platz für knapp ein Dutzend Leute.

Trullo 1756 bei Flonheim, Rheinhessen

Das ist der Trullo »1756« von Flonheim. Seit Menschengedenken wurden solche Bauwerke in Apulien errichtet, von der einfachen Schutzhütte bis hin zum kompletten Wohnhaus mörtellos aus Feldsteinen geschichtet. Ihre dicken Mauern halten Wind und Regen und die ärgste Hitze ab. Apulische Wanderarbeiter bauten sie vor zwei- bis dreihundert Jahren überall, wo sie Unterstand brauchten. Auch in Rheinhessen.

Dort wurden die »Wingertsheisje« in den letzten Jahren wiederentdeckt, liebevoll hergerichtet und teilweise für Besucher geöffnet. Man geht wohl sogar so weit, nagelneue Trulli in die Wingerte zu stellen …

Die Flonheimer jedenfalls sind stolz auf ihr Wahrzeichen. Nicht nur Besucher werden hierher geführt zu Wingertsrundgängen mit Weinprobe – auch die Einheimischen kommen, um zu picknicken, zu feiern, Heiratsanträge zu machen. Kein Flonheimer Hochzeitsfoto ohne Trullo. Tische und Bänke stehen draußen, die Aussicht ist großartig. Und wenn es regnet, verzieht man sich in das urtümliche Häuschen, rückt zusammen und kommt, so im Kreis sitzend, schnell ins Gespräch.

Man sieht dem Flonheimer Trullo an, daß er geliebt wird. Ein wunderbarer Ort, allemal einen Spaziergang wert.

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13 Kommentare leave one →
  1. 29. August 2011 13:02

    Und ich hätte jetzt ein Nudelrezept erwartet. :-)

    • 29. August 2011 13:31

      Das wäre allerdings mal eine Untersuchung wert — irgendwie haben sich die Apulier sicher auch in der rheinhessischen Küche verewigt? Mir fallen aber im Moment nur Sachen mit Grumbeere ein.

    • philipp1112 permalink
      30. August 2011 8:29

      Denkt agt dabei an „Trulli im Kochbeutel“? So hieß es doch bei Birkel in den 60ern? Heute als Pasta im Kochbeutel im Angebot.

  2. 29. August 2011 14:22

    Ein schöner Artikel. Gibt es davon noch viele?

    • 29. August 2011 15:29

      Trulli? Hier habe ich gelesen, dreißig bis vierzig in Rheinhessen. Ich kenne bloß zwei von nahem und drei weitere von fern.

  3. 29. August 2011 16:23

    Ja, ich meinte natürlich die Trulli. War etwas ungeschickt formuliert. Die sehen wirklich total beeindruckend aus. Irgendwie orientalisch.

  4. kormoranflug permalink
    29. August 2011 17:10

    Deutsche Wanderarbeiter bauen ja auch in USA oder in der Karibik „Schwarzwaldhäuser“.

  5. 29. August 2011 21:01

    Sehr schön! Der Toskana-Vergleich wird übrigens auch hierzulande gerne herangezogen, egal ob für das Heckengäu, den Kraichgau oder wo es sonst noch idyllisch ist und ein paar Quittenbäume wachsen ;)

    • 30. August 2011 22:42

      Das stimmt: was hübsch ist, ist die Schweiz (und hat es als solche sogar ins Zeit-Magazin geschafft). Inoffiziell, sozusagen unter Kennern, ist es die Toskana. Ich frage mich, wie sie wohl in der Schweiz und der Toskana die richtig schönen Ecken nennen?

  6. 17. September 2011 6:13

    Der zweite Absatz ist einer der gewaltigsten, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Danke dafür.

    Ich hätte schon viel früher mal irgendwo auf deinen Namen klicken sollen.

    • 18. September 2011 15:34

      Danke! Ich bin bei Dir, wie ich sehe, in beste Gesellschaft geraten. :)

Trackbacks

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