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Das Zwischenland

18. Juni 2011

Es ist ein blasser Landstrich, nicht flach und nicht gebirgig, weder Steppe noch Wald; es zählt sich nicht zum Rheinland und nicht zur Pfalz und zu Hessen schon gar nicht: Da, wo der Rhein einen großen Umweg macht, zwischen Bingen im Westen, Mainz im Osten und im Süden Worms, liegt Rheinhessen.

Es gibt nicht viel, was das Auge hält; Hügel hinter Hügel, mit Getreide oder Wein bepflanzt, Kulturlandschaft seit Tausenden von Jahren. Noch früher war es Meeresgrund: zwischen den Reben leuchten weiße Schneckentürmchen, Muschelschalen und — Finderglück! — glänzende Haifischzähne.

Von den Kelten erzählen Gräber und Gefäße. Dann kamen die Römer und brachten außer Krieg und Fernverkehr auch den Weinbau in die Region. Spätere Kaiser nahmen hier Quartier. Das Land war fruchtbar und umkämpft, was sich in starken Mauern und Resten schweren Geschützes zeigt. Bis heute wirkt die Herrschaft Napoleons, dessen Soldaten eine schnurgerade Straße zogen von Mainz bis nach Paris, und dessen Citoyens den Wortschatz dieser Gegend prägten.

Wald ist rar. Die Dörfer, aus dem Kalkstein der Gegend gebaut oder aus honigfarbenen Ziegeln, liegen in Täler und Mulden geduckt; oben, auf den besonnten Hügelhöhen, breiten sich die Äcker. Früher ragten nur die Kirchtürme aus den Bodenfalten und wiesen den Weg von Ort zu Ort. Heute wuchern Industrie- und Neubaugebiete die Hügel empor, und die Illusion der Menschenleere stellt sich nur noch selten ein.

Die Gründerzeit brachte sauberes Wasser für alle, und sie brachte die Eisenbahn. Ein dichtes Schienennetz verband die Dörfer; die Bahnen nannte man Bawettche und Valtinche, Zuckerlottche, Gickelche und Amiche. Nach den Wirtschaftswunderjahren wurden sie stillgelegt und bald ersetzt durch die A60, die A61, die A63, die das Land zerschneiden und endgültig zum Durchfahrtsgebiet machen.

In den letzten Jahren haben die Rheinhessen den Genuß entdeckt. Winzer machen Wein und Wellness, die Gastronomie blüht; die kleinen Orte öffnen sich dem Tourismus und bauen nagelneue Trulli. Trotzdem wird es hier wohl niemals eine Drosselgasse geben.

Je höher man geht zwischen Wingert und Feld, desto himmelweiter wird der Blick. Wie Perlenketten ziehen sich Alleebäume über die Hügelkämme; Schwärme von Windrädern sitzen auf ihren Flanken, und die Lerchen jubeln dazu. An klaren Tagen sieht man vom Donnersberg bis zum Taunus. Und wenn man sich so fast ein wenig allmächtig fühlt über dem sanften Land, hat es einen schon an sich gezogen. Boden bietet es genug für Wurzeln.

Literatur aus und über Rheinhessen:
z.B. Carl Zuckmayer (war gerade hier Thema); Elisabeth Langgässer; Wilhelm Holzamer

Und noch ein Knicks für K. mit dem Kompaß. Daß er die Himmelsrichtungen kennt, liegt sicher nicht nur an der Vogelperspektive.

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22 Kommentare leave one →
  1. 18. Juni 2011 21:39

    Zwischen Gut und Böse liegt… das Paradies.
    Schöne Liebeserklärung an die neue Heimat.

  2. walterlenz permalink
    18. Juni 2011 22:07

    Ein Text wie ein Stück Poesie. Und Landschaftsansichten wie gemalt. Wunderbar.

  3. philipp1112 permalink
    18. Juni 2011 23:07

    Irgendwann werde ich auch mal dieses Stück Erde und den Ort besuchen. Ich bin neugierig geworden.

  4. 18. Juni 2011 23:36

    Danke, Ihr.
    Wassily, das Paradies würde ich noch ein wenig suchen wollen. :)
    Lenz, das war das Licht. Manche lästern ja, sicher nicht zu Unrecht, Rheinhessen sei eine Agrarwüste; aber nach zweitausend Jahren ist das dann auch schon wieder Naturzustand.
    P1112, ich kann Dir ortskundige Führer empfehlen. Dann wird es wirklich spannend.

  5. 18. Juni 2011 23:44

    Ich habe eben, vom Rheingau aus, einen Regenbogen gesehen. Irgendwo über den Hügeln zwischen Ingelheim und Schwabenheim. Morgen werde ich die Selz entlang radeln und genau das genießen, was Du beschreibst.

  6. 19. Juni 2011 3:09

    #hach. Ich hab mich da in vielen Jahren durchgetrunken und bin noch lange nicht fertig: Riesling. Eine Gottesgabe. Gehört mit zu den besten Dingen, die ich kenne. Eine grüne Flasche, ein ordentliches Stück Speck, ein gutes frisches Graubrot, ein Wingert, von dem man runtergucken kann – Herz, was willst du mehr?

    • 19. Juni 2011 10:34

      (Das verklemmte s wurde nachgereicht.) Bei Deinem Picknick würde ich mitmachen, und ich würde noch einen grauen Burgunder mitnehmen. Oder vielleicht einen von den neuen roten, die ich noch lange nicht alle probiert habe.

  7. vlhusky permalink
    19. Juni 2011 6:30

    Sehr schöne, treffende Schilderung.
    Rheinhessen gefällt (mir)!

    • 19. Juni 2011 10:28

      Ich hatte ja zum Thema Genuß auf Dein Blog verlinken wollen, nur konnte ich mich nicht entscheiden, auf welchen Deiner zahllosen Rheinhessen-Artikel!

  8. 19. Juni 2011 18:14

    Danke für die Korrektur :)

    Das Picknick holen wir nächstes Jahr nach, soo weit sind wir ja nicht auseinander.

  9. 20. Juni 2011 8:24

    Weiter Blick und viel Himmel, das gefällt mir gut, vor allem, wenn’s so treffend beschrieben ist.

  10. 20. Juni 2011 10:30

    Schön beschrieben, da will ich auch mal hin.

  11. 21. Juni 2011 13:22

    Vera, klar! Und Worscht gibt’s auch.
    Vilmos, da kommt man durch, wenn man in die Pfalz will. Die Hügel sind allerdings spektakulärer, wenn man auf einem steht .
    Frau Eichhorn, wenn Du mit der ganzen Horde vorbeischneist, spiele ich Fremdenführerin.

  12. 22. Juni 2011 15:40

    (setzt sich seufzend auf den Hügel und guckt einfach nur)

  13. 23. Juni 2011 21:47

    Den „Himmel in Rheinhessen“ gibt es als Postkarte und in voller Breite unter: http://www.rheinhessenextrabreit.de

    • 23. Juni 2011 23:07

      Das ist natürlich ein Himmel, vor dem jeder andere einpacken muß … Schön.
      Aber wissen Sie vielleicht auch, wo man Bücher von Herrn Holzamer erstehen kann? (Ich kaufe am liebsten in Läden; im Netz habe ich schon welche gefunden.)

  14. 6. August 2015 12:00

    Das ist … schlicht großartig. In einem „Merian“ von ca. 1972 wäre dieser Text ein unter anderen besonders glanzvoll hervorschimmerndes Schmuckstück gewesen. Im selben Magazin auf heutigem Niveau wäre er eine vor die Sau geworfene Perle.

    • 6. August 2015 13:02

      Oh, huch, danke sehr! Ich habe die Gegend gern; es braucht nicht viel, sie sich unter Wasser vorzustellen. Ich weiß aber nicht, ob das mehrheitsfähig ist.

Trackbacks

  1. Trulli « normalverteilt
  2. Nebelschau « normalverteilt
  3. Meerchenwege | normalverteilt

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