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Schnappschüsse

16. Mai 2011
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All die Leute, die Fotos machen, dachte sie. Von den Sehenswürdigkeiten der Welt und den zufälligen Fremden davor, deren Abbilder sie dann mit nach Hause nehmen nach Castrop-Rauxel oder Kyoto oder Stoke-on-Trent.

Und da kleben sie dann zwischen den Urlaubserinnerungen in Alben, flimmern bei der Videoberichterstattung über Bildschirme: ein Kind, Tauben jagend auf dem Markusplatz. Zwei, die sich am Flughafen tapfer winken. Ein Lächeln aus dem Bild hinaus an einem Marmorbrunnenrand — London? New York? Mannheim am Rhein?

All die Bilder, dachte sie, die ganzen und die halben, über die Erdteile versprengt: vielleicht könnte man mit ihnen sein Leben illustrieren, gemeinsames und getrenntes, an Bahnhöfen, in Museen, beim Einkauf, beim Spazieren —

Dann erschrak sie bei der Vorstellung, auf einem wildfremden Film diese eine Gestalt zu entdecken, die sie unter Tausenden erkennen und die ihr Herz schon vor dem Erkennen springen lassen würde, einen jauchzenden, unhaltbaren Satz ins Nichts.

Dann putzte sie sich die Nase und ließ den Gedanken fallen.

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10 Kommentare leave one →
  1. philipp1112 permalink
    16. Mai 2011 14:01

    Zu der Zeit als man noch Filme entwickeln ließ und Abzüge bestellte, bekam ich mal eine Tüte Schnappschüsse eines anderen. Ich habe mich köstlich amüsiert – bis ich daran dachte, dass der andere über meinen Fotos sitzt und grinst. Dann war es mir peinlich.

    • 16. Mai 2011 14:11

      Und Du hast nie herausgefunden, wer es war? Stell Dir vor, auf den Bildern wärest Du gewesen –!
      Ich habe das nicht oft gemacht, Filme entwickeln. Aber die Spannung beim langsamen Entstehen der Umrisse auf dem Papier, das war schön.

  2. karu02 permalink
    16. Mai 2011 14:37

    Danke für das (mit)Teilen dieser so schön formulierten Gedanken.

    Ich vermisse auch manchmal die Dunkelkammer. Den Mausklicks im digitalen Labor fehlt jede Spannung. Das Rotlicht erschien mir oft als einzig mögliches, die Welt neu zu erschaffen. Jetzt wird sie nur noch abgelichtet.

  3. 17. Mai 2011 10:17

    Wie schön.

  4. meme permalink
    17. Mai 2011 10:18

    Das stimmt schon mit dem „Ablichten“ – aber für mich ist das erstmalige Anschauen auf dem Monitor dann doch jedesmal so ein bisschen wie das Entwickeln in der Dunkelkammer. Viele Einzelheiten – auch Personen – kommen erst da zum Vorschein, weil ich immer ziemlich spontan drauf los knipse. Ich weiß, hohe Fotografie ist was anderes, aber wenn ich plane und konstruiere, wird’s meistens Mist.

    • 17. Mai 2011 11:23

      Das geht mir ähnlich. Bilder werden eigentlich nie das, was ich wollte, aber manchmal doch etwas hübsches anderes. Und digital geht das nun auch mit hinnehmbaren Verlusten. :)
      Ich verstehe andererseits die Profis, die damit kämpfen, daß Kunden nicht mehr einsehen, warum sie für Porträtfotos so viel bezahlen sollen — die Tochter der Cousine macht auch tolle Fotos, und die kosten nix. Verfügbarkeit entwertet Bilder.

    • 17. Mai 2011 12:03

      Aber die Tochter der Cousine ist oft dann doch nicht wirklich mit der hohen Kust des Fotografierens, und schon gleich gar nciht der Porträtfotografie vertraut. Das sehe ich immer wieder, wenn ich meine ‚hübschen‘ Bildchen mit denen von Könnern vergleiche. Die Technik mag mehr Zugang verschaffen, Können ersetzt es trotzdem nicht, finde ich.

    • 17. Mai 2011 13:10

      Ich glaube, diese Unterschiede sehen nicht viele. Es ist nicht so schlimm wie beim Thema Typographie, aber doch ähnlich.

  5. 22. Mai 2011 11:11

    Du bist mal wieder eine Dichterin. Höchstaufregend.

  6. joulupukki permalink
    11. Juni 2011 21:35

    ganz, ganz schön!

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