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»Weihnachtliche Abwesenheitsnotiz«

24. November 2010

Alle Jahre wieder geschieht es, daß sich unter den Begriffen, mit denen mein Blog gefunden wurde, die »weihnachtliche abwesenheitsnotiz« häuft, in diversen orthographischen Varianten. Nun gibt es im Netz die erstaunlichsten Textvorlagen, und schließlich steht Weihnachten vor der Tür — also, Sie fragen, ich antworte!

Vorab
(1.) Die »Abwesenheitsnotiz« ist eine unglückliche Erfindung schlechter Software-Übersetzer und sollte eigentlich »Abwesenheitsbenachrichtigung« heißen. (2.) Es gelten für die weihnachtliche die gleichen Regeln wie für die gewöhnliche Abwesenheitsnachricht.

Wie immer haben Sie verschiedene Möglichkeiten, der Zielgruppe mitzuteilen, daß Sie woanders sind und feiern:

Schlicht & sachlich
Für geschäftliche Einsätze: »Über die Feiertage bin ich nicht zu erreichen. Ich wünsche Ihnen [und Ihrer Familie] [ein gesegnetes Weihnachtsfest / besinnliche Tage / fröhliches Feiern / schönen Urlaub / eine erträgliche Jahresendzeit] (Auswahl abhängig vom Grad der allgemein vorherrschenden Christlichkeit). Ab dem [Soundsovielten] arbeite ich wieder.«

Anreicherung mit (fremdem) Bild, Reim und Ton verbietet sich für geschäftliche Mails dieser Art. Nicht daß die Firma Ärger bekommt. Wenn Sie aber irgendwas mit Medien machen, sind Sie nicht auf fremde Erzeugnisse angewiesen.

Aufgebrezelt: Multimedia
Weihnachten, das ist Tannennadel- und Plätzchenduft, Kerzenmeere, Kinderchöre, Kirchenglocken, Gänsebraten, Filmriß und Familienkrach. Da bietet es sich an, ein Bild zu versenden oder ein kleines Gedicht, vielleicht etwas Nützliches wie ein Rezept (für, je nach Zielgruppe, Plätzchen, Glühwein oder Glühwein mit Schuß). Vorsicht mit Musik: Nicht jeder schätzt es, wenn ihm beim Klick auf die Weihnachtsmail »Ihr Kinderlein kommet« entgegendröhnt. Versender von »Last Christmas« kriegen in diesem und im nächsten Jahr keine Geschenke.

Bildmaterial kann Kerzen, Weihnachtsbäume, Weihnachtsmänner und Geschenkstapel enthalten. Gewagter wirken einschlägige Cartoons oder sonstige respektlose Illustrationen. Wer sich nicht mit fremden Federn schmücken will, sollte unbedingt auf den eigenen Bilderfundus zurückgreifen. Gern genommen werden Kinderzeichnungen, niedliche Haustiere / Babys in Weihnachtsmannoptik (Achtung! Nur ungefähr drei Mal lustig!), dekorative Schneebilder, das Weihnachtsessen vom letzten Jahr.

Ein griffiger Text zum Bild ist schön; fehlt ein solcher, tut es das handelsübliche »Frohe Weihnachten«. Zum Baby / Kätzchen / Welpen mit rotweißer Mütze: »Mein erstes Weihnachtsfest« (Gans mit Mütze entsprechend: »letztes«). Abbildungen von Eßbarem sollten Sie keinesfalls mir Anspielungen auf »Kalorien« untertiteln. Sonst werden Sie von Mailverteilern gelöscht und müssen sich auf Partys von Knäckebrot ernähren.

Weihnachtsgedichte gibt es wie Sand am Meer (vgl. Google), aber auch hier will die Auswahl mit Zartgefühl getroffen werden. Der Neu-Single hat vielleicht keine Lust auf warme Herzen im rieselnden Schnee; der Atheist will wahrscheinlich gar nicht sehen, »was in dieser hochheiligen Nacht / der Vater im Himmel für Freude uns macht«, und schwarzer Humor hat im Dezember schon Freundschaften enden lassen. Selber dichten bitte ausschließlich dann, wenn grundlegende Kenntnisse in Versmaß vorhanden sind. »Herzen« auf »Kerzen« ist verboten, genauso wie »singen« auf »klingen« und »Duft« auf »Luft«.

Für Bild wie Text gilt: Alles, was halbwegs gut und gelungen ist, wandert in den unergründlichen, kollektiven Topf für »Super-Weihnachtsideen«. Es wird sich zum nächsten Jahresende im Internet wiederfinden und dutzendfach wiederverschickt werden. Weihnachten, das Fest des Gebens.

Bleibt mir nur noch zu wünschen: Besinnliche Abwesenheit!

 

Und als Sonder-Service für Menschen mit internationalen Kontakten ab jetzt auch eine notice of absence auf Englisch: »I’ll be out of office for the holidays. [Season’s greetings / Happy holidays / A good time] to you [and your family]! I’ll be available again from [insert date here].«

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11 Kommentare leave one →
  1. 25. November 2010 11:24

    „Versender von »Last Christmas« kriegen in diesem und im nächsten Jahr keine Geschenke.“ –

    Solche Leute hoffe ich nicht in meinem beschenkungswürdigen sozialen Umfeld vorzufinden.

  2. meme permalink
    25. November 2010 11:55

    … „wie sag ich’s meinem Kinde“ – jetzt weiß ich, wo ich’s finde

    Danke für diesen grandiosen „Textvorlagen“ Link – und natürlich für diesen wunderbaren Text, der mich an das Drama der korrekten Abwesenheitsnotiz-Einstellung nach einer Unternehmens-Fusion erinnerte. Vor allem die Kapitälchen wollten und wollten nicht so, wie sie sollten ;-))

  3. 25. November 2010 13:00

    Ich hab mal eine schöne Kurz-URL erzeugt. Jetzt kann man ganz schnell schlußmachen:

    tinyurl.com/esistaus

  4. anglogermantranslations permalink
    5. Dezember 2011 21:06

    Was heißt schon „grundlegende Kenntnisse in Versmaß“? Wer die nicht hat, weiß das in der Regel nicht. Soll man ihnen deshalb den Spaß an der Dichterei verderben? Wer dichtet, sündigt nicht. :-)

    • 5. Dezember 2011 22:48

      Dochdochdoch. Wer schlecht dichtet, macht anderen Leuten Zähneknirschen, Haarausfall und Falten auf der Stirn. Das kann man mit nicht allzu viel Ausnutzung des Deutungsspielraumes als Sünde bezeichnen.

  5. anglogermantranslations permalink
    6. Dezember 2011 0:51

    Schlecht dichten kann man auch mit dem richtigen Versmaß und allen damit Freude machen. Ich sage nur Friederike.

    • 6. Dezember 2011 9:42

      Ah, Friederike! Sie strebte klar nach Höherem als nach Grußkartengebrauchslyrik, und in unseren Herzen hat sie es auch erreicht: Unsterblichkeit.

  6. kormoranflug permalink
    24. Dezember 2011 12:17

    Bin im Büro, überlege mir aber bei welcher Telefonnummer ich rangehe….(ha ha ha)
    PS: Nummern „Unbekannt“ werden als Werbung angesehen…
    Grüsse vom schwarzen Vogel.

  7. perahim mayer permalink
    18. Dezember 2015 20:44

    Selbstredend darf man nicht singen auf klingen reimen.

    Zum Beispiel:

    Alle toten Mädchen singen
    So marienzart vom Himmelblau
    Dass alle toten Schädel klingen

    • 19. Dezember 2015 0:58

      Wer würde das denn –! (Wobei. Das klingt so hübsch, da möchte man fast Ausnahmen machen fürs Jenseits und Ätherisches.)

Trackbacks

  1. Lustige Abwesenheitsnotiz für die Feiertage | Billomat

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