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Ich habe einen Wunsch.

17. November 2010

Ich fahre Auto nur, wenn ich muß. Ich hasse es, schon beim Ankommen gestreßt zu sein, und an Streß führt mit dem Auto kein Weg vorbei. Im Ernst, lieber als eine Stunde auf der A5 sitze ich zwei Stunden in einem verspäteten Zug — das ist entspannter.

Kürzlich mußte ich eine längere Strecke durch Frankreich fahren, anderthalbtausend Kilometer vorwiegend Autobahn. Seitdem weiß ich, daß Autofahren auch anders geht: ganz gemütlich bei Tempo 130.

Kein kilometerlanges Festhängen hinter LKWs, weil auf der Überholspur ein Raser den nächsten jagt. Keine Manöver mit panischem Rückspiegelblick: huch, eben noch am Horizont, jetzt schon an meiner Stoßstange. Stunden fahren, ohne daß die Laune leidet; sogar für Sehenswertes am Wegesrand sind noch Kapazitäten. Da fängt Urlaub tatsächlich schon auf der Reise an und nicht erst, wenn man den Autoschlüssel gut verkramt hat.

Das Tempolimit hätte ich gern als Souvenir mit nach Hause genommen, aber leider, leider gibt es in Deutschland eine zu starke Lobby für die Raser. Das Recht, ungedrosselt Treibstoff verbrennen zu können, wird gerne zum Menschenrecht hochstilisiert; da sind sich Politiker und Industrievertreter für nichts zu schade. (Hübsch übrigens: Auf der Wikipedia-Seite zum Thema sind die Länder, die kein generelles Tempolimit haben, aufgelistet. Da steht Deutschland zwischen Staaten wie Afghanistan, Libanon, Nordkorea, Somalia, dem indischen Bundesstaat Uttar Pradesh und Vanuatu.)

Der Trostpreis war immerhin ein finanzieller: Im Frankreich-Urlaub hat mein Auto, voll beladen und gut besetzt, im Schnitt einen Liter weniger auf hundert Kilometer getrunken. Bemerkenswert fand ich das, weil ich auch auf den heimischen Autobahnen nur 130 fahre — offenbar macht sich schon die ruhigere, glattere Fahrweise im Verbrauch bemerkbar.

Mein Wunsch: Tempo 130 auf deutschen Autobahnen, bitte! Und wer trotzdem rast, soll zahlen. Das hat sich in anderen Ländern bestens bewährt. Wieso zeigt sich Deutschland auf diesem Gebiet so rückständig?

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15 Kommentare leave one →
  1. ottogang permalink
    18. November 2010 11:24

    Deinen Wunsch würde ich gern unterstützen.
    Auch mir geht es ähnlich,sobald man die Grenze überschreitet und in der Schweiz oder Österreich auf Autobahnen mit Tempolimit unterwegs ist, wird es entspannt und weitgehend stressfrei.
    Doch in Deutschland hat wohl (noch) die Raserlobby das Sagen. Es wird wirklich Zeit, daß hier ein Umdenken stattfindet. Bei mir ist inzwischen auch ein 130er Tempo Grundlage für normalen Blutdruck.
    Hoffen wir einfach weiter.

  2. meme permalink
    18. November 2010 11:38

    Wir haben in Dänemark die gleichen Erfahrungen gemacht – weniger Sprit, weniger Streß – aber auch weniger Sehenswürdigkeiten, weil die weite Fahrt zu lange gedauert hätte. Andererseits ist auch das vermutlich ein Vorteil – Konzentration auf Wesentliches.

    Mein „Fahrer“ war jedenfalls absolut begeistert.

  3. karu02 permalink
    18. November 2010 13:00

    Du sprichst mir aus dem Herzen. Aus genau diesem Grunde fahre ich lieber nach Nordfrankreich ans Meer als nach Holland oder Deutschland, obwohl es etwas weiter ist von uns aus. Nach Holland geht es gar nicht mehr, dort ist zwar auch Tempo 130 als Begrenzung, fahren kann das allerdings niemand mehr, die Autobahnen sind mit LKW so dicht bestückt, dass das Spritsparen nicht schwer fällt.
    In Frankreich sind weite Landesteile sehr viel weniger dicht besiedelt. Hinzu kommt, dass die Autobahnen gebührenpflichtig sind und viele Franzosen lieber die Nationalstraßen benutzen.

    Als wir auf dem Rückweg aus dem Süden in die Nähe von Frankfurt kamen, am Abend, dachte ich, es kommt in unserem Land sehr bald zu einem Kollaps. Zum Rasen wird auch bald niemand mehr in der Lage sein, aber die Rücksichtslosigkeit der Fahrzeugführer ist erschreckend in Deutschland. Nirgendwo anders erlebe ich das so. Inzwischen kann ich nicht mal mehr entspannt daneben sitzen. Wenn ich selber fahre, komme ich jeweils ähnlich gestresst dort an, wo ich hinwill, wie Du.
    Es braucht ein ganz neues Konzept für unsere Verkehrswege. Ich habe keine Ahnung, ob daran gearbeitet wird.
    Wir probieren jetzt mal das Verreisen per Bahn. Ich bin gespannt.

  4. 18. November 2010 13:27

    Ottogang, es gibt da eine gewisse Partei, die zu dieser Hoffnung Aussagen trifft wie: »Wer nun ein generelles Tempolimit fordert, nimmt in Kauf, dass der Verkehr auf Landstraßen und durch Ortschaften umgeleitet wird und Unfälle, Staus und Schadstoffemissionen zunehmen. Das kann man nicht ernsthaft wollen. Darum lehnen wir die Anträge ab.« Das können wir uns also abschminken, zumindest in dieser Legislaturperiode.

    Meme: weniger kann so viel mehr sein! Meine neue Lieblingsart des Reisens ist die, das Dreifache an Zeit einzuplanen und dann Städte, Kirchen, Burgen und die lokale Küche am Wegesrand zu inspizieren. Anstatt erholt in ein Transportmittel zu steigen und nach kürzester Zeit urlaubsreif zuhause anzukommen.

    Karu, da sagst Du was. Ich glaube, wenn wir für Transport das bezahlen müßten, was er wirklich kostet, sähe einiges anders aus.

    Es wundert mich nicht, daß ich hier (in »meinen Kreisen«) erstmal Zustimmung ernte. Um die Gegenseite zu Wort kommen zu lassen, genügt ein rasches Googeln. Uff …

  5. 18. November 2010 15:27

    Ein merkwürdiger Freiheitsbegriff liegt da zu Grunde. Oder wie hier eine merkwürdige Vorstellung von Recht: http://www.welt.de/vermischtes/article10864526/Richter-aus-Herford-spricht-alle-Temposuender-frei.html

    • 18. November 2010 17:12

      Ich weiß, ich soll nicht Kommentare lesen, aber da wird mir schon ganz anders.
      Sind das die Deutschen? Sonst ja doch eher indifferent, aber verbissen auf ihr persönliches »Recht« auf »Spaß« pochend?
      Denken wirklich so viele von Zwölf bis Mittag, oder sind die, die das tun, einfach besonders laut?

  6. 18. November 2010 18:50

    Was hier auch schon hilft, ist der Tempomat. Seitdem ich den, wenn es irgends geht, auf 120,130 einstelle, ist das Fahren viel entspannter. Er befreit natürlich auch nicht von denen, die eben noch am Horizont waren und gleich auf der Stoßstange sitzen, aber die sind so häufig auch nicht.

  7. 18. November 2010 19:05

    Meine Lieben,

    ich weiß ja nicht, wo ihr in Deutschland unterwegs seid. Ich wäre gelegentlich schon mal ganz froh, könnte ich 130 überhaupt fahren.
    Karlsruhe-Stuttgart-München, Bodensee-Stuttgart-Mannheim: ein einziger Stau.
    Nur: die Bahn ist auch keine wirkliche Alternative… es sei denn, man bringt unheimlich viel Zeit und noch mehr Geduld mit.

    • 18. November 2010 19:21

      In Stuttgart war ich ein Mal mit dem Auto. Seitdem nur noch per Zug — die Ecke kann einem den Individualverkehr ein für allemal abgewöhnen.

  8. ottogang permalink
    18. November 2010 20:56

    @wassily, auch die Strecke Frankfurt – München und zurück war für mich während 5 Jahren Pendelei permanent ein Graus, egal ob mit Auto oder Zug.

  9. karu02 permalink
    19. November 2010 12:19

    Im Ruhrgebiet und von dort nach Köln kann auch niemand mehr 130 fahren, wahrscheinlich ist man zur Zeit mit dem Fahrrad schneller.
    Ihr seht, es regelt sich alles durch ständige Zunahme von selbst…
    Aber erst, wenn alle stehen statt zu fahren, wird es neue Konzepte geben.

  10. richensa permalink
    19. November 2010 15:37

    Hier, in der Gegend um Berlin, gibt es auf so einigen Autobahnen auf langen Abschnitten durchaus Tempolimits: 120 km/h auf der A 11, 130 km/h auf der A24 bis Wittstock, 120 km/h auf der A12 gen Frankfurt/O.
    Aber auch für mich ist es immer wieder eine Überraschung, dass, sobald man die französisch/deutsche Grenze auf der Rückfahrt überquert, der Gasfuß der Mitbenutzer der Autobahn wieder auf’s Pedal fällt.

  11. 23. November 2010 20:14

    Volle Zustimmung. Mir ging es neulich in Belgien so, einfach ein entspanntes Fahren. Und Du hast Dich tatsächlich mit dem Auto nach Stuttgart gewagt? Das ist straßenverkehrstechnisch wirklich der Super-Gau hier. Und ich kenn tatsächlich Leute hier in der Stadt, die sich das täglich geben oder andere die sagen „ich komm ja nirgends hin, seit ich kein Auto mehr hab“. Okay, der Verkehrsverbund hier ist unverschämt teuer, aber man kommt auch überall ganz gut hin.
    Autofahren ist leider für viele nicht nur Fortbewegung sondern auch ein Ventil für allerlei angestauten Frust, zu sehen jeden Tag im Feierabendverkehr.

  12. philipp1112 permalink
    29. November 2010 19:51

    Ihr armen Spießer! Wollt Ihr denn nicht mehr das Abenteuer Autobahn bestehen, das Duell Mann gegen Mann? Statt Pferd, Lanze und Rüstung sind es heute Hunderte von Pferden, auf denen ich reite, Stern, Niere als Lanze und die Rüstung ist im Ledersitz leichter zu ertragen und zu tragen als damals. Hier können wir noch das wahre Risiko erleben, Stunts, die keine Stuntman durchführen würde. Auf der Autobahn sind wir die Helden!

    Allerdings habe ich den Eindruck, dass die, die für Tempo 130 sind, die neuen Helden sein werden.

    • 29. November 2010 22:19

      Ich weiß ja nicht, wie das andere Damen sehen — von mir jedenfalls bekommt kein solcher Ritter auch nur ein Lächeln geschenkt …

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