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Wie werde ich energisch?

9. August 2010

Zwar bin ich mit vorsätzlicher Genickstarre über den Bücherflohmarkt gegangen (auf dem kürzesten Weg nach Hause), aber ein Titel sprang mir doch ins Auge: »Wie werde ich energisch?«, wilhelminische Gestaltung in Feldgrün. Ein gewisser Dr. med. W. Gebhardt verspricht »Eine vollständige Anleitung zur Selbsterziehung zu Energie und Thatkraft«. Das Büchlein hätte genausogut »Kauf mich!« heißen können — und so begann die Entwicklung von Energie und Thatkraft damit, daß ich Vorsätze über Bord warf.

Wer Herr Dr. med. Walt(h)er Gebhardt war, habe ich nicht zweifelsfrei klären können; da die Schrift zwischen 1904 und 1910 erschienen sein muß, käme dieser hier in Frage; wahrscheinlich war es aber ein weniger bekannter Namensvetter. In zehn gehefteten, (sparsam) illustrierten »Briefen« leistet er Selbsterziehungsberatung, insgesamt 160 eng bedruckte Seiten lang, die es auf mindestens vier Auflagen gebracht haben.

Machbarkeit war ein großes Thema um die Zeit der letzten Jahrhundertwende; unzählige technische Errungenschaften schienen zu beweisen: Wo ein Wille ist, ist ein Weg! Der Ingenieur überflügelte im öffentlichen Ansehen Pfarrer, Lehrer, Apotheker. Künstler waren die schwarzen Schafe in kaisertreuen Bürgerfamilien und kamen leicht in den Ruch der »Neurasthenie«, weniger vornehm: der krankhaften Nichtsnutzigkeit.



Wie nun also kann ich meinen Nutzen für Kaiser und Vaterland steigern? Das Buch verschreibt zunächst eine Reihe von »Willens-Übungen« gegen »die Störungen des Schlafes, sowie der Darmthätigkeit und die vielfachen Formen des Kopfschmerzes.« Um den Schlaf zu regeln, schreibt Dr. Gebhardt vor:

»Um 10 Uhr zu Bett! Sie nehmen eine sanft gebogene rechte Seitenlage ein! Dann zählen Sie 1 — 2 — 1 — 2 — 1 — 2 und zwar so, daß Sie jedesmal die Zahl 1 beim Ausatmen, die Zahl 2 beim Einatmen aussprechen! […] Findet sich so der Schlaf noch nicht ein, so sagen Sie erlernte, nichtssagende Reime her oder wenn auch dies nicht geht, so verscheuchen Sie jeden sich nahenden Gedanken durch einen neuen!«

Die ultimative Willens-Übung zur Regelung der Darmtätigkeit ist übrigens: »Sie rauchen Morgens eine Zigarre zum Kaffee!«

Weiter geht es mit der »Heilung der willensschädlichen Krankheiten«, der Bekämpfung »willensschädlicher, lächerlicher und schlechter Gewohnheiten«, um nach der »Bekämpfung von Zwangsgedanken und -gefühlen« »Die spezielle Schule des Willens« und »Das energische Auftreten« abzuhandeln. Auf Seite 160 ist der Leser ein anderer und reif für das Schlußwort: »[…] der innere Mensch ist und bleibt das maßgebende Element in der Lebensgestaltung(,) der Leitstern von Lebensglück und Lebensführung!«

Ich weiß nicht, ob der Erfolg der Gebhardtschen Methode jemals gemessen worden ist. Daß ich zuvor nie von ihr gehört habe, könnte an mir liegen. Aber dann fällt doch auf, daß das erste der zehn Heftchen eselsohrig und lose um seine beiden Heftklammern flattert, während die anderen neun beim Aufschlagen knistern und sich widersetzen — offensichtlich lagen sie hundert Jahre ungelesen in ihrem Schuber.

Ich werde sie wahrscheinlich noch einmal herausnehmen, später, wenn ich »Dinge geregelt kriegen (ohne einen Funken Selbstdisziplin)« durch habe, unterhaltsam und Balsam für die Seelen verpeilter Akademiker. Und übrigens mit viel weniger Ausrufezeichen auskommt.

15 Kommentare leave one →
  1. karu02 permalink
    9. August 2010 10:53

    „…der innere Mensch ist und bleibt das maßgebende Element in der Lebensgestaltung“.
    Genau diesen „inneren Menschen“ suchen in diesem Jahrhundert verzweifelt die Gehirnforscher – und finden ihn nicht.
    Glückwunsch zu diesem Flohmarktfund. Solches sieht nur, wer es sehen will.

  2. meme permalink
    9. August 2010 11:22

    Ich habe mir vor längerer Zeit auch mal so ein Büchlein gekauft. Ganz modern – „was ich wirklich brauche“ oder so ähnlich. Gut verstaut im Bücherregal bei den noch zu lesenden Exemplaren ist es mittlerweile verschollen. Es war rot, auffällig rot, das weiß ich noch – trotzdem sind alle Suchaktionen negativ verlaufen. Mittlerweile weiß ich ja selber, was ich „wirklich brauche“ – und so werden vielleicht eines fernen Tages meine Nachkommen dieses Büchlein finden und sich ebenfalls wundern, dass es noch so jungfräulich „knisternd“ und sich „widersetzend“ daherkommt.

    Guter Tip zur „Regelung der Darmtätigkeit“ übrigens – wenn auch nicht mehr ganz zeitgemäß ;)

  3. 9. August 2010 12:01

    Die Zeiten ändern sich, nicht aber die Menschen. Diese Sorte Ratgeberliteratur ist so unsterblich wie das Bedürfnis des Menschen nach Effizienz und Gewissensruhe.

    Mich fasziniert das Lebensgefühl der damaligen Zeit. Alles geht, Wachstum hat keine Grenzen, wir haben die Pflicht, uns die Welt untertan zu machen … Und erstaunlich, wieviel davon heute noch vorhanden ist. Dabei war eine Weltbevölkerung von anderthalb Milliarden Menschen eine sehr andere Voraussetzung als die heutigen sechs.

  4. 9. August 2010 14:13

    Ich sitze hier bei der Arbeit. 1-2-1-2-1-2-1-2…

    Ach nee, das war die falsche Übung. Gähn!

    Schnell einen Kaffee holen und weiterarbeiten…

  5. 9. August 2010 14:13

    Vergiss es! Ohne Zigarette zum Kaffee keine Chance. Was sollst du dich also mit Zählen quälen?

  6. 9. August 2010 14:50

    Nicht dass es dir wie dem Faultier ergeht ;-)

    • 9. August 2010 14:57

      Ach, danke — Manfred Kyber! Irgendwas hatte geklingelt, als ich den Titel sah, aber ich wußte es nicht mehr. Juhu!

    • wardawas permalink
      21. Juli 2016 10:47

      Selbst der „giftgrüne Einband“ stimmt! Kyber hat das Buch also gekannt und sich ironisch drüber lustig gemacht…
      Seine Tiergeschichten sind immer noch wunderbar zu lesen, ebenso das „Alräunchen“.

  7. philipp1112 permalink
    10. August 2010 21:57

    Was würde der Autor heute – 100 Jahre später schreiben?
    Vielleicht „Wie bewerbe ich mich richtig?“
    Leider werden wir es nicht erleben, was eine 22.Jahrhundert-Lakritze im Jahr 2110 antiquarisch erstehen könnte – es müßte ja heute geschrieben sein.
    Oder liest sie dann wordpress.com oder blättert im Facebook?

  8. 11. August 2010 8:53

    Das wäre interessant zu wissen: wie in 100 Jahren die Bücherflohmärkte aussehen? Auf mich üben der große Fluß oder die Bucht nur eine schwache Anziehungskraft aus im Vergleich zu Kisten und überladenen Tischen. Das würde mein Regalplatzproblem lösen …

  9. walterlenz permalink
    11. August 2010 17:01

    Das mit der sanft gebogenen rechten Seitenlage klappt schon ganz gut. Aber wie man willensschädliche, lächerliche und schlechte Gewohnheiten bekämpft, hätte ich schon gerne gewusst.

    • 11. August 2010 23:34

      Sollte ich jemals so weit kommen in der Lektüre, erstatte ich Bericht. Alternativ könntest Du mir auch einfach eine funktionierende Postadresse mitteilen.

  10. walterlenz permalink
    12. August 2010 11:14

    Ich hätte einen Toten Briefkasten im Kräutergarten des Klosters Allerheiligen. Direkt hinter dem Beet mit Küchenkräutern des Mittelalters.

    • 13. August 2010 15:43

      Neenee. Dahin schicke ich nichts. Spätestens wenn der Gärtner energisch werden will, ist das Buch weg.

  11. 6kraska6 permalink
    1. Oktober 2010 15:43

    Leider ist man ab 1914 dann ja wirklich energisch geworden. – Es leben die Energielosen mit den lächerlichen, willensschädlichen Gewohnheiten! „Krieg? Ach nee, laß mal, so früh komm ich nicht hoch…“

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