Skip to content

Leinen

6. Juni 2010

Im Paradies, da bin ich sicher, muß es Leinen geben! Leinen faßt Kissen griffig ein und lindert Sommernächte mit kühler Hand. Frisches Leinen duftet weiß und zieht den Schlaf an; es kann schwer sein wie ein Kettenhemd und im Wind knattern, daß einen das Fernweh packt.

Leinenservietten. Anfang 20. Jh.

Leinen liebt Hitze: Unterm glühenden Bügeleisen bekommt es Glanz. Was als kalte, krumme Lappen aus der Wäsche kam, streckt sich wohlig und zeigt gewirkte Muster: Fischgrat auf der hessischen Hausweberei, Veilchensträuße auf den herrschaftlichen Servietten. Leinenweiß würde es, wenn es Tau und Sonne trinken dürfte auf der Bleichwiese. (Es gibt eine Bleiche am Fluß, aber die ist vierspurig ausgebaut …)

Und dann sind da die Monogramme. Taufkleid, Nachtwäsche, das letzte Hemd — jedes Stück trägt das stolze Zeichen seiner Besitzerin, Trägerin und womöglich Herstellerin.

Häkelspitze

Ich könnte kein Kleidungsstück machen — vom Raufen, Riffeln, Rotten, Brechen, Schwingen, Hecheln, Spinnen, Haspeln, Weben auf dem Weg vom Flachs zum Tuch habe ich allenfalls eine blasse Ahnung. Den Handwerkerinnen und Künstlerinnen von damals erweise ich meine Reverenz, indem ich ihre Werke hundert Jahre später bügle, während alles andere bei mir knittrig bleibt.

Nachgereichte Links:
Bericht über die handwerkliche Herstellung von Leinen
Zur Geschichte der Leinenherstellung in Deutschland
Eine aktuelle Bezugsquelle für Leinen

Und noch ein Nachtrag:
Unter http://www.leinen.de gibt es neuerdings wieder Leinenstoffe von Holstein Flachs. So schön!

Advertisements
21 Kommentare leave one →
  1. 6. Juni 2010 22:37

    Einen Einblick in den Herstellungsprozeß von Leinen habe ich hier gefunden: http://www.mittelalter-recherche.de/leinen01.html
    Auch eine Fundgrube für Sammelwörter. :)

    • 6. Juni 2010 23:48

      Deine Wörtersammlung ist auch schon sehr ergötzlich, eine Freude!
      Und deine Eloge an das Leinen kann ich nur unterstützen. Ich hätte auch gerne soviel davon zum Bügeln.

  2. oachkatz permalink
    7. Juni 2010 9:17

    Deine Ahnung vom Umgang mit Worten ist jedenfalls alles andere als blass.

  3. 7. Juni 2010 9:40

    Danke, Frau Eichhorn! :) Es sind noch ein bißchen viele, aber das gibt sich.
    Afra: Flohmärkte. Und die letzte echte Fundgrube für Stoff und (namenloses) Porzellan: Online-Auktionshäuser.

  4. karu02 permalink
    7. Juni 2010 11:02

    Mein Gatte erzählt immer mal wieder die Geschichte aus der Ruhrorter Kindheit: Hinter dem Haus ein einziger wilder Spielplatz für die vielen Kinder. Nachkriegszeit! Nur ein Stückchen Erde war mit gleichmäßigem Gras bewachsen. Die Bleiche! Sie wäre ideal gewesen fürs Fußballspielen. Eine alte Dame, die im Haus wohnte, mit den Fenstern nach hinten raus, bewachte diese Bleiche, als sei das ihr Lebenswerk, obwohl niemand mehr Leinen auf ihr zum Bleichen auslegte. Die Jungen akzeptierten das Bleiche-Betretungsverbot.

    • 7. Juni 2010 12:57

      Das ist eine wunderbare Geschichte. Die alte Dame hat wohl mit dem Wiesenstück alles verteidigt, was ihr mal etwas wert war. Ich wüßte gern, warum die Jungs das hingenommen haben?

  5. meme permalink
    7. Juni 2010 11:34

    Das Taufkleid ist wunderschön, ich wünschte, ich könnte so schön sticken. Spitzen habe ich früher ganz gern gehäkelt – allerdings meistens nicht aus Leinen, sondern aus dünner feiner Baumwolle.

    Das Muster der Serviette in Jacquard-Bindung (im Gegensatz zur einfachen Leinenbindung) ist mir recht vertraut. In einer der mittlerweile geschlossenen Webereien hier vor Ort – mein Vater war dort Webstuhl-Meister – wurden u.a. solche Gewebe produziert aus Leinen, Halbleinen oder Baumwolle. Die Maschinen, die das ökonomisch und schnell erledigten, kamen damals aus Rüti in der Schweiz. Die Erfindung solcher mechanischen Webstühle war – wie fast alle bahnbrechenden Neuerungen – anfangs mit viel Gegenwind verbunden.

    … ganz interessant vielleicht für Interessierte: http://www.deutsches-museum.de/sammlungen/ausgewaehlte-objekte/meisterwerke-ii/webstuhl/

    • 7. Juni 2010 13:02

      Oh! Toller Link, und wieder so ein Einstieg in stundenlanges Netzspazieren …
      Heute gibt es wieder Leinen: http://www.die-leinenweber.de/ — es wird nicht mehr in Deutschland hergestellt, sondern importiert. Deutsches gab es auch bis vor kurzem (http://www.holstein-flachs.de/), das hat sich aber anscheinend nicht gelohnt — die Kleider, Tisch- und Bettwäsche und was es so gab waren den Kunden wohl einfach zu teuer.

  6. karu02 permalink
    7. Juni 2010 13:13

    @lakritze: Ich habe gefragt, warum dieses Verbot respektiert wurde. Die alte Dame war immer sehr nett zu den Buben, ab und zu gab es Bonbons. Sie hatte also nichts gegen die Kinder. Ihr war nur die Bleiche ein „heiliges“ Anliegen. Die Jungen haben nur gelegentlich mal ausprobiert, ob das Verbot immer noch gilt.

  7. kormoranflug permalink
    7. Juni 2010 16:26

    Gerne hätte ich ein Hemd aus dem kühlendem, 100 Jahre alten Bauernleinen, am liebsten in der Farbe blau.

    • 7. Juni 2010 22:34

      Weiß würde einem schwarzen Vogel doch auch gut stehen, sähe es dir dann zu sehr nach Pfaffe aus?

  8. 7. Juni 2010 22:42

    Der Niederrhein war einst ein Eldorado des Anbaus von Flachs und der Verarbeitung von Leinen, woraus eine beachtliche Textil- und Textilmaschinenfabrikation entstand. Noch in meiner Kindheit gab es etliche Spinnereien, Webereien und Tuchfabriken, die eine nach der anderen dicht und Platz für einen neue Cash-und-Carry-Supermarkt machten, weswegen Mönchengladbach einst die größte Dichte dieser Billigriesen hatte.

    Siehe z.B. auch das Flachs- und Volkstrachtenmuseum.

  9. 8. Juni 2010 20:20

    Karu, das macht die Geschichte rund. (Was aus der Bleiche geworden ist, als die alte Dame nicht mehr darauf aufpassen konnte, werden wir wohl nicht erfahren …) Danke.

    Kormoran, das hätt ich auch gern! Ich wüßte ja, wo ich eins bekommen könnte, aber ob mein Geldbeutel dem gewachsen ist, steht auf einem anderen Blatt.

    Vilmos, da wird mir ganz rückwärtsgewandt zumute. Was wohl aus all den Maschinen geworden ist?

    Eine Textilienhändlerin hatte mir erzählt, es sei extrem schwierig gewesen, all das alte Fachwissen wieder zu erarbeiten, als Holstein Flachs wieder in Deutschland produzieren wollte. Und nun geht das alles, kaum erworben, wieder verloren, weil es sich finanziell nicht gelohnt hat …

  10. 10. Juni 2010 15:23

    Ich empfehle dringend, einmal Urlaub auf La Palma zu machen und sich einen Ausflug ins Stickereimuseum in Mazo zu gönnen:
    http://www.la-palma-service.de/roja.html

    Da fallen einem vor Staunen fast die Augäpfel heraus – und ich bin bekanntlich schwer zu begeistern.

    • 10. Juni 2010 19:01

      In solchen Museen könnte ich Stunden verbringen … Sollte ich jemals nach La Palma kommen, ist das gebongt.

  11. 12. Juni 2010 17:11

    Wollte auch den Niederrhein beitragen, hat aber vilmoskörte schon besorgt. Immerhin gibt es auf dem jährlich zu Pfingsten in Krefeld-Linn stattfindenden Flachsmarkt ein der besten Einkaufsmöglichkeiten für altes Leinen (in den Burgräumen); auch sind stets mehrere Damen dort, die sich mit Pflege und Ausbesserung auskennen.

    Ich habe dermaleinst alte Leinennachthemden gesammelt, und weill ich früher auch geklöppelt habe, war manches schöne Stück Spitze und Stickerei darunter. Die Nachthemden werden heute von den Töchtern von Freundinnen im Sommer als Kleider getragen und in Ehren gehalten.

    Linnene Bettwäsche war nicht so meins, vielleicht, weil es früher nichts anderes gab. Die Laken, Kissen und Bettbezüge wurden noch gestärkt, und das fand ich als Kind ziemlich furchtbar. Ich besitze aber noch ein 12 Meter langes Tischtuch (das benutzt wird, um drei Gartentische in eine festliche Tafel zu verwandeln), etliche Servietten, Kissenbezüge und Deckchen. Die bügele ich auch alle gerne, weil sie der Mühe wert sind.

    Meine schönsten Stücke sind zwei linnene Vorhänge mit Hardangerstickerei und Fransen, die einmal im Schloß Raesfeld hingen. Sie passen genau vor eines meiner Wohnzimmerfenster, sind aber über den Sommer eingemottet. Selbst Hadji tatzelt nicht mit den Fransen, vielleicht weiß er als gefühlter Palastkater, daß das unter seiner Würde ist ,)

    Noch ein Tipp mit auf den Weg: Rostflecken in Leinen kann man mit Rhabarbersaft entfernen.

    • 14. Juni 2010 13:33

      Rhabarbersaft? Ich hatte das gelesen, hatte aber bislang noch keine behandlungsbedürftigen Rostflecken. Dann scheint das tatsächlich zu funktionieren? (Am Ende ist Rhabarberkompott nur ein Nebenprodukt der früheren Waschküchen –?)

      Und nachdem ich Schloß Raesfeld gegoogelt habe, bin ich beeindruckt. Schrecklich neugierig natürlich auch, ob es eine Geschichte zu den Palastvorhängen gibt?

  12. 14. Juni 2010 15:12

    Über die Geschichte breite ich diskreterweise (Anderen gegenüber) den Mantel des Schweigens, sei mir bitte nicht böse.
    Deine Theorie über Rhabarberkompott ist interessant :D und sowieso hast Du immer wunderbare Geschichten über kleine Dinge, die man leicht übersieht. Ist immer eine Erholung, Dein Blog zu lesen und anzusehen.

    • 14. Juni 2010 17:25

      Das freut mich. Ich bin einem Referrer-Link nachgegangen und habe entdeckt, daß Du mein Blögchen empfohlen hast. :) Vielen Dank!

  13. 26. Juli 2012 22:00

    Reblogged this on Stopfblog.

Trackbacks

  1. Fundsachen | Geschichten und Meer

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: