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Strecken

10. Mai 2010

Am Anfang waren es zwanzig Kilometer. Die waren die weitesten, ohne Führerschein und mit einer Zugverbindung, über die der Schalterbeamte lachen mußte. Später schmolz dieses Problem auf das kleinere, ein Auto aufzutreiben. Wenn sie einander nicht besuchten, telefonierten sie, oder sie schrieben sich Briefe und Karten. Sie liebten sich mit der ganzen Abgeklärtheit ihres Alters: Laß uns einander nie, niemals zur Last fallen. Und dann strahlten sie.

Die Entfernung wuchs: Er studierte anderswo, da hielt es auch sie nicht, und sie vergrößerte den Abstand um einige hundert Kilometer. Sie verbrachten viel Zeit in Zügen und waren Paar am Wochenende. Aber nur, wenn du wirklich nichts anderes vorhast, ja?

Bald kam ein Angebot, das er nicht ausschlagen konnte, und er verließ das Land. Mein Freund ist in Amerika, sagte sie und glaubte es selbst fast nur, wenn sie die fremden Briefmarken sah. Achttausend Kilometer, sprach sie vor sich hin; frequent flyer. Am Telefon machten sie einander großzügig Angebote: Ich möchte dich nicht gefangen halten. Wenn du nicht mehr willst … Und dann reisten sie wieder. Zeit war zu knapp für Alltag; Tränen fielen nur beim Abschied oder kurz danach.

Nach zu vielen interkontinentalen Jahren wollte sie Wurzeln und eine Sprache, in der sie sich zuhause fühlte. Ihm dagegen stand die Welt offen, auf jedem Erdteil eine Tür, und eine Weile dachten sie, jedes für sich, an getrennte Wege.

Dann kam er doch nach Hause; noch auf der Reise war es, um sein neues Leben mit ihr ans alte anzuknüpfen. Aber den Husten, den er mitbrachte, hatte er nicht von der Klimaanlage im Flieger: das machte Entfernungen plötzlich gleichgültig. Ihre Zeit teilte sie nun in Arbeitsstunden und die bei ihm auf der Station. Die Prognose war gut, die Ärzte in Maßen zuversichtlich; ein so junger, kräftiger Mann … Er sagte: Wenn ich das gewußt hätte, ich hätte andere Prioritäten gesetzt. Sie sagte: Ich würde dich so gerne anfassen dürfen.

Als er starb, gab es keinen Abschied. Sie konnte ihn nicht einmal bis zur Tür begleiten. Bei seiner Beerdigung trug sie Weiß, um überhaupt etwas zu sehen; danach wartete sie eine Weile, ob sie ihm nicht doch noch folgen würde. Schließlich widmete sie sich wieder ihrem Leben. Strecken maß sie weiterhin in Kilometern, aber die Zeit war eine andere geworden, flüchtig, keineswegs mehr verläßlich oder gar berechenbar.

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20 Kommentare leave one →
  1. 10. Mai 2010 1:08

    phhhhh. hätte ich im moment besser nicht gelesen.
    toll.

  2. joulupukki permalink
    10. Mai 2010 6:58

    Wow! Das Traurige so wunderschön in Worte gefasst …

  3. oachkatz permalink
    10. Mai 2010 9:12

    Eine Träne aus dem Augenwinkel gewischt…

  4. 10. Mai 2010 15:21

    Hab einen riesigen Kloß im Hals….wunderschön geschrieben, auch wenn es im Herzen zwickt

  5. karu02 permalink
    10. Mai 2010 15:27

    Wenn ich so schwer schlucken muss, ist es sehr gut geschrieben. Danke fürs Nachdenklichmachen.

  6. kormoranflug permalink
    10. Mai 2010 16:59

    Wir sind nur Gast auf dieser Welt und vielleicht gibt es eine weitere Welt. Jeder Abschied ist ein Neubeginn, Erinnerungen bleiben. Wunderbar hast Du alles geschrieben, doch wichtig bist Du.

  7. 10. Mai 2010 22:17

    Danke euch, ihr Lieben.
    Und im Notfall gibt’s ja immer noch Ringelnatz: An M.

  8. philipp1112 permalink
    11. Mai 2010 22:50

    Es ist schwer, mit diesem Beitrag im Gepäck die Reise der Worte zu Dir, Lakritze, anzutreten, um zu sagen, wie beeindruckend und bedrückend Worte sein können.

    • philipp1112 permalink
      11. Mai 2010 22:53

      Es fehlt viel im vorhergehenden Kommentar, was ich sagen könnte, besonders aber ein „r“.

    • 12. Mai 2010 22:13

      Aber dann sind Worte auch wieder einfach eine Geschichte … Dank Dir.
      (Und das r wurde nachgereicht.)

  9. ottogang permalink
    12. Mai 2010 20:42

    Ich denke, wenn man wüßte, wieviel Zeit einem für das Gemeinsame noch bleibt, würde man ganz andere Proritäten setzen und das Jetzt konsequenter genießen.
    Schöne Worte, die einen sehr nachdenklich machen.
    Ich sollte vielleicht nicht bis morgen warten, sondern heute mit dem Ändern beginnen.

    • 12. Mai 2010 22:20

      Sichrarmachen scheint ein Sport in vielen Beziehungen. Macht mich sehr wütend, wenn ich zu genau hinschaue.

  10. 15. Mai 2010 18:52

    Traurig, so traurig…

    • 16. Mai 2010 15:09

      Das Gute am Schlimmen: Es läßt sich überstehen.

  11. 23. Mai 2010 8:40

    Erst macht der Abschied einen traurig, dann sprachlos, dann wütend. Und dann hat man die schwierige Wahl – weiter leiden oder weiter leben.

  12. 28. Mai 2010 23:55

    Ich bin berührt. Sehr eindrucksvoll geschrieben.

  13. 2. Juni 2010 11:02

    Entfernungen, kleinere, größere, und dann die uneinholbare.
    Du beschreibst das mit einer Leichtigkeit, die keinen Millimeter für Sentimentalität lässt. Danke, Lakritze für solche Texte.

Trackbacks

  1. schuehsch.net » >> Strecken

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