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Da ist er ja, der Frühling

16. April 2010

Kurt Schwitters (1931)

Veilchen
nennt der Volksmund das, was im Verborgenen blüht und gut duftet. Dieses hier sind Alpenveilchen, weil sie in Zürich in den Alpen eingetopft sind. Aber sonst sind es echt nordische Veilchen, die blauen, die an Hecken und unter Bäumen wachsen, und die im Herbst blühen.

Wir selbst hatten als Kinder solche kleinen Veilchensträucher im Garten und haben oft daran gerochen. Oh, das riecht gut! Und nun habe ich mich als großer Mensch daran gewöhnt, immer und überall die kleinen Veilchen zu suchen und zu finden, Sommer, Winter, Herbst und Frühling.

Traun, begegnen sie uns nicht überall, die kleinen Veilchen? Blicken sie uns nicht so lieb und treu an aus ihren blauen Kinderaugen? Duften sie nicht still für sich hin und führen ihr violettes Leben voll duftender Bescheidenheit in dieser Frühlingswelt, die lieben, herztausigen Veilchen?

Das alles weiß ich sehr gut, und darum habe ich gepflückt und gepflückt. Manche habe ich auch gleich mit der ganzen Wurzel ausgegraben, die wachsen dann weiter.

Im Merz blühen die meisten Veilchen. Im April nennt man sie meistens Anemonen. Im Mai heißen sie Maiglöckchen, im Juni Maikäfer. Im Dezember aber blühen sie an kalten Fensterscheiben und heißen Eisblumen.

Lesen Sie, lieber Herr, Frau, Fräulein, das Unzutreffende bitte durchzustreichen, und schreiben Sie mir voll Vertrauen, welches Veilchen bei Ihnen am besten geduftet hat.

Das würde mir ein Schützenfest sein!

Kurt Schwitters, Hannover, Waldhausenstr. 5.

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4 Kommentare leave one →
  1. joulupukki permalink
    17. April 2010 8:35

    Oh, ich hab sie auch ganz gerne kandiert, die kleinen Schätze.
    Das neue Kleid steht der lakritze übrigens ausgezeichnet!

    • 17. April 2010 16:05

      Mmmm, kandierte Veilchen –!
      Mit einem Strauß kandierter Blumen könnte man mir eine echte Freude bereiten. Aber so weit kommt es irgendwie nie.

  2. karu02 permalink
    17. April 2010 18:17

    Das Wort herztausig habe ich bis dahin noch nicht gelesen. Wo kommt das her oder hat er es neugeschöpft? Der Duft der Veilchen ist betörend, aber er darf nur leicht daherkommen.

    • 17. April 2010 18:47

      Ach, der Herr Schwitters. Mit seinen Schöpfungen habe ich mal eine Weile mein Hirn angefüllt. — Veilchenlakritz ist übrigens auch so was; mittig zwischen »was soll das denn?« und »noch eins!« …

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