Skip to content

Glanzvolles Gerümpel: Staatsgeschenke

29. März 2010

Jeder kennt das: Man ist eingeladen und möchte den Gastgebern eine Freude machen. Für diese Zwecke hält eine ganze Industrie Mitbringsel bereit — Blumen, edle Tropfen, jahreszeitliche Schnörkel und Stehrumchen allgemeiner Art. Meine persönliche Faustregel lautet: Was sich rückstandslos beseitigen läßt, ist ein gutes Geschenk; deswegen packe ich gern Les-, Eß- oder Trinkbares ein (träume allerdings heimlich davon, der Gastgeberin statt des obligatorischen Blumenstraußes einen schönen Feldstein zu überreichen).

Was aber, wenn der Besuch ein Staatsbesuch ist? Welche Kleinigkeit hat der Minister, die Präsidentin, der Diplomat im Gepäck? Diese Frage wird jetzt in der Gebläsehalle der Völklinger Hütte umfassend beantwortet. Kurz: Eßbar ist es eigentlich nie.

Was bundesrepublikanischen Präsidenten und Kanzlern (sowie ihren Ehepartnern) in 60 Jahren von ausländischen Würdenträgern zugedacht war, das steht, liegt und hängt in den Vitrinen der Ausstellung „Staatsgeschenke“ zwischen den schwarzen Windmaschinen der Völklinger Gebläsehalle.

Ausstellung Völklinger Hütte

Vergoldetes vor Stahl: Staatsgeschenke im Saarland

(Die Exponate darf man nicht fotografieren; stattdessen kann man einen schönen Katalog erwerben.)

So als Staat will man natürlich repräsentieren. Entsprechend häuft sich der Prunk: Frankreich verschenkt Goldschmuck, die Ukraine einen gigantischen silbernen Tafelaufsatz in Form eines Fauns, Jordanien eine Abendmahlsszene, aus Perlmutt zusammengefügt (und das in 60 Jahren gleich zweimal). Die Länder zeigen sich äußerst kunstfertig: vom Baltikum stammen Bernsteinschnitzereien und Filigranarbeiten aus Silber, aus Schwarzafrika Webstoffe, Gefäße und Schmuck aus Gräsern; Design kommt aus Skandinavien, Porzellan aus China.

Andächtig pilgern die Besucher an den Vitrinen vorbei. An den Wänden sind Bilder und Schlagzeilen aus 60 Jahren deutscher Geschichte zu sehen, die die Zeichen guter diplomatischer Beziehungen passend oder kontrastierend einrahmen. Bald steigt die Stimmung. Spätestens beim Anblick der goldenen Statue eines Rennkamels (mitsamt Jockey; Geschenk aus Saudi-Arabien) wird Staunen laut. In seinem maßgeschneiderten Kasten mit vergoldeten Scharnieren ist das Tier im Galopp erstarrt; unter seinen Hufen glänzen Klebstofftropfen. Da hinten, dieser Besteckkasten — das wird wohl bunt bedrucktes Elfenbein sein –? Nein, drunter steht: „Material: Stahl, Kunststoff“. Und was in aller Welt haben sich die Repräsentanten der damaligen Sowjetunion gedacht, als sie diese handgroße Roboterstatue einpackten, zusammengelötet aus Schrauben und Elektronikbauteilen?

Oh, drei ganze Vitrinen voller Elefanten! Das ist die (künstlerisch weniger anspruchsvolle) Sammlung von Exkanzler Kohl, der offenbar ein Faible für die Dickhäuter hatte. Ein paar Schritte weiter ein Geschenk von Ronald Reagan, Präsident der Vereinigten Staaten, aus den 80er Jahren: Ein halbmeterhohes Buch, auf dem Buchdeckel das in Messingblech getriebene Konterfei des Herrn Reagan höchstselbst; Titel: „Ronald Reagan — The President Of Courage“. Lediglich die Nase wirkt etwas abgenutzt.

Wer genug hat von Glanz und Gloria, kann sich irgendwo hinsetzen und den Besuchern lauschen. „Hast du gesehen? In dem CD-Kasten für Herrn Sauer waren alle CDs noch original eingeschweißt!“ — „Schau mal, da klebt ein Barcode …“ — „Die haben bestimmt extra einen Beamten, der sich Geschenke ausdenken muß.“ — Häufig fällt das Wort „eBay“. Und überhaupt: „Wem gehört das ganze Zeug eigentlich?“ — „Na, mir zum Glück nicht!“

—-

Die Völklinger Gebläsehalle ist einer der schönsten Ausstellungsorte im Saarland. Vor den stählernen Sauriern des alten Werkes wird jedes Gold in die richtige Perspektive gerückt — und die Ausstellung „Staatsgeschenke“ ist geeignet, auch den griesgrämigsten Besucher in gute Laune zu versetzen. Für die 12 Euro Eintritt (unermäßigt) kann, nein, sollte man sich auch das alte Stahlwerk noch anschauen; anschließend sind Kaffee und Kuchen im Café Umwalzer fällig, und so kann das ein richtig runder Tag werden — wenn man viel Zeit und gutes Schuhwerk mitbringt. Ich kann es nur empfehlen.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 5. September 2010.

Advertisements
14 Kommentare leave one →
  1. 29. März 2010 22:42

    Elefanten und Helmut Kohl – irgendwie hatten die Staatsgäste doch einen Sinn für feine Ironie.
    Mal sehen, was er nächste Woche zu seinem 80sten geschenkt bekommt.
    Ich hätte da eine Idee.

  2. meme permalink
    30. März 2010 10:38

    Wundervolle Beschreibung scheußlich-schöner Absonderlichkeiten – auch Politiker sind wohl nur Menschen mit Geschmäckern wie Deinem und meinem.

    Was mich ein wenig stört, ist das Fotografierverbot. Immerhin gehören all diese „Staatsgeschenke“ ja nicht dem Beschenkten, sondern letztendlich uns. Obwohl – möchte ich Anteil an einem silbernen Faun, einem Rennkamel mit klebstoffbeschwerten Hufen – oder gar an einem Elefanten, der mich ständig an seinen elefantös monströsen Sammler erinnern würde? – eher nicht. Die Geschenke aus Afrika sind da schon interessanter. Schönfarbig bunte Webstoffe erinnern mich an Bilder aus Afrika von stolzen aufrechten Frauen mit natürlicher Anmut und Würde.

    Die Ausstellung würde ich mir trotzdem gern anschauen, mehr noch das Drumherum – die Völklinger Hütte. Industriedenkmale sind für mich interessanter als jedes herkömmliche Museum.

    PS: welche CD waren denn im Kasten für Herrn Sauer – unhörbar, unerhört – was war der Makel? Würde Otto Normalverbraucher so mit einem Geschenk umgehen, wäre der Familienkrach wohl vorprogrammiert.

    • 30. März 2010 16:10

      Na, mein Geschmack war eher nicht vertreten. Vielleicht der Geschmacksquerschnitt sämtlicher Staatsbürger –?
      Die CDs waren ein Geschenk von Familie Bush, ein Querschnitt durch die nordamerikanische Musikgeschichte. Sie lagen, zusammen mit einen Buch „American Music“, in einer edlen Kiste aus Holz. Da hat sich jemand richtig Mühe gegeben …

  3. karu02 permalink
    30. März 2010 11:41

    Was für eine interessante Mischung: Ex-Hütte und Staatsgeschenke. Wenn die Ausstellung noch eine Weile dauert, habe ich vielleicht eine Chance, sie zu sehen. Du machst jedenfalls Appetit darauf mit Deinem Artikel.

  4. 30. März 2010 12:34

    Ich wüsste tatsächlich auch gerne, wem das ganze Gerümpel eigentlich gehört. Behält man als scheidender Politiker nur das, was einem gefällt und lässt das ganze übrige Gedöns liegen? Oder schickt es sich nicht, überhaupt irgendetwas persönlich einzusacken? Was ist wenn ein Staatsgast einen exklusiven Wein oder einfach mal einen Schinken mitbringt? Wer darf das dann verköstigen? Kann man zur Not auch einfach mal was weiter verschenken, wenn klar ist, hm, das trifft wohl eher den meinetwegen mittelasiatischen Geschmack? Darf man Staatsgeschenke veräußern oder ggf. einschmelzen, wenn der Staat gerade klamm ist? Du machst mit Deiner Beschreibung nicht nur neugierig, sondern lässt mich grübelnd zurück, liebe Lakritze!

    • 30. März 2010 16:13

      All Deine Fragen läßt die Ausstellung leider offen. (Vielleicht hätte ich doch den Katalog kaufen sollen.)
      Aber die Vorstellung eines sagenwirmal alle zehn Jahre stattfindenden internationalen Schrottwichtelns, die hat schon was!

  5. 30. März 2010 22:12

    Ach, läuft sie immer noch, die Ausstellung „Staatsgeschenke“? Nicht fotografieren( ‚huch‘ … phhh – wusst‘ ich nicht.) Wir haben sie ganz zum Schluss gesehen, schon randvoll mit Eindrücken der wunderbaren Rosthütte und nicht mehr aufnahmefähig für diese doch sehr interessante Zusammenstellung deutscher Geschichte. Das schon alleine wäre einen Nachmittag wert gewesen. (Mal nebenbei bemerkt: grauenhafte Scheußlichkeiten *lol*). Aber die Fotos und die Erläuterungen/Zusammenfassungen haben uns sehr gut gefallen.

    • 31. März 2010 9:21

      Ja, das ist ein Problem mit der Völklinger Hütte — vor lauter Hütte keine Kapazität mehr für die Ausstellungen zu haben. Oder, bewahre!, umgekehrt. Deswegen fände ich’s schön, wenn ein Ticket zwei Tage gelten würde; dann könnte man sich das Ganze einteilen …

  6. meme permalink
    31. März 2010 10:53

    In Berlin gibt es wohl eine ähnliche Ausstellung. Der Infotext hier

    http://www.museumsmagazin.com/berlin/part1.php
    neuer Link:
    http://www.museumsmagazin.com/2010/01/berlin/staatsgeschenke/

    gibt einige Antworten auf die Frage, wem das „Gerümpel“ letztendlich gehört. Interessant, was Herr Adenauer dazu zu sagen hatte.

    Übrigens wollte ich auf keinen Fall Deinen Geschmack – liebe Lakritze – mit diesen Staatsgaben in Verbindung bringen. Es sollte lediglich das geflügelte Wort vom Menschen „wie Du und ich“ den Personen-Kult entzaubern. Irgendwie ist mir die „Deutsche Sprache“ dabei wohl ein wenig entglitten ;-))

  7. 31. März 2010 23:26

    Es fiele mir schwer, nach einem Besuch der Hütte die müden Füße meinen Leib auch noch an diesen Geschmacklosigkeiten vorbeitragen zu lassen. Da ist es gut, dass du uns mit diesem schönen Bericht eine kleine Führung gibst.

  8. 1. April 2010 10:11

    sehr spannend das alles. habe ich gerne gelesen, auch gerade die kommentare.
    schöne grüsse, tine

  9. 1. April 2010 23:01

    Meme, danke für den Link! Der gibt deutlich mehr her als die Webseite zur Ausstellung. Und: Über Geschmack will ich nicht streiten; ich habe da keinerlei Unterstellung gewittert. ;))

    Vilmos, die Jahreskarte kostet nur 25 Euro! (Ich werde wahrscheinlich sogar noch mal hinmüssen — um Kleinigkeiten in der Gebläsehalle zu fotografieren, die ich diesmal zwischen den Exponaten entdeckt habe. Acht Sekunden Belichtungszeit … )

    Tine, als Sachensucherin hättest Du da vermutlich Deine Freude. Der Teufel steckt im Detail …

    • 3. April 2010 15:47

      Gäbe es dazu noch eine Jahreskarte B SB für 75, dann würde ich mir die glatt zulegen! Und das Stativ nicht vergessen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: