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Postkarte aus dem Winterwald

14. Februar 2010

Ein-, zwei-, dreimal im Jahr muß es sein, dann fetten wir die Wanderschuhe und gehen in den Wald. Mehrere Tage am liebsten. Und so zu Fuß wie nur möglich. Wir nehmen Wege durch viel Landkartengrün und meiden Siedlungen, als gehörten wir dort nicht hin.

Ganz besonders liebe ich die Touren im Winter. Im Schnee der Wege (und abseits davon) zeigt sich, wie viele Beine vor uns hier gelaufen sind, auf Wanderschaft, auf der Suche oder auf der Flucht. Strecken, auf denen man sich in der Sommersonne von einem Schatten zum nächsten drückt, schnurren in der Kälte zusammen; jeder Tritt klingt appetitlich nach Zwieback. Die Bisse des Frühfrosts sind vergessen, sobald sich glitzernde Hügel vor uns ausbreiten oder doch wenigstens alle Bäume Eisnadeln tragen vom Nebel. Schlechtes Wetter haben wir nie; höchstens mal die Handschuhe vergessen.

Winterweg

Einmal scheuchte uns Kälte in die Gaststätte im nächsten Dorf. Wir polterten mit dicken Schuhen an einen Tisch, schälten uns aus Bergen von Wolle und saßen dann, Kakaotassen in den klammen Händen, im größten Bikertreff der ganzen Gegend. Viel los war nicht, aber von den Stammgästen am Tresen wurden wir mißtrauisch beäugt.

Ein anderes Mal begegnete uns im Unterholz ein Dackel mit Signaljäckchen. »Bleiben Sie auf dem Weg und unterhalten Sie sich sehr laut«, riet uns ein Jäger aus dem verschneiten Gebüsch, »Sie sind in einer Treibjagd.« Dann knallte es auch schon ringsumher. Die neun Kilometer schafften wir in etwas über einer Stunde, links und rechts begleitet von fliehendem Wild.

Waldarbeiterwitz

Alle Wetter sind schön, wenn wir unterwegs sind. Distanzen, die ein Auto in Minuten schafft, zerlegen sich uns Schritt für Schritt in Ausblicke, Rastplätze, Begegnungen, Fundstücke. In den Teil des Weges, den man noch federnd ging, bis zu dem, wo die Knie knirschen und die Schultern schmerzen. Und endlich die Strecke, auf der sich Muskeln und Sehnen an das Gehen gewöhnt haben werden und man ewig so weiter könnte. Bis nach Venedig; bis nach Syrakus.

Kamin

Wenn wir dann satt sind vom vielen Weiß, geht es wieder in die Zivilisation, in eine Hütte, an ein Feuer, einen Tisch mit Essen und Wein und einem Schwatz bis in die Nacht. Schön ist das.

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14 Kommentare leave one →
  1. philipp1112 permalink
    14. Februar 2010 10:30

    Ich guck schon mal zur Tür raus, ob ihr auf dem Weg nach Venedig hier vorbei kommt.

    Schönes Wanderer-Bild, der Beitrag.

  2. ottogang permalink
    14. Februar 2010 12:13

    Schön geschrieben und bebildert.
    Vielleicht solltet ihr für Notfälle auch Signaljäckchen einpacken, bevor ein gezielter Blattschuss ……….
    Na ja, lassen wir das lieber, da gehen gerade meine Krimileseerfahrungen mit mir durch.

  3. 14. Februar 2010 12:44

    Du sagst es: Schön ist das. – Sehr schön.

  4. 14. Februar 2010 15:01

    Und ich habe mich schon gefragt, wo Du in der letzten Zeit abgeblieben bist!
    Wenn solche wunderbaren Einträge das Ergebnis sind, dann greine ich nicht länger…

    Schön!

  5. karu02 permalink
    14. Februar 2010 16:10

    Und das macht Ihr sogar ohne Hund. Alle Achtung! Wir begegnen bei unseren Winterwanderungen in heimischen Wäldern und Fluren auch nur Rehen und Hasen, nicht mal Dackeln mit Signaljäckchen. Gelegentlich frage ich mich, warum es nur so wenige so schön finden, wie Du und ich samt Anhang. Das Heimkommen und Feuer machen als attraktiven Schlusspunkt hast Du gut ins Bild gesetzt.

  6. 14. Februar 2010 16:17

    Schönen Dank, Ihr Lieben!

    P1112, Venedig steckt mir ja wirklich in der Nase. Ich gebe vorher Bescheid!
    Aber Ottogang, nicht doch –! Das heißt … Wenn irgendwann zwei erlegte Wanderinnen im Taunus gemeldet werden, dann weißt Du, was zu tun ist.
    Afra, natürlich ist es nicht Segeln. Aber ein unabhängiges Fortkommen, mit Himmel, Wetter und Untergrund und tausend kleinen Geschichten, das ist es doch.
    Rich, ich liebäugele schon eine Weile mit Fontanes Wanderwegen. Weniger Wald, mehr Weite. Und vielleicht »Waren des täglichen Bedarfs«. :)
    Oh, und Karu, wenn ich Dir mal einen Atelierbesuch abstatte, dann zu Fuß!

    • karu02 permalink
      16. Februar 2010 15:40

      Hier am Niederrhein hast Du beinahe eine Fontaneske Weite. Ich werde Dich schon von Weitem sehen.

    • 16. Februar 2010 19:30

      Ich werde gegen die Nutrias einen Sack mitnehmen, vorsichtshalber, und alte Äpfel für die Drosseln.

  7. kormoranflug permalink
    15. Februar 2010 20:51

    mit „fetten“ Wanderschuhen bis nach Syrakus: Mut hast Du!

    • philipp1112 permalink
      15. Februar 2010 23:37

      Wenn Lakritze Fettes Brot dabei hat, geht das Gehen mit den Wanderschuhen sicher meilenweit.

    • 16. Februar 2010 19:27

      Naja, schwarzer Vogel, eher einen Traum. Außerdem fehlt mir noch der passende Hund für die Reise.

      P1112, mit Siebenmeilenstiefeln wäre das Gehen nur halb so schön. Und Stullen sind höchst wichtig –!

  8. 22. Februar 2010 15:23

    Und schön, so mitgenommen zu werden. Da bekommt man doch tatsächlich Lust…

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