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Orchester im Gehäus‘

16. Januar 2010

Herrreinspaziert, hereinspaziert! Kommen Sie, sehen Sie, staunen Sie: den tollkühnen Schwertschlucker! die Dame ohne Unterleib! den Wassermann, halb Mensch, halb Fisch! Karussell für die Kleinen, für die Großen Tanz! — Immer dabei: die Kirmesorgel mit den neuesten Gassenhauern, und die Kinder wollen alle gern die niedlichen Puppen mit ihren Trommeln und Glöckchen anschauen, anfassen, mit nach Hause nehmen …

So kam die Musik zu den Leuten, von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg. Mit dem Rundfunk und der Verbreitung von Plattenspielgeräten wurde es einfacher, Musik ganz nach Geschmack individuell zusammenzustellen; bald galten die schrankwandgroßen, nur gerade noch mobilen Apparate als überholt. Man tauschte sie aus gegen handlichere und vielseitigere moderne Musikanlagen. Pfeifen und Flöten, Schellen und Trommeln, ganze Orchester verstaubten, oder sie wärmten ein paar Tage lang die Stube.

In den letzten Jahrzehnten hat man wieder hervorgeholt, was hervorzuholen war, restauriert (eine fast vergessene Kunst) und gesammelt. Es gibt in Deutschland inzwischen einige Gesellschaften für mechanische Musik, zum Beispiel die Gesellschaft für Selbstspielende Musikinstrumente oder die Drehorgelfreunde in Berlin (Homepage mit hinreißenden Tips zur Pflege und Lagerung der Instrumente); und hin und wieder sieht man die altehrwürdigen Maschinen heute auch außerhalb von Museen, wenn sie auf nostalgischen Jahrmärkten ihren Dienst verrichten.

Die ersten Musikautomaten stammen aus Frankreich, aus Deutschland und später aus den Niederlanden; die Namen der Hersteller stehen meist gut sichtbar auf der Fassade: Gavioli, Limonaire, Ruth, Bruder, Perlee, van der Wouden. Die niederländischen Jahrmarktsorgeln — die Draaiorgels — haben aber auch jede noch einen eigenen Namen: de Hartenvrouw, de Arabier, de Angelina, het Blauwtje, de Rosalinda. Sie waren so beliebt, daß von vielen von ihnen sogar Schallplattenaufnahmen kursierten; dank YouTube kommen sie auch heute wieder jede für sich zu Ehren.

Heute spielen sie nicht nur alte Musik, sondern auch neue Lieder. Notenmaterial gibt es meterweise: in einem aufwendigen Verfahren werden die einzelnen Stimmen in Kartonbänder gestanzt und steuern über bewegliche Zapfen den Luftfluß in die einzelnen Pfeifen des Instruments. Wenn das (inzwischen meist motorisierte) Drehrad in Schwung gebracht wird und Luft aus den Blasebälgen durch das kunstvolle System von Pfeifen und Perkussionsinstrumenten strömt, dann tönt aus dem gigantischen, bunt verzierten Kasten unzweifelhaft Musik, die in Beine zu gehen und Herzen zu rühren vermag.

Der folgende Film aus dem Jahr 1971 (niederländisch ohne Untertitel) zeigt die letzten Amsterdamer Draaiorgel-Spieler. Sie protestieren gegen die moderne Verkehrsordnung der Stadt.

Inzwischen scheint es den verbliebenen niederländischen Draaiorgel-Spielern wieder verhältnismäßig gut zu gehen — in der Ecke für Folklore, Nostalgie und Kurioses.

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14 Kommentare leave one →
  1. 17. Januar 2010 0:36

    Nostalgie pur, so ein altes Karussel mit Orgel. Da glänzen die Augen.

  2. joulupukki permalink
    17. Januar 2010 3:09

    Der holländische Film ist ja ein richtiger Goldfund!

  3. 17. Januar 2010 11:40

    Hach. :)

    Das Netz ist toll. Ich habe die »Star Trek«-Titelmusik oder »Pirates of the Caribbean« auf Kirmesorgeln gefunden, aber auch Videos von Bau, Restauration, Notenstanzen …

    Ich erinnere mich, daß eine der ersten für mich relevanten Neuerungen im Dorf die Abschaffung der Karussellorgel bei der Kirmes war. Danach gab’s dann mehr so Roy Black.

  4. 17. Januar 2010 12:51

    Ein wunderbarer Tip zur angenehmen Zeitvergeudung, ich schau und hör mir schon den ganzen Morgen Drehorgeln, Kirmesorgeln und Tanzorgeln auf Youtube an. Am verrücktesten finde ich die Robot-Orgeln von DECAP aus Belgien, die bis heute Orgeln bauen.

    • 17. Januar 2010 13:10

      Die wollte ich Dir eigentlich noch extra verlinken; nun hast Du sie selbst gefunden. :)

      Achja, ein paar schöne Musikautomaten habe ich mir im Märkischen Museum angeschaut, zumindest so lange meine Begleitung mich gelassen hat. Einmal im Monat (glaube ich) gibt es ein Konzert.

    • 17. Januar 2010 13:41

      In Berliner Musikinstrumentenmuseum steht eine Welte-Kinoorgel, auch ganz eindrucksvoll.

  5. 17. Januar 2010 12:51

    Köstlich, köstlich, herzerwärmend.

    Da befand sich Karl Valentin also fast auf der Höhe der Zeit, als er 1903 sein aus 20 Instrumenten zusammengesetztes Orchestrion baute, dessen Spiel er virtuos beherrschte. Es fiel leider einer Axt zum Opfer, mit der er es in einem Wutanfall zerschlug. (Ob er damit die Tradition späterer Rockbands begründete, ihre Instrumente nach erfolgtem Schlussapplaus auf der Bühne zu zertrümmern?)

    • 17. Januar 2010 13:18

      —! Karl Valentin. Damit wäre also dieser Sonntag vergeben. :))

  6. 17. Januar 2010 13:37

    Und noch erstaunter war ich, als ich über die Oper Bloetwollefduivel des belgischen Komponisten Walter Hus „gestolpert“ bin, die 2002 im Rotterdamer Theater mit drei Sängern und einer Decap-Orgel aufgeführt wurde. Auf der Homepage von Walter Hus kann man sich auch einen Ausschnitt daraus anhören (leider ganz in Flash, darum kann ich keinen Link angeben: im Hauptmenu „worklist“ auswählen, bei „keyword search“ den Text „bloet“ eingeben, auf „results“ klicken…)

  7. philipp1112 permalink
    18. Januar 2010 18:43

    Vielen Dank an lakritze für den kompakten Beitrag (da steckt ja ’ne Menge Drehorgel und anderes drin)und auch für die weiter führenden Diskussionsbeiträge. Diese geschichte(n) wird/werden mich noch einige zeit beschäftigen.

  8. karu02 permalink
    18. Januar 2010 20:12

    Danke für dieses schöne Thema. Kaum etwas anderes weckt so viel nostalgische Gefühle.

Trackbacks

  1. Dorfplatzkind | normalverteilt
  2. Zum Tanze gestanzt | normalverteilt

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