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Starck gemæsziget Predig ueber die recht Schreybung

23. September 2009

Nachdem ich nun ein paarmal gefragt worden bin, warum ich mich der neuen Schreibung verweigere, möchte ich die Frage gern ein für allemal beantworten: Weil es mir gefällt.

Beruflich muß ich sie anwenden; ich lese korrektur. Entsprechend habe ich mich ausführlich mit ihr befaßt, dieser neuen Schreibung, und bin zu dem Schluß gekommen: Macht nichts besser und vieles schlimmer. Mag ich nicht. Aber ich werde sie auch nicht mehr ändern — also kann sie mir privat den Buckel runterrutschen, da schreibe ich so, wie ich es gelernt habe.

Ach, wo anfangen, wo aufhören? Hier nur ein paar meiner wüstesten Ärgernisse:

Die reformierte Schreibung stört beim Lesen.

Getrennt- und Zusammenschreibung
Die Polizei hat zweihundert Gartenzwerge sicher gestellt. (neu)

Soso — damit sie nicht umfallen?

Die Polizei hat zweihundert Gartenzwerge sichergestellt. (alt)

Zusammengeschriebene Wörter werden anders betont (und bedeuten unter Umständen etwas anderes) als getrennt geschriebene. Beim lauten Lesen stolpere ich über solche Trennungen, und auch beim leisen Lesen muß ich oft zweimal hinschauen.

Kommasetzung
Die Bäuerin brachte den Kuchen in die Stube zu den Nachbarn und den Bauern
traf glatt der Schlag. (neu)

Die Bäuerin brachte den Kuchen in die Stube zu den Nachbarn, und den Bauern
traf glatt der Schlag. (alt)

Steht kein Komma da, wo das Subjekt des Satzes wechselt, entstehen gar nicht so selten solche »Holzwegsätze«. Haaalt — die letzten vier Wörter nochmal — achso.

Konsequenterweise greift die Kommaweglasserei um sich, und schnell wird aus »neuer Rechtschreibung« einfach falsch: Kommata vor Nebensätzen zum Beispiel sterben allmählich komplett aus; man schaue in jede beliebige Tageszeitung.

Silbentrennung
Die bisherigen Rechtschreibregeln (also die neuen von 1901) waren stark am Schriftsatz orientiert. So kam es auch zur Regel »Trenne nie st, denn es tut ihm weh«: st war, wenn nicht gerade eine Wortfuge (wie in aus-trinken) hindurchging, eine Ligatur. Das war im Bleisatz eine Letter, und sowas trennte man nicht.*

Wie auch das ß, ursprünglich eine Doppel-s-Ligatur, die im Deutschen zu einem eigenen Buchstaben wurde. Das heißt, ß steht nur an Stellen, die nicht auseinandergenommen werden dürfen: Was-ser, aber wäß-rig; müs-sen, aber muß-te.

Das hatte sich der Germanist Johann Christoph Adelung ganz nett ausgedacht (und zwar schon im 18. Jahrhundert). Die neue Schreibung verzichtet auf die Zusatzbedingung, daß das ß auch »am Ende einer Sylbe oder vor einem Consonanten« zu stehen habe. Schade drum.

Ein anderes Lese-Problem:

Schon den ganzen Tag litt sie unter der drü-

drüüüüü — drüben üblichen? drübergebügelten?

ckenden Hitze. (neu)

Hoppla, das ü wäre kurz gewesen. Mit drük-
kend
hätte man da flüssig drüüüüüüberweggelesen.

Das Lesen ist also anstrengender geworden, und das sage nicht nur ich, das beobachten Grundschullehrerinnen allerorten: an den Trennungen und an den Dreifachkonsonanten bleiben Erstleser am liebsten hängen.

Die reformierte Schreibung macht Grammatikfehler zur Regel.

Groß- und Kleinschreibung
Ich weiß, die Regelungen sind weitgehend wieder rückgängig gemacht worden. Aber mir schwillt immer noch der Kamm, wenn ich daran denke, daß an der Entwicklung dieser Unsinnigkeiten studierte Germanisten beteiligt gewesen sind.

Warum, bitte, soll mir etwas »Leid tun«, warum soll ich »Recht haben«? Diese Schreibung ist schlicht grammatikalisch falsch.

Es tut mir ja so *Leid. (neu)

Wäre das Leid in diesem Fall tatsächlich ein Substantiv, wäre es nicht (mit Adverb) »sehr« oder »so« oder »schrecklich«, sondern es wäre »ein großes« oder »ein schreckliches«. »Es tut mir schweres Leid«, das wäre ungefähr in Ordnung.

Du hast vollkommen *Recht. (neu)

Aua! Im Wald sind doch auch nicht ganz doll Bäume! »Du hast vollkommenes Recht«, das ginge, wenn es denn ginge.

Achso, sollte der Vereinheitlichung dienen? Wieso dann nicht: Das hat mir Gut getan, oder: Das tut mir furchtbar Weh? Gut und Weh sind doch auch Substantive? Also, den Quatsch habe ich ausgelassen, und es tut mir gar nicht leid. Nicht ein bißchen. (Inzwischen heißt es »rechthaben« und »leidtun«, mit kleinem recht und kleinem leid in der Zusammenschreibung.)

Der Trend jedenfalls hat sich durchgesetzt. Üblicher Weise, Teil nehmen, Statt finden — alles schon gesehen. Andererseits sind Allein erziehende plötzlich nicht mehr substantiviert, und Superlative werden am Liebsten durch Großschreibung zusätzlich gesteigert … Na, ist ja jetzt auch egal.

Einer der Recken der deutschen Rechtschreibung, Professor Theodor Ickler, hat kurz nach der ersten Reform (er hatte das Reformgremium, wie ich mir vorstelle, wutschnaubend verlassen) ein »Rechtschreibwörterbuch« herausgegeben:

Dieses Wörterbuch stellt die moderne deutsche Rechtschreibung dar, an der die gebildeten Erwachsenen trotz der sog. Rechtschreibreform aus guten Gründen festhalten.

Sein Rechtschreibtagebuch ist eines meiner Laster; ich lese es mit diesem gewissen Vergnügen, das sich aus dem »Siehste?« speist und das sicher auch Vertriebenenverbände zusammenhält …

Und um nun auch noch etwas Konstruktives zu schreiben:

Meine Deutschlehrerin der siebten Klasse, möge es ihr wohlergehen (wie es ihr wohl ergeht?), hat uns beigebracht: Im Zweifel immer klein und zusammen. Das scheint mir eine brauchbare Regel, nach der sich die Sprache sicherlich ganz gut von alleine entwickelt hätte.


*Ist heute nicht mehr alltagsrelevant — damit ist die s-t-Trennung für mich eine der wenigen Verbesserungen durch die neuen Regeln.

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18 Kommentare leave one →
  1. 23. September 2009 20:13

    Du sprichst mir ja sowas von aus der Seele! Am allerschlimmsten ist mir groß statt klein und getrennt satt zusammen. Die deutlichste Auswirkung ist, dass aber auch alles aus ein ander geschrieben wird.

    In einer einzigen Frage bin ich nach vorübergehendem Grämen umgeschwenkt: mit der ss/ß-Regelung kann ich inzwischen gut leben.

  2. april permalink
    23. September 2009 22:28

    Ach ja. Gute Idee. Das mach‘ ich jetzt auch so, wie ich will. Ich habe auch neulich noch ‚Es tut mir Leid‘ geschrieben, aber da sträubt sich doch alles bei mir. Werd‘ ich nicht mehr machen. Nein!!

  3. 23. September 2009 22:52

    Ich bin mir bei dem st gar nicht so sicher, ob nicht eher die Ligatur entstanden ist, weil man s und t nicht trennte.

    • 23. September 2009 23:03

      Ich glaube, es ist ein Relikt aus der Zeit, da man langes und rundes s noch unterschieden hat. Das runde s stand am Wortende (und ging mit dem folgenden t keine Ligatur ein — so zumindest in gotischen Schriftsätzen zu sehen); das lange s im Wort schon. Und dann wurde diese Konvention vielleicht einfach auf die moderneren Schriften übertragen.

  4. donqyxote permalink
    24. September 2009 0:20

    Lakritze, das ist ja eine supergute Grammatikstunde.

  5. philipp1112 permalink
    24. September 2009 8:33

    Liebe Lak-ritze oder La-kritze, vielleicht auch Lakri-tze,

    ich habe die Gelegenheit genutzt und schreibe jetzt situativ personalisiert.

    Ich halte die alten Kommaregeln weitgehend ein, weil sie mir in vielen Schuljahren eingebleut wurden. Da ich mir aber nun nicht die Mühe machen, den Wortstamm oder Ursprung des Wortes EINBLEUEN zu ermitteln, schreibe ich es so, als käme es nicht von der Farbe her. Zu meinem Glück benötige ich die geschriebene Sprache nur noch selten für Dokumente oder öffentlich zugängliche Schreiben, es sei denn im WWW – und da betrachte ich mich mal als guten Durchschnitt.

  6. 24. September 2009 8:41

    Zu ſſ oder ſs oder ß lese man zum Beispiel diesen Artikel: http://flitternikel.onlinehome.de/heyse-s.html

    • 24. September 2009 19:50

      Klasse –! Begeisternd schön gesetzte Beispiele. Und eine so schöne ſs-Ligatur!

  7. 6kraska6 permalink
    24. September 2009 10:11

    Flammende Zustimmung! Mein Lieblingsbeispiel ist der nun nicht mehr „vielversprechende“, sondern leider nur „viel versprechende Nacchwuchspolitiker“.

    In MEINEN Texten darf das ß weiterleben, sozusagen im G(h!)etto!

  8. 24. September 2009 11:04

    Da noch niemand den gar köstlichen Titel gewürdigt hat, tu ich das hiermit voller Begeisterung. Ganz nebenbei wird darin deutlich, warum das „scharfe“ ß meist (fälschlich) „sz“ genannt wird.

  9. 24. September 2009 19:47

    Ach, Ihr Lieben, ich bin ja ganz gerührt, daß Ihr tatsächlich meinen Rechtschreib-Riemen lest — er ist einzig schlechter Laune geschuldet. Ich schäme mich ja fast, aber über diese Reform komme ich einfach nicht hinweg.

    Afra: :D

  10. 24. September 2009 21:19

    Schreiben und Sprechen ist wie Schwimmen oder Radfahren. Reform hin, Reform her.

    Sehr schöner Artikel, bei dem der Inhalt das einlöst, was die Überschrift verspricht.

  11. karu02 permalink
    25. September 2009 11:34

    Mir tun jeweils die armen Kinder leid, die dem wehrlos ausgesetzt sind. Was sie in der Schule lernen müssen, finden sie im Alltag nicht wieder, weil die Grammatik in Zeitungen und Bücher anders aussieht als in Schulbüchern. Als Erwachsener darf ja immer schon jeder schreiben, wie er will. Die meisten Menschen schreiben allerdings so wie sie „können“, nicht wie sie wollen. Da sträuben sich beim Lesen oft die Nackenhaare.
    Sprache und Schrift sind lebendig. Niemand schreibt heute mehr wie z.B. Herr Nietzsche oder Herr Goethe.

  12. 26. September 2009 9:56

    Wer nicht rechtschreiben kann, kommt ja eigentlich ganz gut durchs Leben. Und für entscheidende Fälle gibt es ja professionelle Besserwisserinnen …
    Ich ärgere mich, wenn ich überlege, wieviel Geld in diese Reform gesteckt wurde. Dafür hätte man ganze Generationen von Schulkindern fördern können.

  13. 14. Oktober 2009 16:32

    So retten wir Deutschland aus der Finanzkrise: Die Rechtschreibreformverbrecher zahlen einen Cent pro beim Bürger wegen der neuen Rechtschreibung gesträubtes Nackenhaar, und unser Land ist binnen kürzester Zeit in den schwarzen Zahlen.

  14. 22. September 2012 9:47

    Ganz arge Blüten treibt die Getrenntschreibung, wenn dabei vergessen wird, den Kopf zu benutzen. Mein Lieblingsbeispiel, wenn man hier von „Lieblings-“ reden darf (besser wäre wohl „Häßlings-„) fand sich in der deutschen Ausgabe von Naomi Kleins Anti-Globalisierungs-Machwerk „No Logo“

    „weit reichendere Forderungen“

    Woraus erhellt, daß selbst Verlagslektoren und -lektorinnen überfordert sind (oder besseres zu tun haben als auf Orthographie zu achten.)

    Die einzige Reform, die wirklich eine enorme Vereinfachung erzielt hätte, wäre zugleich die einfachste gewesen: Satzanfänge und Eigennamen groß, der Rest klein. Ausgerechnet das schien aber nicht vermittelbar. Verstehe das einer.

    • 22. September 2012 14:21

      Häßlingsding ist hübsch, das würde ich gern in Umlauf bringen!

      Aber wie war das im Mittelteil: Verlagslektorinnen? Auf Orthographie achten? Lektorat ist inzwischen Luxus; Zeit ist Geld, und sieht ja sowieso keiner. Die Verlagslektorinnen, die ich kenne, sind inzwischen eher so was wie Produktmanagerinnen. Fürs Korrektorat bleibt da wenig Zeit.

      Ihren Vorschlag hätte ich sofort angenommen. Das hätte ein paar neue Fallstricke geschaffen (»der gefangene floh«), aber die Erleichterungen –! Sie hätten auch mal Sprachbenutzer fragen sollen.

      (Ich rege mich schon wieder auf; unerschöpflich, das Thema. Wie’s Wetter. Nur daß hier jemand was für kann.)

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