Skip to content

Trampen mit M.

4. September 2009

Es war Sommer, ich war jung und ich war noch nie getrampt. Das, meinte M., könne man ändern. Er reiste ausschließlich auf diese Weise, das fand er billig und unterhaltsam. Also zogen wir los, Ziel: Amsterdam. Was auch sonst?

»Wenn wir erst auf der Autobahn sind«, meinte M., »dann sind wir eigentlich schon da.« Nach zweieinhalb Stunden an der Auffahrt zur Bundesstraße hielt endlich jemand. Wir arrangierten uns mit einem halben Hausstand auf dem Rücksitz und schwiegen etwas mit der Fahrerin und ihrem Freund.

»Viel Glück«, wünschten sie uns zum Abschied an der Raststätte.

Den nächsten fanden wir schnell, einen Geschäftsmann, Anzug und Krawatte. Seine Augen leuchteten ein bißchen auf, als er uns sah; klar könnten wir mitfahren, bis Köln, gerne. Das Auto war ein Sportwagen, kaum Kofferraum und fast kein Rücksitz für uns, unsere Rucksäcke und das Zelt. Auf dem Beifahrersitz saß eine blonde Frau mit Miesmund. »Ich will nicht, daß hinterher was dreckig ist«, sagte sie zur Begrüßung. Dann schwieg sie so eisig, daß wir den Fahrer baten, uns doch am nächsten Rastplatz wieder rauszulassen. Wir wollten ihm ja keine Schwierigkeiten machen. Der Geschäftsmann schickte uns einen entschuldigenden Blick nach; als der Wagen losfuhr, hörten wir Frau Miesmunds schrille Stimme …

»Rastplatz,« meinte M., »schwierig. Wir werden nehmen müssen, was geht.« Das war dann ein LKW. Der Fahrer hieß Kalle und freute sich über die Gesellschaft. Er war auf dem Weg von Portugal nach Dänemark; das fuhr er jede Woche. Und seine freien Tage verbrachte er gleich »da unten, is schön waam da, und billjer wie hier.« Sein Führerhäuschen war seine Junggesellenwohnung. »Wat hab isch’n Beruf — den ganzen Tach in Sessel sitzen und ausm Fenster gucken!« Dann lachte er zahnlückig. Wir schlossen ihn ziemlich ins Herz und genossen den Blick auf die Autobahn. Zum Abschied öffnete er den Laderaum und schenkte uns jedem eine Packung »escht pottugiesche Kekse«, die wir später wegwarfen; sie bestanden aus Zucker und Zusatzstoffen.

Dann stiegen wir in den Wagen eines Pärchens, der vor Techno vibrierte. Daß wir einen Fehler gemacht hatten, ahnten wir, als der Fahrer im dritten Gang auf der Beschleunigungsspur überholte. Als ihm seine Beifahrerin das erste Bier öffnete, machte M. mir hektische Zeichen. Das Radio dröhnte, die beiden brüllten sich an: Er solle nicht so viel trinken; er könne trinken, soviel er wolle, und sie solle ihm noch eins aufmachen, blöde Kuh. Wir klammerten uns an unsere Sitze. Am nächsten Rastplatz (M. war übel) ging er Bier holen, und sie erklärte uns, ihr Freund sei eigentlich ein ganz Lieber. Als er dann sah, daß wir unser Gepäck aus dem Kofferraum klaubten, versuchte er noch, uns das Auto zu verkaufen. Wir lehnten ab und machten uns aus dem Staub.

Weiter kamen wir erst viel, viel später, im gepflegten Oldtimer eines Kunstsachverständigen mit lichter Frisur. Der wollte zwar leider nicht nach Amsterdam, aber nach Holland schon, »was auch sonst«. Wir entschieden uns also aus praktischen Gründen für Maastricht; der Kunstsachverständige und M. fachsimpelten über Zappa und Steely Dan, während ich auf der Rückbank einschlief.

Maastricht hatte einen Zeltplatz unter Sternen, bucklige Gassen, einen Supermarkt und ein Kneipenschiff; es war sehr hübsch und beschaulich und ein bißchen romantisch.

Nach eineinhalb Tagen ging es zurück, hinter karierten Vorhängen im Wohnmobil eines älteren holländischen Ehepaars. Die beiden erklärten uns, wir hätten Glück. In den Niederlanden könne man nicht trampen, da nehme einen kein Mensch mit.

Dann kam der Augenblick der Trennung: wir mußten in unterschiedliche Richtungen weiter. M. patrouillierte auf der Raststätte und sprach reihenweise Fahrer an, bis er einen gefunden hatte, der nur eine Stadt von meiner entfernt wohnte. Er trug ein gestricktes Käppchen, im Auto lief Reggae, und auf der Rückbank schlief ein Bernhardiner. »Mit dem kannst du fahren, der hat einen Hund,« bestimmte M., »er setzt dich dann am Bahnhof ab. Und ruf mich an, egal, wie spät es ist.«

Ich fuhr also mit dem kleinen, rundlichen Mann. In der Stunde, die wir zusammen hatten, hörten wir Reggae, ich streichelte die Hündin, die Bismarck hieß, und er erzählte mir von seiner Anklage wegen sexueller Belästigung. In ein paar Tagen sei die Verhandlung, das mache ihm schon arg zu schaffen.

Schließlich brachte er mich nicht bis zum Bahnhof in seiner, sondern zu dem in meiner Stadt, weil ich ihm so nett zugehört und nicht »irgendwie doof reagiert« hätte. Bismarck wachte kurz auf und guckte treu, als ich ausstieg.

Als ich M. hinterher von meiner Heimreise erzählte, spürte ich ihn durchs Telefon erbleichen.

Heute nehme ich auf langen Strecken den Zug. Auch nicht schlecht, was die Geschichtenausbeute angeht, aber an diese Reise mit M. reicht irgendwie nichts heran.

Advertisements
26 Kommentare leave one →
  1. Nico permalink
    4. September 2009 20:32

    Vielen, vielen Dank! Ich grinse immer noch vor mich hin! Eine wunderbar zu lesende Erinnerung. Und gut, dass Du heil wieder zu Hause angekommen bist!

    • 5. September 2009 16:28

      Danke! :)
      Ja, war schon streckenweise … heikel. Als der komische Bierdosen-Typ uns sein Auto verkaufen wollte, hat er tatsächlich gesagt, er bräuchte es sowieso nicht ohne Führerschein. Und er wirkte wahnsinnig genug, daß ich ihm das abgenommen habe.
      PS: Ich hab ein e geklaut. :)

  2. Botschaft permalink
    4. September 2009 23:45

    … wir wurden von einem Porschefahrer in Süddeutschland aufgelesen auf dem Wege nach Norditalien.
    (Rückbanktiefe eines solchen Carrera: circa 2o cm)

    Als er uns absetzte warteten wir nicht lange auf den nächsten Lift:
    Es war ein Traktor-Fahrer, der uns nach «Pratteln„ mitnehmen wollte,
    auf die geäußerten Bedenken hin (wir wollten über Zürich nach Genua)
    meinte er nur – uns beruhigend:

    Des nit wiet von hie…

    • 5. September 2009 16:29

      :))) Naja. Weit ist eben relativ.
      Das heißt, wenn er mit einem Trecker unterwegs war, wird er wohl recht haben.

  3. 5. September 2009 0:41

    Das ist eine Erinnerung, die man sicher nie vergisst.
    Da kommen auch bei mir Erinnerungen hoch und lassen mich spüren, wie leichtsinnig wir (meistens nur 2 Mädels) beim Trampen waren. Schöne Geschichte, und apropos… wie geht es M ?

    • 5. September 2009 16:23

      Der ist immer noch auf dem Weg; schwer zu fassen. Nach allem, was ich gehört habe, ist er auf der anderen Seite der Erde, der Liebe wegen. Und da vermutlich irgendwie hängengeblieben.

  4. Botschaft permalink
    5. September 2009 4:59

    • joulupukki permalink
      5. September 2009 9:33

      Ja, das erinnert mich auch an die eine oder andere schmierige Fahrerhand, die sich auf mein Knie verirrt hatte … eigentlich ein Wahnsinn, dass ich da immer heil herausgekommen bin und nichts Schlimmeres passiert ist. Doch spannend war es trotzdem immer.
      Heute ist die Tramperkultur irgendwie ausgestorben, oder? Kein Mensch bleibt mehr stehen auf der Autobahn.
      Übrigens: Amsterdam habt ihr nicht erreicht, hab ich das richtig verstanden?

    • 7. September 2009 18:33

      Es gibt kaum einen größeren Gegensatz als den zwischen M. und M — andererseits weiß man nie, welche dunklen Winkel sich in den hellsten Köpfen verbergen …

  5. donqyxote permalink
    5. September 2009 10:12

    Sehr schön lakritze, zu disem Thema hab ich auch noch ein paar Geschichten auf Halde.

    • 5. September 2009 16:21

      Ach ja, Eure Trampgeschichten würde ich auch gern lesen –!

      Und, Jou, nein, Amsterdam, das haben wir dann aus praktischen Gründen bleiben gelassen. Irgendwas muß man sich ja offen halten. :)

  6. donqyxote permalink
    5. September 2009 17:53

    Ok, eine geb ich mal hier, hoffentlich ein bischen versteckt, zum Besten, wie immer nur zu eurer Erheiterung und Lakritze wird hoffentlich auf entsprechende Bitte wieder löschen und mir nicht wie Wassily sagen, dazu hätte ich und das bliebe jetzt stehen.

    Also, ich war auch ziemlich jung und es war Sonntag nachmittag und ich war ausnahmsweise alleine und ich wollte zu einer politischen Filmvorführung ins selbstverwaltete Jugendhaus 15 km vom Heimatort.

    Da es Sonnttagnachmittag war, dachte ich mir nicht, dass es gefährlich sein konnte, aber ich hatte, wegen ständigen Trampens (es gab keinen Bus oder Zug) ein kleines Tränengasspray dabei.

    Es war ein sibergrauer Mercedes Kombi mit einem dicken, glatzköpfigen Mann darin, der anhielt. Nach ca. 6 km erzählte er mir die Geschichte von der Notwendigkeit, einen kleinen Abstecher in eine, im Wald gelegene Wochenendhaussiedlung zu machen, da dort ein Käufer auf ihn warten würde.
    Sollte ich Angst zeigen ? Mitten auf der Strecke im Wald aussteigen wollen ? Ich entschied mich dagegen und umklammerte in der Dufflecoatjackentasche mein Spray.
    Ich habe vergessen zu erwähnen, dass es Winter war und die Wahrscheinlichkeit, in der Wochenendhaussiedlung Stuttgarter(! Wassily,hilf) anzutrefen, äußerst gering war.
    Ich sag also cool, wie ich war, kein Problem und fahre mit.

    Dort angekommen öffnet er die Tür zu dem Wochenendhaus und bittet mich herein. Von einem potentiellen Käufer war weit und breit keine Spur.

    Also stellte ich mich an das Fenster nahe der Eingangstür und achtete darauf, dass er im Inneren der Hütte war, mir ein Fluchtweg blieb, das Tränengasspray griffbereit in der Manteltasche. Wir unterhielten uns über den Film, den ich mir anschauen wollte und schauten aus dem Fenster.

    Ich wusste, ich redete um meine damals noch vorhandene Unschuld.

    Ich verwickelte ihn in eine Diskussion über die politischen Verhältnisse in Chile, die das Thema des Films waren. Schließlich fragte ich ihn nach der Uhrzeit und meinte dann, ich müsse jetzt mal los, um den Anfang des Films nicht zu verpassen und der Käufer käme wohl nicht mehr.

    Als ich das sagte, wusste ich, ich hatte gewonnen, mir mein Leben und/oder Unschuld erredet.

    Er fuhr mich an mein Ziel und bot mir nur einmal auf der Fahrt an, dass ich doch mit ihm in die nächstgrössere Stadt ins Kino fahren könne, er lade mich ein.

    Ich lehnte dankend ab.

    Nicht zur Nachahmung empfohlen, aber mein Selbstbewusstsein wurde durch das Erlebnis nachhaltig gestärkt.
    (hätte ich Angst gezeigt, hätte er seine Stärke, Masse und seine Macht zeigen können)
    Wie hiess der Film, den ich anschließend sah ?

    Ich habe etwas im Kopf, das aber nach Internetrecherche nicht sein kann.

    Es müsste 1975 gewesen sein.

    Lakritzerätsel…

  7. 5. September 2009 18:16

    Da hatte er aber nochmal Glück.

    Ernsthaft, das war weit weniger harmlos als meine schrägen Vögel.
    (Allein bin ich allerdings auch nur äußerst selten getrampt …)

  8. 6kraska6 permalink
    5. September 2009 20:29

    Ldonqui: Im Kopf hasr Dz wahrscheinlich „Vermißt“ („Missing“) von Costas-Gavras, was aber nicht sein kann, weil der erst 82 in die Kinos kam. Kann es sein, daß es sich um „Der unsichtbare Auftstand“ (1973) des gleichen Regisseurs handelte? Der spielt freilich nicht in Chile, sondern in Urugay,,,

    • donqyxote permalink
      5. September 2009 20:49

      Nein, im Kopf habe ich Septemberweizen, was nicht sein kann, weil der nach Internetzrecherchen erst 1977 oder später herauskam und da war ich nicht mehr auf dieser Strecke aktiv… eigentlich würde ich gerne meinem Kopf trauen wollen..

  9. donqyxote permalink
    5. September 2009 21:14

    kraska, was heisst eigentlich ldonqi oder so ?

  10. 5. September 2009 22:28

    Kraska, Donqy, http://www.imdb.com sagt: Dialogues of Exiles, 1975, Low-Budget-Film über chilenische Exilanten in Frankreich. Ich kenne ihn nicht, aber ist er’s vielleicht?

  11. 6kraska6 permalink
    6. September 2009 18:41

    ldonqui heißt so, wenn man die L-Taste, auf der das „@“ liegt, nicht mit „alt“ umschaltet. Ist also ein Tappfehler…

  12. 7. September 2009 18:51

    Ich freue mich, dass es M wohl gut geht. Ich weiß nicht genau, wie es bei Dir war, aber meine erste große Liebe hieß auch „M“. Wir trampten durch Italien, aber er war Italiener und genoss mein vollstes Vertrauen.
    Meistens aber trampte ich mit meiner Freundin ins benachbarte Frankfurt, um in einen der angesagtesten Clubs zu kommen,( Um den wahnsinnigen Eintritt zu sparen.) Einmal war es ein kleiner dicker Golf-Fahrer, der Lust auf einen Dreier hatte- Aber er war harmlos, nur enttäuscht und ließ uns an der nächsten Tanke wieder raus. Andere Erfahrungen gibt es en masse, aber keine richtig schlechten. War „M“ auch eine Liebe von Dir? —dann hätten wir was gemeinsam.

    • 7. September 2009 20:02

      Keine richtig schlechten Erfahrungen — na, zum Glück! Ich hatte mir für die schlechten überlegt, die Scheibe runterzukurbeln und Sachen aus dem Fenster zu werfen (das hatte einer Freundin mal geholfen), aber so weit kam es nie.

      M. war vor allem ein Freund, ein Lieblingsmensch. Gelegentlich ein Schwarm, aber ich kannte ihn wohl zu genau … Meine allererste Liebe war aber auch ein M.; beim ersten Schulausflug hat er mir das Herz gebrochen. Alte, alte Geschichten!

  13. donqyxote permalink
    7. September 2009 20:58

    lasst mich raten : Michael und Michele ?

  14. 7. September 2009 21:03

    Matteo- und du Lakritze?

    • 8. September 2009 9:42

      :)) Da hätten wir wieder einen Treffer …

  15. donqyxote permalink
    7. September 2009 21:17

    Matteo wäre meine 2.Wahl gewesen, nichts gegen Matteo, ich kannte mal einen Gabriele näher…

  16. 8. September 2009 15:21

    Wie herrlich, aus welchen Geschichten das Leben gestrickt ist. Donqyxote: warum sollte das wieder gelöscht werden?

    • 8. September 2009 17:33

      Wer ein bißchen in den Erinnerungen kramt, stößt unweigerlich auf solche Dinger. Und dann glaubt einem kein Mensch. :)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: