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Zum Liebsten

12. Dezember 2008

Als ich ankam, war es spät. Das Tor gab dem Rütteln nicht nach, nirgends brannte Licht; die Straße lag in winterlicher Dunkelheit. Ich sollte weiterfahren, ins Helle, Warme, nächstes Mal wiederkommen. Bei Tag. Wenn hier Menschen ein- und ausgehen.

Stattdessen nahm ich die Rose aus dem Papier und suchte mir ein Stück Stiel ohne Dornen, wo ich sie gut festhalten konnte. Dann ging ich bis ans Ende der Straße und weiter, den schmalen Weg an der Mauer entlang. Ich dachte an die vielen, vielen Male, die ich ihn besucht hatte — an das Herzklopfen jedes Mal, wenn ich klingelte. Wenn er mir die Tür öffnete. Wenn wir uns in die Arme nahmen.

Heute mußte ich mir schon selber helfen. Lehm beschwerte meine Schuhe, als ich die hintere Pforte fand: auch sie verschlossen, weit und breit kein Mensch zu sehen.

Die Rose parkte ich auf der Mauer und nahm Maß. Mit etwas Anlauf und zusammengebissenen Zähnen schwang ich mich auf das Tor, die schmerzhaften Zacken vermeidend; kurz hing ich mit dem Mantel fest. Als ich auf der anderen Seite auf dem Kiesweg landete, atmete ich schneller.

Ich ging mit meiner Rose durch die Nacht. Den Weg fand ich wie im Schlaf, ein Stück geradeaus bis zu der kleinen Eberesche, dann links; der vorletzte Stein in dieser Reihe.

Mein Liebster, dachte ich. Spürst du mein Herz klopfen? Das, und nur das ist die richtige Art, dich zu besuchen.

Ich legte die Rose auf die Erde und machte mich auf den Weg zurück.

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10 Kommentare leave one →
  1. 17. Dezember 2008 13:28

    Ich habe mir drei Tage Zeit gelassen, mir vorzustellen, eine rote Rose vor meiner Tür zu finden, onwohl das Tor verschlossen ist. Kein Brief, keine Karte! Ich wüsste nicht von wem sie kommt. Würde ich Spuren im Schnee finden? Auf der Straße, in der Arbeit, beim Einkaufen würde ich jede Frau ansehen, die ich kenne, und mich fragen, ob sie es gewesen sein könnte. Ich habe keine Erfahrung mit roten Rosen (verschenkt habe ich natürlich schon welche) …

    … aber gefallen würde es mir.

  2. 18. Dezember 2008 1:59

    Das ist eine ganz besonders schöne Vorstellung. Und wieder eine ganz andere Geschichte — bezaubernd … Danke!

  3. joulupukki permalink
    20. Dezember 2008 23:04

    Ach, Lakritze – was für eine schöne und rührende Geschichte! Gut zu wissen, dass die besten Menschen nie von einem gehen, die bleiben auf diese unbestimmte Art immer um einem rum, immer greifbar und nah.

  4. 31. Dezember 2008 11:51

    Ach, liebe lakritze… joulu hat recht, die Lieben sind immer bei uns, und schön, dass die Rose ihren Weg doch noch gefunden hat…

    Im Ostwestfälischen hätteste aber schnell die argusäugige Friedhofspolizei am Hacken gehabt, die, die hinter der Gardine lauern und schauen, ob die Totenstille eingehalten wird ;-)

  5. 16. Oktober 2013 12:36

    Das scheint mir ein Weg-Finde-Stein zu deinem Schmerz aus dem heutigen Post zu sein. – Der Stein, an dem ich gern immer und immer eine Rose abgelegt hätte, ist leider ziemlich weit weg von Berlin. – Diese Geschichte rührt mich und erinnert.

    • 16. Oktober 2013 20:26

      Das freut mich, Clara. Und der Stein für die Rose kann auch anderswo sein; nicht einmal die Rose muß wirklich eine Rose sein.

  6. 30. Dezember 2013 11:27

    Traurig-schön ist das. Dein Liebster wird sich über deinen Besuch und die Rose umso mehr gefreut haben, als du dich quasi unerlaubt eingeschlichen hast und Zäune überwinden musstest.

  7. 30. Dezember 2013 20:05

    Dachte ich mir, heul.

Trackbacks

  1. Die Wundertüte « Joulupukki geht ins Exil

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