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Fahrendes Volk

24. Oktober 2008

Heute habe ich etwas richtig Nützliches gefunden — eine Scherenschleiferwerkstatt: Kreischender Schleifstein, Poliergerät, Tücher, Zangen, Hämmer und anderes Werkzeug, alles säuberlich untergebracht im Kofferraum eines Kastenwagens. Der stand am Straßenrand vor dem Lebensmittelgeschäft. Man trägt seine Messer, Scheren, Beile hin und kann sie eineinhalb Viertelstündchen später wieder abholen. Oder einfach dableiben und dem Scherenschleifer bei der Arbeit zuschauen.

Ohne Eile zieht er jede Klinge über den rotierenden Schleifstein, mit immer den gleichen Bewegungen, erst über den groben, dann über die feineren, und am Ende wird nochmal poliert. Die Maschine jault, es riecht nach heißem Metall. Nachher schimmern die geschliffenen Flächen matt; die Winkel sind alle identisch, die Klingen, nun ja, messerscharf.

Der Scherenschleifer trägt einen fleckig-grauen Kittel, die Lesebrille über der schwarzgerandeten Schutzbrille, und beim Lächeln zeigt er nicht mehr viele Zähne.

Ob die Messer für uns seien? fragt er noch einmal nach. Dann mache er sie nämlich richtig scharf. Wenn sie älteren Damen gehörten, sei er da etwas vorsichtig, vor allem, wenn diese nicht mehr richtig sähen …

Alle paar Wochen kommt er in die Stadt; meist hält er da, wo viele Restaurants sind und viele Köche mit Bedarf an scharfen Klingen. Feste Zeiten und einen festen Platz hat er nicht — man muß ein bißchen Glück haben, wenn man ihn erwischen will.

Früher fuhr so einer in einem klapprigen Lieferwagen über Land und läutete seine Glocke am Dorfplatz, bis die Hausfrauen ihre stumpfen Messer zusammengesucht hatten. Er lötete auch löchrige Kellen und und flickte schadhafte Töpfe. Dieser Messerschleifer dagegen ist in einem nagelneuen Kastenwagen unterwegs. Die Kofferraumklappe dient ihm bei der Arbeit als Regendach; seine Werkstatt ist mit einer robusten Plastikplane vom Fahrerraum abgetrennt, und eine extrastarke Autobatterie betreibt den Schleifstein. Vorn auf dem Armaturenbrett thront ein Navigationsgerät.

Aber die Gestalt, die sich über den Schleifstein beugt, den Mann mit dem speckigen Kittel und dem löchrigen Lächeln, der am Straßenrand seine Arbeit verrichtet, den habe ich vor dreißig Jahren schon gesehen.

Und andere vor mir, noch einmal dreißig, hundert, zweihundert Jahre früher.

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7 Kommentare leave one →
  1. 24. Oktober 2008 15:37

    Wieviele Töpfe Suppe muss man gekocht haben, bis die Schöpfkelle ein Loch hat? Das würde mich interessieren.

  2. 24. Oktober 2008 16:41

    Ob da die Suppe einer Generation reicht? Vermutlich sind das Erb-Kellen.

  3. 24. Oktober 2008 16:47

    Es könnte höchstens schneller gegangen sein, wenn die Dame des Hauses kein Nudelholz hatte, der Herr des Hauses aber trotzdem mitten in der Nacht lärmend aus dem Wirtshaus getorkelt zu kommen pflegte.

  4. 24. Oktober 2008 16:56

    Oh, ganz böse: Stielbruch bei Kellen. Mit etwas Lot wird das wieder.

  5. 28. Oktober 2008 10:26

    Wenn bei Kellen der Stiel bricht, ist das nicht nur ein Stielbruch sondern auch ein Stilbruch. Dass die Dame des Hauses kein Nudelholz hatte ist keine ausreichende Begründung.
    Aber die Geschichte gefällt mir. Ich kann auf Anhieb einige Haushalte nennen, die die Dienste dieses Mannes dringend benötigen würden.

  6. joulupukki permalink
    29. Oktober 2008 18:44

    Oh, was für ein schöner Bericht!
    Ich will bitte auch so einen haben – schick ihn doch das nächste mal ein paar Kilometerchen gen Süden, ja? Wenn ich Messer schleife, tun mir die armen Dinger immer so leid, so falsch, wie ich das mit Sicherheit mache. Könnten meine Messer reden oder zumindest grunzen oder bellen, würden sie sich sicher gebähren, wie das Haustier beim Tierarzt oder das Schweinchen, wenn der Schlachter kommt :-(

  7. richensa permalink
    7. November 2008 23:40

    liebe lakritze,

    habe mich gefreut, von deinem Messer- und Scherenschleifer zu lesen. Aus meiner Kindheit kenne ich sie auch noch, sie kamen ans Haus und klingelten. Meine Oma mochte sie aber nicht und scheuchte sie immer vom Grundstück. Meine Mutter hat allerdings die Messer und die Scheren von ihnen schleifen lassen, aber nur, wenn meine Oma, ihre Schwiegermutter nicht da war.
    Manchmal gab es auch Honig von seinen Bienenstöcken.
    Leider kann ich mich nicht mehr erinnern, wann er das letzte Mal kam. Meine Oma war schon gestorben, also muss es um 1985 oder 1986 gewesen sein…
    Halte ihn dir warm, lakritze!

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