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Großstadtindianer

12. August 2008

Vor zwanzig Jahren in der Kleinstadt gab es sie auch schon, die südamerikanischen Indios, die in der Fußgängerzone trommelten und flöteten. Vorzugsweise El Condor Pasa. Dabei liefen sie gemessen stampfend hintereinander im Kreis, und alle paar Strophen sangen sie. Sie hatten lange schwarze Haare, sagten nicht viel und trugen farbenfrohe Webgewänder aus Alpakawolle, die man auch kaufen konnte.

Heute dagegen: In einer Seitenstraße fährt ein dunkler Chrysler-Kleinbus mit getönten Scheiben vor. Heraus klettert eine Handvoll Männer in Jeans, karierten Hemden und mit langen schwarzen Haaren, die sich erst einmal, Hände in den Taschen, Richtung Fußgängerzone aufmachen. Dann kommen dazu passende kleine Frauen, die den Kofferraum öffnen und schweres Gerät herauswuchten: Instrumentenkoffer, Kisten mit Kabeln und Krempel, Verstärker, Generator. Das schleppen sie dann an einen zentralen point of attraction, etwa vor die Fischbraterei, und bauen auf. Wenn die Männer eintreffen, verschmelzen sie mit dem Innenstadttrubel.

Auftritt Indios. Nahein, nicht bloß Indios mit Umhängen, sondern komplette Indianer mit Federschmuck und Lederfirlefanz. Flöten (Pan-, Rohr-), Trommeln und Percussion (Regenstäbe). Die Musik wird verstärkt, verzerrt und unterlegt mit synthetischen Beats. Hinter einer Litfaßsäule tuckert der Dieselgenerator. Und dann werden unter „Heyaya“-Gesängen die immer gleichen fünf Lieder abgespult; länger braucht es wahrscheinlich nicht, bis sich das staunende Publikum einmal komplett ausgetauscht hat. (Selbstverständlich kann man CDs kaufen …)

Ich sitze derweil an meinem Schreibtisch und versuche zu arbeiten.

Ohrenstöpsel helfen nicht, wenn man die Lieder einmal kennt. Selber Musik anmachen nützt nur bedingt; ich arbeite nicht gern bei Musik. Nicht arbeiten? Geht auch nicht; von irgendwas muß ich die Stereoanlage ja finanzieren. Mein einziger Trost: Irgendwann läuft die Parkuhr in der Seitenstraße ab …

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10 Kommentare leave one →
  1. 12. August 2008 23:44

    Die sind pfuichbah! Die stehen ungefähr auf der gleichen Stufe wie meine Didgeri-doo-doch-nicht-se.

  2. joulupukki permalink
    13. August 2008 9:37

    Oh ja – und sie sind geklont! Beim Flanieren in der Prater Hauptallee am letzten 1. Mai erschienen mir ein und dieselben 3 mal hintereinander. Also alle paar hundert Meter. Und mir dünkt, genau zur selben Zeit waren genau dieselben auch in den U-Bahnen Londons, Mailands, Paris und Berlins. Richtig unheimlich…

    Aber stimmt, vor ziemlich genau 19 Jahren kam der Trend der wandernden südamerikanischen Straßenmusiker auf. Damals war ich 16 und wahnsinnig fasziniert davon, dass da Menschen vom ganz anderen Ende der Kugelerde waren, die zwar kaum lesen und schreiben konnten, aber es doch bis hierher geschafft haben. (Man verzeihe mir, wie gesagt: ich war 16 und damals wars auch noch nicht üblich jedes Wochenende mal rasch in einen Billigflieger zu hüpfen).
    Jedenfalls brachten mir diese Menschen nicht nur Spanisch bei und gaben mir einen Job als mitdemHutrumgeherin für 10% des Reinerlös, was für mich Schülerin schon verdammt viel Geld war – nein, sie schürten mein Fernweh auch so sehr, dass ich schlußendlich 2 Tage nach dem Ende der Weihnachtsferien mit einem Aeroflot-Ticket (Wien-Moskau-Luxemburg-Irland-Canada-Cuba-Lima) im Benetton Seesack (auch das ein Zeichen der Zeit) meiner Kindheit endgültig Lebwohl sagte und auswanderte. Mama bekam dann noch von jedem Flughafen eine Postkarte und beschloß daraufhin die Suche durch Interpol wieder abzublasen und das nächste 3/4 Jahr lebte ich bei den Eltern, Tanten, Onkels, Nichten & Neffen genau dieser Großstadtindianer, die mich herzlich wie nie zuvor erlebt hüteten und umsorgten.

    Zumindest bei mir bleiben diese Erinnerungen natürlich immer vorrangig, wenn mir das x-millionste hey-a-hey-a-hey-a-hey-a und „ojos azules no llores“ Gedudel den Brechreiz nahe bringt.

  3. 13. August 2008 17:30

    Oh, Jou. Deine Indios sind doch deutlich besser als meine. Unsere damaligen sind mir fremd geblieben (und rätselhaft, irgendwie sympathisch), aber sie brachten ein bißchen weite Welt in die Kleinstadt. Um die heutigen stehen nur die Landbewohner rum, die einen Stadtbummel machen …

  4. gargano permalink
    14. August 2008 12:59

    So viel Klonen geht doch gar nicht: ich hab die Jungs (die Mädchen und Gepäckeselinnen hab ich nicht zu Gesicht bekommen…)an einem Tag bei drei Gelegenheiten schmerzhaft zu hören bekommen. Und ich schwöre – es war jedesmal ein und dieselbe Combo mit ein und demselben Repertoire.

  5. 21. August 2008 12:55

    Wer jemals die frühe Kelly Family in einer Fußgängerzone akustisch erleben durfte, begrüßt jeden, aber wirklich jeden Indio-Musiker mit enthusiastischem Beifall.

  6. 21. August 2008 13:42

    Auweia, Chris. Kelly Family. Das tut mir leid. Möchtest Du eine Indio-CD, zum Trost?

  7. 22. August 2008 7:25

    Nein, danke. Wenn mein Gehör irgendwann zurückkehrt, möchte ich – glaube ich – etwas anderes hören.

  8. 12. November 2013 22:00

    Oh, da spricht mir ein Text aber mal aus der Seele. Früher, das müssen wohl die späten 80er gewesen sein, da waren diese Indios das Schönste, was mir in der Fußgängerzone der nächsten Kleinstadt passieren konnte. Und dann blieb ich stehen, wippte mit dem Fuß und freute mich. Dann kramte ich ein paar kleine Münzen heraus – für diese Musik trennte sich auch der Schüler von ein bisschen Taschengeld -, stotterte etwas in meinem schlechten Schulspanisch, worauf die fremden Gesichter lachten, um gleich wieder in ihre unergründliche Reglosigkeit zu verfallen, und ich nicht wusste, hatten sie mich ausgelacht oder sich doch gefreut. Und einmal … Aber nein, ich will nicht zu weit ausholen. Jedenfalls, es war – ob man sie mochte oder nicht – ‚echte‘ Musik.

    Und dann, einige Jahre später … Plastikfolklore, widerwärtige Eso-Kitsch-Bässe aus der Box und läppischstes Panflötensäuseln, wo es früher echte Musik gab. Ich vermisse die Musiker von einst, ich vermisse sie wirklich. Und wende jedesmal grimmig den Blick ab, wenn ich an diesen Retortenauftritten von heute vorbeikomme. Dann befällt mich die Menschenverachtung gegenüber denen, die stehen bleiben (ich weiß, das ist nun gar nicht nett), und es fehlte nicht viel und ich hielte mir die Ohren zu.

    So, das ist nun etwas länger geworden als beabsichtigt. Da hätte ich eigentlich gleich einen eigenen Blogeintrag draus machen können.

    • 30. November 2013 12:28

      Ich fasse es nicht: Eine Gruppe Indios, alle mit Akustikinstrumenten, keine Spur von Eso-Synthie-Kitsch, vor meinen Augen. Zeitsprung.

    • 1. Dezember 2013 18:07

      Die Zeit zurückgedreht? Das wäre ein Ding. Vielleicht sind sie noch neu; oder sie haben sich besonnen –?

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