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Es war einmal ein Café …

22. April 2008
Qype-Beitrag zu Café Lehmkühler, Kreuzstraße 46, 55543 Bad Kreuznach; Bewertung: *** (von 5)
Vorab: Das Café Lehmkühler, so wie ich es beschreibe, gibt es nicht mehr. Den Nachfolger der Hartmanns habe ich nie besucht; die drei Punkte sind schamlos geraten. Das alte Lehmi hingegen hätte zwanzig Punkte verdient.

Das Café Lehmkühler hat mich für Durchschnittscafés verdorben. Über viele Jahre war es eine Perle in der spröden kleinen Stadt Bad Kreuznach, ein emsiges, schrulliges Paradies der Konditorkunst.

Schon wie es einen empfing: heimelige Enge, Kaffeeduft und das Zischen des Sahnebereiters. Moosgrüner Teppichboden, darauf zusammengedrängt die schönstmöglich abgewetzte Wiener Kaffeehauseinrichtung. Überall, wo es schicklich und zierend war, das geschliffene Kristall von Kronleuchtern und Wandlämpchen. An den Wänden großzügig geblümte Tapeten, cremefarben und pastell. Regelmäßig wurde hier neu tapeziert, nie aber fehlten zwei musizierende Barockengel und eine sonnenförmige Uhr, die zwar golden glänzte, die Uhrzeit jedoch meist für sich behielt. Und ein Foto der schwedischen Königin.

Frau Hartmann nämlich war Schwedin. Rund und eindrucksvoll, stets makellos gekleidet, mit Grübchen, blondem Haarnest und sonnig lächelndem Akzent präsidierte sie über eine Tortentheke, die in meiner Erinnerung ihresgleichen sucht. Die Lehmkühler-Torten waren handgemacht vom mürben, duftigen Boden bis zur marmorierten Glasur, und sie waren unglaublich raffiniert — ach, die Birnen-Milchreistorte mit dem Johannisbeerzucker-Rand!

Immer wenn die Theke geplündert schien, wenn die wartenden Kunden die Verzweiflung packte, kamen neue Köstlichkeiten aus dem Keller. Dort hatte Herr Hartmann seine Backstube. Manchmal erschien er selbst, mehlbestäubt und etwas eckig, im Verkaufsraum. Vorher soll er Gärtner gewesen sein — ob das stimmt, weiß ich nicht; jedenfalls gab es ein sorgfältig gepflegtes Blumenfenster hinten im Caféraum, dort, wo die Zimmerdecke aus Milchglasscheiben bestand.

Lange Zeit war das Café Treffpunkt der Kreuznacher Künstlerszene, die hier gelegentlich auch Bilder ausstellte. Bis die Preise zu hoch wurden (unerhörte drei Mark zwanzig für den Kakao!); da zogen die Künstler weiter, und ihre Plätze wurden nahtlos von anderen Gästen übernommen.

Wer im beständigen Kommen und Gehen einen Platz ergattert hatte, der konnte dort ausatmen und für die nächsten halben oder ganzen Stunden eins mit dem Sitzkissen werden. Nie wurde gedrängelt, und Stammgäste fanden häufig niedliche kleine Gebäckstücke auf ihren Untertassen. Es gab viele Stammgäste. Das lag auch an Simone, der guten Seele des Hauses. Niemals war das papierne Spitzendeckchen unter der Tasse kaffeegetränkt, wenn Simone ein Tablett brachte. Sie trug, wie alle Angestellten, die rosa berüschte Uniform des Betriebs, die aber ihrer Autorität keinen Abbruch tat.

Sommers saß man draußen zum Leutegucken, geborgen unter der gestreiften Markise und hinter einem weiß lackierten Schnörkelzaun, komplett mit lila und rosa Petunienkästen. In der Weihnachtszeit stand im Schaufenster ein Lebkuchentraumhaus, jedes Jahr mit neuen unglaublichen Details. Und wenn die schlimmen Kreuznacher Hochwasser die ganze Innenstadt überspült hatten — das Lehmi war wieder geöffnet, ehe noch der Teppich ganz getrocknet war.

Leider haben die Hartmanns vor einigen Jahren ihr Geschäft aufgegeben. Sie sollen nach Schweden gezogen sein — ich wünsche ihnen alles, alles Gute für den Ruhestand. Und so schüttele ich immer mal wieder meine Erinnerungen auf wie eine Schneekugel und schaue dann zu, wie das schöne Bild allmählich wieder zugedeckt wird. Von blütenweißem Staubzucker.

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3 Kommentare leave one →
  1. 29. Dezember 2008 1:02

    Ich bin immer noch ganz gerührt. Gerade habe ich auf Qype folgenden Kommentar von „christstollen“ erhalten:

    Ich habe durch Zufall Deinen Beitrag gefunden als ich Cafe Lehmkühler googelte um zu sehen wie sich unser Nachfolger im Internet präsentiert. Da ging mir das Herz auf und ich rief meine Frau zu mir um Deinen so wunderbar und geschliffenen Artikel mit ihr zu lesen. Und glaube mir wir waren gerührt und es kommt immer wieder vor, dass wir den Beitrag lesen und uns daran freuen.
    Wir sind also die ehemaligen Inhaber des Cafes, haben fast 30 Jahre bis zum Jahr 2000 unser Handwerk mit grosser Leidenschaft und Liebe ausgeübt und können sagen: das war die schönste Zeit in unserem Berufsleben. Bedingt durch Krankheit haben wir die Konditorei dann an unsren Nachfolger abgegeben, der leider die Wiener Kaffeehauseinrichtung und die Kristalleuchter weggeschmissen hat. Nun hat das Cafe nicht mehr die gemütliche, von unseren Gästen so geschätzte heimelige Atmosphäre.
    Die meisten unserer Stammgäste gehen nicht mehr hin und wenn ich mit meiner Frau durch die Stadt gehe dann hören wir von unseren ehemaligen Gästen wie sehr sie das Cafe vermissen.
    Du Deiner Vermutung ich sei evtl mal früher Gärtner gewesen kann ich berichten, dass mein Vater mit 2 Brüdern eine Gärtnerei für Chrysanthemen Jungpflanzen in der Bosenheimerstr, KH betrieben hat bis zum Jahr 1974. Ich sollte einmal den Betrieb übernehmen aber ich hatte mich schon sehr früh für den wunderbaren Konditorenberuf entschieden. Vielleicht glaubten deshalb manche Gäste ich hätte mal Gärtner gelernt. Während meinen beruflichen Wanderjahren war ich in Zürich und Stockholm und lernte in Schweden meine Frau kennen, die mit mir dann das Cafe Lehmkühler startete und mit Leib und Seele dabei war und mit unseren vielen liebe Gästen ein wunderbares Verhältnis hatte. Meine Frau war seit der Übergabe an unseren Nachfolger nicht mehr im Cafe. Sie will es in Erinnerung behalten wie es einmal war. Natürlich fehlt ihr sehr der Kontakt zu unseren Gästen. Unser Bestreben war es immer andere Kunden und Gäste mit Qualität und kreativen Torten und Backwerken zu erfreuen. Natürlich freut es uns sehr, dass auch Simone in Deinem Beitrag gewürdigt wird. Sie war wirklich die gute Seele des Hauses, bei allen Gästen beliebt, immer gut gelaunt, enorm fleissig. Sie war sicher unsere beste Kraft.
    So kann ich zum Abschluss sagen uns geht es gut im Ruhestand, wir geniessen die Zeit im schönen Stockholm und natürlich auch ab und an im schönen Bad Kreuznach.
    Nochmals möchten wir Dir danken für den brilliant geschriebenen Beitrag vom ehemaligen Lehmi. Es hat uns gut getan von einem Kenner der Cafehauskultur so viel Lob zu bekommen.
    Herzlichst Georg und Margaretha Hartmann

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