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Tafelsilber, verscherbelt

10. März 2008

Qype-Beitrag zur Saarbrücker Bergwerksdirektion, Trierer Straße 1, 66111 Saarbrücken; Bewertung: * (von 5)

An strahlenden Sonnentagen hat die helle Fassade der ehemaligen Königlich-preußischen Bergwerksdirektion etwas Herrschaftliches; man denkt sich Palmen in Blumenkübeln dazu und wünscht sich einen Sonnenschirm.

1880 war der historistische Bau (geplant vom Berliner Architekten und Schinkel-Schüler Martin Gropius) fertiggestellt, von dem aus die Geschicke des saarländischen Bergbaus dann über 120 Jahre lang gelenkt wurden. Der repräsentative Eingang liegt auf der Ecke Trierer-/Reichsstraße; darüber steht, flankiert von Bergmannsstatuen: Glück auf!

Bemerkenswert ist das Treppenhaus hinter diesem Eingang, das in seiner Art wohl einzigartig ist: Eine frei schwingende, floral verzierte gußeiserne Treppe und ein farbiger Mosaikfußboden aus Mettlacher Porzellan. Wahrhaft fürstlicher Prunk für die Verwaltung.

Im Jahr 2005 wurde die denkmalgeschützte Bergwerksdirektion an den Hamburger Investor ECE verkauft, der eine Erweiterung des benachbarten (und ziemlich toten) Einkaufscenters Saargalerie plante. Die weitreichenden Umbauvorhaben waren bereits 2003 (!) vom städtischen Denkmalamt abgenickt worden. (Dessen Leiter wurde 2005 Leiter des Landesdenkmalamtes und konnte sich so die etwas voreiligen Zusagen nachträglich selbst genehmigen.)

Ergebnis: Das Gebäude wird komplett entkernt und an die höher gelegene Saargalerie angeschlossen. Der Mosaikfußboden wird entfernt, die Treppe irgendwie stehengelassen. 25.000 qm Verkaufsfläche sollen entstehen. Bergleute, Denkmalschützer und Architekten aus ganz Deutschland protestierten — offenbar erfolglos. Baubeginn ist 2008.

Ob die Erweiterung der Saargalerie, die seit fünfzehn Jahren kränkelt, zum großen Boom verhelfen wird? Und wenn ja: Eröffnen dann in allen Kaufhäusern der Innenstadt Handyläden und 1-Euro-Shops?

Mittlerweile stehen Kolonnen von Umzugswagen vor der Bergwerksdirektion — kein Platz mehr für mentale Palmen und Sonnenschirme. Und wer das Treppenhaus noch sehen will, sollte sich beeilen.

Nachtrag Januar 2009

Sie haben es wahrgemacht: Vor dem Europabahnhof erstreckt sich eine Großbaustelle, und über die Zäune hinweg sieht man die Reste des Backsteinbaus, dessen massive Mauern von hinten weggerissen wurden. Saarbrücken ist um eine Sehenswürdigkeit ärmer.

Der Fertigstellungstermin der neuen Saargalerie ist bereits ein halbes Jahr nach hinten verlegt worden — mal sehen, was uns die Konjunkturkrise noch beschert. Vielleicht eine Dauerbauruine, die sich dann in ein paar Jahren wieder selbst begrünt –?

Nachtrag 2014

Ein Zeit-Artikel zur Problematik der Malls.

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