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Schön scharf

3. Februar 2008

Qype-Beitrag zu Solinger Stahlwaren M. Seebauer, Baumgartenstraße 1a, 55543 Bad Kreuznach; Bewertung: ***** (von 5)

Keine hundert Meter vom Kreuznacher Bahnhof entfernt gibt es ein kleines Wunder; vielmehr eine Ansammlung von kleinen Wundern: den Kreuznacher Messerladen. Der Laden ist hier, seit ich denken kann; ich weiß allerdings nicht, wie lange er dem Diplomingenieur und Messerschmiedemeister Matthias Seebauer gehört.

Das erste Wunder ist, daß sich der Laden schon so lange hier hält, an einer der Hauptverkehrsstraßen und den Bahnschienen Richtung Bad Münster, aber weitab von der Einkaufsmeile. Wer hier herfindet, muß wissen, was er sucht.

Das zweite Wunder ist die Auswahl. Es gibt Messer für Profis und für Liebhaber, zum Arbeiten, zum Überleben, zum Angsthaben, zum Angeben; Messer für Köche und Metzger, für Friseure und Pilzesammler, für Graphiker, für Schnitzer, für Ärzte, für Kinder. Mit Rosenholzgriff, mit Hohlschliff, mit Waffenschein. Vom kostbaren Ausstellungsstück bis hin zu Omas Kartoffelkneipchen für ein paar Euro — es gibt alles. ALLES. Nur keine kurzlebigen Massenprodukte — hier kauft man Hausrat, Weggefährten, Erbstücke.

Gleiches gilt für die Scheren. Als ich vor vielen Jahren hier eine Solinger Schneiderschere kaufte, für erschreckend wenig Geld, steckte sie in einer Papp- und Samtverpackung aus den Fünfziger Jahren. Diese Scheren gehen nicht kaputt, man kann sie höchstens verlieren. Oder verleihen.

Der richtige Schliff ist entscheidend, und den gilt es zu erhalten. Herr Seebauer schleift darum japanische Fischmesser wie Bastelscheren mit der gleichen Aufmerksamkeit; manche Schere, die die Großmutter hier gekauft hat, bringt die Enkelin heute noch regelmäßig vorbei. Auch das Tafelsilber kann man hier mit neuen Klingen versehen lassen. Alles, was scharf ist, ist bei Seebauers in den besten Händen.

Überhaupt, die Beratung — die ist das dritte Wunder. Das Geschäft ist winzig und unübersichtlich mit seinen Regalen und Schubladen, Vitrinen, Schachteln, Haken, alles voll mit Tausenden von Messern und Scheren. Ohne kundige Führung wäre man hier verloren. Ein Verkaufsgespräch eröffnet Welten, egal ob es nun um eine Nagelschere geht oder um ein Messer aus Damaszenerstahl. (Viele der Solinger Meister kennen die Seebauers persönlich, und manch einem der richtig kostspieligen Messer liegt sogar ein Video über seine Herstellung bei.)

Auf Werbung oder Präsentation wird hier kein Pfennig verschwendet. Seebauers arbeiten mit Herz und Sachverstand, und wer bei ihnen kauft, profitiert davon. So ein Angebot rechtfertigt auch weitere Wege — und der Bahnhof ist ja gleich um die Ecke.

Nachtrag Februar 2013:
Der Anlaß zum Umtopfen des Artikels ist ein trauriger — Herr Seebauer ist gestorben. Er wird fehlen.

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10 Kommentare leave one →
  1. Philipp Elph permalink
    20. Februar 2013 12:24

    Schärfe von Messer! Ein heikles Thema bei Philipp und Philippine! Da mag die Lösung sein, in Bad Kreuznach.

    • 20. Februar 2013 12:26

      Ich hoffe, der Laden bleibt, auch wenn es den Meister nicht mehr gibt.

  2. karu02 permalink
    20. Februar 2013 12:35

    Auch wenn ich dort niemals zum Einkaufen hingelangen werde, hoffe ich doch, das Geschäft bleibt erhalten. Schon die Gewissheit, so etwas gibt es noch, macht mir Freude.

  3. karu02 permalink
    20. Februar 2013 12:38

    „Gefällt mir“ lässt sich nicht mehr anklicken. Sobald das wieder möglich ist, hole ich es nach.

  4. 20. Februar 2013 14:49

    Oma hat also ein Kneipchen. Was macht sie damit bloß? Den Kartoffeln die Augen ausstechen? Man lernt doch nie aus.

    • 20. Februar 2013 16:01

      Und Äpfeln die Herzen. Messer sind selten nett — aber wenn sie schön sind und gut in der Hand liegen, sind sie dicht dran.

    • 20. Februar 2013 20:43

      Und spontan habe ich gelesen: „Männer sind selten nett …“ ;-) Sexismus und kein Ende.

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