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Alte Knochen

28. Mai 2016
Bahnhofsromanik

Bahnhofsromanik, schadhaft.

Die Lahn mit Herrn G. wird zur guten Gewohnheit: Von Obernhof mäandern wir flußauf bald durch den Westerwald, bald durch den Taunus; die erste richtige Sommerwanderung des Jahres, auch wenn es in der Nebelsuppe des Morgens noch nicht danach aussieht.

Als wir den ersten Gipfel erreichen, hat auch die Sonne sich durch die Wolken gebrannt. Sattgrün dehnt sich das Hügelland und ist nur, wenn man genau schaut, etwas angefressen: Fasziniert beobachten wir, wie hellgrüne Raupen sich aus dem Laub stürzen, ruckweise fallend, knapp überm Boden hängen bleiben und sich dann in zuckenden Bewegungen am eigenen Faden wieder in die Höhe wickeln. Leicht sammelt man Raupen auf Hut, Schultern, Rucksack.

Quörk, quarr, quörk, quarr: Herrn G.s Schuhe begleiten jeden Schritt mit einem Knarren. Leder auf Leder halt. Später gestehe ich, daß ein gut Teil des Geräuschs nicht seine Schuhe, sondern meine Knie sind. Neue Schuhe und alte Knochen im Duett auf dem Weg, der uns über felsige Rücken zum Wasser führt und wieder in die Höhe. Wenn wir uns laut genug unterhalten, hören wir es kaum.

Daß es deprimierend wäre, solche Wege nicht mehr zu haben; daß man seine Knochen gut beisammen halten muß. Wie schnell man sich an Annehmlichkeiten gewöhnt, und was man darüber verlernt. Welche Bücher zu Zeiten des Mobiltelefons nie oder ganz anders geschrieben worden wären. Und woher Menschen Hoffnung nehmen und Sinn. Dabei streifen wir durch Landschaft, die Eichendorff entzückt hätte; der Himmel wölbt sich, die Lerchen steigen, am Feldrain wogen Nelken und andere Wiesenblumen.

Schaumburg

Die Schaumburg im Grünen.

Weil Koffein sein muß, nehmen wir in einem Gasthaus unten am Fluß Kaffee, Kuchen und Sprühsahne. Auf dem Zucker steht: „Für Sie mit Liebe gebacken von Wappenkoth & Riese“.

Auf der Promenade von Balduinstein finden wir ein Fronleichnamsarrangement: Farben über Farben, zu religiösen Symbolen gelegt: Kreuz, Taube, Kelch, Chi und Rho, ein Blütenteppich vor dem blumengeschmückten Altar. Die Feierlichkeiten sind lang schon vorüber, aber die Leute gehen sorgsam um die Blumen herum; nur ein Radfahrer konnte wohl nicht rechtzeitig bremsen und hat eine Schneise hineingefräst. Ich mache kein Foto.

Ich nehme die erste Sommerbräune mit heim, einen Stein und eine Zecke; und den festen Vorsatz: wiederzukommen, bald. Man wird ja nicht jünger.

 

 

 

Schöne Sachen XXXIX

27. Mai 2016
Die ersten richtigen Sommertage.

Die ersten richtigen Sommertage.

 

 

 

Stapel

23. Mai 2016

Bücher, die ich gerade lese
Bücher, die ich noch lesen will
Bücher, die ich angefangen habe, aber jetzt gerade nicht lesen kann
Bücher, die ich zurückgeben muß
Bücher, die ich (vielleicht) doppelt habe
Bücher, die (vielleicht) gar nicht mir gehören
Bücher, die ich verschenken will
Bücher, die weg müssen
abwesende Bücher (Platzhalter)
restliche Bücher

Und irgendwann sortiere ich die Regale.

 

 

 

Zu Fuß flüchten

16. Mai 2016

Herr G. will Lahn. Der Weg ist lange noch nicht ganz gegangen, und letztes Mal war’s Herbst. Also auf nach Bad Ems, und weiter, weiter!

Zum Reinlaufen schön.

Zum Reinlaufen.

Bad Ems muß schön gewesen sein, wurde aber in den fetten Zeiten modernisiert. Aus dem abwaschbaren Bahnhof geht es über die Lahn und weiter zu den romantischen Westerwaldhöhen, die schon Goethe-Freund Lavater beeindruckten. Hinauf werden wir durch ein Parkhaus geschickt. Hätte Lavater dieses Treppenhaus gesehen, er wäre anderswo spazieren gegangen.

Hoch überm Fluß ist es dann herrlich. Wald und offenes Feld wechseln sich ab; an den Wiesenhängen stehen Orchideen und die ersten Sommerblumen. Wolken stürmen in Riesenschritten darüber weg, doch tragen sie ihren Regen anderswohin; manchmal wird es sogar richtig warm.

In Nassau gibt es ein sehr brauchbares Café. Ein alter Herr fragt, wo wir unseren Wagen hätten, als er hört, wir kämen von Bad Ems. Das ganze Tal lebt von Paddlern, Ruderern, Radlern und Wanderern, die Stadt ist voll von ihnen, aber wir sehen wohl nicht nach Sportlern aus.

Für Wanderer werden Autos Gegner. Stinkend, laut, platzfressend, und die ganze Welt ist für sie eingerichtet. Wie werden wir bloß die Autos los?, überlegen wir auf einem steilen Anstieg durch den Wald. Klar, die Pendler – die sollen erst mal in die Nähe ihrer Arbeitsstellen ziehen. Oder öffentlich fahren, da muß das Nahverkehrssystem ausgebaut werden, natürlich. Partner müssen immer in der Nähe arbeiten können … Ein Fohlen dreht sich nach uns um, wie wir die Ordnung der Welt verkehren; das alte Pferd auf der gleichen Weide scheuert sich vernehmlich an einer dicken Fichte.

Dann müßte in jedem Ort alles, was man so zum Leben braucht, zu Fuß zu erreichen sein. Geschäfte in allen Stadtteilen. Ärzte, Banken, Gaststätten in jedem noch so kleinen Ort. Handwerk und Dienstleistungen, auch das. Schulen. Kindergärten. Bibliotheken. Sportstätten. Fehlt noch was? Radwege, Busse und Bahnen in dichtem Netz übers Land, überlege ich …

Da erzählt Herr G. die Geschichte von dem älteren Kollegen, der für eine Weile ohne Führerschein das Bahnfahren zur Arbeit sehr genoß – Zeitung las, frühstückte, sich entspannte – und dann, sobald der Lappen wieder da war, ins Auto stieg. Die gefühlte Unabhängigkeit wiegt Kosten, Parkplatzsuche, Beulen im Blech und Streß im Stau, scheint’s, locker wieder auf.

So wird das wohl erst mal nichts. Wir gehen eine Weile still zwischen Wald und Feld. Dann Apfelwiesen, dann Pferdekoppeln, ein Kloster in der Ferne, und sieh an, im nächsten Dorf wird ein wenig Wein angebaut – Lahnwein, tatsächlich.

lw-emsbhf lw-ems lw-hoheley lw-rast

Am Ende müssen wir tollkühn die Hauptverkehrsstraße überqueren, von drei Seiten diese lauten, stinkenden Dinger, alle schneller und stabiler als wir. Wir haben keine Wahl; der Zug wartet nicht.

 

 

Ganz unten im Flusensieb

9. Mai 2016

Frühjahrsputz! Viel bleibt ja nicht mehr hängen, aber zwischen „hermann“, „abwesenheitsnotiz“ und 6465 unbekannten Suchbegriffen im vergangenen Jahr fand sich doch auch die ein oder andere hübsche Fluse im Suchmaschinensieb:

warum sind bucheckern leer
Ich war’s nicht.

vorabendgrüsse
Danach sind noch Abend-, Spätabend- und Nachtgrüße möglich. Im Schlaf bitte vom Grüßen absehen, da stört es den Empfänger bloß.

lakritzeturm
Oh, toll! Den suche ich selbst schon lange; wo gibt’s den?

toupet vorher nachher
Kommt drauf an, was dazwischen liegt. Toupet glatt –> Wind –> Toupet verwirbelt. Toupet trocken –> Schwimmwettbewerb –> Toupet naß. Toupet ordentlich –> Liebesnacht –> Toupet verstrubbelt. Toupet in Bad Orb –> Zugreise –> Toupet in Regensburg. Und so weiter, Rest ist gar nicht mehr schwierig.

pferdemist grob faserig
Damit kenne ich mich nicht aus. Ich könnte mir aber vorstellen, daß Nahrungsumstellung auf Grünfuttersmoothies hilft. Oder vielleicht: Mist häckseln.

nacken verdreckt
Ja, und nu? Waschen? Fotografieren, ins Internet stellen? (Im Ernst – was haben Sie dazu bei mir gefunden?)

sprachatlas semmelbroesel
Schlechte Kombination. Mit Semmeln wird die Aussprache undeutlich, und in Atlanten bröseln gehört sich nicht.

käfer dreht sich immer auf den rücken
Schauen Sie mal nach dem Herstelleraufdruck. Kann eigentlich kein Original-VW sein, die machen zwar andere schlimme Dinge, aber das eher nicht.

Überfall, überfällig

8. Mai 2016
Kirschblütenschatten.

Kirschblütenschatten.

So lang waren die Nächte eisig, doch von einem auf den anderen Tag ist Mai, und der tut gleich so, als wär nie was anderes gewesen. Treibt uns aus der Wolle und brennt Nacken und Schultern rot, läßt Büsche und Bäume im Garten explodieren, hängt brummende Flugzeugelchen ins Himmelblau und macht die Tauben schier verrückt.

Es ist dringend an der Zeit, unterm Kirschbaum still im Blütenschatten zu sitzen und den Mauerseglern nachzuschauen.

 

 

 

Himmelfahrt

6. Mai 2016
Fast wie'n Gebirge.

Fast wie’n Gebirge.

Im „niedrigsten Mittelgebirge Deutschlands“ ist Frühling: Raps und Kirschen, Löwenzahn und Buchen, frisch belaubt, und darüber ein blitzblankblauer Himmel. Kinners, ist das ein Sonnenschein!

Unterwegs allerhand Bollerwagentrupps: solche mit schlechter Musik aus schlechten Lautsprechern, solche, die Müll streuen und ein paar nette, die uns galant eine Schranke im Wald aufhalten und dann fröhlich ihres Weges ziehen.

Von der höchsten Erhebung des niedrigsten Mittelgebirges gibt es keine Aussicht; für die muß man erst wieder halb runter und raus aus dem Wald. Dann aber scheint „Gebirge“ für diese paar Hügel wirklich nicht übertrieben. Merke: Es kommt nicht auf die Größe an, sondern auf den Abstand zu den anderen.

 

 

In den Mai

30. April 2016

Was nur anziehen? Und den Schirm nicht vergessen, sonst regnet’s. Vielleicht aber auch doch oder trotzdem oder sowieso; man weiß es ja nicht, und schon gar nicht vorher. Wetter: bretonisch.

Wetter über Blüteresten.

Wetter über Blüteresten.

Pflanzen, Vögeln und Getier ist das gleich. Das blüht, legt Eier, brütet, schlüpft und wächst, was das Zeug hält. Die Wiesen stehen voller Bärlauch, das Laub auf dem Weg wimmelt vor kleinen Spinnen, der Fluß vor flauschigen Graugansküken, und nach der Kirsch- überzieht nun die Apfelblüte die Obstfelder. Einem Außerirdischen müßte das wie eine Krankheit scheinen, ein plötzliches Fieber, das ausbricht wie ein weißer und rosa Schorf und langsam wieder abklingt zum gewöhnlichen Grün.

Schwimmende Kinderstube.

Schwimmender Kindergarten.

Störche ducken sich hinter hohen Nesträndern. Auch die Reiher sind mißtrauisch, setzen aber auf Stillhalten: wie aus Plastik stehen sie in den Wiesen, das Auge folgt als starrer Punkt den Wanderern. Die Nachtigall bleibt im Weidendickicht ganz unsichtbar und singt unverschämt laut dabei. Das muß sie auch; die Autobahn ist einen Steinwurf weit entfernt und legt eine Glocke aus Lärm über das Auenidyll.

Pause auf einer Bank am Ufer. Der Fluß strömt hoch und sieht zwischen den Weiden nach Abenteuer aus. Drei Schwäne wuchten sich aus dem Wasser: auf schwarzen Füßen klatschen sie über die Oberfläche, bis ihnen die Luft unter die sausenden Schwingen greift und sie abheben. Ein vierter schafft es nicht; er läßt sich in den Fluß zurückplumpsen, wo Auftrieb ihm die Anmut wiedergibt, krümmt den Hals und schwimmt lautlos weiter. Scheitern in Schönheit.

Zu Beginn und zum Ende des Weges: Campingplätze. Man lebt hier, im Wohnmobil mit Vorzelt und Terrassenmöblierung, wie im Einfamilienhaus. Rasenmäher kann man leihen, Rasenfackeln stecken wie Warnbaken um die temporären Grundstücke. Nach dem Campingplatz kommt die Schrebergartenkolonie, dann der Friedhof, dann das Dorf.

Geregnet hat es nicht. Ich hatte ja auch den Schirm dabei. Und ab morgen ist Mai, da wird alles, alles anders.

Schöne Sachen XXXVIII

24. April 2016
Auf dem Weg.

Auf dem Weg.

 

 

 

Die steinerne Stadt

21. April 2016

Es geht um eine Grünanlage und einige große Bäume mitten in der Stadt. Die Anlage besteht aus paar Blümchen, paar Bänken, bißchen Kunst. Im Spätsommer dürfen die Bürger hier Gemüse ernten; junge Familien treffen sich zum Picknick, und eigentlich immer sitzen Leute auf den Bänken in der Sonne oder sommers im Platanenschatten. Kurz: dieser Platz lebt.

Nun soll die Grünanlage weg, und von den Bäumen auch ein paar. Das Museum braucht Platz – hier ist die „Vorhaltefläche“ für seine Erweiterung. Als kürzlich die Siegerbeiträge des ausgeschriebenen Architekturwettbewerbs in der Zeitung waren, flammte Empörung auf: Massen von Leserbriefen, Bürgerinitiativen gegen den Neubau, und die Kassenfrau in Museum muß sich Beschimpfungen anhören, weil der Platz so „verschandelt“ werden solle.

Also bietet das Museum Führungen an, um die Entwürfe der Architekten vorzustellen und zu erläutern. Die Veranstaltungen sind voll. Die Reaktionen reichen von „ach, doch gar nicht so übel“ bis zu „kann man da nicht einfach was schönes Altes hinbauen?“, woran man sieht, daß die Architektur arm dran ist, weil alle dazu eine Meinung haben. Jedenfalls ist es eins, gerasterte Bildchen in der Zeitung zu sehen, und etwas ganz anderes, das Prinzip eines Entwurfes begreifen zu können – das hilft gegen Empörung.

So weit, so gut. Da sagt der Architekturprofessor, der die Führung leitet, nebenbei: die Bäume hier seien sowieso nicht historisch, gerade an diesem Platz sei die Stadt jahrhundertelang eine steinerne Stadt gewesen; und ich denke: Plätze ohne den Schutz von Bäumen sind oft zugig und unwirtlich und im Sommer schlicht unerträglich. Da hält man’s nur unter den Schirmen der Gastronomie aus, und nix ist mit stundenlang konsumfrei im Schatten sitzen und Leute gucken. Mögen die Bäume ahistorisch sein – früher war auch nicht alles besser.

Nun warte ich gespannt, wie es weitergeht mit dem Neubau. Ich habe einen Favoriten unter den Entwürfen und wünsche mir natürlich, daß der eine Chance hat. Was mit der Grünanlage passiert, ist schlicht und ergreifend noch nicht entschieden. (Ich hoffe aber sehr, daß zumindest Bäume und Bänke bleiben.)

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