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Kurzstrecke

22. September 2016

Es ist keine gewöhnliche Wanderung mit Herrn G.: nur wenige Kilometer, immer in der Stadt, und außerdem gehen ein paar tausend andere Leute mit (wie viele, darüber wird später die Polizei schwankende Auskünfte geben). Aber was soll man machen, meint Herr G.; was muß, das muß. Dafür haben wir leichtes Gepäck und kaum Proviant dabei und, darauf legt Herr G. wert, kein Transparent, keine Fahnen. Wir sind Masse, aber wir tragen unsere eigenen Farben.

Je näher wir dem Sammelpunkt kommen, desto mehr Menschen strömen uns entgegen: Die sind schon losgegangen, schließen wir uns an! Herr G. beißt die Zähne zusammen. In Nullkommanichts sind wir ausgebremst, verlangsamen unser Schritt- zu Schneckentempo, bewegen uns in eine Richtung mit vielen, sehr vielen anderen. Nicht im Gleichschritt, das ist wichtig.

Parteien, Organisationen, Bündnisse in Rot, Grün, Schwarz, Orange und Pink schieben sich über die mehrspurige Straße; junge Leute, sogar Kinder tragen selbstgebastelte Plakate vor sich her: Kein TTIP! Kein CETA! Kein TISA! Oder auch: Freihandel ja, Knebelverträge nein!, oder: Wo bleibt das Grundgesetz?

Grau- und Weißköpfe mischen sich mit allen anderen Haarfarben, wir sehen Rentner in Beige, Pfadfinder mit Halstuch, Studenten mit Ordnern unterm Arm, geübte Alt-Demonstranten mit Megaphon. (Bei der Gelegenheit entdecken Herr G. und ich, daß unsere Mitbrüllschwelle etwa gleich hoch ist, nämlich so gut wie unüberwindlich.) Wie Stielaugen: Kameras und Telefone, hoch über die Köpfe gehoben.

Wir bewegen uns am Rand des Zuges, abseits vom größten Lärm. Ein Mann mit einer rosa Penis-Trillerpfeife pfeift, aber es will nicht recht trillern. Andere skandieren Reime auf: Hopp-hopp-hopp …, ganz schön schlicht, aber vernehmlich. Eine Frau in bunten Kleidern hüpft und kreischt Unverständliches; sie bekommt besänftigenden Applaus. Von den Reden über Lautsprecher dringt zu mir nur Tonfall: Anklage, Forderung; ich vermute allerdings sowieso, daß ich von zehn Befragten zwölf Antworten bekäme, wieso genau sie hier sind. Ist jetzt auch erst mal egal – es geht ums Sichtbarsein. Auf die Straße gehen, um zu sagen: Nein. Nicht so. Das haben wir nicht gewählt.

Das langsame Tempo auf Asphalt, der Lärm, die Menge Mensch, das alles ist anstrengender als viele Kilometer Wald und Feld. Nach wenigen Stunden sind wir erledigt. Herr G. und ich verschwinden in einer Seitenstraße Richtung Bahnhof. Sie werden uns wohl mitgezählt haben, sagt er. Ob das was bringt?, frage ich mich und ihn. Man kann’s nur hoffen.

Ein paar Tage später schweigen wir am Telefon; was soll man auch dazu sagen. Herr G. sagt dann doch etwas, nämlich: wie so eine weitreichende Entscheidung mißbraucht wird, um parteiinterne Macht zu zementieren. Ob er die Strapaze bedauert? Nein, natürlich nicht. Einfach so hinnehmen, wie hätte sich das denn angefühlt?

 

… und der Herbst beginnt

20. September 2016
Auf dem Lande.

Auf dem Lande.

Die Trostlosigkeit hat nichts mit dem Wetter zu tun. Es ist ein Neubaugebiet, eines von vielen, an denen der Wanderweg entlangkratzt: Haus für Haus in die Jahre gekommene Ideen von Schönheit und Bequemlichkeit, totgepflegte Grundstücke unter Bodendeckern oder praktischen Kiesfüllungen. Kein Bäcker, kein Laden, kein Treffpunkt; dafür Garagen, viele, denn man muß ja einkaufen, Ärzte besuchen, sich amüsieren. Menschen sieht man nur in Autos; Bürgersteige scheint es zu geben, damit man was zum Hochklappen hat. Manche Häuser zeigen nichts als Rolläden. Wie das wohl mal gedacht war? So sicher nicht.

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Aber vielleicht urteile ich ungerecht. Vom Weg aus ist ja nicht viel zu sehen; vielleicht erntet man Gemüse, spielen Kinder in Gärten, die vor Wandererblicken geschützt sind. Vielleicht blüht das Leben hinter den Mauern, tagt irgendwo ein Lesezirkel, kümmern sich Nachbarn, entwickelt man den Ort. Ich hoffe es.

Außerhalb sind die Äcker abgeerntet, faule Äpfel fallen von den Bäumen. Gestern wurde in den Feldern ein Fest gefeiert; gerade löst sich eine Wagenburg auf in einen Fluß von Fahrzeugen, der sich zäh auf die Landstraße ergießt. Ich finde im Straßengraben zwei herrenlose Fahrräder und eine Geldbörse mit Papieren und habe gleich ganze Krimis im Kopf (inzwischen weiß ich, sie war wirklich nur verloren).

Nun ist der Sommer wohl vorbei. Für mich beginnt die schönste Zeit in Wanderschuhen. Auf der anderen Seite des Flusses käme mir ungefähr jetzt Irgendlink entgegen, der am Rhein entlang zur Nordsee radelt.

 

Segeln!

13. September 2016

Im Folgenden kommt Werbung, schamlose Werbung. Aber keiner, der drauf reinfällt, wird mir nachher vorwerfen können, ich hätte die Unwahrheit gesagt oder irgendwas verschwiegen.

 

Sie haben zwei Beine, zwei Arme, einen Kopf vor allem und eine etwas robustere Vorstellung von Freizeitgestaltung? Dann machen Sie doch mal eine Ostseereise auf einem Großsegler! Die Clipper-No-Comfort-Tours sind wahre Wundertüten, Wetter und Crew lassen sich ja nicht vorausbestimmen. Sie sollten Freude an großen Maschinen mitbringen, denn nichts anderes ist so ein Schiff; Fremdsprachenkenntnisse (Fiert den Besan! Bullen los! Halse!) ergeben sich mit der Zeit von alleine.

Sie werden Teil …

Seegang

11. September 2016
Kein Wind.

Kein Wind.

Jetzt muß ich erst mal meine Landbeine wiederfinden.

Bilder …

Kurz vor Herbst

29. August 2016
Gartentorschatten auf rissigem Asphalt

Am Himmel schief …

Um diese Zeit macht der Sommer Bestandsaufnahme. Bäume werfen ab, was unbrauchbar ist: dürre Blätter, wurmstichige Äpfel, verkümmerte Nüsse. Die Hecken duften, die Sonne trennt mit spitzen Fingern die reifen Brombeeren von den vertrockneten. Es wird Walnüsse geben dieses Jahr, und die Weinstöcke hängen voller Trauben, jeden Tag süßer. Zugvögel kommen zur Zählung auf den Stromdrähten zusammen, ihre Reisezeit naht. Spinnen üben fliegen. Den Nächten wächst Dunkelheit.

 

 

 

Altweiber

26. August 2016

Diese späte Hitze in der Stadt ist mir angenehm; wie ein seidenes Kleid schwebt sie über der Haut, immer mit ein paar kühlen Fasern durchwirkt. Die Sonne, nicht mehr gnadenlos, kommt und geht sanft. Im Blätterdach der Robinien an der Straße: erste gelbe Sprenkel.

Beim Nachlesen über den Burkini denke ich, och, gar nicht übel; so was hätte ich als junges Ding auch getragen (wohl minus Kopfbedeckung).

Badeanzug, Gummistiefel, Bettwäsche, dicke Kleidung, dickes Buch. Reisevorbereitungen.

Ein Online-Wörterbuch gibt mir plötzlich Definitionen nur noch in simple language aus: ich habe wohl zuviel Dinge wie knowledge und development nachgeschlagen. Ich will doch nur wissen, wo die getrennt werden, herrje.

 

 

 

Nichtgedicht (nachtgedacht?)

21. August 2016

Auf das Geländer der Eisenbahnbrücke in Mainz-Süd hat jemand (ich nehme an: eines Sommernachts) was geschrieben, in glühenden Farben, die dem Flußgrün in der Tiefe schmeicheln. Irgendwann ist jemand anders gekommen, gewiß bei Tag, hat am Brückengeländer die Vernietungen aufgefrischt und in Brückengrün überstrichen.

Ein paar Worte sind entkommen.

Die hinterlassen jetzt ganz beiläufige Gedichte in den Köpfen der Passanten.

 

Farbenfreuden, später

20. August 2016


Grad noch Sommer, gleich schon Herbst: der August verausgabt sich.

Wo das Mineralwasser wohnt

15. August 2016

Es ist August und damit hoher Sommer; die Zeit, in der sich Einheimische in den Dorfkneipen Geschichten von umkippenden Wanderern erzählen (und wie der Rettungshubschrauber kam, da wars schon zu spät). Nun, dieser August zeigt da wenig Ehrgeiz, deshalb wagen Herr G. und ich uns bedenkenlos in die Eifel.

Frühtau noch zu Mittag - weit kann's mit dem Sommer nicht her sein.

Frühtau noch zu Mittag – so weit kann’s mit dem Sommer nicht her sein.

Von der Ahr steigen wir hügelan. Den Weg kennen wir beide und, wie sich herausstellt, auch unsere Wanderkarte nicht. Das heißt: wir gehen frei Schnauze. Wir orientieren uns an Himmelsrichtungen, Bachläufen, dem Wechsel von Wald und Feldern, an Landstraßenlärm; immer wieder stehen wir an Kreuzungen und suchen sie auf der Karte, oft genug vergeblich. Der Weg ist hüfthoch überwachsen und manchmal kaum zu finden. Wir kommen nur langsam voran.

Der Lohn dafür: Vulkankegel ragen seltsam aus der Hochebene, auf der Mähdrescher Staubsäulen steigen lassen; die Stoppelfelder mit ihren vielen Scheiteln glänzen gegen das schon müde Grün des Waldes. Hügel stehen vor Kulissen von Hügeln, die vor Hügelkulissen stehen und so fort, bis in die diesige Ferne. Bei einem Bach begrüßen uns schöne braune Kühe, aber wir sind wohl nicht die, auf die sie warten; die Herde orgelt uns eine Beschwerde in q-Moll hinterher, die noch lange durchs Tal hallt.

In Niederzissen verschieben wir die letzten zehn Kilometer auf das nächste Mal. Hier gibt es einen Bahnhof, und Herr G. erinnert sich, daß im Sommer das Museumsbähnchen fährt. Mit zwanzig Minuten Verspätung rollt der Zug ein, zwei kleine Dieselloks und ein bunter Verband von Schmalspurwagen; der Schaffner ruft: Pünktlich wie die Bundesbahn!, ehe er uns das Fahrgeld abnimmt. Dann geht es schaukelnd und mit offenen Fenstern das Brohltal hinunter, langsam genug zum Brombeerenpflücken, nur sind die noch nicht reif; an jedem Bahnübergang stehen lächelnde, winkende Menschen. Während Herr G. versucht, einfach Zug zu fahren, habe ich meine helle Freude an den Holzbänken, den Hutablagen, dem Cabriowagen und den wackligen Stegen zwischen den Waggons. In Brohl am Rhein steigen wir aus der Zeitmaschine.

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Zur Webseite der Brohltalbahn.

 

 

Mehr Bär

12. August 2016

b-station   b-putz   b-bier   b-fensterhell

Berlin hat viele tolle Sachen, die andere Hauptstädte nicht haben. Eine U-Bahn, zum Beispiel. Müllbeutel in Stationskachelfarben (oder andersrum, das weiß man nicht). Eine Biermeile, die vermutlich wirklich eine Meile lang ist. Wetter, das die Bezeichnung Sommer verdient.