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Nachricht aus der echten Welt

15. Februar 2017
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Jahrelang hat Magister Kraska seine Staunmeldungen gebloggt: aus dem Kulturbeutel älterer Jugendlicher geplaudert, die Banalität des Blöden beleuchtet, Träume kritisiert, seinem Ghetto ein Denkmal gesetzt. Nun lebt der Magister nicht mehr; vergangenen Dezember ist er plötzlich gestorben.

Blogger sind ein seltsames Volk. Wir können Menschen, die wir doch eigentlich nur schriftlich kennen, virtuell ins Herz schließen, sie einfach unserem Horizont einverleiben. Und jetzt? Jetzt können wir Kraskas Geschichten immer noch lesen, aber es ist nicht mehr dasselbe; da ist eine Lücke.

Ich denke an seine Frau, für die die Lücke unendlich viel größer sein muß, und an alle, denen er in ihrer echten Welt fehlt, Tag für Tag.

 

 

 

Zeiten wie diese

4. Februar 2017
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Ich bin Mensch. Menschen sind, global betrachtet, eine ziemlich schädliche Tierart, die sich für eine ganze Menge dessen, was sie tut, schämen muß (was sie kann, als eine der wenigen), aber es gibt auch menschliche Errungenschaften, auf die ich, als Mensch, stolz bin.

Da wäre zum Beispiel die Erklärung der Menschenrechte. Freiheit, Gleichheit und ein paar andere Annehmlichkeiten für alle, ganz gleich welcher Form, Konsistenz und Oberfläche. Gut, die Menschenrechte betreffen nur das Zusammenleben von Menschen und stecken in der Umsetzung oft in den Kinderschuhen, aber immerhin. Ein guter Anfang.

Leihnahme vom Herrn Wortmischer.

Leihnahme vom Herrn Wortmischer.

Wenn ein (gewähltes) Staatsoberhaupt gleich im ersten Fernsehinterview zu verstehen gibt, daß es auf Menschenrechte pfeift, dann hat es sich diskreditiert. Da müßte gar nicht noch hinzukommen, daß dieses Staatsoberhaupt auch Demokratie nur schätzt, solange sie ihm nutzt, und ansonsten das Gebaren eines Vierjährigen an den Tag legt.

Mich erstaunt, daß es gebildete Menschen gibt, die …

Hic sunt dracones

31. Januar 2017

In der Frühe lassen wir den einst mondänen Rheinort Königswinter hinter uns. Da, sogar die Wegweiser sind kleine Bildhauereien! Mit Herrn G. stapfe ich durchs Nachtigallental, einem kleinen Bachlauf, verspielt gefroren, in die Höhen folgend. Oh, die Romantik! Herr G. zeigt mir eine Attraktion, von der schon unsere Eltern und Großeltern schwärmten: den Drachenfels. Schloß, Ruine, Aussichtsplattform, Zahnradbahn. Es ist eisglatt, der Himmel verhangen, Schloß Drachenburg hat Winterpause, aber trotzdem sind Karawanen von Menschen unterwegs, mit Wanderstöcken, joggend, mit Kindern, mit Reiseführern unterm Arm.

Was wollen die hier alle? — Was wir auch wollen. Erholung. Mal was anderes sehen. Das hier, erklärt Herr G., ist eines der allerersten Naturschutzgebiete; der Verschönerungsverein stammt von 1869. Ohne den hätte der Trachytabbau vielleicht nichts übriggelassen von dieser Landschaft, den sogar winterkahl noch anmutigen Bergelchen. Mit Eseln wurden Touristen hier hochgeschafft, per Bähnchen und natürlich zu Fuß.

Wir folgen den Menschentrauben mit ihren bunten Rucksäcken bis zum Gipfel, wo auch die Zahnradbahn an der Ruine Drachenfels hält. Oben Ruinenmauern, drangebaut ein Hotel aus den 1930ern, und gleich davor ein weiß und schwarzer Kunststein-Glas-Würfel, der die Landschaft spiegelt, effektvoll schlicht. Kaffee für dreifuffzich; wir verzichten.

Dann aber an der Aussichtskante: verhangener Winter. Als hätte jemand mit Rauch in Nebel gemalt, Wolken hinter Bergen hinter Bäumen hinterm Fluß, in der einen Ferne die Schneehöhen der Eifel, in der anderen das Städtekonglomerat um Köln. Und was qualmt da hinten so? Oh, die Braunkohle. Da hinten ist der Tagebau.

Auf dem Rückweg muß dann Kaffee sein. In Königswinter gibt es nicht mehr viel, aber eine Konditorei doch; da sitzen wir noch ein Weilchen und denken über unsere Vorstellungen vom Auenland nach. Wie viele Drachen das vertrüge. Wie viele Esel. Wie viele Touristen. Der Kuchen ist gut, und draußen strömt und strömt der Rhein.

Grau in Grau.

Grau in Grau.

 

Schöne Sachen XLII

22. Januar 2017
Das Lächeln des Winters.

Das Lächeln des Winters.

 

Stolperfallen

15. Januar 2017

Die erste lag kurz hinterm Ortsausgang; keine Rutschgefahr, da festgefroren, mitten auf dem Wanderweg. Die zweite ein paar Kilometer weiter, erklärlicher, neben einer Ruhebank im Wald. Bei der dritten dachte ich mir nichts weiter, bei der vierten: oh, die hat an einem warmen Fleck gewartet, die ist angetaut von der Mittagssonne. Bei der fünften fragte ich mich, ob das wirklich die fünfte sei oder vielleicht doch immer dieselbe, die mich verfolgt? Bei der sechsten Begegnung habe ich sie dann fotografiert.

Alles Banane.

Alles Banane.

Moral von der Geschicht‘:
Wenn das Leben dir Bananenschalen auf den Weg wirft, nimm die Kamera und mach ein hübsches Bild davon.

 

 

 

 

Dialektforschung, Runde elf

9. Januar 2017

Wer den Online-Atlas zur deutschen Alltagssprache nicht kennt, hat interessante und vergnügliche Lektüre vor sich.

In der elften Runde der Umfrage geht es um Süßes und Saures und um Bier; um die Aussprache von Fremdwörtern; und Sie werden erfahren, was ein Pittwock/Hümmelken/Abramchen ist.

Viel Spaß!

Winterwanderland

7. Januar 2017
Winterlicht.

Winterlicht.

Winters scheint die Sonne schräg durch eine Glocke klarer Luft; alles, was nicht beschneit ist, wird zu Gold. Man geht auf strahlenden Wegen, und die zeichnen alles auf, jeden Schritt, jedes Umschauen, jedes Verschwinden hinterm Busch. Katzenspuren, andere, winzige Tatzen, rosenfarben: Blut, und Hundespuren bei der Ermittlung, bis ein Mensch zum Weitergehen pfeift: der Schnee weiß gute Geschichten.

Das Wasser in den Wegrandbrünnchen erfindet völlig neue Spiele. Es steht der Wald nicht starr und schweiget, sondern eher so, als könne er sich jeden Moment schütteln und aufspringen und ein Stückchen über die kristallinen Flächen mitlaufen.

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Jeder Schritt kracht wie ein herzhafter Biß in Zwieback, der Boden knistert frostig, in Zellophan verpackt. Lang scheint die Sonne nicht, nur nicht getrödelt –! Kein Wunder, daß man mit einem Bärenhunger heimkommt.

 

Untergrund

3. Januar 2017

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bn-uni bn-uni-zierIn den Frühling gehts nach unten: U-Bahn-Station Universität; die Fliesen, die Decken, die Zierelemente sind so grün, wie Beton nur sein kann. So würde man Kinder- oder Krankenzimmer streichen. Darin tanzt einer kichernd vor seinem Spiegelbild, hängengeblieben in irgendeinem Rausch.

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Nicht Lapislazuli und Sommerhimmel nicht, nicht Kornblume noch Meer: schnellhefterblau das Juridicum, als Anzugfarbe längst nicht mehr modern. Kein Mensch hier unten. Tintenfleckig taucht man wieder auf.

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Am Bundesrechnungshof dann keine schwarzen, keine roten Fliesen: oh, das Orange von sommerlichen Dottern, von Pyramiden glänzender Apfelsinen, alle, und das finde ich besonders hübsch, nicht ganz gleich im Ton. Ich denke an die Rührschüsseln, die ich als Kind ausschlecken durfte; untrennbar ist dieses sonnige Orange für mich mit Kuchenteig verbunden.

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Nichts bereitet vor auf das Braun unterm Museum Koenig; Schokoladenkeks, wenn man freundlich schaut. In jedem Fall ein Rücksturz in die Siebziger. (Oben im Museum haben sie einen ausgestopften Kakapo, diesen neuseeländischen Papageien, flugunfähig und von der heutigen Welt so sehr bedroht, daß seine Existenz ein teures Wunder ist: Über jedem Kakapo-Gelege wacht heute ein Vogelkundler und wärmt die Eier, wenn die Mutter mal das Nest verläßt; jeder überlebende Vogel trägt einen Sender und einen Namen … Als wolle die Menschheit alles, alles wieder gutmachen an dieser Art.)

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Dann aber kommt die Haltestelle an der Museumsmeile, und die strahlt. Man wähnt sich im Inneren der Packstation: Butterblumengelb, und auch so glänzend. Wie lange man wohl bleiben müßte, um verrückt zu werden?

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Das werde ich nicht herausfinden. Draußen lockt ein Museum mit einer Ausstellung über den Rhein, und es lockt der Rhein selbst. Und die Sonne.

 

Mehr Ungereimtes

1. Januar 2017

Wenn man nach unten schaut ...

Wenn man nach unten schaut …


… findet man schöne Sachen. Und wenn es auf einer Museumsmeile ist, dann ist es vermutlich Kunst.

 

 

 

Zwischen Jahren

27. Dezember 2016

Das eine schließen. Das war kein leichtes, doch nun ist’s auch vorbei. Weg damit, hoch, ins Regal mit den Erinnerungen.

Segnungen zählen.

Jetzt aber: für eins die Augen zudrücken. Jetzt dürfen die Nächte tiefer werden, gute Verstecke. Solange der Atem ruhig geht zwischen wach und wach, haben die Träume das Wort: die aussenden wie Schiffe zu weißen Flecken auf der Karte.

Das nächste liegt schon bereit und fragt nicht; das wird sich schon bald aufschlagen und bringen, was es bringt. Fäuste ballen nutzt da nichts. Eher: Schultern.

Segnungen zählen; gut auf die Hoffnung achten; das Lachen nicht vergessen. Bei den wichtigen Dingen immer wieder fragen: warum.