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Kollegen

14. April 2018

Aus dem Busfenster gesehen: Straßenrandlektorat.

Manche Sprayer haben immer eine rote Sprühdose in der Tasche.

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Zweierlei Lächeln

9. April 2018

kaputter kanaldeckel sonne im gezweig
Von unten: Stadt. Von oben: Land.

 

Bergluft

2. April 2018

Gewissermaßen sammle ich Seilbahnen. Der kindliche Teil meines Gemüts sorgt dafür, daß ich, wenn ich eine Seilbahn sehe, irgendwann auch drinsitze. Seilbahnen sind mir sympathisch; sie sind ein harmloses Vergnügen, machen keinen Lärm und kommen dem Fliegen recht nahe. (Notfalls nehme ich auch Zahnradbahnen, Dampfzüge oder Kettenkarussells.)

Statt Bergsteigen.

Nun also: die Seilbahn in Boppard, lange schon vom Boden aus bewundert. Nix mit Kabine, das hier ist ein Sessellift, und zwar seit 1954, als Boppard fand, man könne auch alpin. Erfrischend untechnisch kriegt man ein Papp-Abreißticket, steht freihändig an und wird dann von einem der freundlichen Mitarbeiter auf einen farbigen Punkt am Boden gelotst. Dann schiebt sich hinterrücks ein Holzsitz unter den Hintern, man bekommt noch einen Sicherheitsriegel vorgelegt, und solcherart aufgesammelt, wird man mit Schwung aus der Talstation befördert. Die Reise dauert eine erfreulich lange Weile und ist so geruhsam, so still und ohne was drumrum, wie man sich das nur wünschen kann.

Über einem gezackten Felsrücken schwebt man 232 Meter in die Höhe. Linkerhand faltet sich der Hunsrück in die Ferne, rechts mäandert der Rhein; gegenüber sieht man Filsen liegen, einen der Weinorte, die sich zu Zeiten der Reblaus auf Kirschanbau spezialisiert haben (auch einen Besuch wert). Weil es noch früh ist im Jahr, sehe ich kaum Grün, an sonnigen Stellen Veilchen und Schlüsselblumen und Singvögel im nackten Gezweig. Unten windet sich ein Felsenpfad, darauf klettern Ausflügler wie die Ameisen.

Die Bergstation ist liebevoll-österlich geschmückt; hier wird man sorgsam von den Mitarbeitern aus dem Sessel befreit und aus der Schußlinie geleitet. Ein Stückchen noch in den Wald hinein, und man hat die Wahl zwischen zwei Ausflugsgaststätten. Ich nehme die mit Aussicht auf „die größte Rheinschleife der Welt“, und da hält die Werbung tatsächlich genau, was sie verspricht. Einen Kaffee später muß ich auch schon wieder runter – der letzte Sessel geht um fünf.

 

Für Freunde des Ausflugs-wie-früher: Sesselbahn Boppard

 

 

 

 

Schöne Sachen XLVII

29. März 2018

Wolle. Rot.

Gang mit Herrn G. und wiedergefundener Kamera

26. März 2018

Ich muß mich wieder an den Riemen auf der Schulter gewöhnen, sage ich zu Herrn G. Der Himmel ist hell und diesig, als hätte wer Zuckerwatte darin zerblasen, der Fluß erstaunlich dunkelblau und grün. Veilchen, Weißdorn, Schlüsselblume, Hyazinthen, Lerchensporn und diese Miniaturblümchen, weiß mit dunkelbraunem Kraut, von denen wir den Namen nicht wissen (Herr G. meint: ein Neophyt), dazu Vogelkonzert. Man kann nicht klagen.

Wenn ein Weg der bestmögliche Kompromiß aus der kürzesten und der bequemsten Verbindung zwischen A und B ist, dann hat der Moselsteig ganz klar das Thema verfehlt. Da wird der Wanderer auf Ziegenpfade geschickt, über Leitern und Fels und Geröll, aus zehn Metern Entferung betrachtet von Sonntagsspaziergängern auf asphaltiertem Weinbergsweg. Markante Punkte sieht man mitunter stundenlang aus verschiedensten Blickwinkeln. Das, sagt Herr G., hätten wir auch kürzer haben können. Aber so hübsch wär es dann nicht gewesen, antworte ich.

Das Bildermachen geht immer leichter. Ich will ja niemanden langweilen, aber Herr G. ist sehr geduldig mit mir und meiner Kamera. Später stellt sich heraus, daß er eine Menge Limericks kann, die meisten auf Englisch, und davon ein erklecklicher Teil unanständig. Wir fallen vor Lachen fast von der Bank; die Vorüberkommenden gucken.

Es wird ja wieder gewandert in der Republik. Den Pfaden folgen ganze Kegelclubs und Familienverbände, rasten an Hütten, genießen auf Bänken die Aussicht. Dochdoch, die dürfen, aber wenn man wandert, wär man gern allein, sagt Herr G., sonst könnte man sich ja auch in der Straßenbahn erholen. Wir bestaunen die menschliche Fähigkeit, sich völlig ungestört zu fühlen, sobald das Telefon an der Backe klebt: „Nein, da müssen Sie am besten gleich selbst hinfahren, um das zu klären, ich bin hier gerade mitten in der Pampa …“ Wir können das nicht und wünschen, es wäre Montag. Oder schlechtes Wetter.

An der Straße, da geht es schon hinunter in den Ort, ist es auch nicht besser, da lassen uns Geschwader von Motorrädern spüren, daß wir fehl am Platze sind. Herr G. ruft ihnen nach: Ja, heul doch! Und das tun sie. Man hört sie lange.

Unten in Moselkern gibt es keinen Kaffee. Dafür verliebe ich mich auf die letzten Meter noch rasch in den Bahnhof, ein skurriles Ding in voll erblühtem Jugendstil. Ich habe ja zum Glück meine Kamera wieder.

 

Sie ist wieder da!

16. März 2018

Ich war per Telefon dabei, als der Herr vom Fundbüro durch endlose Gänge schnaufte, ein Radio am Gürtel; wie er Schubladen öffnete, in schlechtem Licht (zuckende Neonröhre, stelle ich mir vor) Schildchen entzifferte und sie schließlich aus einem Fach zog: Kamera. Weißer Knopf am Band. Liegt aber schon lange hier … schicken wir zu. – Über die lange Geschichte bis dahin konnte er mir nichts sagen.

Nun habe ich sie von der Post geholt; einen halben Tag lang trank sie Strom. In der Hülle lagen mein Zettel („Diese Kamera gehört …“) und eine Visitenkarte meiner Freundin, auf die ich etwas notiert hatte. Warum sie angerufen wurde und nicht ich, wissen die Götter.

Dies ist das letzte Bild auf der Speicherkarte:

Hach.

Anders als beim letzten Mal hat mir das Fundbüro kein Foto hinterlassen. Aber mein Loblied gilt unvermindert: sind ihre Wege bisweilen auch verschlungen – wie gut, daß es Fundbüros gibt!

 

Wer billig übersetzt, übersetzt zweimal

6. März 2018

„…dyed blue.“ Die Violine, so steht es im englischen Text, würde nicht gespielt, sondern „tousled, fleeced, dyed blue“, und das ist so eine Stelle, an der wacht man unweigerlich auf. Blau gefärbt??

Ein Blick ins Netz klärt mich auf: der Musikkritiker Eduard Hanslick urteilte über Tschaikowskys Violinkonzert, daß die Violine „gezaust“ und „gerissen“ werde – und „gebläut“. Nach der alten deutschen Rechtschreibung hätte hier „gebleut“ gestanden; damit wäre vermutlich weniger schiefgelaufen. Für „gebläut“ aber greifen die Online-Übersetzungsprogramme knapp daneben und bringen Begriffe aus der Färberei zum Vorschein … Rest kann man sich denken.

(Mich hat das immerhin dazu gebracht, Hanslicks Kritik nachzulesen. Dieses „Violin-Concert“, schreibt er, „bringt uns zum erstenmal auf die schauerliche Idee, ob es nicht auch Musikstücke geben könne, die man stinken hört“. Mit blaugefärbter Violine, so nehme ich an, kein Problem.)

 

Neues von der Kamera

3. März 2018

Nein, immer noch keine neue Kamera. Geht grad nicht. Weil meine doch nicht weg ist, zumindest nicht so ganz. Zumindest muß ich das glauben, nach allem, was ich im Moment weiß.

Kürzlich fragte eine Freundin, die ich lange nicht gesehen hatte, ob ich denn meine Kamera zurück hätte. Ähm …

Wahres, Falsches und Kopiertes

26. Februar 2018

In Mainz ist einer meiner liebsten Anlaufpunkte das Dom- und Diözesanmuseum. Die aktuelle Ausstellung über Fragwürdiges aus dem Fundus ist wieder mal eine Freude, eine wunderschöne, wohlkonzipierte Angelegenheit, und bis Mitte April kann man sie noch besuchen.

Fünfzehn Exponate aus den Kellern des Museums wurden hier zusammengetragen; an jedem hängt ein Schild: Gemälde von dem-und-dem Maler aus dem-und-dem Jahr, oder: Kopie einer Schnitzerei aus dem-und-dem Jahrhundert; oder da stehen zwei Dinge, ein Original, eine Nachbildung. Dann darf man als Betrachterin überlegen: Stimmt das Schild? Welcher Kelch ist denn nun die Kopie? Ist das Gemälde echt?

Man schaut. Noch etwas genauer. Man kramt im Wissen über Kunst, Geschichte, Kunstgeschichte; man betrachtet Rückseiten und Oberflächen, überprüft Details, manchmal rät man einfach. Aber jeder Blick offenbart Wunder. Bilder sind nicht mehr nur, was sie darstellen; sie werden Untergrund, Firnis, Rahmung. Man achtet plötzlich auf Retuschen, Spuren von Lagerung, man fragt sich: wie kommt denn so was? So wird Kunst mehr als nur das Ding, das da hängt oder steht oder liegt – sie wird Materie, und sie bekommt eine Geschichte.

Stimmt nun also das Schild mit der Beschriftung oder nicht? Die Lösung kann man nachlesen: drei, vier Abschnitte über das Kunstwerk, über Hinweise auf Echtheit/Nachbildung, über die Menschen, die damit zu tun hatten, und manchmal die erstaunlichsten Geschichten. Dazu Vergleichsobjekte und -bilder (einziger Kritikpunkt: nicht immer in guter Auflösung), Materialproben … So viele Fragen beantwortet, von denen ich gar nicht wußte, daß ich sie hatte! Für mich ein völlig neuer Blick auf Kirchenkunst – ich war entzückt, werde aber jetzt nichts weiter verraten, falls da noch wer hin möchte.
Lohnt sich!

Mainzer Dom- und Diözesanmuseum
„Mit Kennerblick und Adlerauge“
noch bis 15.4.2018
Eintritt 5 € unermäßigt

(Und nicht daß jetzt jemand denkt, es gäbe einfache Antworten – die gibt es auch in dieser Ausstellung nicht. Darum habe ich sie um so lieber.)

 

Öffentliche Ärgernisse

18. Februar 2018

Ein Mensch braucht aufrecht einen Quadratmeter Platz, im Liegen vielleicht zwei. Hat er ein Auto, kommen noch mal drei bis vier Quadratemeter Erdoberfläche hinzu, die er dauerhaft belegt; im Fahren deutlich mehr als im Stehen, aber im Stehen besonders auffallend. Treten Sie in einer beliebigen Stadt auf die Straße, schauen Sie, wie viele Autos fahren und wie viele stehen (oder, Rush Hour, eine Kombination aus beidem), und dann kehren Sie die mal alle gedanklich auf einen Haufen – wäre so viel Platz nicht herrlich?

Ich wohne in der Innenstadt und bin heilfroh, daß ich kein Auto habe. Die Bilanz ist eindeutig: kein eigenes Auto bedeutet für mich mehr Zeit, mehr Geld, weniger Sorgen.

Die Idee, den öffentlichen Nahverkehr in Städten kostenlos zu machen, finde ich erst mal erstaunlich. Wäre für mich persönlich ganz nett; damit käme ich noch billiger vom Fleck. Aber mir geht es nicht darum, etwas geschenkt zu bekommen. Das allein kann’s nicht sein, da müßte noch deutlich mehr passieren. Dichtere Taktung der Busse, zum Beispiel. Kraftstoff für Autos müßte realistisch viel kosten, Parken deutlich mehr. Endlich Tempolimits (die Diskussion in Deutschland darüber ist keinen Deut besser als die der Amerikaner über Schußwaffen). Was im Spiegel angedacht wurde: kostenloser Nahverkehr vor allem auf dem Lande, wo es tatsächlich ohne Auto oft nicht geht. Damit das nicht so bleibt: Bessere Durchmischung der Ortschaften und Viertel mit Geschäften, Dienstleistern, Versorgern: das gab’s alles mal. (Dazu müßte man auch über Miet- und Immobilienpreise in den Städten reden.) Bessere Infrastruktur für Fahrräder und Fußgänger.

Klar, ich bin privilegiert. Ich habe alles in der Nähe, ich bin gesund und mobil. Ich laufe gern. Aber wenn ich (vor allem von älteren Leuten und von Autohäusern) nahegelegt bekomme, doch langsam wieder ein Auto zu kaufen, man müsse doch eines haben; wenn ich angestaunt werde, weil ich einen Weg von eineinhalb Kilometern zu Fuß zurücklege (und zurück auch noch!); wenn ich mich rechtfertigen muß, weil ich angeblich mit dem Auto auf Segnungen der Zivilisation verzichte, dann weiß ich nicht so recht. Status, Gewohnheit und Bequemlichkeit? Dafür muß ich mir nicht den Lebensraum zustänkern und vollstellen.

Ich wäre sehr, sehr froh, wenn sich statt Aktionismus wirklich etwas täte. Auch wenn’s erst mal wehtut. Die Frage ist: was muß man tun, um das Auto überflüssig zu machen? Status, Gewohnheit, Bequemlichkeit: naja! Und die Bedingungen, daß mehr Menschen ohne Auto auskommen können, müssen politisch geschaffen werden. Über die Legislaturperiode hinaus.

Kürzlich belauschte ich ein Gespräch im Bus; zwei ältere Frauen sprachen über „diese jungen Ingenieure“. Die hätten ja zum großen Teil gar keinen Führerschein mehr, wunderte sich eine, und wollten den auch gar nicht machen; das hätte es früher nicht gegeben. Drei Kreuze, dachte ich; es besteht wieder Hoffnung.