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Öffentliche Ärgernisse

18. Februar 2018

Ein Mensch braucht aufrecht einen Quadratmeter Platz, im Liegen vielleicht zwei. Hat er ein Auto, kommen noch mal drei bis vier Quadratemeter Erdoberfläche hinzu, die er dauerhaft belegt; im Fahren deutlich mehr als im Stehen, aber im Stehen besonders auffallend. Treten Sie in einer beliebigen Stadt auf die Straße, schauen Sie, wie viele Autos fahren und wie viele stehen (oder, Rush Hour, eine Kombination aus beidem), und dann kehren Sie die mal alle gedanklich auf einen Haufen – wäre so viel Platz nicht herrlich?

Ich wohne in der Innenstadt und bin heilfroh, daß ich kein Auto habe. Die Bilanz ist eindeutig: kein eigenes Auto bedeutet für mich mehr Zeit, mehr Geld, weniger Sorgen.

Die Idee, den öffentlichen Nahverkehr in Städten kostenlos zu machen, finde ich erst mal erstaunlich. Wäre für mich persönlich ganz nett; damit käme ich noch billiger vom Fleck. Aber mir geht es nicht darum, etwas geschenkt zu bekommen. Das allein kann’s nicht sein, da müßte noch deutlich mehr passieren. Dichtere Taktung der Busse, zum Beispiel. Kraftstoff für Autos müßte realistisch viel kosten, Parken deutlich mehr. Endlich Tempolimits (die Diskussion in Deutschland darüber ist keinen Deut besser als die der Amerikaner über Schußwaffen). Was im Spiegel angedacht wurde: kostenloser Nahverkehr vor allem auf dem Lande, wo es tatsächlich ohne Auto oft nicht geht. Damit das nicht so bleibt: Bessere Durchmischung der Ortschaften und Viertel mit Geschäften, Dienstleistern, Versorgern: das gab’s alles mal. (Dazu müßte man auch über Miet- und Immobilienpreise in den Städten reden.) Bessere Infrastruktur für Fahrräder und Fußgänger.

Klar, ich bin privilegiert. Ich habe alles in der Nähe, ich bin gesund und mobil. Ich laufe gern. Aber wenn ich (vor allem von älteren Leuten und von Autohäusern) nahegelegt bekomme, doch langsam wieder ein Auto zu kaufen, man müsse doch eines haben; wenn ich angestaunt werde, weil ich einen Weg von eineinhalb Kilometern zu Fuß zurücklege (und zurück auch noch!); wenn ich mich rechtfertigen muß, weil ich angeblich mit dem Auto auf Segnungen der Zivilisation verzichte, dann weiß ich nicht so recht. Status, Gewohnheit und Bequemlichkeit? Dafür muß ich mir nicht den Lebensraum zustänkern und vollstellen.

Ich wäre sehr, sehr froh, wenn sich statt Aktionismus wirklich etwas täte. Auch wenn’s erst mal wehtut. Die Frage ist: was muß man tun, um das Auto überflüssig zu machen? Status, Gewohnheit, Bequemlichkeit: naja! Und die Bedingungen, daß mehr Menschen ohne Auto auskommen können, müssen politisch geschaffen werden. Über die Legislaturperiode hinaus.

Kürzlich belauschte ich ein Gespräch im Bus; zwei ältere Frauen sprachen über „diese jungen Ingenieure“. Die hätten ja zum großen Teil gar keinen Führerschein mehr, wunderte sich eine, und wollten den auch gar nicht machen; das hätte es früher nicht gegeben. Drei Kreuze, dachte ich; es besteht wieder Hoffnung.

 

 

 

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Winterknochen

14. Februar 2018

Unter blauem Himmel ist der Weg aus dem Tal nur halb so steil, der Wind nur halb so scharf, wenn er Sonnenlicht vor sich herbläst. Wie schön: aus dem kahlen Wald treten, und die Landschaft fächert sich in die Ferne, golden und grün. Die Wolken liefern sich Freundschaftsrennen und tuschen dabei eilige schwarze Flecken auf die Hügel; Hasel und Weiden blühen, staubgelbe Abzeichen an den schwarzen Waldsäumen; Meisenrufe schlagen zehn Grad drauf auf die gefühlte Temperatur. Hier aber und da, in Feldgräben, hinter schrägen Schollen und Grasbüscheln aus dem letzten Jahr, hat sich der Schnee verschanzt.

Winter’s bones, weiß Frau Amsel ein Wort dafür: was übrig bleibt, wenn dem Winter der Atem ausgeht und das Fleisch wegschmilzt; was noch lange liegt, wenn die Schlacht längst geschlagen ist und langsam Gras über die Sache wächst. Knochen aus Schnee, snow-bones, schmutzigweiß und irgendwann nicht mehr zu sehen, aber nie, argwöhnt man, ganz und gar vergangen unterm Grün.

 

 

(Immer noch keine Fotos. Aber ich arbeite dran.)

 

#Schattenklänge: Was sich gehört

5. Februar 2018

Alles im Dorf hatte seine feste Ordnung, und umso fester, je mehr ihr die Grundlage verloren ging. Die Zeiten änderten sich: Nicht mehr jedes Bauernkind wurde Bauer; Äcker und Weinberge wurden verkauft, Neubaugebiete entstanden. Es zogen Fremde zu, sogar Evangelische. Mit denen hatte man nichts zu tun; innendrin im Dorf galten die alten Regeln noch. Da scharten sich die Gassen um die Kirche, samstags wurde gekehrt, und jeder wußte, wer wann zur Messe ging.

In diesem winzigen Kosmos zwischen Weinbergen – Kirche, Schule, Dorfplatz, Friedhof – gab es eine Gasse, in der man besser nicht wohnte, und da wohnten für kurze Zeit die E.s in einem Häuschen auf gammeligen Fundamenten, das aussah, als sei es im Kopfsteinpflaster versunken; aus der Haustür drangen Kindergeschrei und fremdartige Kochgerüche: die E.s waren Türken, bis dato die ersten und einzigen Ausländer im Ort, ein neues Haus im Neubaugebiet konnten die sich nicht leisten.

Sencan kam in meine Klasse. Sie muß älter gewesen sein, sie überragte uns alle um einen Kopf, aber ihr Deutsch war nicht gut, und so sollte sie ins dritte Schuljahr. Ich erinnere mich am besten an ihr Lächeln, das ihr Gesicht ganz erhellte, wenn sie mit Händen und Füßen erzählte.

Es nützte ihr nichts. Wir Kinder hatten nichts gegen sie, zunächst, aber die Art, wie die Lehrerin sie vorstellte, machte klar, daß hier etwas nicht stimmte. Bald war ein Teil der Klasse gegen sie; es dauerte eine Weile, bis sie das merkte. Es stellte sich heraus, daß sie genauso schnell weinte, wie sie lachte, und es gab viel, womit man sie zum Weinen bringen konnte: an ihren langen Haaren reißen, ihre abgetragenen Kleider verspotten, ihr Deutsch nachäffen.

Ich machte dabei nicht mit; soviel kann ich mir zugute halten. Ich mochte ihr Lächeln, und ich hatte das Gefühl, daß sie Schutz brauchte, aber so stark war ich nicht. Immerhin, ich unterhielt mich mit ihr (sie lernte schnell), und ich gehörte zu denen, denen sie beibrachte, daß ihr Name nicht „Senkan“, wie die Lehrerin sie hartnäckig nannte, sondern Sendschan ausgesprochen wird. Natürlich ging das nicht einfach so hin. Auch mir rief man „Türke!“ hinterher, und wenn ich nicht ohnehin eher am Rand gestanden hätte, als Zugezogene und Evangelische, hätte mir das vermutlich mehr ausgemacht. Es dauerte sowieso nur ein paar Wochen.

Einmal kam Sencan mit Fieber in die Schule, da war sie zuhause ausgebüxt – aus dem Fenster geklettert, wie sie erklärte; sie hatte solche Sehnsucht gehabt. Einmal durfte sie im Unterricht erzählen, was das für wunderschöne rote Zeichnungen auf ihren Händen seien. Und einmal wurde sie aus dem Klassenzimmer geholt und kam nicht wieder, auch nicht am nächsten Tag und nicht am übernächsten, und ich habe nie erfahren, was aus ihr geworden ist.

Vergessen habe ich sie nicht. Nicht ihr Lächeln, nicht ihr lebhaftes Erzählen über alle Sprachgrenzen hinweg. Auch nicht vergessen ist der angewiderte Blick der Lehrerin, und wie sie vor sich hin murmelte: auch das noch; und nicht die schweigende Gruppe und die bösen Worte derer, die meistens ganz normale Kinder waren.

Aus dem krummen Haus in der dusteren Gasse war die Familie E. ausgezogen; bald wohnten da die T.s mit dem Sohn, der schon gesessen hatte; aber gottseidank, sagten die Leute im Ort, wenigstens Katholiken, Deutsche, wie es sich gehört.

 

Eine Geschichte zu SoSos Blogaktion.

 

 

Worte und Wege

29. Januar 2018

Herr G. flucht. Nichts, gar nichts stimmt da! — Auf der Karte führt ein Weg aus dem Ort heraus, direkt am Schloß den Berg hoch; aber nun stehen wir am Schloß, und nix ist. Wir irren zwischen Häuserzeilen am Hang herum, stiefeln mehr als einmal über Privatgrund, und irgendwann finden wir ihn hinter einem geparkten Kleinwagen, den Weg; eine steile, brombeerverrankte Angelegenheit, der Schlamm knöcheltief. Zwischen zwei Schnaufern gebe ich zu bedenken, daß die Karte zwanzig Jahre alt ist. Aber es sind Wege!, schimpft Herr G., sowas gehört gepflegt!

Wenigstens mit dem Wetter haben wir Glück; die Wolken schleppen sich über die Hügel und regnen anderswo. Immer wieder bleibe ich stehen: Ooooh! Das wäre ein Foto; aber ich bin ja kameralos. Tja, sagt Herr G. im Weitergehen, und recht hat er. Die nicht gemachten Bilder vergesse ich viel zu schnell wieder, doch ein diffuses Bedauern bleibt. Zeit für einen Kamerakauf, beschließe ich.

Die Karte ist eigentlich sehr genau. Ein paarmal sehen wir an Kurven und Winkeln exakt, wo wir stehen, aber die Wege wurden verlegt. Herr G. ist erzürnt. Ein ganzes Stück gibt es schlicht nicht mehr, endet in einem Gebüsch, und wir müssen einen gewaltigen Umweg machen. (Später zeigt er mir auf den Satellitenkarten im Netz: sogar da ist es noch eingezeichnet!) Wald wurde gerodet, Felder eingezäunt, Siedlungen sind gewachsen. Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit.

Wie kamen wir eigentlich darauf, frage ich Herrn G. mitten im Gespräch, ich weiß noch, du hast was gesagt, das hat mich an das erinnert, was ich dir gerade erzählt habe, aber was war es? Fünf Minuten her, und schon verflogen! Eine Karte fürs Gespräch, das wäre was. Oder eben Bilder: die hübsche Geschichte über seinen Namen, die Herr G. mir erzählt hat, weiß ich noch, weil gleich daneben ein Schloß stand, mitten in den Feldern, eine tausend Jahre alte Wasserburg. (Kein Foto.)

Am Ende verlaufen wir uns noch mal, aber da ist es erstens schon egal, und zweitens erwischen wir aus Versehen einen Weg schnurstracks aus den Hügeln in die Ebene des Rheins. Gerade als wir den Wald verlassen, bricht die Sonne durch und bestrahlt die grünen Felder, Andernach im Tal und die Hügel dahinter, zum Greifen nah. Bezaubert erreichen wir den Ortsrand.

Unten ist die Rheinpromenade gesperrt; Hochwasser. Wir finden das häßlichste Café mit dem besten Kuchen seit langem, und ich, glücklich mit meinem Milchkaffee, bin mit allem versöhnt. Herr G. sagt nicht, daß ich leicht zu amüsieren sei; aber recht hätte er. Manchmal ist ein kurzes Gedächtnis nicht das Schlechteste.

 

Wasserstandsmeldung

26. Januar 2018

Wer den Rhein bei Hochwasser wirklich kennenlernen will, muß da hinreisen, wo ihn Straßen, Bahntrassen, Weinhänge einzwängen. Wenn’s eng wird, wehrt er sich und läßt die Muskeln spielen, stemmt sich beidseits gegen die Hindernisse und geht über, daß die Dauercamper sich in Wagenburgen flüchten auf höheren Grund. Schwimmbäder sind auf Tauchstation, Sportplätze heute nur für Wasserball, mit Fischernetzen in den Toren. Sogar die Landstraße hat Landunter.

Die Hafenmolen sind gedachte Linien im Strom, hinter denen die Schiffchen an ihren Leinen reißen. Stege schwimmen obenauf, müssen sich aber recken, und raken Unrat aus dem Fluß. Bäume waten ans Ufer oder klammern sich an gekenterte Inseln. Manchmal treibt was Größeres vorbei; man hofft, es ist aus Holz.

Flußarme greifen zwischen die Häuser, daß die nasse Füße kriegen. Von Kellern ganz zu schweigen. Enten paddeln bei Rot über die Ampel; Schwäne treiben in Parks herum oder steuern Schaufenster an. Nur die Fahrwassertonnen sind, wo sie immer sind, auch wenn sich als einziges Schiff heute die Pfalz vor Kaub ins Wasser wagt.

Die Leute reden über den Fluß, wie er schwillt, was er füllt; wer weiß, wie lange noch? Und recht haben sie. Dem Rhein ist, das weiß man hier, nichts gewachsen.

 

Die schönsten Hochwasserbilder gibt es bei Karu – hier ist der Rhein ein Meer.

 

 

 

Einfach drüberfärben!

23. Januar 2018

Nennen Sie mich überempfindlich, aber bei dieser Werbung, so gern ich die Geschichte gelesen habe, wird mir ganz anders.

Ich weiß nicht, ob so für eine Diät, ein Fitneßstudio oder einen plastischen Chirurgen geworben wird; das scheinen mir auch nur Abstufungen derselben Sache, denn für alle drei gibt es vor allem dann Bedarf, wenn genügend Menschen feststellen, daß ihre Körper nicht brauchbar sind. Aber fürchtet euch nicht, denn für nur 79,90 im Monat* könnt ihr genau den Körper bekommen, der zu euren Plänen paßt (bzw. ihn euch im Schweiße eures Angesichts erarbeiten, wir sind ja nicht zum Vergnügen hier)!

Der Mensch als Gott. Alter? Konstitution? Vielleicht sogar: Neigungen? Alles nur mehr eingebildete Grenzen; wenn du nur wirklich, wirklich willst, wenn du investierst, kannst du dich zu allem** formen.

Man kann sich darüber wundern oder amüsieren, wenn ungefragt Haartönungen empfohlen („schaut völlig natürlich aus!“) oder die Segnungen formender Unterwäsche gepriesen werden („hast wohl Weihnachten gesündigt, höhö!“). Es ist der Mitwelt offenbar nicht egal, wie man aussieht; das ist doch, naja, vielleicht auch was Schönes. Aber wo ist das Ende der Anteilnahme? „Solche Zähne begradigen ist für einen guten Kieferchirurgen doch gar kein Problem“, „Gegen Depression gibt es ja zum Glück gute Medikamente“, „Ach, bei Kinderlosigkeit kann man heute so viel machen …“?

Du kannst alles werden, was du willst! – Wieso findest du dich damit ab, wie du bist? Du kannst viel mehr aus dir machen! – Oh, ach? Na, da hast du dich wohl nicht genügend angestrengt … Oder willst du bloß nicht? — Aus Möglichkeit wird Recht wird, schwups, das neue Normal.

Aber was rege ich mich auf. Ist doch alles freiwillig.

 

*Mindestlaufzeit: 12 Monate, kündbar zum Quartal
**zu Risiken und Nebenwirkungen erkundigen Sie sich bei Ihrem Arzt oder Apotheker; Anbieter übernimmt keine Haftung für etwaige Schäden

 

 

 

Der Kohl ist rund

14. Januar 2018

Dies ist ein Beitrag zu „Let’s Talk About Vegs“ von Herrn Ackerbau in Pankow, wo ich mit Vergnügen lese.

Kurz vor Silvester habe ich auf dem Markt Rosenkohl gesehen. (Wie immer ist mir dabei mein Lateinlehrer eingefallen, der seinen Sextanerchen die Aussprache des geschlossenen o beizubiegen suchte mit „Mach mal’n Mund wie Rosenkohl!“)

Es war ein einzelnes Kohlröschen, die enggepackten Blätter makellos und hellgrün, ein Prachtstück, wie ich sie mit Butter und Zucker in der Pfanne schmurgeln würde; nur leider lag es in einer Kopfsteinpflasterlücke, ganz bedeckt von Regenwasser, auf dem es ölig schillerte.

Ein vegetabiles Kleinod, am letzten Markttag des Jahres aus der Nahrungskette gerutscht und nun unter Glas und Rahmen wartend auf den Kehrdienst oder auf die Ratten – mir ist, als müßt’s ein Gleichnis sein; doch mir fällt partout nicht ein, für was.

 

 

 

Totgesagte

7. Januar 2018

Man liest allenthalben vom Sterben der Blogs. Ich glaube nicht recht daran. Vor fünfzehn, zwanzig Jahren haben wenige gebloggt; heute bloggen wenige (ich nehme die Kommerzblogs dabei aus). Daß manche Blogs verschwinden, einschlafen, umziehen, sich verändern – in welchem Bereich wäre das nicht so? Manche kommen ja wieder; andere kommen neu hinzu.

Blogs und soziale Netzwerke sind zwei Paar Schuh, dienen verschiedenen Zwecken, befriedigen verschiedene Bedürfnisse. Blogs scheinen mir nicht sterblicher oder weniger sterblich als die Menschen, die sie schreiben.

 

 

 

Probleme mit Prinzipien

5. Januar 2018

So, dann bin ich jetzt wohl auch noch schuld, daß der Einzelhandel in den Städten stirbt. Oder?

Nach bald zwanzig Jahren wird mein Gerätezoo merklich alt. Der Sprudelwirker wirkt nicht mehr zuverlässig, der Rohrwalker rostet an den Kanten; doch nun zerbröselte der Rautenscherber, und ohne Rautenscherber geht es nun mal nicht. Ein neuer mußte her, und schnell.

In meiner Straße firmiert Geräte Bürsting, im Schaufenster glänzende Rohrwalker, Hebeställchen in verschiedenen Ausstattungen, sogar bunt lackierte Pumporgeln. Natürlich gab es hier einen Rautenscherber. Sehr schick, mit allem Schnickschnack. Die Steilschrauben schrappten ein wenig, die Rahmenhöhe war nicht optimal, aber die Technik: fortschrittlicher als beim alten. Ganz billig isser nicht, aber dafür wird er Ihnen auch geliefert und fachgerecht angeschlossen, versprach Herr Bürsting. Und das Altgerät nehmen wir gleich mit.

Ein paar Tage später …

Neuer Wald zum neuen Jahr

3. Januar 2018

Rockenhausen, hat schließlich Irgendlink vorgeschlagen. Also: Rockenhausen.

Die Pfalz kenne ich von früher, zumeist hinter Scheiben von Autos oder Ausflugsgaststätten. Da kamen Mitschüler her; da fuhr man durch und an Wochenenden vielleicht Schaubergwerke gucken. Jetzt gehe ich wandern mit einem Pfälzer und einer Schweizerin: Soso kann den Weg auf dem Telefon verfolgen (ich bin fasziniert, ich kann bloß Papier), Irgendlink hingegen hat einen bärtigen Mann im Kopf, der mit Tusche und Feder die interne Karte beständig aktualisiert. Ich glaube es sofort; wir gehen immer richtig.

Ich muß lachen, als Soso die Pfalz Flachland nennt; aber ja, klar. Ich beginne mir alle meine Landschaften aus der Sicht der Alpen vorzustellen. Haha, 500 Meter! – Trotzdem bleibt bergauf bergauf. Dann öffnet sich der Wald, und oh, auch 500 Meter und bedeckter Himmel können Aussicht: vor uns breitet sich das Land zum Rhein und weiter, in den dunstigen Fernen schwimmen Oasen von Sonnenschein, grün und golden, wie Miniaturmalereien in Bleiwüste. Lichtschäfte verbinden sie mit den Wolken: Frau Sonne trinkt Regen, nennt Soso das.

Burg Falkenstein ist auch schön, sind wir uns einig, steinerne Fensterrahmen um die Aussicht. An der Gaststätte steht zwar, daß sie geöffnet hätte, aber das ist gelogen. Wir essen draußen, bis uns kalt wird. (Könnte eine Definition von Winterwandern sein: zu kalt für Äpfel.) Dagegen hilft nur: einen Schritt schneller; aber mit Vorsicht. Die Straße durchs Dorf Falkenstein hat 25% Gefälle.

Auf der Strecke sammelt Irgendlink Kunst. Immer wieder identifiziert er Werke von MudArtist Heiko Moorlander, den die Pfälzer Erde sehr zu inspirieren scheint. Und war hier nicht auch der Schinderhannes aktiv? Es heißt doch immer, im Wald, da sind die Räuber, aber sonst fallen uns nur Seeräuber ein. Und, zu drei Vierteln Mythos, Robin Hood.

Das gäbe dieser Wald heute nicht her; der ist eher aus der Serie „Schlechte Verstecke“. Aber der Wechsel zwischen offen und baumbestanden, die Wellen und Hügel und der dicke Donnersberg, das alles fällt mittig in meine Kategorie „schön“.

Es ist wie mit dem Propheten im eigenen Land – wenn’s da, wo man’s schon ewig kennt, schön ist, ist man immer ganz entgeistert. Muß ich noch mal, die Pfalz. Und besonders gern: Kunst beim Werden zugucken. Und Geschichten aufsammeln.

(Gruß an Herrn G., der nicht mitkonnte, aber Christstollen gestiftet hat.)

 

Hurra, Soso hat sogar Bilder!