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Schiefer und Kalk

21. August 2017

Bad Frankenhausen in Thüringen ist heute ein beschauliches Kurstädtchen. Renaissance und Barock, ein bißchen Fachwerk und viel 19. Jahrhundert machen den Stadtkern hübsch und ansehnlich. Des weiteren hat Bad Frankenhausen einen Kirchturm, ein Panorama und einen Wanderweg. (Natürlich hat der Ort mehr. Aber das war, was ich gesehen habe.)

Der Kirchturm, so wirbt die Stadt, sei „schiefer als der Turm von Pisa“. Die Kirche selbst ist längst Ruine, aber um den Turm haben sich die Bürger sehr gekümmert und viel Geld gesammelt, daß er ihnen nicht komplett umfällt. Auf den ersten Blick dachte ich: naja, schief ja, aber doch sooo schief nicht. Auf den zweiten Blick dann: uiuiuiui … Dieser Turm ist geneigt, in sich verzwirbelt und so gekippt, daß es dem Gedächtnis unplausibel scheint; deswegen erschrickt man jedes Mal, wenn man wieder hinschaut.

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Von der Kirche aus führt ein Weg nach Norden hinaus aus der Stadt, hinauf auf den Schlachtberg. Der heißt nicht für nichts so: am 15.5.1525 endete hier eine der letzten großen Schlachten der Bauernkriege mit der elenden Niederlage der Aufständischen gegen die Söldnertruppen der Fürsten. Thomas Müntzer wurde gefangengenommen; er wurde – als geistiger und geistlicher Führer der Bauern – gefoltert und zwei Wochen später publikumswirksam hingerichtet. Die 8000 Aufständischen, die hier zumeist mit Sicheln und Sensen gegen die Landsknechte kämpften, wurden erbarmungslos erschlagen; der Weg hinauf auf den Berg heißt: Blutrinne. Ihn nehme ich aus dem Ort hinaus, zwischen Gärten hindurch in immer wilderes, karges Grasland.

Oben findet sich ein Monument aus DDR-Zeiten, geplant zum 450. Jahrestag der Schlacht von Frankenhausen: das Panorama-Museum, das Werner Tübkes gigantisches Rundgemälde beherbergt. Der Bau, die Scheibe einer ionischen Säule, ist ein faszinierender Fremdkörper in der Landschaft; von der Terrasse aus ist der Ausblick übers Land herrlich.

Das Panorama-Museum auf dem Schlachtberg.

Drinnen muß man gesehen haben. Das gewaltige Gemälde umspannt den ganzen Raum; die Farben, die menschlichen und phantastischen Figuren scheinen viel älteren Bildern entsprungen und erzählen den Reigen von Vision, Widerstand und Gewalt nach, der sich in der menschlichen Geschichte immer wiederholt. Ob man sich nun erklären läßt, was da zu sehen ist, oder nicht – um alles auch nur anzusehen, müßte man Stunden hier verbringen.

So viel Zeit habe ich nicht. Ich nehme den Lutherweg wieder in die Stadt hinunter, einen Wanderweg, tief in die Flanke des Bergs gegraben. Irgendwo muß ich vom Weg abgekommen sein; ich finde mich in einer Spalte wieder, eingezwängt zwischen grasigen Hängen. Der nackte Fels knirscht kristallin bei jedem Tritt und schimmert im Sonnenlicht, nicht einmal die Kiefern fassen hier Wurzel – ich bin froh um meine tüchtigen Schuhe. Jetzt, bei Tag, ist das hier wildromantisch. Nachts muß es zum Fürchten sein.

Später sehe ich: ich bin ins „Wüste Kalktal“ geraten, durch das Thomas Müntzer vom Schlachtfeld geflohen sein soll, ehe er dann unten in der Stadt gefaßt wurde.

(Bad Frankenberg hat natürlich mehr. Was allerdings fehlt, ist ein Bahnhof; wer die Sadt besuchen will, muß andere Wege finden.)

 

Hier Gedanken zu Tübkes Gemälde und einige Bildeindrücke.

 

 

Siegwandern

15. August 2017

Mal was Neues, schlägt Herr G. vor: Westerwald, Natursteig Sieg? Für frische Flüsse bin ich zu haben, und so brechen wir im Morgengrauen auf, Eitorf bis Herchen, 21 Kilometer und ein Kurcafé zum Schluß.

Wetter: durchwachsen; Strecke: schön.

Die Luft ist so naß, daß sie gerade so nicht als Regen zählt; Schirme sind zwecklos. Es riecht nach Herbst, und überall liegen Pilze, als hätte sie einer ausgerissen und umgedreht. Ich kenne sie nicht, aber Herr G. weiß Namen: Hexenröhrling, Hundsrute, Hexenei, Pantherpilz. Den allerschönsten Pilz zeigt er mir an einem geschnitzten Stumpf, ein gelblich glänzender Baumpilz, der duftet wie Orange und Honig. Leider ein reiner Ansichtspilz.

Der Wald öffnet sich immer wieder zu Ausblicken auf die nächsten und ferneren Hügelketten. Kulturlandschaft ist, was wir als schön empfinden; sanfter Wechsel zwischen Forst und Feldern. Kühe, wie sie englische Landschaftsmaler als Akzente in ihre Bilder setzten, rupfen vernehmlich Gras; zweimal sehen wir zwischen den Kühen einen Reiher, der Reißaus nimmt, sowie er sich beobachtet fühlt.

Der Weg kreuzt und quert …

Hm.

12. August 2017

Ich fürchte es schon länger, jetzt scheint’s so weit zu sein: bei WP kann ich mich offenbar nicht mehr über /wp-admin anmelden. Erst dachte ich: aha, also überhaupt nicht mehr; dann fand ich ein Hintertürchen bei Gravatar, und nun bin ich eingeloggt. Aber wer weiß, wie lange meine Frist ist, bis mir mein Zugang unterm Hintern wegmodernisiert ist.

Gibt es noch wen mit Schwierigkeiten, ...wordpress.com/wp-admin aufzurufen?

 

 

Naß

7. August 2017

Vom Nutzen des Bindestrichs (wenn nicht gleich der Zusammenschreibung).

Daß ein See naß ist, ist nur natürlich. Dieser See aber, ein künstlicher, heißt nach einem einstigen ägyptischen Ministerpräsidenten.

Seufz. Sieht man ihm gar nicht an.

 

 

 

Besuch im Basilikum

31. Juli 2017

Und diesmal sind es keine Blattläuse:

Erst war’s eine dicke grüne Raupe, jetzt ist es das hier. Wenn alles gut geht, wird es bald ein Falter.

 

P.S.: Weiß zufällig jemand, wie lang so ein Puppenstadium dauert?

 

 

Panoptikum mit Herrn G.

24. Juli 2017

Mit der Strecke sind wir schon ganz gut bekannt; neu ist die Zeit: Sonntag. Ausflugstag. Wo man das Abenteuer sucht. Und Sommer, wo das Wetter dem bequemen Abenteuer wenig entgegensetzt.

Der Wald ist wieder anders, die Nässe der letzten Tage hat Pilze schießen lassen. Welche man essen kann, weiß Herr G.; ich erkenne bloß den Riesenbovisten, der allerdings zertrampelt am Wegrand liegt. Himbeeren gibt es noch, und schon die ersten Brombeeren. Am Morgen haben wir den Weg noch fast für uns; gegen Mittag kommen die ersten Radfahrer, und dann, mit Eintritt in die Ehrbachklamm, wird’s bunt.

Klebriger Hörnling. Geschmack unbedeutend.

Was wir als wilde Landschaft kannten, wird heute bestiegen, begangen und besessen. Ganze Gruppen in professioneller Outdoorkleidung picknicken, hangeln sich wacklig über den schlüpfrigen Pfad, machen Selfies auf Brücken, während sie so tun, als schubsten sie sich gegenseitig ins Wasser. Herr G. und ich grinsen uns an: so eine schlechte Figur machen wir gar nicht auf den Felsen, im Vergleich.

Ein Männertrupp mit Weichspülerfahne; zwei Mütter und zwei Töchter, von ihrem Dackel tyrannisiert; begeisterte Kinder in ungeeigneten Schuhen. Da, das war bestimmt ein Zahnarzt und die junge Frau, die so übertrieben lacht, nicht seine. Und die beiden dort: eine Studentin, aus der Gegend gebürtig, die ihrem Berliner Freund was zeigt. — Wir überholen, weichen aus, nicken, lächeln und grüßen; das macht man so auf gefährlichem Steig.

Das allerletzte Stück ist wunderbar, steil – und einsam. Hier gibt es keinen praktisch gelegenen Parkplatz. Herr G. und ich atmen auf. Still folgen wir dem Pfad am Hang entlang, das Sommerabendlicht fällt weich durchs Laub, hier und da gibt es Ausblick. Einmal kommen wir an einer schlanken Eiche vorbei, mittig geknickt: fünf Meter Stamm stehen noch, der Rest mit der Krone neigt sich im spitzen Winkel zur Erde. Schau mal, sage ich zu Herrn G., der abgeknickte Teil hat wieder ausgeschlagen – und die Blätter sind zum Licht orientiert. Würde man den Stamm jetzt wieder aufrichten, zeigten die Blattunterseiten alle zum Himmel. – Einen Baum, sagt Herr G., bringt so leicht nichts um. Der Mensch ist wahrhaft gewaltig, aber so etwas könnte er nicht.

Die Busse in die nächste große Stadt übrigens gehen nur alle zwei Stunden. Es ist Sonntag, Ausflugstag. Wohl dem, der da ein Auto hat.

 

 

Hitze. Noch ein Versuch

20. Juli 2017

Ich sitze im halben Dunkel und atme flach. Ich heize mit 100 Watt, das ist mir schweißtreibend bewußt. Wenn ich die Augen schließe, kann ich den Sommer spüren, wie er sich durch die Straße wälzt und gegen die Gebäude drückt.

Der Sommer belagert mein Haus. Auf den Fensterbänken steht er mit der Stirn von außen an den Scheiben, flirrt mit Fliegen oder Funken oder heißer Luft; er bohrt Finger in den Fensterkitt und späht gleißend durch die Vorhänge. Von innen sind die Mauern kühl – noch. Doch draußen hat der Sommer glutvoll die Flanken an den Stein gepreßt, daß der Mörtel reißt.

Lang wird das nicht mehr gehen, dann ist er durch die Wand.

Schon jetzt hat sich die letzte Kühle in den Schränken versteckt; öffne ich in der Küche einen um ein Trinkgeschirr, fällt mit dem Glas ein Hauch angenehmer Luft aus dem Fach und über meinen Arm, kostbar wie Seide, wie die Nachtstunden dieser Jahreszeit rasch aufgelöst.

 

[Einer Einladung zum Spielen kann ich auch bei größter Hitze nicht widerstehen. Prosaischer als der Herr Solminore, aber mit Knicks!]

[Und: Frau Trippmadam weiß sehr genau, wann die Hitze am größten ist.]

 

 

Fortschritt

1. Juli 2017
tags:

Ich erkenne ihn sofort, den Namen Deiner Krankheit, jeder Buchstabe bis zum letzten stimmt, in dem Artikel über ein ganz neues Medikament: drei unvertraute Buchstaben, Strich, drei Ziffern. Ganz neue Wahrscheinlichkeiten, und nicht einmal die Haare hättest Du verloren.

Das erste, was mir einfällt, ist Deine Telefonnummer, und ich wußte nicht, daß ich die noch weiß.

 

 

 

 

 

Übergänge

28. Juni 2017

Ürziger Sitzplatz: Aussicht auf die Arbeiten.

Zwischen Zeltingen-Rachtig und Ürzig haben die Verkehrswegeplaner den Hochmoselübergang gesetzt, und der, halb fertig wie er ist, beherrscht schon optisch alles. Wie es erst wird, wenn da Lastwagen drüberheulen, ahne ich: Die Moselbrücke bei Winningen hat mir eine komplette Wanderetappe verleidet; wenig drückt so zuverlässig auf die Laune wie vielspuriges Gebrüll. Wie es dann wohl ist, hier zu wohnen, jeden Tag im Schatten der Brücke im Weinberg zu arbeiten, mag ich mir nicht vorstellen.

Diese hier wird die höchste Brücke über die Mosel, eine der höchsten Talbrücken überhaupt. Für Autos; das heißt, am Übergang hängt eine Straße, und an der hängen Zubringer. Viel, viel Land wird überbaut. Die Schnellstraße, das kann man auf aktuellen Karten schon sehen, verläuft vierspurig über einen bislang trassenlosen Gebirgssporn des Hunsrücks. Weinkenner aus aller Welt haben gewarnt, berühmte Weinlagen könnten leiden — genutzt hat es nichts.

Die Einheimischen, die wir fragen, halten sich bedeckt. Naja, die Planungen laufen schon seit Jahrzehnten; und der Schwerlastverkehr werde dann im Winter weniger gefährlich, nicht mehr durch all die engen Sträßchen unten. Und nun sei ja schon so viel Geld geflossen … — Ob ihnen nicht die Besucher wegbleiben, wenn es an Ruhe fehlt? Ach, Touristen kämen sogar extra, um sich die Brücke anzuschauen und Fotos zu machen.

Die Moselorte haben breite Promenaden mit Hotels, Cafés, Weingütern und vielen, vielen Parkplätzen. In den Ortskernen geben gerade Geschäftchen des täglichen Bedarfs auf, wie sie andernorts schon lange ausgestorben sind. Touristen fahren in den Ort, um sich zu erholen, Einheimische fahren hinaus, um einzukaufen.

Man verbindet die neue Straße in der Region auch mit der Hoffnung auf Arbeitsplätze, die nicht mit Tourismus zusammenhängen und nicht mit Wein. Am Wanderweg sehen wir aufgelassene Weinberge; auf einem Projektschild steht: durch maschinengerechtes Neuanlegen der steilen Reihen wolle man künftig Arbeitszeit sparen. Im Ergebnis verschwinden die charakteristischen Terrassen; die geschwungenen, engen und halsbrecherischen Rebpflanzungen werden durch mit dem Lineal gezogene Schraffuren ersetzt, die hölzernen Stöcke durch glänzende aus Metall. Es sieht anders aus. Weniger eigen; weniger … schön.

Hier geht etwas unwiederbringlich verloren. Es ist die übliche Entwicklung, Mobilität, Schnelligkeit und die verquere Ökonomie unserer Autogesellschaft über alles zu setzen. Da paßt das Kleinteilige, Schräge, da paßt Bedächtigkeit nicht, und Arbeit, die Jahrhunderte zum Leben gereicht hat, rentiert sich nun nicht mehr. Die Brücke, die für nichts als Autos in eine fragile Landschaft geklotzt wird, damit man hier „den Anschluß nicht verpaßt“, ist eine gute Zusammenfassung.

Eindrucksvoll. Und noch leise.

Nach der Rückkehr von der Moselsteigwanderung blättere ich in meiner Fotobeute und bin ein wenig entsetzt: auf fast jedem Bild ist der Hochmoselübergang zu sehen, Bild um Bild dieses Monster, und hat sich doch nicht einfangen lassen.

 

Hier eine Dokumentation von 2017 (Phoenix-Doku; knappe halbe Stunde).

 

 

Hochmosel

27. Juni 2017

Sommer ruft: Wandern!

Die Mosel kann beinah ihren Namen schreiben. Das M ist ihre leichteste Übung, und so viele S, die sich fast, aber immer nur fast zum O runden wollen! Kaum weniger artistisch sind die Namen der Ortschaften an ihren Ufern, die jeden Schimpfwortschatz bereichern würden. Kröv! Ürzig! Zeltingen-Rachtig! Zeltingen, sagt Herr G., klingt nach Abenteuer und Rachtig nach Magen-Darm.

Der Moselsteig ist noch gelenkiger als der Fluß. Er windet sich hoch und runter, durch den Hunsrück in die Eifel und wieder zurück, und in den Dörfern reicht er dreißig Jahre zurück in die Zeit. Auch die Freundlichkeit hier ist ein bißchen wie früher; auf der Straße werden wir Fremdlinge gegrüßt, und zum Essen schickt man uns, wo es nicht so teuer ist.

Im Wald bei Ürzig stoßen wir auf ein altes Wegekreuz, Mariä Gewand und Christi Lendentuch mit Krepp abgeklebt, der Rest in naßglänzender Farbe; daneben die Leiter des Malers, der ein paar Meter weiter mit einem weißhaarigen Traktorfahrer ins Gespräch vertieft steht. Überhaupt, die Traktoren hier; die schönsten Arbeitstiere sieht man in den Weinbergen, alt, erfahren und bestens an die Anforderungen der steilen Lagen angepaßt.

Vor Rachtig dann wächst eine Brücke übers Tal, so unglaubwürdig hoch, daß sich alles an ihr mißt. Der Rachtiger Kirchturm reicht ihr nicht ans Knie. O-ha, sage ich, das wird mal laut; gut, daß wir jetzt noch in Ruhe hier wandern können. Ein Schulterzucken der Natur, sagt Herr G., dann hätte sich das; aber das will ich nun auch keinem wünschen. Später stoßen wir noch ein paarmal auf die frische Wunde in der Landschaft, in der bald die neue Schnellstraße verlaufen wird.

Wir erreichen Bernkastel-Kues. Die Verschlafenheit der Moselorte ist hier ins Gegenteil verkehrt; ein bißchen Disneyland, ein bißchen Rüdesheim am Rhein. Sicher ziehen wir englische, flämische und chinesische Kommentare auf uns mit unseren Rucksäcken und staubigen Stiefeln. Im Café am Fußgängerzonenrand sagt Herr G.: nach dieser Musik möchte ich mir die Hände mit Beethoven waschen. Ein guter Ort zum Abreisen; und da stimme ich ihm voll und ganz zu.

Bernkastel. Vom Ufer schön.

Demnächst dann Braunberg, Piesport, Trittenheim. Und so weiter. Irgendwann wollen wir den Ort erreichen, der hier den allerschönsten Namen trägt: Perl. Aber das wird wohl noch dauern; der Moselsteig ist nicht so schnell.