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Bestens sortiert

18. September 2017

Mitten in der Stadt, in einer der kleinen Seitenstraßen, haben die M.s ihr Geschäft für Geschirr und Tischkultur. Dort steht im Regal hinter der Kasse ein hölzerner Karteikartenkasten, und da bin ich drin. Wie mein Geschirr heißt, was ich für Gläser habe, wie groß meine Töpfe sind: das steht in der schönen, steilen Handschrift des Chefs auf mittlerweile mehreren Karteikarten. Komme ich zu M.s und brauche Ersatz oder etwas Neues, genügt ein Blick unter Schwarz, um zu gewährleisten, daß ich keinen Fehlkauf tätige.

Haben meine Schalen nun zehn oder zwölf Zentimeter Durchmesser? Wie hieß noch gleich das Besteck, seit acht Jahren in Gebrauch? Und welche Firma macht diese wunderbaren Vorratsdosen? Bei M.s ist alles notiert, da kann ich ganz unvorbereitet in den Laden kommen. Und mit meinen Daten wird kein Schindluder getrieben; das würden die M.s niemals tun.

Einmal gab es einen Anruf: mein Alltagsgeschirr wird aus dem Programm genommen, für Ersatz die allerletzte Möglichkeit … Und ein anderer Anruf freute mich fast noch mehr: eine Kundin wolle wissen, wie sich mein Wasserkesselmodell im Alltag macht; ob ich kurz was dazu sagen könnte?

Die M.s zählen zu den letzten ihrer Art. Sie verkaufen nicht einfach Teller und Töpfe. In ihrem Sortiment herrscht Qualität, nicht Mode. Und wenn eine Kartei-Kundin etwa von Problemen mit einer Pfanne berichtet, dann geben sie das an den Hersteller weiter, damit die nächsten Pfannen besser werden.

Die Zulieferer machen keinen Hehl daraus, daß die M.s kleine Fische sind. Man merkt es an absurden Mindestbestellmengen und langen, sehr langen Lieferzeiten. Und dann gibt es Kunden, die sich stundenlang von M.s beraten lassen – und dann drei Euro billiger im Internet bestellen; Sand auf sie und kleine Steinchen. Da tröstet es auch nicht, daß die nicht in die Kartei kommen.

Einmal stand ich mit Porzellan in ungewöhnlichen Farben an der Kasse, da meinte Frau M., das sei aber mutig. Neinnein — nicht für mich, für die Tante sei das. Ein Geschenk. Seitdem gibt es eine neue Karteikarte: L. Schwarz (Tante). Damit ich künftig nichts doppelt verschenke.

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Richtfest

12. September 2017
tags:

Das Haus ist ein hausförmiges Gerüst aus Holz, ganz roh sieht es aus in seiner Folienverpackung gegen das Wetter. Das wird heute wohl halten. Auf dem First ist ein Bäumchen befestigt, bunte Papierbänder flattern. Daneben die beiden Zimmermänner in ihrer schwarzen Zunftkleidung mit verwegenen Hüten, die Hemdsärmel schneeweiß und gebauscht. Unten stehen die Gäste und schauen.

Ein Reim, ein Wein, zwei zerspringende Gläser; dann steigen die beiden Männer vom Dach. Jetzt müssen die Bauherrinnen ran: zwei rohe Baumstämme stützen den Bau, die sollen fallen. Ob das Haus auch steht. Hier, die Axt.

Die junge Frau ist in Übung noch vom Winterholz. Sie packt das Beil beidhändig, holt aus und schlägt methodisch eine Kerbe um den Stamm, Schwung um Schwung aus der Hüfte. Späne fliegen, Kinder werden eingeholt. Die Umstehenden feuern an. Auf halbem Weg löst ihre Gefährtin sie ab, auch sie versiert mit dem Werkzeug. Das Publikum raunt; man ist froh, Publikum bleiben zu dürfen. Das sieht mühsam aus.

Nach einigen Minuten ändert sich der Klang der Axt im Holz; gleich, gleich ist er durch, der Stamm. Alle weichen einen Schritt zurück, da — ein dumpfes Splittern, und der untere Teil des Stützpfahls wird zur Seite geschleudert. Jubel. Rohbau: wankt nicht.

Den zweiten Pfahl auch noch zu zerschlagen, weigern die beiden Frauen sich. Alles ruft nach den Zimmerleuten. Der, der den Anfang macht, ist schmal, fast zierlich; unter seinem runden Hut blitzt eine Nickelbrille. Er nimmt die Axt, wie andere einen Pinsel nähmen, die Hand in der Mitte des Stiels, und ohne auch nur den Körpermittelpunkt zu verlagern, bringt er dem Stamm tiefe Kerben bei, ganz beiläufig, während er mit dem Kollegen scherzt. Kein Dutzend Schläge, dann ist der andere dran.

Der, buschig-bärig, nimmt zum Fällen den riesigen Hut nicht ab, macht keinen der acht Knöpfe seiner Weste auf. Er setzt präzise die Schneide ins Holz, alle Kraft in den Schlag, keine vergeudet; er steht da, leicht vornübergeneigt, als betrachte er ruhig etwas, und dabei verliert der Stamm das Stämmige, bekommt eine Sollbruchstelle, schon — allgemeines Ah und Oh — knickt er, und das Haus steht frei.

Jemand hat inzwischen den Grill beschickt. Die Hausherrinnen strahlen und schenken Trinkbares aus; Kinder und Hunde laufen durcheinander. Im Getriebe des Festes stehen die zwei jungen Zimmerer in ihren Elsternfarben; immer wieder streifen sie Blicke, weniger wegen ihrer Kluft als wegen des gelassenen Stolzes, von dem sie leuchten.

Gelernt ist gelernt.

 

 

 

Feuchte Luft

3. September 2017

Nässe von allen Seiten.

(Über den Regen hat der oft vermißte Magister Kraska alles geschrieben, was zu schreiben wäre.)

Tristesse revisited

30. August 2017

Langjährige Leser werden sich an die Wandkunst mit der schönen Dame erinnern, die so traurig schaut.

Nun, ich war überrascht, sie wiederzusehen:

Im Nudelladen am Mainzer Markt.

Sie scheint inzwischen eine feste Stelle gefunden zu haben.

 

 

 

Willkommen & Adieu

28. August 2017

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Mainz hat einen neuen Bischof: Im Dom feierten die geladenen Gäste, draußen saß das Volk bei Weck, Woscht un Woi und schaute sich das Ganze auf Großleinwänden an. Schon am Tag zuvor war der Marktplatz von einem Zeltdach beschattet; fragte man, was hier los ist, erzählten die Informierten vom Bischof und die anderen irgendwas mit Deutschland sucht den Superstar.

Derweil hat eine Institution geschlossen: das Residenz/Prinzess-Kino ist nicht mehr. Schon bald wird es abgerissen und ein Wohnhaus hingebaut.

 

 

 

Frühstück für den Staubsauger

24. August 2017
tags:

Frühstück?
    Oh, das ist aber –! Nach Ihnen.
Folgen Sie mir zum Büffet!
Brötchen, das ganze Sortiment,
breit gestreut. In der Marmelade,
klatack, war wohl ein Kirschenkern —
verschlucken Sie sich nicht!
Bißchen Kaffee?
    Keine Milch, danke, aber Zucker gern.
Das prasselt so schön, wie Strandurlaub, nicht wahr?
    Oh, beim Käse passe ich; der
    macht mir immer Mundgeruch
    zwei Tage danach. Fast wie Knoblauch so schlimm.
    Aber sonst — ganz köstlich, wirklich!
    So, fertig! Die Platte geputzt! Jetzt könnte
    ich auch wirklich kein Krümelchen mehr …
Dann noch einen schönen Tag,
und: kehren Sie wieder!

 

 

(Aus der Rubrik: Wiedergänger aus dem Entwurfsordner.)

 

Schiefer und Kalk

21. August 2017

Bad Frankenhausen in Thüringen ist heute ein beschauliches Kurstädtchen. Renaissance und Barock, ein bißchen Fachwerk und viel 19. Jahrhundert machen den Stadtkern hübsch und ansehnlich. Des weiteren hat Bad Frankenhausen einen Kirchturm, ein Panorama und einen Wanderweg. (Natürlich hat der Ort mehr. Aber das war, was ich gesehen habe.)

Der Kirchturm, so wirbt die Stadt, sei „schiefer als der Turm von Pisa“. Die Kirche selbst ist längst Ruine, aber um den Turm haben sich die Bürger sehr gekümmert und viel Geld gesammelt, daß er ihnen nicht komplett umfällt. Auf den ersten Blick dachte ich: naja, schief ja, aber doch sooo schief nicht. Auf den zweiten Blick dann: uiuiuiui … Dieser Turm ist geneigt, in sich verzwirbelt und so gekippt, daß es dem Gedächtnis unplausibel scheint; deswegen erschrickt man jedes Mal, wenn man wieder hinschaut.

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Von der Kirche führt ein Weg nach Norden hinaus aus der Stadt, hinauf auf den Schlachtberg. Der heißt nicht für nichts so: am 15.5.1525 endete hier eine der letzten großen Schlachten der Bauernkriege mit der elenden Niederlage der Aufständischen gegen die Söldnertruppen der Fürsten. Thomas Müntzer wurde gefangengenommen; er wurde – als geistiger und geistlicher Führer der Bauern – gefoltert und zwei Wochen später publikumswirksam hingerichtet. Die 8000 Aufständischen, die hier zumeist mit Sicheln und Sensen gegen die Landsknechte kämpften, wurden erbarmungslos erschlagen; der Weg hinauf auf den Berg heißt: Blutrinne. Ihn nehme ich aus dem Ort hinaus, zwischen Gärten hindurch in immer wilderes, karges Grasland.

Oben findet sich ein Monument aus DDR-Zeiten, geplant zum 450. Jahrestag der Schlacht von Frankenhausen: das Panorama-Museum, das Werner Tübkes gigantisches Rundgemälde beherbergt. Der Bau, die Scheibe einer ionischen Säule, ist ein faszinierender Fremdkörper in der Landschaft; von der Terrasse aus ist der Ausblick übers Land herrlich.

Das Panorama-Museum auf dem Schlachtberg.

Drinnen muß man gesehen haben. Das gewaltige Gemälde umspannt den ganzen Raum; die Farben, die menschlichen und phantastischen Figuren scheinen viel älteren Bildern entsprungen und erzählen den Reigen von Vision, Widerstand und Gewalt nach, der sich in der menschlichen Geschichte immer wiederholt. Ob man sich nun erklären läßt, was da zu sehen ist, oder nicht – um alles auch nur anzusehen, müßte man Stunden hier verbringen.

So viel Zeit habe ich nicht. Ich nehme den Lutherweg wieder in die Stadt hinunter, einen Wanderweg, tief in die Flanke des Bergs gegraben. Irgendwo muß ich vom Weg abgekommen sein; ich finde mich in einer Spalte wieder, eingezwängt zwischen grasigen Hängen. Der nackte Fels knirscht kristallin bei jedem Tritt und schimmert im Sonnenlicht, nicht einmal die Kiefern fassen hier Wurzel – ich bin froh um meine tüchtigen Schuhe. Jetzt, bei Tag, ist das hier wildromantisch. Nachts muß es zum Fürchten sein.

Später sehe ich: ich bin ins „Wüste Kalktal“ geraten, durch das Thomas Müntzer vom Schlachtfeld geflohen sein soll, ehe er dann unten in der Stadt gefaßt wurde.

(Bad Frankenberg hat natürlich mehr. Was allerdings fehlt, ist ein Bahnhof; wer die Sadt besuchen will, muß andere Wege finden.)

 

Hier Gedanken zu Tübkes Gemälde und einige Bildeindrücke.

 

 

Siegwandern

15. August 2017

Mal was Neues, schlägt Herr G. vor: Westerwald, Natursteig Sieg? Für frische Flüsse bin ich zu haben, und so brechen wir im Morgengrauen auf, Eitorf bis Herchen, 21 Kilometer und ein Kurcafé zum Schluß.

Wetter: durchwachsen; Strecke: schön.

Die Luft ist so naß, daß sie gerade so nicht als Regen zählt; Schirme sind zwecklos. Es riecht nach Herbst, und überall liegen Pilze, als hätte sie einer ausgerissen und umgedreht. Ich kenne sie nicht, aber Herr G. weiß Namen: Hexenröhrling, Hundsrute, Hexenei, Pantherpilz. Den allerschönsten Pilz zeigt er mir an einem geschnitzten Stumpf, ein gelblich glänzender Baumpilz, der duftet wie Orange und Honig. Leider ein reiner Ansichtspilz.

Der Wald öffnet sich immer wieder zu Ausblicken auf die nächsten und ferneren Hügelketten. Kulturlandschaft ist, was wir als schön empfinden; sanfter Wechsel zwischen Forst und Feldern. Kühe, wie sie englische Landschaftsmaler als Akzente in ihre Bilder setzten, rupfen vernehmlich Gras; zweimal sehen wir zwischen den Kühen einen Reiher, der Reißaus nimmt, sowie er sich beobachtet fühlt.

Der Weg kreuzt und quert …

Hm.

12. August 2017

Ich fürchte es schon länger, jetzt scheint’s so weit zu sein: bei WP kann ich mich offenbar nicht mehr über /wp-admin anmelden. Erst dachte ich: aha, also überhaupt nicht mehr; dann fand ich ein Hintertürchen bei Gravatar, und nun bin ich eingeloggt. Aber wer weiß, wie lange meine Frist ist, bis mir mein Zugang unterm Hintern wegmodernisiert ist.

Gibt es noch wen mit Schwierigkeiten, ...wordpress.com/wp-admin aufzurufen?

 

 

Naß

7. August 2017

Vom Nutzen des Bindestrichs (wenn nicht gleich der Zusammenschreibung).

Daß ein See naß ist, ist nur natürlich. Dieser See aber, ein künstlicher, heißt nach einem einstigen ägyptischen Ministerpräsidenten.

Seufz. Sieht man ihm gar nicht an.