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Schöne Sachen XLV

14. Juni 2017

Sommerversprechen.

Avantgarde

4. Juni 2017

Herr G. ist ein guter Wanderführer. Deshalb gehe ich mit, als er für eine größere Gruppe den Weg von A nach B auskundschaftet.

Ganz einfach ist das nicht. A ist klar, B auch, aber der direkte Weg wäre zu kurz und außerdem nicht besonders reizvoll. Also hat sich Herr G. eine Folge von Um- und Abwegen ausgedacht. Die Karte, die wir dabeihaben, ist sicher zwanzig Jahre alt. Außerdem regnet es — die meiste Zeit; manchmal gießt es auch wie aus Kübeln.

Fast wären wir gleich hinterm Bahnhof Remagen gescheitert, am Landstraßenrand. Wir können sehen, wo unser Weg auf der anderen Seite zwischen die Häuser schlüpft; doch die Autos sausen nahezu lückenlos. Sicher, man könnte an der Ampel ein Knöpfchen drücken, aber 200 Meter dort hin, rüber, auf der anderen Seite ohne nennenswerten Bürgersteig 200 Meter wieder zurück –? Nicht einzusehen. Also warten wir, warten und warten, warten noch etwas, rennen dann und fluchen über die autogerechte Stadt.

Dann aber Wald. Der dampft und kocht und pfeift vor Vögeln, und gemeinsam mit einem Wolkenbruch erreichen wir einen überdachten Grillplatz mit Aussicht (im Moment vom Regen versperrt). Wir frühstücken trocken unterm Geprassel. Elendes Wetter, schimpft Herr G. Wie schön das klingt, entgegne ich, und was wir alles nicht abbekommen!, und da muß Herr G. doch zustimmen.

Der Pfad schlängelt sich, und wir merken schnell, daß er nicht furchtbar viel mit dem auf der Karte zu tun hat. Wald in echt ist auf der Karte Wald, Lichtungen hingegen können auf der Karte Lichtung oder Wald sein, Bäume sind ja schneller abgeholzt als nachgewachsen. Kreuzungen zählen hilft nicht viel — manche Abzweigung fängt als Weg an und endet als Gebüsch. Aber schön ist das hier, verschnörkelt und verwunschen; wir staunen und kramen die Namen für die Sommerblumen hervor.

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Ein markierter Weg nimmt uns mit ins Freie, die Landskrone ist in mittlerer Distanz zu sehen, und von da an ist es einfach; Getreidefelder nach allen Seiten. Die Schmetterlinge wohnen hier auf dem Weg, denn da blüht mehr. Erst am Fuß des Burgbergs wird es wieder bunter. Auf einer Bank machen wir Rast, während sich über dem nächsten Tal eine Wolkenfaust zusammenballt, aus der es ohn‘ Unterlaß rumpumpelt. Während wir Brote essen, füllt sie allmählich den halben, dann den ganzen Himmel, und als wir zum Abstieg ins Ahrtal ansetzen, wird sie schwarz und geht schließlich nieder. Unter Donner und Regen erreichen wir den Fluß.

Das war eindrucksvoll, rufe ich gegen das Prasseln auf dem Schirm an. Den lasse ich fast fallen, als auf dem Dach gleich nebenan die Sirene tief Luft holt und uns mit Gebrüll durch die Straßen jagt. Alarm, Alarm, Probealarm! Daß es das noch gibt; und: beruhigend beunruhigend. Kein Notfall würde so überhört. Wir trotten die Ahr entlang, der Radweg ist schön leergeregnet und die monströse Autobahnbrücke in ihrer Höhe fast schon nicht mehr wahr.

Im Café am Ende ist alles gut. Die Kleidung trocknet, und ein freundlicher Koch schneidet für uns frischen Kuchen an, Bisquit, Sahne, Dosenmandarinen. Herr G., sage ich, mit dem Wetter wünsche ich euch ein bißchen mehr Glück und mit der Straßenüberquerung am Anfang; aber sonst? Das wird eine prächtige Wanderung für deine Gruppe, jetzt, wo wir das Verirren bereits erledigt haben.

 

 

Beschriftungen

30. Mai 2017

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Ich gehe sehr gern in Museen. (Auch der Kunst wegen.)

 

Glück und Glas

26. Mai 2017

Aus der Knopfwerkstatt: die Mißratenen.

Wenn man von Petershagen am Kohlekraftwerk Heyden vorbei an der Weser entlang fährt, gelangt man gleich bei Ovenstädt nach? oder doch eher zu? Gernheim. Gernheim besteht heute aus einigen Häuschen gleich am Fluß; 1812 war hier eine Glashütte gegründet worden, und alle, die hier wohnten, gehörten auf die eine oder andere Weise zur Fabrik.

Im Innern des Kamins.

Die Glashütte Gernheim war einmal eine große Sache. Arbeiter aus aller Herren Länder stellten hier Gernheimer Glas her, Flaschen, Scheiben, Knöpfe, Lampen und schlichtes Geschirr, aber auch bemalte, geschliffene, gefärbte, überfangene, vergoldete Luxusartikel.

Die kann man hier alle anschauen. Man kann auch sehen, wie die Arbeiter gewohnt haben und wie die Leitung der Fabrik. Heute wird in den schön restaurierten Räumen des Herrenhauses zeitgenössische Glaskunst ausgestellt, aber allein der Weg vorbei an Schichten von Tapeten, bedruckten und bemalten Wänden lohnt. Die Fenster zeigen die Welt durch alte Scheiben leicht verzerrt; das Standesamt hat hier eine Außenstelle.

Dieses grüne, idyllische Ausflugsziel war im 19. Jahrhundert ein Moloch, der rauchte, stank und seine Arbeiter fraß oder doch zumindest deren Lungen. Im Museum kann man heute den Schulsaal sehen, in dem Kinder so unterrichtet wurden, daß es nicht mit ihren Schichten in der Hütte kollidierte. Ab elf stiegen sie hier als Arbeiter ein; den begabten von ihnen gelangen trotz Erschöpfung noch gute Schulleistungen.

Im Ort fällt vor allem der Kamin auf, ein gigantischer Bienenkorb aus Backstein, der die Häuschen überragt; hier ist heute die Schauwerkstatt des Museums, in der Krüge und Gläser hergestellt werden, jeden Tag ein paar. Der Museumsshop verkauft sie: flüssiges Feuer, in transparenten Farben erstarrt und in der Handfläche wieder kühl wie Wasser, hart wie Eis.

 

Das Museum ist außer montags von 10–18:00 Uhr geöffnet.
Erwachsene zahlen drei Euro Eintritt.
Wenn es auch noch ein Café gäbe, wär’s ganz rund.

 

 

Weiter, weiter!

22. Mai 2017

Neunter Jahrestag, sagt mir meine Blogsoftware. Hoppla. Wie konnte das passieren?

Och, Schreiben mochte ich schon immer ganz

Ich kann doch mein zahlreiches Lesepublikum nicht

Wer etwas Wichtiges zu sagen hat, sollte

Für irgendwas muß meine Freizeit ja

Naja, ich besitze eine Kamer

Meine Werbekunden

Ich weiß es auch nicht. Vermutlich einfach Gewohnheit.

 

Danke allen, die hier lesen, Kommentare hinterlassen und Ideen schenken!

 

 

Sommerprobleme

6. Mai 2017

Dabei würde man nichts lieber …

(Mehr war leider nicht zu erfahren.)

 

Alles am Fluß

30. April 2017
tags:

Noch ist April, jedes Grün ganz neu, Laub wie gelackt, und ein hüpfender Wind verzwirbelt den Promenadenstaub mit Sonnenlicht zu schiefen Bannern. Ich betrachte Hunde und ihre Menschen, Kormorane und die Möwen, die im Flug vom Fluß nippen; graugrün fließt er heute, von Brisen in alle Richtungen gekämmt.

Der Himmel trägt sich ganz allein. Man müßte, denke ich, während der Wind Schaumkrönchen auf die Wellen setzt, ein großes Stückchen gehen. Ein Boot kapern, vielleicht, und die Flußmündung erkunden. Kuchen backen mit Guß und Füllung. Sich mal wieder gründlich verlieben, in einen Sachverhalt oder in etwas, das zu tun ist. Da lacht er, der Wind, und treibt einen Schwarm derangierter Papierservietten vorbei. Hui! So weit schon ist das Jahr!

Die Sonne brennt mir auf die Nase, hintenrum wird’s langsam kühl, und ich lasse den Fluß den Möwen, die Promenade den Spazierenden. Nur die Taschen fülle ich mir noch mit Leichtigkeit; hoffentlich haben sie kein Loch.

 

 

 

Kater Murr und ich

22. April 2017

Ich kann noch keine zehn gewesen sein, als ich ein Buch bekam, das nur Erwachsene einem Kind schenken können, die schon lange keines mehr gesehen haben; ich aber nahm’s und las, denn ich las alles, was man mir schenkte.

Das Buch hieß „Lebensansichten des Katers Murr (nebst fragmentaricher Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern)“ und war „herausgegeben von E.T.A. Hoffmann“.

Der Witz des Buches ging damals weitgehend an mir vorbei. Ich fieberte mit beiden Protagonisten mit, mit dem selbstzufriedenen Kater und dem zutiefst unglücklichen Kapellmeister, und war jedes einzelne Mal enttäuscht, wenn wieder die Perspektive wechselte. Ich lernte viele neue Wörter, ein bißchen was von Versmaß, und am Ende war ich traurig, daß das Ende fehlt.

Jahre später entdeckte ich das Buch vollkommen neu. Was für eine raffiniert gestrickte Geschichte! Satire auf das Bürgertum, herzergreifendes Porträt einer Künstlerseele, die Spirale von Unverstandenheit und Wahnsinn und, ach, die Liebe –!

Weitere Facetten fügte, wieder Jahre später, die Auseinandersetzung mit Leben und Wirken des Autors hinzu, eines unruhigen Geistes in einer Zeit voller Zwänge. Bevor er den dritten Teil des Buches auch nur beginnen konnte, starb E.T.A. Hoffmann an einer fortschreitenden Lähmung. Aber selbst der Torso dieser Geschichte wurde mit jeder Lektüre, und das kann man wahrhaft nicht von allen Geschichten sagen, mehr.

Kürzlich fiel mir das Buch wieder in die Hand. Die „Vorrede des Autors“: „Schüchtern — mit bebender Brust, übergebe ich der Welt einige Blätter des Lebens … Werde, kann ich bestehen vor dem strengen Richterstuhl der Kritik? …“, gefolgt vom „Vorwort (Unterdrücktes des Autors):“ „Mit der Sicherheit und Ruhe, die dem wahren Genie angeboren, übergebe ich der Welt meine Biographie, … damit sie … mich liebe, schätze, ehre, bewundere und ein wenig anbete …“ und dem Hinweis an Kritiker, der Autor verfüge über scharfe Krallen; schließlich der Nachsatz des Herausgebers, der den „günstigen Leser“ zu bedenken bittet, „daß, wenn manche wehmütige Vorrede irgendeines andern empfindsamen Autors in die wahre Sprache der innigen Herzensmeinung übersetzt werden sollte, es nicht viel anders herauskommen würde.“

Ich sollte das dringend mal wieder lesen.

 

Weiterführendes Material in sechs lesenswerten Teilen bei „Kater Paul“, von Frau Amsel entdeckt.

 

 

 

Rundumgeburtstag (beim SWR)

20. April 2017

Der Herr Irgendlink war im Fernseh? Ja, aber nicht zum letzten Mal: kommenden Sonntag um 18:45 Uhr kann man den Kunstradfahrer im SWR sehen, wie er in „Einig Land“ einen ganzen Strauß Staunen und Wundern zusammenhält.

Was Sache war, haben die anderen schon erzählt, deshalb (und weil ich den Schluß verpaßt habe) von mir nur kurz:

So ein Landesgeburtstag klingt nach einer drögen Angelegenheit, aber der Auftakt zu den sieben Jubiläumsfilmen verspricht alles andere als Langeweile. Dutzende schöner, skurriler, erfreulicher Geschichten werden gezeigt, die neugierig machen auf dieses doch arg heterogene Provisorium „Rheinland-Pfalz“, das sich in siebzig Jahren unzweifelhaft zu einer Heimat gemausert hat.

Und wenn man einen Protagonisten kennt, guckt man so etwas gleich noch lieber. Also, dringende Empfehlung!

Erledigt

15. April 2017

Die Lieblingsvase, kaum zu sehen vor lauter Blumen.

Nach der Arbeit könnte eigentlich das Feiern kommen, aber manchmal dauert’s etwas, bis der Groschen gefallen ist: doch, es ist geschafft! Wirklich! Und dann weiß man erst mal wieder gar nicht, wohin mit all der Zeit.

Ich habe wenig Erfahrung mit rechten Spinnerkommentaren, bei mir schreiben lauter vernünftige Menschen, und weiß daher nicht, wie man souverän darauf reagiert; aber da hab ich gedacht: so kann man das also machen. (Überlegungen, ob man solche Menschen einfach ihr Zeugs ins Netz bloggen lassen sollte oder ob man nicht doch die Pflicht hat, gelegentlich gegen ihre Weltbilder anzuschreiben, ohne Pöbelei, ganz höflich, vorläufig müdigkeitsbedingt eingestellt.)

Ach, und endlich hat mal jemand fundiert übers Normale geschrieben, einen Text, der geradezu wissenschaftlich beginnt und dann doch recht schnell entgleist, puh. Das Normale ist ja etwas, woran ich mir von Zeit zu Zeit die Zähne ausbeiße.

Die Welt ist bunt. In diesem Sinne: frohe Ostern.