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Kirche im Dorf

10. Dezember 2016

Zur Beerdigung kommt der halbe Ort, mindestens, und noch einmal so viele von weiter weg. Die Kirche ist schwarz vor Menschen und voller weißer Blumen, die Gesichter sind ernst. Hier und da werden Taschentücher verteilt.

Der Posaunenchor spielt, abwechselnd mit der Orgel, und alle singen mit oder versuchen es doch. Der Pfarrer spricht laut und schön und weiß tröstliche Worte, und man ist sich nachher einig, das hat er gut gesagt.

Ein Zug von Wintermänteln zur Grabstelle. Glockengeläut, Psalm 23, Staub zu Staub. Dann stehen alle in der Kälte und werfen ihre Handvoll Erde ins Grab; Händeschütteln und Umarmen, Tränen und Freude: so sieht man sich wieder!

Nachher im Gemeindehaus ist der Kaffee dünn, der Kuchen trocken, das Gespräch gedämpft, doch das ändert sich. Allmählich wird die Gesellschaft lauter, man wirft Sätze über Tischzeilen hinweg, hier und da steckt Gelächter an. Es wird warm.

Zum Schluß kriegen alle noch ein Paket Kuchen und gehen heim, während der kleine Bagger hinter der Kirche die Grabstelle zumacht. Ein Glück hat es nicht gefroren. Es wird dunkel. Das Lachen sitzt locker in der Kehle: wir haben’s hinter uns, es ist geschafft. Und es war ein schönes Begräbnis.

Dabei kommt jetzt ja alles erst: das Fehlen; die Träume; die Korrekturen von Tempus und Kalender; lernen, wie ein Jahr geht. Und die Lektion: so ist das jetzt, und dieses Jetzt wird bleiben.

 

 

 

Es will Abend werden

26. November 2016
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Als ich klein war, dachte ich, wer stirbt, wird ein halbtransparenter Schemen, schlüpft durch eine Wolkenlücke in den Himmel und schaut dann von oben dem Treiben auf der Welt zu, denkt sich sein Teil und freut sich, wenn unten jemand winkt.

Etwas älter dachte ich, der Tod sei egal; Hauptsache, man lebt.

Heute fällt es mir leichter, die eigene Sterblichkeit zu akzeptieren als die anderer. Da kann ich noch so viele Menschen verlieren, das wird nicht besser. Man gewöhnt sich nicht.

Es gibt Geschichten, über die muß man nachdenken, ob man will oder nicht. Vor allem, wenn man nicht will.

 

 

 

 

Im Konsum (rauschfrei)

17. November 2016

 
Als ich klein war, fuhren wir einmal im Jahr nach drüben, eine Winterreise, die ich nicht mochte; es war dunkel, kalt und anstrengend in der Stadt im Osten. In meiner Erinnerung ist alles grau, die Häuser, die kahlen Bäume, die Autos, sogar der Himmel, und die ganze Stadt riecht nach Braunkohlerauch.

Mit der Tante ging ich einkaufen. Wir hatten einzwei Beutel mit leeren Gläsern und Papier dabei, die brachten wir zu einer Sammelstelle am Straßenrand. Dann ging’s in den Konsum, betont auf der ersten Silbe. Im Konsum gab es alles, was es gerade gab. Auch das war grau; einfarbige Schachteln und Tüten und Etiketten auf Gläsern und Flaschen. Die Regale waren oft nur halb gefüllt. Alles hieß anders. An der Fleischtheke, in der kaum was lag, standen wir an; einmal bekam die Tante ein Päckchen von unter der Ladentheke. Manchmal wurden Stimmen gesenkt, dann hieß es: das Brot ist heute nicht gut … Pilze haben wir nicht mehr lang … Warum ist das Brot nicht gut?, bekam ich später erklärt: Das ist aus unreifem Getreide, das wird sofort schimmlig. Warum? Planwirtschaft. Überhaupt, meine Fragen: Wieso gibt es hier so wenig? Wieso sind die Erbsen so grau?, Antworten bekam ich selten, aber ich spürte die Verlegenheit der Verwandten.

Ich wußte, daß wir einmal im Jahr ein großes Paket packten. Da hinein kamen Seife, Kaffee, Damenstrumpfhosen, Konservenananas, Schokolade und Strickzeitschriften („die von hier sind zum Davonlaufen“, sagte die Tante); im Gegenzug bekamen wir Bücher, Noten und Musikinstrumente, Dresdner Stollen, Schnitzarbeiten, Uhren, meist russisches Fabrikat. Manche Sachen kamen nie an (und wieder gesenkte Stimmen).

Vieles verstand ich nicht; etwa, wieso wir Kontakt vermieden, wieso ich die üblichen Fragen: na, wer bist du denn, wo kommst du her, wie gefällt es dir hier nicht beantworten sollte. „Die ist auch von der Sicherheit“, hieß es höchstens mal in den eigenen vier Wänden über eine, die wir getroffen hatten. Fragte ich nach, schauten die Erwachsenen sich gegenseitig an und zuckten mit den Schultern.

Meine Erinnerungen ans Einkaufen im Osten sind Erinnerungen an Bedrückung. Immer war Thema, was es nicht gab oder was von unverschämt schlechter Qualität sei, „nicht so wie bei euch“. Scham, Neid, ein grundlegendes Gefühl von Ungerechtigkeit, aber auch Ins-Unrecht-gesetzt-Sein, denn was konnte ich dafür, daß es hier so ist?

Heute denke ich: dieses Glas-Sammelsystem, das hätte man bundesweit etablieren sollen, diese ganze Bedachtsamkeit. Und: weniger Schreiendes, weniger Plastik, weniger Kaufmichkaufmich würde ich mögen.

 

Zu Jules van der Leys Erzählprojekt Die Läden meiner Kindheit. Mehr Geschichten: hier.

 

Bei die Frau Kruger

16. November 2016

 
Ich war fünf geworden, da bekam ich mein erstes richtiges Taschengeld: zehn Pfennig. Zehn Pfennig! Ich hörte die Mutter was von Sparen sagen, aber der Vater meinte: laß sie doch, das muß sie selber lernen. Ich klemmte die Münze fest in die Faust und rannte aus dem Haus, rannte, was die Beine hergaben, den Schloßmorgen runter, am Heiligenhäuschen vorbei, die Oberstraße entlang (im Winter die Verlängerung unserer Schlittenbahn) bis zu dem grau gefliesten Häuschen mit den breiten Fenstern. Auf den Scheiben stand, braun auf orange, Union Kohlen. Kolonialwaren. Union Kohlen. Kolonialwaren. Vier Stufen hoch, die Türglocke schepperte (das tut sie bis in meine Träume heute), und dann stand ich im Laden von Frau Kruger, wo es immer gut roch.

Regale und Regale an allen Wänden, sogar über der Tür; viele Schubladen. Eine Kühltruhe. Ein Ständer, wo Obst und Gemüse schön arrangiert lagen. Eine Ablage für Taschen und Körbe, auf die ich mich mit den Ellenbogen stützte, wenn ich warten mußte. Darüber die Ladentheke, hoch und beleuchtet, darauf die mattsilbrige Waage (Bi-zer-ba) und eine Reihe großer Gläser. Deshalb war ich hier: bitzelige Brausebonbons; Saure Gurken und Gummischnuller, die an den Zähnen klebten; Plastikmuscheln, aus denen man einen Tropfen Bonbonmasse schlecken konnte.

Frau Kruger war winzig und krumm, als habe sie an Brille und weißem Haarknoten zu schleppen, und ihr Kittel raschelte, wenn sie auf die Trittleiter stieg, um etwas aus den oberen Regalen zu greifen. Ihre Tochter schimpfte dann immer und kletterte schnell selbst. Die Tochter sah ganz anders aus, hieß ganz anders, und sie hatte selbst eine Tochter, mit nur einem Vornamen und ungeduldigen Bewegungen. Sie half gelegentlich aus.

Für zehn Pfennig bekam ich: fünf Brausebonbons. Oder: zwei Saure Gurken. Oder: eine Leckmuschel. Ein Kaugummi kostete fünfzehn Pfennig. Ich lernte schnell zu überschlagen, mich zu entscheiden (das war schwer), zu verzichten und aufs nächste Mal zu verschieben. Frau Kruger hatte Geduld.

Ich lernte auch andere Sachen. Einmal war Frau Kruger krank, das erzählte ihre Tochter; ich ging heim und malte ein Bild für sie. Das brachte ich in den Laden und war sehr erstaunt, als Frau Krugers Tochter erst fast weinte, dann in die großen Gläser griff und mir Süßigkeiten gab, einfach so. Ich ging heim und malte noch ein Bild. Diesmal bekam ich nur zwei mickrige Brausebonbons. Beim dritten Bild hatte ich das Gefühl, Frau Krugers Tochter ist böse; ich verließ den Laden und traute mich zwei Wochen nicht mehr hin.

Manchmal sollte ich Butter kaufen oder Mehl oder Äpfel. Die Frauen aus dem Dorf standen in dem engen Raum und schwatzten, was ich höchstens halb verstand. Frau Kruger hatte Golden Delizius, Koxorangsch und im Winter dunkelrote Weihnachtsrenette. Ich mochte Grannissmiss, aber die gab es nicht oft. Bananen wurden an einen Haken gehängt und so gewogen. Nachher schnappten die Eltern immer nach Luft, wie teuer das sei. Irgendwann gingen sie dazu über, Gummibärchen und Schokolade selbst zu horten, so daß wir Kinder nicht in den Laden mußten, sondern im Wohnzimmer einkaufen konnten; aber das war nicht dasselbe.

(Viele, viele Jahre später ging ich in einen Kiosk in der Stadt und verlangte „eins aus jedem Glas“. Der Besitzer füllte mit Zange die Süßigkeiten in eine Papiertüte. Ich sah ihm an, daß er das viel Arbeit fand für die zweidrei Mark Umsatz, und kaufte noch eine Titanic dazu.)

 

Zu Jules van der Leys Erzählprojekt Die Läden meiner Kindheit. Mehr Geschichten: hier.

 

Provinzbahnhof

15. November 2016
Noch neun Euro zwanzig bis nach Hause.

Noch neun Euro zwanzig bis nach Hause.

Durchgefroren, schlagskaputt, mit schmerzenden Knochen und Muskeln und sehr zufrieden warte ich auf meinen Zug. Irgendwer hat der Scheibe des Wartehäuschens Schmerz beigebracht, vielleicht auch sich selbst, jedenfalls blüht da eine schimmernde Wunde. Ich frage mich, was genau ich daran schön finde, und mache ein Bild.

Heute trägt der Mond ein Cape und hat besondere Kräfte, heißt es. Ich schaue nicht; ich kann ihn ja bald im Internet sehen.

 

Wandertag

31. Oktober 2016

Herr G. hat alles vorbereitet: den richtigen Weg ausgesucht für die zugemessene Zeit, Vorräte besorgt und Kartenmaterial, schönstes Wetter – und Herbst natürlich, Herbst in allen Farben. Ich muß nur noch die Schuhe schnüren und mitgehen.

Dem Nebel davon ...

Dem Nebel davon …

Überm Rhein ballt sich Nebel, der halbe Himmel ist grau. Herr G. guckt besorgt, wir gehen einen Schritt schneller, und dann haben wir die Hochebene erreicht: der Nebel füllt das Flußtal, und wir sehen die Hügel der anderen Seite darauf schwimmen wie Boote auf hoher See. Für uns geht es hinein in den goldenen Oktober. Der Wald hat noch Laub, aber das Licht ist wie im Traum: von unten scheinen hell die gelben Blätter, von oben blitzt es blau, und die Buchenstämme schweben dazwischen wie Silberflammen. Ich muß immer wieder nachschauen, ob ich noch auf dem Boden stehe.

Die Dörfer sind verschlafen, oft können wir mitten auf der Hauptstraße gehen. Einmal kommt uns ein Auto entgegen, dicht gefolgt von einem wütend bellenden gelben Blitz; mit einem Fahrzeug in die Gegenrichtung rennt auch der magere Hund zurück und kläfft uns an, als Beifang sozusagen, bis von einem Hof die Besitzerin kommt und ihn energisch zurückpfeift. Zwei Monate habe sie ihn nun, erklärt sie, aber das Autojagen sei ihm nicht abzugewöhnen. Ein Straßenhund, mit ungewisser Vergangenheit. Traut keinem, spielt sich immerzu auf. Der Hund sitzt dabei und schaut zur Hälfte schuldbewußt. Als wir gehen, schnappt er knapp an Herrn G.s Kniekehle vorbei. Der wird garantiert überfahren irgendwann, sage ich. Oh, einen Tag an der Leine mit zum Autorennen, meint Herr G., und die Sache ist erledigt.

In den Feldern reiht sich Hangar an Hangar: Folientunnel über Erdbeeren, darin Stimmengewirr. Vielleicht ein Dutzend Frauen pflückt und redet auf Polnisch durcheinander; wir grüßen uns freundlich. Zum nächsten Ort hin überholen wir eine alte Dame mit Rollator, die laut mit ihrem Hund zu reden scheint: Nun komm schon, trau dich … Die Hündin folgt ihr brav und gar nicht schüchtern; da erst sehen wir den Schatten jenseits des Weggrabens, eine Katze mit buschigem Fell, die sich ins hohe Gras duckt. Nur einmal, als eine Krähe auf dem Weg landet, löst sie kurz den grünen Blick von Frau und Hund. Langsam, langsam geht die Frau voran, die Hündin bleibt ganz in ihrer Nähe, und die Katze beschleicht das Paar im Abstand. So machen sie das immer, erzählt uns die Frau.

(Kurz vor dem Ort lassen Herr G. und ich einen Linienbus vorbei, viel zu groß für die Feldwege hier, Verkehrsbetriebe Plön steht dran; der fährt in Richtung Erdbeerfeld.)

ra-kuehe ra-ballons ra-baustelle ra-erdbeeren ra-waldzelt

Zwei klitzekleine Hunde treffen wir auf dem Anstieg zum Burgberg. Einer trägt uns einen Stock hinterher, aber den sollen wir nicht werfen, sagt die Besitzerin: zu stockfixiert sei das Tier, das solle jetzt soziale Interaktion üben mit seinem Freund. Herr G. und ich grinsen uns an und machen uns auf den Weg zum Gipfel.

Oben ist es sonnig, wir finden eine Burgruine, Aussicht übers Ahrtal, einen Weg, der mit „Rückweg“ ausgeschildert ist, und schließlich den Bahnhof und einen Kaffee in der nächsten Stadt. Ich bin sehr zufrieden mit dem Wandertag; aber, meint Herr G., es gibt schon ganz schön schräge Hunde auf der Welt.

Die Zielgerade im schönsten Sonnenschein.

Die Zielgerade im schönsten Sonnenschein.

Schöne Sachen XLI

20. Oktober 2016
Ungereimtes.

Ungereimtes.

 

Sie ist’s (Heizperiode)

18. Oktober 2016

Die Sonne zwängt sich durch die Wolkenlücken
und sendet dürre Strahlen gen Asphalt.
Die südlicheren Tage sind vorüber. Es ist kalt.
Zwar möcht ich gerne mich vor der Erkenntnis drücken,

nur hängt das Sommerkleid unübersehbar schlaff vom Bügel,
von dem ich eben erst den Wintermantel rafft‘.
Ich fror dann doch zu sehr in luftig-leichtem Taft
beim Gang durch die (doch grad noch sommerlichen!) Hügel.

Man müßte langsam wirklich auch die Wohnung wieder —
ach was, ich trage Wolle drunter! Und so kühl …
man unterschätzt ja leicht die Temp’raturen nach Gefühl …

Dann tau’n beim Kochen mir am Herd die starren Glieder.
Ich gebe mich geschlagen. Ja: Ich stell die Heizung an.
’s wird Winter. (Nimm es hin. Und dann gewöhn dich dran.)

 

 

Aus der etwas angestaubten Reihe der Haushaltssonette. Und: anderen geht es auch nicht anders.
Und: Mitspieler willkommen!

 

Keine Geschichte

16. Oktober 2016
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Du mochtest die Landschaft, so sanft, so offen, und ihre Fernen. Und das sagtest Du als junger Mann, für den Heimat vor allem zum Verlassen gut war. Ich weiß nicht, ob Du sie wiedererkennen würdest; so vieles hast Du nicht wachsen sehen.

Ich schaue immer für Dich mit.

In meinen Träumen bist Du manchmal so alt, wie Du nie geworden bist.

 

 

 

Fernblick

13. Oktober 2016
Nicht ganz das Dach der Welt ...

Nicht ganz das Dach der Welt …

Hier ist Rheinhessen. So häßlich, klagte mir mal ein Zugezogener aus einer anerkannt schönen Ecke der Welt. Und spektakulär ist es hier wirklich nicht. Nicht die Helden der Sagen oder die Drachen sind hier zuhaus, sondern der Spielmann. Keine Naturwunder, keine Landschaft, die den Atem raubt; das größte Menschgebaute hier sind Autobahnen und Windanlagen. Die Luft teilt man sich mit den Flugzeugen vom Flughafen Rhein-Main.

Dieser Fleck der Erdschale ist gerunzelt und zerschliffen zu Hügeln und Hügeln; dausend Hiwwel, sagen die Einheimischen. Auch dieser Hügel ist nicht hoch, einer von vielen, aber wer ihn durch die Weingärten ersteigt, steht über allem, direkt unterm Himmel, sieht Wolkenzug und Sonnenbahn und unterschiedliches Wetter in verschiedenen Richtungen, müßte nur die Hand ausstrecken und könnte ein Sträußchen Windräder pflücken.

 

(Kleiner Gruß an Frau Amsel, die schon hier oben, und an Herrn G., der ganz da hinten war.)