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Randgruß

28. Juli 2016
Stadtfuchs.

Stadtfuchs.

 

180 Grad (gefühlt), Ober- und Unterhitze

21. Juli 2016

Es ist der heißeste Tag des bisherigen Sommers in einer der heißesten Gegenden des Landes, und da stehen wir, Herr G. und ich, in unseren Wanderstiefeln und mit unseren Rucksäcken, und suchen nach dem Weg. Auf die andere Moselseite müssen wir, wo die Sonne schon auf uns wartet.

Der hat man am Steilhang Lustgärten gebaut, wie die Sonne sie eben liebt: sahareske Wüsteneien. Kein Grün, nicht ein Halm, außer den Reben, und die so schlank, daß sie kaum ihre Nachbarn beschatten. Übermannshohe Mauern fangen die Hitze ein, speichern sie und geben sie im Schwalle wieder von sich. Die Luft wabert. Da müssen wir durch, und zwar nach oben.

Schritt für Schritt für Schritt. Es ist wie Treppensteigen ohne Stufen. Und ohne Geländer, natürlich. Die Hitze schubst uns, so zum Spaß: ob wir aus dem Gleichgewicht kommen? Kommen wir nicht. Wir sind ja noch frisch. Ich denke an die Wasserflasche im Rucksack und male mir aus, wie das Wasser sich darin bis zur Untrinkbarkeit erhitzt.

Endlich oben: schmal ist der Schatten, kurz die Rast. Dann geht es weiter, die Hutkrempe gegen die Sonne gestemmt. Rebreihe um Rebreihe um Rebreihe. Man müßte den Schiefer knacken und springen hören wie Grillkohle, wenn der Schweiß zu Boden tropft. Die Aussicht ist gefährlich: die Mosel da unten liegt zur Hälfte im Schatten. Ich erwäge einen Kopfsprung …

Plötzlich fragt Herr G.: Was ist das denn?, und ich will schon rufen, eine Fata Morgana: ein blendendweißer Kubus an der Absturzkante zwischen den Reben. Ein Herd, ein altes Modell mit Backofenfächern und Eisenplatte und Emaildeckel, Röder heißt er. Und er gleißt. Herr G. hebt prüfend den Deckel, doch, alles echt, und sehr heiß. Von der verrosteten Platte flüchtet eine Handvoll Eidechsen, sicher knusprig.

Der Moselsteig, stellen wir fest, vereint Sonne, Stein und Steillagen. Was aber dem Wein behagt, kann dem Wandern abträglich sein. Das nächste Mal sieht uns die Mosel nicht vor dem späten Herbst, vielleicht auch erst im Winter wieder. Und würde jetzt bitte jemand den Deckel vom Herd wieder schließen?

 

Mit einem Gruß an Soso und Irgendlink, die einen südlicheren Flußweg nehmen, mit anderem Wetter vielleicht.

 

Schöne Sachen XL

19. Juli 2016
Abendfrieden.

Abendfrieden.

 

 

Postfraß

15. Juli 2016

Sagen, wie’s ist:

Befleckt, durchstoßen, offen, leer.
Umreifung gelöst.
Zerrissen, zer- oder eingedrückt.
Kein Defekt.
Lose Verschlüsse.
Verschmutzt/durchnäßt:
Nässe durch externe Einflüsse entstanden
Nässe stammt vom eigenen Paketinhalt
oder ist womöglich nicht bestimmbar.
Kein Defekt, doch Klirrgeräusche.

[Zutreffenden Zustand bitte ankreuzen.]

 

Sehr geehrter Paketdienst,

heute sollte mein sehnlichst und seit Tagen erwartetes Paket eintreffen. Ich war außer Haus, also hatte ich im Geschäft nebenan gefragt, ob man es dort annehmen könnte, und jemanden organisiert, der es vor Ladenschluß für mich abholen würde. Im Laden hatte man ebenerdig Platz freigeräumt, und auch der Abholer war, dem Stadtverkehr zum Trotz, pünktlich vor Ort.

Womit ich nicht gerechnet habe, ist, daß der Zusteller den leuchtend gelb neben meinem Klingelschild prangenden Zettel ignoriert und das Paket einfach wieder mitnimmt. Ich kann es in zwei Werktagen bei meiner Postfiliale abholen. In zwei Werktagen aber ist der Zug abgefahren, der Käs gegessen, der Drops gelutscht.

Ich habe nun allerhand zusätzliche Kosten, ich habe Freundschaften strapaziert, und ich hätte das Paket morgen gebraucht. Dringend. Ich werde morgen keinen guten Tag haben.

Ich sehne mich nach den Zeiten zurück, in denen mehr gelesen wurde. Zum Beispiel Zettel von Zustellern.

Mit mühsam beherrschten Grüßen.

 

 

 

In den Schuhen der Großen

10. Juli 2016

Der Sommer ist zur Ruhe gekommen. Als wäre nie etwas anderes gewesen und als wolle es immer so bleiben, liegt die Wärme auf den Feldern, gilbt das Getreide und dörrt das Heu. Aus dem Zugfenster beobachten wir, wie das Land sich hier flach wie ein Tisch dehnt, um sich an den Rändern zu krausen. Hinter den ersten Hügeln steigen wir aus.

Herr G. hat eine Karte, die ist so alt, daß sie fast vom Anschauen zerfällt. Wir stellen fest: Wanderwege gehören nicht zu den Dingen, die bleiben, wie sie sind; unserer ist an vielen Stellen verlegt worden, dafür aber so gut ausgeschildert, daß man ihn auch freihändig findet. Wir gehen die neue und – Freiheit derer, die die Karte haben –, wo es uns gefällt, die alte Strecke.

Herr G. erzählt von Earl Shaffer, der 1948 als erster den Appalachian Trail komplett bewanderte; als er in Georgia von Picknickern gefragt wurde, wo er denn hinwolle, sagte er: Maine. Den Blick der Frager können wir uns nur zu gut vorstellen, den kriegt man ja schon, wenn man als Ziel das nächste Dorf nennt. Überhaupt, Wanderlektüre! Eichendorffs Taugenichts, der mindestens im Herzen, und Johann Gottfried Seume, der auf beiden Füßen ferngewandert ist. Patrick Leigh Fermor (Rotterdam bis Konstantinopel zu Fuß) und Rebecca Solnit mit ihren Essays zum Gehen (liegen auf meinem Stapel); Robert Macfarlanes Alte Wege haben uns beide fasziniert. Und natürlich Wolfgang Büscher! Herr G., der ihn im Interview gehört hat, sagt, daß er eine schöne Stimme habe. Wie auch anders, wenn einer so schreibt. Hartland mochte Herr G. weniger als ich, aber Frühling in Jerusalem, auch wenn es gar nicht ums Gehen geht – eines der schönsten Reisebücher. Oh, und der Fiat, mit dem Nicolas Bouvier und Thierry Vernet 1954 nach Pakistan gelangten: mit arabischen Gedichten beschriftet, um ihn vor Vandalismus zu schützen; eigentlich auch nur erweitertes Schuhwerk …

Ein bißchen verstört uns, daß wir beide ein Buch über das Wandern gelesen haben, ehrenwert in der Absicht, kein Zweifel, das sich mit seinen Fehlinformationen und unfreiwillig komischen Passagen tiefer im Gedächtnis verhakt hat als so manches, von dem man sich’s gewünscht hätte.

Schafe & Schüssel.

Schafe & Schüssel.

Der Weg durchmißt derweil die Eifellandschaft, ohne uns anzustrengen, unter einem Regenschauer durch und mit Fernsicht bis da hin, wo die Erde sich wegkrümmt. Vulkankegel stehen als Wegmarken in den Wäldern, und das alles mischt und überlagert sich mit den Bildern aus Büchern und Erzählungen, daß wir am Ende kaum wissen, in welcher Geschichte wir uns befinden. Das alles läßt sich klären: man muß den Blick nur ganz auf das Innere einer Kaffeetasse konzentrieren und nicht weiter schauen, als der Kuchentellerrand reicht.

 

Fortgeführter Fernwanderbericht: SoSo und Irgendlink wandern Rhein. Ich wünsche gute Wege und Schlafplätze!

Und hier ein Bericht einer älteren Dame auf dem Moselsteig.

Waldwegrätsel, wieder mal

8. Juli 2016
Durchgefärbt.

Durchgefärbt.

Leider haben wir den Baum dazu (ich stelle ihn mir blau vor) nicht gefunden. Der Ast hatte die Größe eines Stöckchens für einen Dobermann, war offensichtlich morsch und in Zyan durchgefärbt. Kennt das jemand? Ich habe natürlich einen Pilz in Verdacht; alternativ ein Enzym in Dobermannspeichel oder Außerirdische.

(Im Netz findet man mit entsprechenden Suchbegriffen viel Holzspielzeug …)

Update: Danke, liebe Kommentarspalte! Es ist wohl, was der Grünspanbecherling von befallenen Ästen übrig läßt. Das verfärbte Holz soll früher für Intarsien verwendet worden sein.

Weiterlesen …

Echos

1. Juli 2016
tags:

Ich weiß Deine Hände noch, Deine Stimme und Dein Lachen; alles längst aus der Welt, doch meiner Erinnerung wie eben erst verloren. Das hast Du mir dagelassen: daß Du mir fehlst.

Nun gibt es andere, um die ich fürchten muß, und mehr, die fehlen; doch ein Teil von mir denkt, wenn ich an sie denke, immer auch an Dich.

 

 

 

 

 

Smart

16. Juni 2016

Einmal war ich samstags im Wald verabredet. Genauer gesagt: an einem Dorfbahnhof am Waldrand; und um da hinzukommen, mußte ich morgens rechtzeitig meinen Schlafplatz unter einem Baum räumen, fünf, sechs Kilometer über Waldwege bis zu dem Dorf wandern und dann für den Fall, daß die Bahn nicht pünktlich wäre, ein Wartebuch in der Tasche haben. Der Zug kam, die Verabredung stieg aus, und wir gingen erst mal einen Kaffee trinken. Den Termin hatten wir am Donnerstag vorher ausgemacht. Das war 2013.

Ich kenne sonst wenig Menschen ohne Mobiltelefon, aber doch ein paar Leute ohne Smartphone. Einer davon ist R., der mehr von Technik versteht als die meisten und der deshalb sagt, er wolle nichts in seiner Tasche, das smarter sei als er. Nun hatte sich der Treffpunkt zum Essen geändert, das konnte man ihm per SMS mitteilen, aber die Wegbeschreibung? R. kam pünktlich und allerbester Laune. Mit Logik war er in der mittelalterlichen Stadt nicht weit gekommen; aber er hatte einige freundliche Menschen kennengelernt, als er nach dem Weg fragte.

Geschichten wie diese könnten mir nicht passieren. Ich habe schon das schnurlose Telefonieren aufgegeben; ich verliere alles Schnurlose. Weil keine Schnur dran ist, vermute ich. Oder vielleicht auch, weil ich mich nicht angebunden fühlen mag.

 

 

Farbenfreuden

11. Juni 2016

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Raps mit Zugabe.

Pfannkuchen

5. Juni 2016

Ei, Milch, Mehl und Butter nach Gefühl; in der Pfanne blasig gestockt und goldbraun ausgebacken. Solang er noch knistert, auf den Teller. Um den herum stehen die Sommer vergangener Jahre, löffelstarrend: die Marmeladen von L.

Holunderblüte mit märkischem Streuobstwiesenapfelsaft: allein die Holunderblüte ist mir ein Vergnügen; dazu denk ich mir knorrige Bäume an einem Hang, unter brandenburgischem Himmel mit Schwalben darin, und solang man nur nach oben schaut, ist die Welt in Ordnung.

Schwarze Johannisbeere. Mit dem Löffelrücken ausgestrichen, bleibt sie doch schwarz; beim Zusammenrollen schon steigt der Duft nach süßer Erde auf. Wie im Garten der Großmutter, dieser Erinnerungswildnis voller Kirschen und Beeren. Im Kirschbaum lernte ich, daß die hübschen, runden Marienkäfer Raubtiere sind, und im Johannisbeerbusch, daß es sich lohnt, vorsichtig zu kauen, um die Kerne herum. Das hat sich bis heute nicht geändert: so köstlich.

Dann aber! Gold auf der Gabel, beinah scharf, und schon schmeckt’s süß nach Ferne: bittere Orange aus Sevilla! Über den Butterglanz reisen schmale Schalenboote, und beißt man auf eins, ist das Sonnenauf- und -untergang in einem. Nur nicht schlingen! Wie alles Kostbare ist es schnell vorbei: zwei Stück, und der Löffel klappert im leeren Marmeladenglas.

Ein Fest, eine Freude, eine kleine Seligkeit! Die Amsel im Hof stimmt das Große Pfannkuchenlied an, als wüßte sie genau, wovon ich rede.

 

 

 

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