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Essen gehen mit Herrn G.

13. August 2018

Fährt man aus Wiesbaden hinaus ins Grüne, windet sich die Straße durch scheinbar nichts als Wald. Die Bushaltestellen heißen nach allerhand Mühlen; Eishaus; Chausseehaus und (aha!) Knusperhäuschen. Häuser sind aber kaum zu sehen; um die Unterstände drängen sich Bäume.

Das hier ist der Taunus, ein Rauschewald, wie er im Märchenbuche steht. Die meisten Orte hier haben irgendwas mit Kur zu tun; es gibt Heilwasser (Haltestelle: Brodelbrunnen) und Infrastruktur (Haltestellen: Kurhaus, Bäderstraße). Man ist seit hundertfuffzig Jahren auf Tourismus eingestellt; am Straßenrand eine Werkstatt mit dem Schild „Wagenpflege“ läßt charmanterweise offen, ob der Wagen einen Motor haben muß.

In einem der kleinen Orte steigen wir aus. Wir wollen Wald, Anstiege und Aussichten und, wo möglich, eine Einkehr. Es geht zunächst durch Gärten und Felder. Die Brombeeren sind, wo die Sonne scheint, vertrocknet und wo sie nicht scheint, noch nicht reif, die Äpfel Speierlinge oder eingezäunt (an einem Baum sehen wir neben den sich rötenden Früchten: Blüten! mitsamt Bienenbesuch!), die Schlehen zwinkern prall und blau, sind aber adstringierend – kurz, nichts zu holen am Wegrand. Wir verzehren, was die Rucksäcke hergeben.

Wie war das früher? So um Seumes Zeit herum? Wasser mußte man nicht mit sich tragen, da reichte ein Bach und ein guter Geschmackssinn. Brot, Speck, viel mehr wird’s nicht gegeben haben. Wie war wohl das Essen in Gasthäusern – die Schilderungen sind da sehr verschieden; und wenn man bei Bauern anklopfte, bekam man da was auf Treu und Glauben, oder war man dann einen halben Tag als Erntehelfer verdingt? Wie weit trug das Prinzip der Gastfreundschaft? Und: was hätten wir zu geben, wenn wir uns durchschlagen müßten? Ich könnte flicken, sage ich. Und du Gedichte, zu Herrn G.

Im Rheingau werden wir fündig. Das Schild an der Landstraße ist so groß, daß man’s zu Fuß fast übersieht: Forsthaus Weißenthurm 200 Meter, und klein: Kaffee & Kuchen. Am Forsthaus schimpfen uns Gänse aus. Wir poltern in die Stube, wo wir die einzigen Gäste sind. Es duftet nach Pflaumenkuchen, aber der, sagt die Wirtin, ist noch im Ofen. Die hausgemachte Wildsülze, mit frischen Zwiebeln und Bratkartoffeln, ist aber auch hervorragend. Ich käme mir komisch vor, hier ein Tellerfoto zu machen; die Wirtin lächelt, als sie unsere blitzblanken Teller sieht.

Da gehen wir wieder hin, beschließen wir, als wir uns satt und zufrieden in Richtung Rhein aufmachen. 25 Kilometer zum Essen, mir gefällt das. Ein Tagwerk, bei dem man ganz genau weiß, wofür’s gut ist.

Theatrum mundi

2. August 2018

Ich gehe da hin, wenn ich es nur irgend kann: Die Aufführungen der Bühnen Dautenheims im hügeligen Rheinhessen sind nicht nur wegen des Ortes etwas sehr Besonderes.

Dieses Jahr gibt es das Große Welttheater des Pedro Calderón de la Barca (1600–1681), ein Stück des barocken Ideentheaters, und es geht um, nun ja, alles: Was ist der Mensch, wo ist sein Platz, wieso geschieht, was geschieht, und was kommt danach? Der Schöpfer gibt seine Bestellung bei der Welt auf, und die führt dann mit den Menschen, die sie nun gerade zur Verfügung hat, die große Allegorie aufs Leben auf. Die geschliffenen Texte Calderóns in der Übersetzung Eichendorffs werden begleitet von kleinen Musikensembles; die Nacht legt sich langsam über die Spielstätte; es ist ein ganz bezauberndes Spektakel.

Das ist dieses Jahr aber noch lange nicht alles. Dieses Jahr ist das Theater auf Tournee. Die Bühne, ein Aufbau auf zwei schönen alten Erntewagen, wird ein ordentliches Stück durch Rheinhessen gezogen und macht an fünf Spielorten halt.

Den Einzug des Theaters sollte man nicht verpassen. Ich habe ihn in Alzey auf dem zentralen Roßmarkt erlebt: Es rumpelt und klirrt, der Boden bebt, das Publikum hält den Atem an, zwei mächtige dunkle Kaltblutpferde ziehen das Gespann auf den Platz – ein standesgemäßer Auftritt für eine barocke Schauspieltruppe, ein angemessener für den Kosmos. Die Pferde werden weggebracht, die Bühne fertig aufgebaut, und dann entfaltet sich das Stück.

Kostet nichts, Wein ist leicht zu bekommen, Sitzgelegenheiten selbst mitzubringen, und – Profi-Tip – dicht an der Bühne hört man besser. (Für Fern-Zuschauer hält das Theater einen Stapel Reclam-Hefte zum Mitlesen bereit, gegen Spende erhältlich.)

Energie und Liebe zum Detail stecken in dieser Produktion, in der Profis und Laien zusammenarbeiten. Im Hintergrund wirkt die ganze Familie Storr daran mit, daß das Drumherum reibungslos vonstatten geht, und ehrlich, es ist ein kleines Wunder, was da aus einem 500-Seelen-Dorf so alles kommt.

(Mit den öffentlichen Spielorten nimmt das Theater in Kauf, daß nicht nur Theaterinteressierte am Platz sind; auch Stänkerer und Ignoranten gehören wohl dazu zum Welttheater. In Alzey haben sich ein paar gründlich danebenbenommen. Daß es ihnen nicht gelungen ist, der Truppe die Aufführung zu verderben, spricht für die gute Stimmung vor Ort.)

 

Freilichtaufführungen Das große Welttheater von Calderón
Heute in Gau-Bickelheim, morgen und übermorgen in Mainz, jeweils 20:30 – ein wunderbares Sommerabend-Spektakel. Hingehen!

Butter bei die Fische: Europa und das Meer

30. Juli 2018

Nach der Blogparade nun der Ausstellungsbesuch:

Den Neubau des Deutschen Historischen Museums kannte ich noch nicht; ein steinernes Kreissegment, mit Glas verzwirbelt, wie eine überquellende Filmdose. Drinnen ist der Stein glatt und abgerundet, das Raumkonzept auf angenehme Art verwirrend. Es führt eine Rolltreppe nach unten und, beim aktuellen Wetterbericht gewiß interessant, ins Kühle. Unbedingt warme Kleidung mitnehmen – ich zumindest mußte mich zwischendurch immer wieder aufwärmen gehen.

Schon die Übersicht über die Ausstellung zeigt: es ist kompliziert. Europa hat viel Küste, da gibt es viel zu zeigen. Einfach den weißen Linien auf dem Boden folgen und die Ausstellungsinseln besuchen: Mythos, Handel, Politik, Militär, Nautik … Wie sich das gehört, tritt das Thema immer wieder über die Ufer und streift Philosophie, Kunst, Kultur, Ethik. Die Entwicklung des Menschen mag an Land stattgefunden haben – am Meer ist er gewachsen; oft über sich hinaus.

Der zweite Teil der Ausstellung, und wer nur kurz kommt, müßte hier eigentlich den Schwerpunkt legen, befindet sich im Erdgeschoß. Hier geht es ans Eingemachte: Was machen wir Menschen mit dem Meer? Und wie ist das, wenn der gefährliche Weg übers Meer der einzig gangbare scheint, um Armut, Krieg, Repressalien zu entkommen? Detailliert erfahren wir zum Beispiel vom Schicksal der Auswanderer, die jahrhundertelang Europa verlassen haben, um in Übersee ein besseres Leben zu finden.

Geschichte wiederholt sich. Wir sind in der Pflicht, gelegentlich einen Schritt zurück zu treten und uns das zu vergegenwärtigen. Und nicht vergessen: die Vorzeichen können sich jederzeit wieder umkehren. Ebbe und Flut. Diese Ausstellung macht ein gigantisches Angebot an Geschichten. Eintauchen muß man selbst, und sich weitertragen lassen.

 

Deutsches Historisches Museum in Berlin
Ausstellung bis 6.1.2019, Eintritt unermäßigt 8€

Schöne Sachen XLIX

13. Juli 2018

Kirschen im Wald.

Lücken

1. Juli 2018
tags:

Die Sommer werden heißer seither, denke ich jedes Jahr. Als fehlte dein Schatten auf der Erde. Ich frage mich, ob du, was alles fehlt, mitgenommen hast? Und wo geht hin, was ich vergesse?

Einen Stein für meine Tasche.

 

 

 

Zum Meer

29. Juni 2018
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Bei Geschichten und Meer hingefunden; Abzweigung einer Blogparade zu Europa und das Meer:

Rinnsale streben in Bäche, Bäche in Flüsse, Flüsse in Ströme. Ich könnte einem beliebigen Wasserlauf folgen und käme früher oder später ans Meer. Das hat mir immer schon gefallen, das Meer als Ziel. Klare Farben, klare Verhältnisse: unten Wasser, oben Himmel, mit denkwürdigen Ausnahmen.

Stunden schaue ich dem Licht zu, den Wolken und den Farben. Wer am Meer steht, steht vor der Frage: Und nun? Was gibt es noch Fremderes, und wie komme ich da hin? Nirgends ist Wetter schöner und nirgends gefährlicher als hier; Sonne, Wind und Salz zermürben, was sich nicht immerzu erneuern kann. Am Meer ist alles klein, nur Himmel und Wasser nicht. Ich Zweibeiner und Lungenatmer bin ihm ganz und gar egal, es hat ja nicht mal Augen, um mich zu betrachten. Die Liebe zum Meer ist eine einseitige.

Das Meer trägt, ernährt, bezaubert uns. Wir hielten es einst für unendlich und noch bis vor kurzem für unerschöpflich und unverwundbar; das alles ist es, wissen wir inzwischen, nicht. Es hat nicht Fisch für alle, schenkt sein Öl nicht her, schluckt nicht jeden Müll. Es ist bereist und besungen, vermessen, beschrieben und kartiert. Grenzen hingegen sind dem Meer gleich. Menschen haben auch auf See Hoheitsgebiete abgesteckt, und Menschen scheitern an ihnen. Dem Wasser selbst sieht man das nicht an; nur die Toten, die legt es uns an die Strände.

Von der Wasserfläche können wir es lesen: Alles kommt und geht, nichts hat Bestand und nur weniges Gewicht, was wir nicht in uns tragen. Es gibt keine Barmherzigkeit in der Welt als die kleine, alltägliche, die wir zu verschenken haben, und das können wir, weil wir nicht gleichgültig, nicht ewig, sondern weil wir Menschen sind.

 

Alle Flüsse fließen ins Meer. Alles Wasser fließt hinab, hinab bis Normalnull, bis es irgendeins der sieben Weltmeere erreicht; aus Menschensicht strömt es immerzu fort von der Mitte, wie ein umgekehrter Blutkreislauf, dessen Motor und Bestimmung nicht im Zentrum des Ganzen liegt, sondern es rings umgibt.

 

 

 

Mit Herrn G. Büffet

17. Juni 2018

Ein bedeckter, feuchtkühler Sommertag ist wie gemacht zum Wandern: da kann man unverbrannt durch die Felder gehen, und das Wasser im Rucksack reicht gewiß. Man kommt, so dachten Herr G. und ich, gut voran und hat sogar noch Atem übrig.

Bild des Tages.

Zum Beispiel fürs Frühstück. Die nächste Bank nehmen wir, sage ich und habe schon den Rucksack in der Hand, da sehe ich Bremsen auf mir landen, fünf allein auf meiner Vorderseite. Leuchtendgraue Zweiflügler mit nur einem Ziel und Stechwerkzeugen, die durch Kleidung dringen. Wah! Rucksack wieder auf, Tempo beschleunigen, hie und da mal zuhauen und nicht stehenbleiben, bis wir das Bremsengebiet verlassen haben, denn, das wissen wir, ihre Stiche sind die Hölle, und mir fallen mindestens drei böse Geschichten von Infektionen ein.

Der Tag schreitet voran, die Feuchte bleibt, und mit ihr bleiben die Bremsen. Essen ist nicht. Müssen wir die Karte konsultieren, schaut einer auf das Blatt, wärend der andere wedelt und zuschlägt, wo nötig. Von Bremsen beschleunigt, witzeln wir; aber, ganz im Ernst, so allmählich reicht es. Wir reden über Insektenrezepte. Sowie wir langsamer werden, umschwärmen uns die Hungrigen. Von den Mücken nur die Weibchen, das hilft aber auch nicht. Wo sind die Schwalben, wenn man sie mal braucht? Wo ist die Bremsenbremse?

Schrecklich gerne würde ich bei den wilden Kirschen bleiben, aber Schweiß und Fleisch und Blut – wir sind eine Attraktion, sagt Herr G. Da sind zum Beispiel diese winzigen Fliegen, die uns als Schwarm folgen. Stechen tun sie nicht, immerhin. Aber die Mücken: Woher, fragt Herr G., wissen die, in welche Richtung unsereins gucken kann?!

Ich bin einmal schneller gewandert, da waren wir in eine Treibjagd geraten. Diesmal sind wir selbst die Beute. Im Vorübertraben sehen wir: ein Waldeichhorn, eine Handvoll Rehe, Wildschweine mit einer Kaskade Frischlinge, ein paar Aussichten (genauer weiß man’s nicht) und einen Maulbeerbaum, über und über behangen mit glänzenden Früchten.

Ganz erschlagen und halb verhungert fallen wir am Ziel in ein Café. Wir haben Zeit; nur, bitte, bloß nicht draußen sitzen. Wir wurden schon gegessen.

(Die Zecke, die mich erwischt hat, finde ich erst am Tag darauf.)

Postkarte aus Lorch

16. Juni 2018

In Lorch im Rheingau ist gut ankommen: führt ein Taunuswanderweg in den Ort, so kann man gleich hinter dem Ortsschild die Autostraße nach links verlassen und ein enges Sträßlein in den Ortskern nehmen. Dort muß man gar nicht lange suchen, sondern trifft direkt auf eine Bäckerei mit Café, wo es Kaffee auch in Pötten gibt. (Suchen muß man dann am Bahnhof erst; dort stellt ein originelles Gleiszugangskonzept sicher, daß man Richtung Frankfurt schwarz fährt.) Ansonsten hat das Städtchen einen verwinkelten Kern; das Hilchenhaus, ein Renaissancebau, mit dem es gerade noch mal gutgegangen ist; und ein barockes Fachwerkhausgärtlein mit dem allerschönsten Blühdurcheinander, das ich je in einer Stadt gesehen habe. Und was finde ich nachher auf meiner Speicherkarte?

Bloß Bilder von der Mauer zum Rhein hin. Nun. Lassen Sie sich nicht irre machen; in Lorch ist wirklich gut ankommen. Schauen Sie einfach selbst.

Im Museum

9. Juni 2018

defekt eros
Hie defekt, da geflickt.

Pohlednice z Prahy

29. Mai 2018

Prag, Mutter aller Städte, die Vielfotografierte: im Sommer ist sie tatsächlich golden. Kein hochglanzpoliertes, sondern ein altes Stück, schnörkelig, schadhaft, gewiß nicht leicht zu reinigen. Von den Hügeln aus wirkt Prag, als habe man die Glanzstücke aus allen Stadtbildern zu einem zusammengeschoben, so daß das Auge kaum weiß, wohin. Auch im Kleinen keine Ruhe: jede Fassade grüßt mit Figuren und Fratzen, man will durch die Straßen und Gassen wandern mit dem Kopf im Nacken und bloß keinen Giebel verpassen; man würde wohl von Hunderten, ja, Tausenden vorangeschoben, mitgerissen an den Sehenswürdigkeiten vorbei.

Postkartenhimmel, natürlich.

Die Moldau, breit fließt sie hier, gesäumt von Steinpracht und kühlen Parks, schenkt Ruhe, wenn man die Anmache der Vergnügungsschiffsmatrosen ignoriert und den wirbelnden Strom von Touristen in den Uferanlagen.

Versteckt mitten im Gewühl gibt es Orte, an denen man mehr Tschechisch hört als Englisch. Parks mit tiefen Bänken für Schachspieler, Innenhöfe voller schlafender Tische und Stühle, Museen, Passagen. Und überall Gedenkplaketten: Mahnmale für ermordete Ketzer, Juden, Nonkonforme, Intellektuelle, Kämpfer für Demokratie und Freiheit. Gerade wieder gegenwärtig ist der Einmarsch sowjetischer Streitkräfte, die den Prager Frühling vor fünfzig Jahren blutig beendeten.

Heute wird der Stadt eine andere Art Gewalt zugefügt: Nicht zu übersehen ist die Touristenflut, die zwar Geld bringt, den Altstadtbewohnern aber ein normales Leben unmöglich macht. Unsichtbar sind die Investoren, die den ohnehin kostbaren Wohnraum ins Unglaubliche verteuern. Wer in der Prager Innenstadt wohnt, verkauft keine Brötchen, hat keinen Handwerksbetrieb, steuert keine Tram. Nicht einmal Akademiker können sich das leisten. Aber wer bewohnt, wer belebt dann das Herz dieser Stadt? Oder genügt sie als Kulisse?