Einträge tagged ‘Reisen

20
Sep
09

Wahre Schönheit

Durchblick

Was treibt eigentlich die Völklinger Hütte so?

Das Alte Mädchen hat das Rauchen aufgegeben. Sie hat lange keine Männer mehr gefressen, kein Feuer mehr gespien, und sie säuft nicht mehr das Wasser aus der Saar. Ihr Kreischen und Rumpeln ist Vergangenheit, und die Hemden auf den Leinen der Stadt läßt sie sauber.

Ruhig ist sie geworden. Sie hat ihren grünen Daumen entdeckt, auch ihr Herz für Kinder. Sie gibt sich kulturbeflissen und, irgendwie, geschichtsbewußt. Dabei weiß sie über Spuren braunen Drecks hinwegzusehen.

Ihr letztes echtes Laster ist die Spitzenwäsche, in die der Rost sie kleidet und die sie schrecklich gerne herzeigt. Irgendwann, fürchte ich, wird ihr das zum Verhängnis werden. Wie dem auch sei — man dreht sich auf der Straße um nach ihr, und noch, noch ist sie jeden Umweg wert.

Besucht die Völklinger Hütte!

Rost

04
Sep
09

Trampen mit M.

Es war Sommer, ich war jung und ich war noch nie getrampt. Das, meinte M., könne man ändern. Er reiste ausschließlich auf diese Weise, das fand er billig und unterhaltsam. Also zogen wir los, Ziel: Amsterdam. Was auch sonst?

»Wenn wir erst auf der Autobahn sind«, meinte M., »dann sind wir eigentlich schon da.« Nach zweieinhalb Stunden an der Auffahrt zur Bundesstraße hielt endlich jemand. Wir arrangierten uns mit einem halben Hausstand auf dem Rücksitz und schwiegen etwas mit der Fahrerin und ihrem Freund.

»Viel Glück«, wünschten sie uns zum Abschied an der Raststätte.

Den nächsten fanden wir schnell, einen Geschäftsmann, Anzug und Krawatte. Seine Augen leuchteten ein bißchen auf, als er uns sah; klar könnten wir mitfahren, bis Köln, gerne. Das Auto war ein Sportwagen, kaum Kofferraum und fast kein Rücksitz für uns, unsere Rucksäcke und das Zelt. Auf dem Beifahrersitz saß eine blonde Frau mit Miesmund. »Ich will nicht, daß hinterher was dreckig ist«, sagte sie zur Begrüßung. Dann schwieg sie so eisig, daß wir den Fahrer baten, uns doch am nächsten Rastplatz wieder rauszulassen. Wir wollten ihm ja keine Schwierigkeiten machen. Der Geschäftsmann schickte uns einen entschuldigenden Blick nach; als der Wagen losfuhr, hörten wir Frau Miesmunds schrille Stimme …

»Rastplatz,« meinte M., »schwierig. Wir werden nehmen müssen, was geht.« Das war dann ein LKW. Der Fahrer hieß Kalle und freute sich über die Gesellschaft. Er war auf dem Weg von Portugal nach Dänemark; das fuhr er jede Woche. Und seine freien Tage verbrachte er gleich »da unten, is schön waam da, und billjer wie hier.« Sein Führerhäuschen war seine Junggesellenwohnung. »Wat hab isch’n Beruf — den ganzen Tach in Sessel sitzen und ausm Fenster gucken!« Dann lachte er zahnlückig. Wir schlossen ihn ziemlich ins Herz und genossen den Blick auf die Autobahn. Zum Abschied öffnete er den Laderaum und schenkte uns jedem eine Packung »escht pottugiesche Kekse«, die wir später wegwarfen; sie bestanden aus Zucker und Zusatzstoffen.

Dann stiegen wir in den Wagen eines Pärchens, der vor Techno vibrierte. Daß wir einen Fehler gemacht hatten, ahnten wir, als der Fahrer im dritten Gang auf der Beschleunigungsspur überholte. Als ihm seine Beifahrerin das erste Bier öffnete, machte M. mir hektische Zeichen. Das Radio dröhnte, die beiden brüllten sich an: Er solle nicht so viel trinken; er könne trinken, soviel er wolle, und sie solle ihm noch eins aufmachen, blöde Kuh. Wir klammerten uns an unsere Sitze. Am nächsten Rastplatz (M. war übel) ging er Bier holen, und sie erklärte uns, ihr Freund sei eigentlich ein ganz Lieber. Als er dann sah, daß wir unser Gepäck aus dem Kofferraum klaubten, versuchte er noch, uns das Auto zu verkaufen. Wir lehnten ab und machten uns aus dem Staub.

Weiter kamen wir erst viel, viel später, im gepflegten Oldtimer eines Kunstsachverständigen mit lichter Frisur. Der wollte zwar leider nicht nach Amsterdam, aber nach Holland schon, »was auch sonst«. Wir entschieden uns also aus praktischen Gründen für Maastricht; der Kunstsachverständige und M. fachsimpelten über Zappa und Steely Dan, während ich auf der Rückbank einschlief.

Maastricht hatte einen Zeltplatz unter Sternen, bucklige Gassen, einen Supermarkt und ein Kneipenschiff; es war sehr hübsch und beschaulich und ein bißchen romantisch.

Nach eineinhalb Tagen ging es zurück, hinter karierten Vorhängen im Wohnmobil eines älteren holländischen Ehepaars. Die beiden erklärten uns, wir hätten Glück. In den Niederlanden könne man nicht trampen, da nehme einen kein Mensch mit.

Dann kam der Augenblick der Trennung: wir mußten in unterschiedliche Richtungen weiter. M.
patrouillierte auf der Raststätte und sprach reihenweise Fahrer an, bis er einen gefunden hatte, der nur eine Stadt von meiner entfernt wohnte. Er trug ein gestricktes Käppchen, im Auto lief Reggae, und auf der Rückbank schlief ein Bernhardiner. »Mit dem kannst du fahren, der hat einen Hund,« bestimmte M., »er setzt dich dann am Bahnhof ab. Und ruf mich an, egal, wie spät es ist.«

Ich fuhr also mit dem kleinen, rundlichen Mann. In der Stunde, die wir zusammen hatten, hörten wir Reggae, ich streichelte die Hündin, die Bismarck hieß, und er erzählte mir von seiner Anklage wegen sexueller Belästigung. In ein paar Tagen sei die Verhandlung, das mache ihm schon arg zu schaffen.

Schließlich brachte er mich nicht bis zum Bahnhof in seiner, sondern zu dem in meiner Stadt, weil ich ihm so nett zugehört und nicht »irgendwie doof reagiert« hätte. Bismarck wachte kurz auf und guckte treu, als ich ausstieg.

Als ich M. hinterher von meiner Heimreise erzählte, spürte ich ihn durchs Telefon erbleichen.

Heute nehme ich auf langen Strecken den Zug. Auch nicht schlecht, was die Geschichtenausbeute angeht, aber an diese Reise mit M. reicht irgendwie nichts heran.

02
Aug
09

Postkarte von der Ostsee

Woraus Ferien bestehen: aus dem weißesten, weichesten Sand, Sonne auf den Schultern, dem vornehmen Rauschen der Ostsee und Nadelbaumduft. Alles Wichtige ist woanders. Wo komme ich gleich noch her? Muß ich da je wieder hin?

Und ein Stück weiter links die See.

Und ein Stückchen weiter links die See.

Der Nordosten hat mich überrascht, Usedom war wunderschön. Über die mehreren Millionen Marienkäfer konnte ich hinwegsehen — so ein Hut ist eine feine Sache. Ich habe Räucherfisch gegessen, Sterne beobachtet und für alle Fälle die Adressen notiert. Vielleicht sind ja irgendwann mal wieder Ferien.

Nicht sehr rauh, dieses Meer

Ein braver Strand (nicht die Nordsee)

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23
Jun
09

Postkarte aus Hamburg

Architektenträume

Architektenträume in der Hafencity

Nachts am Hafen

Hamburg ist schick, sieht bei jeder Beleuchtung toll aus. Hambug hat Kultur, Geld, Lebensart. Eine gute Partie.

Wenn diese Stadt lächelt, sieht man ihr gepflegtes Gebiß, o ja, noch das eigene; hier und da sorgfältig wieder hergerichtet. Den Familienschmuck trägt sie gut sichtbar, ist aber auch Modernem nicht abgeneigt. Nur stimmen muß es. So putzt sie sich vor jedem Spiegel, ganz ohne Scheu. Hamburg achtet auf sich.

Auch das Untendrunter kann sich sehen lassen: Fliesen oder Kunst, hell, sauber, unmißverständlich beschildert. Es riecht frisch, nach Effizienz, nicht nach Abenteuer.

Sie muß einen festen Händedruck haben und ein lautes Lachen, womöglich einen Appetit auf deftige Kost. Hat ja viel gearbeitet in ihrem langen Leben. Vielleicht wird man auch mal, wenn man sie gut kennt, an ihre weiche Brust gedrückt und kriegt einen Grog gegen die Kälte.

Aber sicher nicht beim ersten Mal. Eineinhalb Tage sind ja auch keine Zeit.

Dann man auf Wiedersehen, Hamburg.

Planten und Blomen ist nicht dasselbe,

Regenpause in Planten un Blomen

wenn man über die Hecken gucken kann

Der Fernsehturm: Restaurant geschlossen




 

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