Archiv für Oktober 2008

28
Okt
08

38,3

Wenn es dich jückt, wo du nicht kratzen kannst, dann ist Gefahr im Verzuge!

Diese alte Bauernweisheit hat Friedrich Sieburg (glaube ich zumindest) verfaßt, als er mit 40° Fieber im Bette lag. Und Radio hörte. Und darüber ein Textlein schrieb, das hieß „Die sanfte Fieberkurve“; das habe ich als Kind gelesen in einem Buch namens „Kleines Handgepäck“, weißer Leineneinband, auf dem grauen Sessel in der Sonne, mit Blick auf die Felder hinterm Haus. Als Kind ist man beeindruckbar, und später freut man sich, daß man sich noch an solche Details erinnert. Zumal wenn man ein bißchen erkältet ist. weiterlesen ‘38,3′

24
Okt
08

Fahrendes Volk

Heute habe ich etwas richtig nützliches gefunden — eine Scherenschleiferwerkstatt: Kreischender Schleifstein, Poliergerät, Tücher, Zangen, Hämmer und anderes Werkzeug, alles säuberlich untergebracht im Kofferraum eines Kastenwagens. Der stand am Straßenrand vor dem Lebensmittelgeschäft. Man trägt seine Messer, Scheren, Beile hin und kann sie eineinhalb Viertelstündchen später wieder abholen. Man kann auch einfach dableiben und dem Scherenschleifer bei der Arbeit zuschauen.

Bedächtig zieht er jede Klinge über den rotierenden Schleifstein, mit immer den gleichen Bewegungen, erst über den groben, dann über die feineren, und am Ende wird nochmal poliert. Die Maschine jault, es riecht nach heißem Metall. Nachher schimmern die geschliffenen Flächen matt; die Winkel sind alle identisch, die Klingen haarscharf.

Der Scherenschleifer ist ein kleiner, freundlicher Mann in fleckig-grauem Kittel; über der schwarzgerandeten Schutzbrille trägt er eine Lesebrille, und beim Lächeln zeigt er nicht mehr viele Zähne.

Ob die Messer für uns seien? fragt er noch einmal nach. Dann mache er sie nämlich richtig scharf. Wenn sie älteren Damen gehörten, sei er da etwas vorsichtig, vor allem, wenn diese nicht mehr richtig sähen …

Alle paar Wochen kommt er in die Stadt; meist hält er da, wo viele Restaurants sind und viele Köche mit Bedarf an scharfen Klingen. Feste Zeiten und einen festen Platz hat er nicht. Ein bißchen Glück gehört dazu, ihn zu erwischen.

Früher fuhr so einer in einem klapprigen Lieferwagen über Land und läutete seine Glocke am Dorfplatz, bis die Hausfrauen ihre stumpfen Messer zusammengesucht hatten. Er lötete auch löchrige Kellen und und flickte schadhafte Töpfe. Dieser Messerschleifer dagegen ist in einem nagelneuen Kastenwagen unterwegs. Die Kofferraumklappe dient ihm bei der Arbeit am Straßenrand als Dach, wenn es regnet; seine Werkstatt ist mit einer stabilen Plastikplane vom Fahrerraum abgetrennt, und eine extrastarke Autobatterie betreibt den Schleifstein. Vorn auf dem Armaturenbrett thront ein Navigationsgerät.

Aber die Gestalt, die sich über den Schleifstein beugt, den Mann mit dem speckigen Kittel und dem löchrigen Lächeln, der am Straßenrand seine Arbeit verrichtet, den habe ich vor dreißig Jahren schon gesehen.

Und andere vor mir, noch einmal dreißig, hundert, zweihundert Jahre früher.

13
Okt
08

abwesenheitsnotiz

So, es ist Urlaubszeit — fort, fort! Muß sein. Sonst wäre man ja gar nicht rausgekommen dieses Jahr. Also dreh ich hier mal die Heizungen klein, stelle das Internet ab und hoffe, daß die Blumen nicht alle vertrocknen. (Der nette Nachbar hat leider einen braunen Daumen.)

Bis bald!

06
Okt
08

Timmerbergs Reisen

Gerade habe ich ein Buch gelesen, „In 80 Tagen um die Welt“ von Helge Timmerberg, 55. Er probiert aus, was es im Zeitalter von Charterflügen, Internetbuchung und weltumspannenden Konzernen bedeutet, gut elf Wochen Zeit für eine Umrundung des Erdballs zu haben. Allein die Namen der Stationen lassen Reiseromantik aufkommen: Venedig, Rimini, Kreta, Bombay, Tokio, Mexico City, Dublin …

Ich verrate nicht zuviel, wenn ich sage: Romantisch ist anders.

Vergleiche bleiben nicht aus, wenn ein Vielgereister reist. Und in diesem Falle sind das keine Vergleiche mit Jules Verne. Rimini beschwört Bilder von Familienurlauben in den Fünfzigern; der alte Hippie sieht die Drogenparadiese des Ostens wieder, und einer, der ein paar Jahre in Kuba gelebt hat, muß das Havanna der Neuzeit ertragen. Ist man irgendwann zu alt zum Reisen? Wenn das Buch eine Pointe hat, so ist es die Antwort auf diese Frage.

Bei all dem pflegt Timmerberg eine lesenswerte Sprache. Er ist kein Schönschreiber, sondern ein subjektiver, vielleicht ehrlicher, aber seine Vergleiche sind nicht abgenutzt, seine Beschreibungen funkeln noch, und sein Erleben überrascht. Streckenweise liest sich das wie ein langer (guter) Qype-Artikel, nicht nur, weil Timmerberg naturgemäß viel über Hotels schreibt. Außerdem kommen Passagen vor wie

[...] Bücher über die Stadt schreiben. DEN großen Rimini-Roman. „Für eine Handvoll Gelato“ oder „Vier Gelati für ein Halleluja“ oder „Gelato pflasterte seinen Weg“. Falls das eine Spur zu Gelato-Western rüberkommt, können wir es Hemingway-mäßiger machen: „Wem das Gelato schlägt“. Márquez geht auch, Doppelband: „Gelato in den Zeiten der Cholera“ und „Hundert Jahre Gelato“. Und wie wär’s mit „Gelato und Sühne“ (Dostojewski), „Die Gelatolandfahrt“ (Hesse) oder „Gelatotagebuch“ (Kerouac) — [...] (Seite 41).

Das kommt meinem Hang zur Albernheit entgegen. Doch, auch mir gehen derlei Witze irgendwann auf den Keks, aber bedeutend später als den meisten anderen, und nicht ohne daß sich die Sache verselbständigt und eine Weile in meinem Hirn herumgetrieben hätte: „Der Name des Gelato“. „Wenn ein Gelato in einer Winternacht“. „De bello Gelato“.

Achja: Das gebundene Buch ist ein richtig schönes. Der Rowohlt-Verlag hat sich nicht lumpen lassen und einen farbigen Schutzumschlag, die Reiseroute auf den Einbandinnenseiten, ein Lesebändchen sowie Zeichnungen von Harry Jürgens spendiert, die Jules Verne graphisch mit den Themen Timmerbergs verbinden.

Helge Timmerberg:
In 80 Tagen um die Welt
287 Seiten mit s/w-Zeichnungen
Rowohlt, 2. Aufl. 2008
ISBN 978-3-87134-593-7




 

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