Archiv für September 2008

22
Sep
08

Bild für Bild, Tag für Tag

www.americanelf.com
Autor: James Kochalka (USA)
erscheint täglich
Genre: Tagebuchcomic

Wie lebt man wirklich zeiteffizient? Was denken rachsüchtige Katzen? Wie sähe eine Bibel für Mädchen aus? Alle diese Fragen und mehr beantwortet

www.americanelf.com

Er gilt als der „Vater des Tagebuchcomics“: James Kochalka ist ein erfolgreicher Musiker und Zeichner, der mit seiner Familie an der amerikanischen Ostküste lebt. Am 26. Oktober 1998 hat er angefangen, zu (beinahe) jedem Tag seines Lebens eine Zeichnung zu machen; damals war er 31 Jahre alt. Seit 2005 steht dieses Sketchbook Diary online.

Mit reduzierten Mitteln fängt Kochalka ein, was menschliches Dasein ausmacht. Offen und aus erstaunlichen Blickwinkeln schildert er sein Zusammenleben mit der (entzückenden!) Amy und mit Spandy, die Geburt seiner beiden Söhne Eli und Oliver, Rockkonzerte, Weihnachtsfeste, Streit und Freundschaft. Wind und Wetter, Musik, betrunkene Nächte. Essenz des Alltags. Jeden Tag ein neues Bild, ein neuer Einblick. Ein bißchen, ein ganz kleines bißchen wie Twitter: Was macht er gerade –?

Naja, dachte ich nach den ersten Bildern, nichts Besonderes. Alltag halt. Und dann habe ich die Tagebücher komplett gelesen — ich konnte nicht anders. Drei, vier Folgen, und ich war völlig in den Bann gezogen.

Anschauen! Im Netz kostet’s nichts — oder gleich als Buch kaufen!

21
Sep
08

Loriot lebt

Samstags im Käseladen. Die Schlange ist schon beträchtlich, als ein älterer Herr an die Reihe kommt. Beige Jacke, vernünftiges Schuhwerk, Typ pensionierter Studienrat.

Er erklärt, er habe am Abend Gäste, und da wolle man sich zum Wein etwas Schönes gönnen. Voller Elan verlangt er ein Stückchen hiervon, ein Stückchen von diesem, von jenem und dem dort drüben — nein, dem anderen — und ein Viertel davon. (Die Warteschlange scharrt mit den Füßen.) Achja, den da hätte er fast vergessen, den esse sein Schwager so gern. Der dort sei aber wohl nur für den Export gedacht, den wolle er nicht. Das Original habe er bei seinen jährlichen Schweiz-Aufenthalten genossen, aber so etwas bekomme man nicht überall. (Irgendjemand verschluckt sich und hustet. Der Gesichtsausdruck der Käsefrau wird immer sparsamer.) Dafür aber noch zwei Scheiben von dem da, aber bitte nicht so ein löchriges Stück (einer aus dem hinteren Teil der Schlange geht), und ein kleines Stückchen — nicht so viel! — von dem dort, zum Probieren. — „War es das jetzt?“ — „Jaja, das sollte genügen.“ — „Macht dann … <Betrag deutlich unter zwanzig Euro>.“

„Oh, haha, na, das ist ja nicht ganz billig. Aber bei Käse“, wendet er sich an das zahlreiche und eisern schweigende Publikum, „bei Käse kenne ich keine Grenzen.“

19
Sep
08

Webcomics!

Vor einigen Jahren habe ich im Netz das entdeckt, was mich bislang am nachhaltigsten fasziniert: Webcomics. Sporadisch oder regelmäßig stellen meist junge, wenig bekannte Comic-Künstlerinnen und -Künstler ihre Arbeiten online. Die meisten von ihnen stammen aus dem englischen Sprachraum; unter den gut dreißig Comicautoren, die ich regelmäßig (alle auf Englisch) lese, sind eine Schwedin, eine Niederländerin und ein Chilene. Deutsche Comics, die mich gefesselt hätten, habe ich bislang nicht gefunden — na, vielleicht ändert sich das noch.

Viele sind gut, einige sind grandios. Sämtliche Stilrichtungen von den klassischen Sunday Funnies bis hin zu experimentellen Fotomontagen sind vertreten; die Themen sind breit gestreut. Manche der Comics haben einen gewissen Berühmtheitsgrad, ja sogar Kultstatus erreicht. Einige lese ich, weil mich die Entwicklung des Künstlers oder der Künstlerin interessiert, von anderen komme ich einfach nicht mehr los und warte jede Woche gespannt darauf, wie die Geschichte weitergeht. Tolle Sache.

Meine Lieblinge will ich hier in der nächsten Zeit in loser Reihe vorstellen.

18
Sep
08

Nur für eine Nacht …

Hach, ist das schön — den Tag mit verquollenen Augen und leicht matschigem Hirn verbringen, weil man in der Nacht nicht aufhören konnte zu lesen. Früher waren Michael Ende, J.R.R. Tolkien oder Otfried Preußler schuld an sowas, später dann Dorothy L. Sayers. Das Erlebnis wird jedoch mit steigendem Alter und wachsender Leseerfahrung seltener und seltener.

Jetzt hat mich endlich wieder mal einer erwischt: Von einer lieben Freundin bekam ich die ersten beiden Bände der schwedischen Thriller-Trilogie von Stieg Larsson ausgeliehen, mit dem Hinweis, sie habe sie nicht aus der Hand legen können.

Nach dem Selbsttest kann ich sagen: Band 1, Verblendung, geht nach etwas schwerfälligem Einstieg ab wie eine Rakete. Da stimmt einfach alles — interessante Charaktere, schwedisches Lokalkolorit, komplexe Handlung mit überraschenden Wendungen. Herzklopfen bis zur letzten Seite.

Schwups, war die Nacht vorbei, und von den verbleibenden drei Stunden Schlaf lag ich noch eine halbe wach.

Auch Band 2, Verdammnis, ist gut. Nicht ganz so rund wie der erste — man kennt die Figuren schon, stolpert über vier, fünf Plotlöchelchen und -löcher; aber immer noch außerordentlich packend, das Ganze. Das war dann die zweite Nacht.

Ich werde mich hüten, etwas zum Inhalt zu schreiben, und rate auch davon ab, den Klappentext vorweg zu lesen. Stieg Larsson ist aber mein Tip für lange Bahnfahrten, verregnete Wochenenden und einsame Nächte.

Noch ein Wort zur Übersetzung: Ich weiß, daß schönes Deutsch schwierig ist. Aber daß bei Schwedisch-Deutsch dieselben dusseligen Fehler passieren wie bei Englisch-Deutsch, nervt doch: ein pathetisches Häuflein verängstigter Männer. Aua. Oder: Die Einsamkeit fühlte sich immer klaustrophobischer an. Was immer dieser Satz bedeuten soll — sicher nichts Gutes, das steht fest.

Nun weiß ich auch, daß Übersetzer nicht viel Geld bekommen und sich ranhalten müssen, wenn sich das Geschäft lohnen soll. Im großen und ganzen sind die Bücher ganz gut lesbar — und, hey, für eine Nacht …

Jedenfalls freue ich mich auf Band 3. Vergebung heißt er. Aber bevor mir der ins Haus kommt, muß ich doch erst mal mein Schlafdefizit ausgleichen.

Nachtrag: Jepp. Chris hatte recht. Band 3 hält, was die ersten beiden versprochen haben.

Für Vergebung habe ich zwei Tage gebraucht (manchmal muß man die Krimilektüre leider zum Arbeiten unterbrechen). Es ist bewundernswert, wie Larsson alle Handlungsfäden und -fädchen in einen Zusammenhang verwebt. Spannend bis zum Schluß. Bloß die Deutschschlampigkeiten sind noch ein bißchen auffälliger als in den ersten Büchern.

So, das war’s. Aus Schweden dräut noch eine Verfilmung, aber mehr gibt’s dann nicht von Larsson. Er ist 2004 gestorben, und schon die drei Millennium-Bände sind postum erschienen.

Achja, gibt es eigentlich noch jemanden, der Salanders Diagnose anzweifelt?

12
Sep
08

… aus Großbritannien:

Selbstgebastelte Comedy von Monty Helge Radioface.

Essigchips aufmachen und alle drei Teile von „Fitting in“ als Serie verputzen.

(Gefunden im Blog von John Allison, der auch schöne Webcomics malt.)

10
Sep
08

Emanzipation

Ich habe früher gern für Gleichbehandlung der Geschlechter gestritten. Von daher hätte ich eine Soldatin in Uniform gar nicht besonders anstarren müssen. Die aber, die sich im Zug neben mich setzte, war ein … Prachtexemplar. Darf man das sagen?

Sie hatte die kastanienbraunen Haare kunstvoll hochgesteckt (soweit ich das unter dem Barett beurteilen konnte); ihre farbenfrohe Brille konkurrierte mit perfektem Makeup. Als erstes holte sie die Gala aus dem Rucksack, legte sie auf ein Tarnhosenknie und blätterte andächtig im Modeteil. Ich dachte darüber nach, ob man mit manikürten Dezimeterkrallen (mit eingelassenen Glitzersteinchen) Gewehre putzen kann. Nachdem ich gesehen habe, wie sie auf ihrem Klapphandy SMS tippte, glaube ich: man kann.

Über der ganzen Erscheinung schwebte eine Wolke schweren, süßen Duftes, die sie vollends surreal machte. Später erzählte sie fröhlich, sie habe sich für acht Jahre verpflichtet, Panzerartillerie.

Ich dachte: Schwester, ich hätte zwar Zivildienst gemacht. Aber die Bundeswehr ist anscheinend nicht mehr, was sie mal war. Und das ist doch auch schön.

04
Sep
08

Verspätung

Am Bahnhof in der bayerischen Kleinstadt.

Nach langem Warten am Gleis kommt die Durchsage: Die S-Bahn nach München fällt aus wegen eines Personenschadens …

Der Punker neben mir, fassungslos: Vor die S-Bahn ist einer gesprungen? Ja, hat denn der gar keine Selbstachtung?!

03
Sep
08

Besuch bei Muttern

Irgendwann kommt das Alter, in dem die Eltern schwierig werden. Damit meine ich nicht die Pubertät, sondern die Phase, in der das Mütterchen, frisch in Rente, sich ein Cabrio kauft (hat er mir günstiger gelassen!) und eben keine Wirbelsäulengymnastik macht (och, die hält jetzt schon so lange …).

Jeder Besuch endet mit Kopfschütteln, händeringenden Appellen an den Himmel, doch etwas Vernunft fallen zu lassen, und der trotzigen Bemerkung mütterlicherseits: Du kümmer dich mal um deine Angelegenheiten.

Andere Dinge nerven anders. Mit Betreten der Wohnung scheine ich plötzlich wieder drei Jahre alt zu sein — erstaunlich, wie viele Verkleinerungsformen es für meinen Namen gibt –, darf mir kein Glas Wasser selbst holen und den Tisch nicht abräumen: Laß mal, ich mach das nachher. Wozu hat mich meine Mutter zur Selbständigkeit erzogen, wenn sie mich jetzt nicht mal meine Jacke allein aufhängen läßt? Dabei komme ich besser an den Haken als sie, ich bin fünfzehn Zentimeter größer.

Über die Frage Ißt du auch ordentlich? haben wir uns inzwischen so oft gestritten, daß sie durch eine kommentarlose warme Mahlzeit ersetzt wurde. (Wir Geschwister schauen uns dann nur noch an und verdrehen die Augen. Was soll man auch sagen — sie meint es ja gut.)

Werde ich auch mal so?

Besuch bei Muttern. Oft mache ich das nicht, meinen (und ihren) Nerven zuliebe. Verwandte, so heißt es treffend, kann man sich nicht aussuchen, mit denen muß man leben. Und zwar um so unerbittlicher, je mehr man ihnen früher einmal selbst Stirnrunzeln bis Kopfzerbrechen bereitet hat.

Andererseits gibt es auch Lichtblicke: Kurz nach dem Cabrio hat sich meine Mutter ihre erste BahnCard angeschafft, für die weiten Strecken.

Eine Sorge weniger.




 

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