Archiv für August 2008

30
Aug
08

Frühaufsteher

Heute ist Fest in meiner Straße, ab sechs Uhr offenbar. Um diese Uhrzeit müssen alle parkenden Autos weg sein — meines auch.

Bin ich also früh um halb sechs losgezuckelt, habe aber nichts gefunden in der Nähe. Dann eben raus aus der Innenstadt, in die Hellwigstraße, und die knapp zwei Kilometer nach Hause laufen. Erinnerungen an meine Schulzeit werden wach — an den Job als Zeitungsausträgerin …

So früh ist es noch still in der Stadt, die Luft morgenkühl und frisch. Im Gründerzeitviertel leuchten einzelne Fenster in den dunklen Fassaden. Dahinter bringen Mütter ihre Säuglinge noch einmal ins Bett, spielen Computerspieler den vorletzten Level, warten schlaflose Rentner auf den Tag. Menschen mit Kaffee und Zeitung, die eine Stunde für sich allein genießen, bevor die Familie wach und das Leben wieder laut wird.

Die Schaufenster sind schon (oder noch) erleuchtet — na, das wäre aber nicht nötig gewesen …

Ein paar Spätheimkehrer, Bierflaschen in der Hand, trennen sich mit heiseren Stimmen an der Kreuzung. Die Autos an der Ampel klingen noch ungeübt. Um diese Uhrzeit bleibt die Glocke der Turmuhr stumm: neugotisch ragt die Kirche in den Himmel, der allmählich grau wird. Die Stunde, in der auf dem Land der Tau fällt; hier anscheinend nicht.

Mein Blick nach oben begegnet einem anderen, aus einem dunklen Fenster. Ich kann nicht erkennen, ob, wer auch immer da steht und herunterschaut, zurücknickt.

In meiner Straße warten schon die Arbeiter, um für das Fest abzusperren. Sie reden in Walkie-Talkies und schauen den Discomädchen nach, die in die Seitengassen schlüpfen. Der Kehrwagen kommt. Das war’s mit der Ruhe; die Stadt gähnt und räkelt sich. Motoren springen an.

Ich gehe ins Haus und lasse die Stadt draußen ihren Geschäften nachgehen. Jetzt ist sie wacher als ich.

26
Aug
08

Anwohnerparken

Ich habe ein Auto. Lieber hätte ich keines, aber da ich außerhalb arbeite, geht es beim besten Willen nicht anders. Zur Strafe muß ich, während andere Leute ihr Gefährt im heimischen Carport abstellen, zum Parken in die Innenstadt.

Sicher gibt es Anwohnerparkplätze: vier Stück in meiner Straße, und in der nächsten noch einmal fünf. Um die konkurrieren die Anwohner mit den Einkaufsbummlern und den Leuten, die nur eben kurz was erledigen wollen. Für mich ist oft genug keiner dabei — dann muß ich auf Stadtrundfahrt. Und der Blutdruck steigt, die Laune sinkt mit jeder Runde.

Ich hätte nie geglaubt, wie sehr mich der Anblick von Autos mit fremden Kennzeichen auf meinem Parklatz!! erzürnen kann. Ich habe schon mit dem Gedanken gespielt, ihnen beleidigte Zettel unter die Scheibenwischer zu klemmen, weil die Politessen hier ja viel zu selten durchkommen. Wer so ein dickes Auto fährt, sollte sich das Parkhaus leisten können einparken lernen! Oft genug blockiert so einer dann nämlich gleich zwei Plätze.

Nein, Zettel habe ich noch nie verteilt. Meine Methode ist perfider: Ich kann einparken. Und ich parke ein; gnadenlos. Wenn die Lücke zwei Zentimeter länger ist als mein Wagen, nehme ich sie — auch wenn’s dauert. Gelegentlich schauen Passanten mitleidig und bieten mir an, mich rauszuwinken. Nein danke, sehr nett, sage ich, aber ich will hier rein. Meine Stoßstange ist nicht lackiert, und Beulen im Nummernschild sammle ich wie Trophäen.

Manchmal habe ich Publikum und anschließend Applaus; sicher nicht von den Besitzern der Autos vor und hinter mir. Sogar ein Fotohandy habe ich einmal bemerkt. Ich hätte um das Bild bitten sollen — vorn ein Sportwagen aus dem Umland, hinten eine Bonzenkutsche aus Bayern und dazwischen, sauber eingefügt, mein Kleinwagen mit dem Anwohnerparkausweis. Um die Autonummer zu lesen, hätte man einen Zahnarztspiegel gebraucht. Doch, ich war zufrieden.

Also, liebe Gäste unserer Stadt: Wenn ihr euer Blech liebt, parkt nicht, wo die Anwohner parken. Die verstehen echt keinen Spaß. Und sind obendrein üble Parkrowdys.

25
Aug
08

Hat er heute abend wenigstens was zu erzählen.

Auf dem belebten Marktplatz strebt ein Anzugträger, vielleicht Mitte Dreißig, einem unserer Marktplatzbettler zu, Mobiltelefon in der einen, 50-Euro-Schein in der anderen Hand: Können Sie mir den mal schnell wechseln?

Der Angesprochene, völlig perplex: Äh, nein?

Der Jungdynamiker redet in sein Telefon, wedelt noch ein bißchen mit dem Geldschein und verschwindet dann wieder in der Menge.

Kamera habe ich keine gesehen. Ich glaube, das war echt.

20
Aug
08

Datenschutz

Neulich im Supermarkt.

Die Kassiererin will die Kasse in Betrieb nehmen, stutzt, überlegt und ruft schließlich mit Donnerstimme quer durch den Laden:

Ei, Yvonne, wie war nochemoh die Geheimzahl von Kasse 1?

Antwort, genauso laut:

Ei, 1–2–3–4!

Danke! — Zu uns gewandt: Macht dann siebzehnneuneneunzich, bitte.

Aus der überwältigenden Vielzahl der möglichen Kommentare konnten wir vor Lachen keinen anbringen.
Dabei war das wirklich nicht zum Lachen.

12
Aug
08

Großstadtindianer

Vor zwanzig Jahren in der Kleinstadt gab es sie auch schon, die südamerikanischen Indios, die in der Fußgängerzone trommelten und flöteten. Vorzugsweise El Condor Pasa. Dabei liefen sie gemessen stampfend hintereinander im Kreis, und alle paar Strophen sangen sie. Sie hatten lange schwarze Haare, sagten nicht viel und trugen farbenfrohe Webgewänder aus Lamawolle, die man auch kaufen konnte.

Heute dagegen: In einer Seitenstraße fährt ein dunkler Chrysler-Kleinbus mit getönten Scheiben vor. Heraus klettern eine Handvoll Männer in Jeans, karierten Hemden und mit langen schwarzen Haaren, die sich erst einmal, Hände in den Taschen, Richtung Fußgängerzone aufmachen. Dann kommen dazu passende kleine Frauen, die den Kofferraum öffnen und schweres Gerät herauswuchten: Instrumentenkoffer, Kisten mit Kabeln und Krempel, Verstärker, Generator. Das schleppen sie dann an einen zentralen point of attraction, etwa vor die Fischbraterei, und bauen auf. Wenn ihre Männer eintreffen, verschmelzen sie mit dem Innenstadttrubel.

Auftritt Indios. Nahein, nicht bloß Indios mit Umhängen, sondern komplette Indianer mit Federschmuck und Lederfirlefanz. Flöten (Pan-, Rohr-), Trommeln und Percussion (Regenstäbe). Die Musik wird verstärkt, verzerrt und unterlegt mit synthetischen Beats. Hinter einer Litfaßsäule tuckert der Dieselgenerator. Und dann werden unter „Heyaya“-Gesängen die immer gleichen fünf Lieder abgespult; länger braucht es wahrscheinlich nicht, bis sich das staunende Publikum einmal komplett ausgetauscht hat. (Selbstverständlich kann man CDs kaufen …)

Ich sitze derweil an meinem Schreibtisch und versuche zu arbeiten.

Ohrenstöpsel helfen nicht, wenn man die Lieder einmal kennt. Selber Musik anmachen nützt nur bedingt; ich arbeite nicht gern bei Musik. Nicht arbeiten? Geht auch nicht; von irgendwas muß ich die Stereoanlage ja finanzieren. Mein einziger Trost: Irgendwann läuft die Parkuhr in der Seitenstraße ab …

11
Aug
08

Mangel an Beweisen

Ich brauche wirklich einen Fotoapparat. Ich habe mich jahrelang gedrückt, mich drauf verlassen, daß andere einen haben oder mir in Extremfällen mal einen ausgeliehen, aber es nützt alles nichts — wenn’s drauf ankommt, hat man keinen dabei. Mein Album der Bilder, die ich nicht gemacht habe, wiegt schwer.

Damals, als sich eine Autokarawane durch die Innenstadt schob, gleichmütig angeführt von einem Zirkuskamel, hätte sich das ein oder andere schöne Motiv ergeben. Und nie werde ich die beiden Firmenschilder „Reifen Schwarz“ und „Reifen Seher“, aus verschiedenen Ecken der Republik, aber gleich gestaltet, nebeneinander stellen können.

Aber am allermeisten fuchst es mich, daß ich niemals werde beweisen können, daß ich 1999 in einer bayerischen Kleinstadt so einen weißen Lieferwagen gesehen habe mit der Aufschrift: Großhuber Lautsprecher und Beschallungstechnik seit 1933.

So glaubt mir das ja kein Mensch.

10
Aug
08

… mal eben um den Blog …

In letzter Zeit verlaufe ich mich ständig im Netz. Das kommt daher, daß ich an allen Ecken und Enden Blogs finde, die von mehr oder weniger virtuell Bekannten stammen. Hier ein bißchen lesen, da ein wenig stöbern, und schon geht’s — von Höcksken auf Stöcksken — immer weiter weg vom ausgetretenen Pfad.

Wenn mich unterwegs nicht der böse Wolf schluckt, komme ich bei allen mal vorbei und hinterlasse ein Blümlein in der Kommentarspalte, ja? Muß nur mal grade eben, da hatte ich nämlich was Interessantes gesehen — bin gleich zurück —

02
Aug
08

In der Schwebe

Ich staple. In Kneipen und Cafés, am Frühstückstisch und im Restaurant entstehen vor meinem Platz Türmchen aus Gläsern, Salzstreuern, Vasen, Besteck; fragile Konstruktionen, die mein Gegenüber irgendwann beunruhigt im Auge behält.

Meist baue ich nebenbei, beim Reden und Zuhören. Versehentlich. Ich will nicht in die Höhe — manchmal verwende ich nicht mehr als zwei Gegenstände — und auch nicht für die Ewigkeit bauen. Im Gegenteil. Das Gleichgewicht muß mühsam erreicht werden und ständig in Gefahr sein. Ein Luftzug, ein schräger Blick muß die Arbeit einer halben Stunde zunichte machen können.

Nur dann, wenn die Balance kaum zu halten ist, stellt sich in meinen Zahnwurzeln dieses zufriedene Gefühl ein, von dem ich mir vorstelle, daß es der Grund dafür ist, daß Hunde so gern gute Lederschuhe zerkauen. Und geht sie dann verloren, die Balance, bricht mein Bauwerkchen zusammen — einfach so oder weil mein Gegenüber ein Salzkorn danach wirft –, dann seufze ich tiefenttäuscht. Zum Trost fange ich gleich von neuem an und türme den nächsten Unfug übereinander.

Irgendwann zahlen wir und brechen auf. Im Hinausgehen höre ich es klirren: Ah, unser Tisch wird gerade abgeräumt.




 

August 2008
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