Tropfnaß
Lektüren
Ich sitze im Bus und lese in meinem Unterwegsbuch. Hinter mir ein Pärchen, Anfang 20, sehr verliebt; die beiden haben die Köpfe über einem Smartphonebildschirm zusammengesteckt und sind ins Gespräch vertieft.
Er: »Das zweite versteh ich nicht.«
Sie: »Eifert nicht? Ich verstehe das so, daß sie sich nicht aufregt … hat keinen Eifer oder so, also entweder ist sie da oder nicht.«
»Ah, ja, das kann sein …«
»Weiter: treibt nicht Mutwillen …
Postkarte von der Bifurkation
Im südlichen Niedersachsen, bei Gesmold, sagen sich Hase und Else guten Weg. Dieser Hase ist eine Sie, und von der Else hat sie sich soeben getrennt. Beide sind Wasserläufe von der Größe eines Baches, aber sie werden, das hat man mir versichert, recht bald zu ordentlichen Flüssen, die winters auch mal über die Ufer treten und allerhand Ärger machen können.
Wie es dazu gekommen sein soll: der Holtener Fürstensohn liebte Else, eine Müllersmaid; doch eine Müllerin auf der Burg — das durfte nicht sein, und so stieß der erzürnte Fürst sie erdolcht ins Wasser der Hase, die daraufhin rechterhand überschäumte vor Wut und Trauer und seither einen Abzweig namens Else speist. So weit die Sage. Auch im wahren Leben sorgten Else und Hase für Aufruhr: beide trieben Mühlen an, und zwischen den Mühlenbesitzern gab es Streit um die Wasserrechte. Nachdem 1792 ein Hase-Müller die Else mit Steinen blockiert hatte, landete er im Gesmolder Schuldturm, der in Folge von aufgebrachten Bauern geschleift wurde.
Diese Zeiten sind vorbei; die Wasserverteilung ist heute zementiert: Hase — zwei Drittel, Else — ein Drittel. Keine Diskussionen im Naturschutzgebiet.
Das also ist die Bifurkation, eine der wenigen auf der Welt, und ich mag das, wie sie sich nicht wichtig macht — nach unten muß man schauen, Tafeln muß man lesen, und dann darf man ein bißchen staunen oder sich einfach hinsetzen und die Sonne auf den Bauch scheinen lassen. Ein beliebtes Ausflugsziel ist sie jedenfalls, die Flußgabelung im Grünen, für Wanderer, Radfahrer und Leute mit Keschern.
Informationen gibt es beim Gesmolder Heimatverein.
Mach dir ein Bild
Dieser Mai ist wie geschaffen für innere Konflikte: Als Betrachterin taumele ich in der frischen, grün und weiß explodierten Welt von einem »Ist das schön!« zum nächsten; der Anspruch an die Technik ist groß: oh, mach doch mal ein Foto davon, und dann, nach allerlei vertrackten Winkeln, Belichtungszeiten, ja, Ausschnitten und Tonwertspreizung, sagt die Erinnerung: So war das aber nicht.
Das Bild, das es nicht gibt, zeigt …
Obervogelsang
Gruß & Kuß
Wir haben einen Alltag genommen und uns einen Urlaubstag draus gemacht, so schön, wie ein echter kaum sein kann. Den Tiefdruckgebieten entwischen und sich dem Frühling in die Arme werfen: ein leuchtender, duftender Tag, Vogelkonzert links, Frachtschiffgediesel rechts des Pfades, und die Welt ist im Lot.
Heute ist der Himmel schon wieder bewölkt, und am Rande meines Wollpullovers sehe ich, wo mich gestern die Sonne geküßt hat: die Oberlippe nur gestreift, einen Handkuß rechts und einen, schon wilder, links; am feurigsten aber da, wo die Schlüsselbeine aufeinandertreffen. Gestern noch war ich empört über so viel Ungestüm. Heute betrachte ich die Stellen mit Andacht. Es soll ja wieder kühler werden.
Mit den Schwalben
»Die ziehen nach Süden«, erklärten die Eltern, als das Kind fragte, warum jeden Tag mehr Schwalben auf den Stromleitungen hinterm Haus saßen. »Die erfrieren sonst im Winter.«
Das Kind stand auf einem Sessel am offenen Fenster, es trug schon Strumpfhosen, denn im Schatten war es kalt; erster Holzrauchgeruch lag über abgeernteten Äckern. Auf den blitzenden Drähten saßen die Schwalben, ständig kamen neue Scharen an und suchten Platz. Hier flatterte es …
















